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Einsendeschluss 31.05.2021

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Secret Service Band 1 – Kapitel 4

Francis Worcester Doughty
Secret Service No. 1
Old and Young King Brady Detectives
Black Band
Oder: Die zwei King Bradys gegen eine unnachgiebige Bande
Eine interessante Detektivgeschichte aus dem Jahr 1899, niedergeschrieben von einem New Yorker Detektive

Kapitel 4

Die Höhle der Räuber

Es ist kaum notwendig, die Empfindungen des Detektivfürsten zu erweitern.

Er blieb genauso bewegungslos und schweigsam wie der Tod. Er wusste, dass ihn eine große Gefahr bedrohte.

Er konnte es in seinen Nerven spüren, konnte es erahnen, aber trotzdem nichts sehen und hören.

Nur der Sinn für Intuition sagte ihm, dass etwas an seiner Seite war. Wäre Old King Brady nicht ein furchtloser Mann gewesen, hätte er vielleicht gespürt, wie sein Blut kälter wurde.

Aber Angst war kein Teil seines Daseins. Er hatte dem Tod in zu vielen Gestalten zu oft ins Auge gesehen.

Aber er wusste, dass das Unbekannte auch von seiner Anwesenheit wusste.

Früher oder später musste es zu einer Kollision kommen.

Dass der Unbekannte ein Feind war, und zweifellos einer der Black Band, dessen war sich der alte Detektiv sicher.

Er war unentschlossen, ob er den Angriff erwarten oder selbst in die Offensive gehen sollte.

Während er so unentschlossen war, ereignete sich ein Zwischenfall, der das Erscheinungsbild der Dinge veränderte und ihm sofort eine neue Bestimmung gab.

Plötzlich war ein grobes Lachen und Scherzen weit unten im rechten Gang zu hören.

Ein Lichtschimmer war zu sehen, und eine große Gestalt eilte durch den Gang. Er kam so nah an Old King Brady vorbei, dass seine Kleidung ihn tatsächlich berührte.

Dass es sich um eine der Black Band handelte, stand außer Frage.

Aber selbst in diesem Moment höchster Gefahr wurde dem alten Detektiv eine überraschende Situation bewusst.

Auch der andere Besucher des Ganges, durch welchen er etwas verunsichert wurde, war vor der Berührung mit dem vorbeilaufenden Mitglied der Gang zurückgeschreckt. Dies bedeutete für Old King Brady, dass der Unbekannte nicht zu der kriminellen Bande gehörte.

In diesem Fall hätte er sofort seinen Landsmann herbeigerufen und den Detektiv hier und da enttarnt. Stattdessen schien er genauso große Angst zu haben, sich selbst als Old King Brady zu entlarven.

Hundert überraschende Gedanken durchfluteten das Gehirn des Detektivs.

Was könnte das bedeuten?

Wer war der Unbekannte?

Er beschloss, es sofort herauszufinden. Er kroch leise ein wenig voraus und lauschte. Dann fühlte er einen Schatten über sich und starke Finger griffen um seine Kehle. Er wurde an die Höhlenwand gedrängt.

Old King Brady war ein kräftiger Mann, aber er war zum passenden Zeitpunkt angegriffen worden. Für den Moment war er hilflos.

Plötzlich kam ihm ein überraschender Gedanke. Noch während die Finger des Unbekannten ihn auf stille Gefühllosigkeit einschränkten, machte er mehrere Berührungen mit den Fingern auf den Händen seines Entführers, die er ergriffen hatte.

Wie er es im ersten Augenblick nicht erwartet hätte, entspannte sich der Griff an seiner Kehle.

Stattdessen umarmten ihn einen Moment lang starke junge Arme. Dann ergriffen die Hände des Entführers seine. »Puh? Das war knapp. Ich habe nicht an dich gedacht.«

»Du junger Mistkerl.« Old King Brady schaute zurück. »Du hättest mich fast getötet!«

Es war Young King Brady.

Heimlich war der alte Mann erfreut. Der junge Detektiv hatte ein beispielloses Geschick bewiesen und tatsächlich das Beste von seinem Lehrer übernommen.

Es war ein glückliches Ergebnis, denn einer hätte den anderen in dieser dunklen Begegnung töten können. Wie es aussah, kam niemand von ihnen zu Schaden.

»Wie um alles in der Welt bist du hierher gekommen?«, fragte Old King Brady.

»Der Gang brachte mich zu einem Loch in der Wand, und ich kroch durch diesen hindurch.«

»Du hast mich also gehört?«

»Ich habe dich verfolgt!«

»Du junger Schurke, dann muss der Gang, den du genommen hast, als wir uns getrennt haben, direkt in meinen übergegangen sein.«

»Einfach so!«

Es war leicht zu erkennen, dass der jüngere Detektiv den geheimen Eingang erreicht hatte, direkt hinter dem älteren.

Natürlich nahm er die Fährte auf und folgte ihr so, wie wir es bereits kennengelernt haben.

»Jedenfalls haben wir einen Nutzen daraus gezogen«, konstatierte Old King Brady. »Ich denke, wir werden in ein paar Augenblicken direkt bei der Gang sein.«

»Wir haben Glück!«

»In der Tat haben wir das!«

»Was sollen wir nun tun?«

»Weiter so, wie bisher!«

»Natürlich. Du gehst voraus.«

»In Ordnung!«

Old King Brady ging weiter. Mit jedem Schritt kamen sie dem Klang der Stimmen näher.

Wenige Augenblicke später sahen sie eine Öffnung in der Wand.

Dadurch trat ein Lichtschimmer. Die beiden Detektive schlichen sich näher heran und starrten auf eine erschreckende Szenerie.

Ein großer quadratischer Raum wurde sichtbar. In der Mitte des Erdbodens befand sich ein riesiger Ölofen, auf dem Fleisch gekocht wurde.

Eine Kiste mit Alkohol stand an der Wand. Gläser standen auf einer großen Kiste. Um den Ofen herum stand eine Gruppe von hartgesottenen Männern, die ein Detektiv je gesehen hatte.

Sie war wirklich eine knallharte Gang.

Alle waren in schwarzen Mäntel gehüllt. Sie trugen Masken über ihren Augen.

Es war die Black Band.

Der Raum wurde von einer riesigen Öllampe erhellt, die von der Decke hing.

Aber das Interesse der Detektive konzentrierte sich sofort auf ein anderes Objekt.

An der Wand und an den Knöcheln angekettet, stand ein Mann, dessen blutunterlaufenen Augen und das blasse Gesicht ein Beweis dafür waren, dass er sehr gelitten haben musste.

Es war James Whittridge, der Bankier.

Dass er Opfer großen Leids geworden war, war offensichtlich.

Seine Gesichtszüge waren gezeichnet, verkniffen und sein Körper geschwächt. Es gab Blutflecken auf seiner Haut.

Old King Brady spürte die Hand seines Gefährten.

»Wir haben sie!«

»Sicher!«

»Sieht schlecht aus, nicht wahr?«

»In der Tat, ja!«

»Wenn wir diese Bande jetzt nicht aus dem Weg räumen, sind wir töricht. Ich möchte den armen Kerl ermutigen.«

Der Schatten lag so im Eingang, dass Old King Brady dort stehen und von der Gruppe nicht gesehen werden konnte, während der Gefangene ihn zu Gesicht bekommen müsste.

Natürlich war es riskant, aber Old King Brady wusste, wie wichtig es war, dem Gefangenen Hoffnung zu geben. So stand er in der Öffnung und offenbarte sich dem Gefangenen.

Whittridges Gesicht leuchtete sofort auf und seine Lippen bewegten sich, aber eine mahnende Geste des alten Detektivs hielt das, was sonst ein Ausdruck der Freude gewesen wäre, zurück.

Nur einen kurzen Moment wagte es Old King Brady, sich zu zeigen. Aber das war völlig ausreichend.

Whittridge wurde ein anderer Mann.

Er sah, dass Anstrengungen unternommen wurden, um ihn zu befreien, und dass seine Retter sogar in der Nähe waren.

Nur diejenigen, die wie der Bankier inhaftiert waren, können daran erkennen, was ein solcher Lichtblick bedeutet.

Old King Brady schlich zurück in die Dunkelheit.

Er suchte sofort die Hand des jungen Königs Brady und signalisierte: »Ich möchte, dass du sofort von hier verschwindest.«

»Und?«

»Suche die erstbeste Telegrafenstation und schicke dem Chief des Secret Service eine Chiffre.«

»Ja.«

»Sag ihm, er soll vierzig Männer auf einmal hierher schicken und das Haus umstellen. Es muss lautlos und schnell geschehen.«

»Aber du …«

»Ich werde hierbleiben!«

»Das Risiko!«, begann Young King Brady.

»Das ist nicht zu vernachlässigen. Doch jemand muss hier sein, der die Männer reinlässt. Das kann ich machen.«

»Wenn du entdeckt wirst …«

»Ich hatte meinen Tag, junger Mann. Ich bin bereit zu sterben, aber du hast eine Zukunft vor dir. Geh und mache es.«

»Sollte dir etwas passieren, würde ich den Beruf aufgeben.«

«Pfui! Werde nicht albern«, antwortete Old King Brady und gab der Hand des jungen Detektivs dennoch einen kräftigen Druck.

Es sah so aus, als stünden die beiden Detektive kurz vor einem großen Sieg.

Sicherlich ließen sie die Schurken einsperren, und es blieb nur übrig, sie geschickt zu fangen.

Aber die besten Pläne von Detektiven wie auch von Mäusen gehen bekanntermaßen auch mal nach hinten los. Und so war es auch.

Denn bevor Young King Brady mit seiner Aufgabe beginnen konnte, ertönte durch den Gang ein schrilles Pfeifen. In einem Augenblick war jeder Mann in dem Raum auf den Beinen.

Die beiden Detektive hatten kaum Zeit, sich hinter die Tür zu hocken. Die Black Band, wie echte Wölfe, kam herausgestürmt.

Im Handumdrehen rannten sie den Gang hinunter.

Aufgeregte Stimmen waren zu hören.

»Was ist los, Jed Dune?«

»Hast du den Alarm ausgelöst?«

»Das habe ich!«

»Was ist los?«

»Wichtig genug. Wir wurden verraten!«

»Was?«

»Kannst du nicht sehen? Der Geheimgang ist weit offen.«

Ein Chor von erregten Schreien ertönte.

Old King Brady erinnerte sich, dass er es nicht geschafft hatte, ihn hinter sich zu schließen. Aber das lag daran, dass er die Feder auf der anderen Seite nicht finden konnte.

»Wer kam zuletzt herein?«, brüllte eine wilde Stimme.

»Muggie Mansur!«

»Du bist ein Lügner, Jake Sunda!«

»Du nennst mich einen Lügner? Willst du sterben?«

Ein Gerangel war zu hören, Schläge und das Geräusch fallender Körper. Dann brüllte die gleiche wilde Stimme: »Zurück, jeder Hund von euch! Wir haben jetzt keine Zeit zum Kämpfen. Der Mann, der zuletzt kam, war der Mann, der sie offen gelassen hat. Vielleicht ist das alles, was es noch zu sagen gibt.«

»Schön für dich, Ike Partland!«, rief die Menge.

»Aber trotz allem muss jeder Winkel dieses Ortes durchsucht werden. Schließt den Eingang, und wenn Ratten in dieser Falle sind, holen wir sie uns.«

Ein Ausruf erklang. »Tote Männer erzählen keine Geschichten.«

Durch den Gang kam die blutrünstige Bande nach unten.

Die beiden Bradys hatten jedes Wort gehört.

Sie wussten, dass sie in einer Falle saßen. Das Gefühl war aufregend.

Für einen Moment wurden ihre Gesichter blass.

Beide wussten sehr wohl, was es bedeutet, in die Hände der Black Band zu fallen.

Detektive waren die rechtmäßige Beute dieser Kerle, und der Tod, schnell und sicher, musste die Folge sein.