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Der Alte vom Berge – Kapitel 21

C. F. Fröhlich
Der Alte vom Berge
Oder: Taten und Schicksale des tapferen Templers Hogo von Maltitz und seiner geliebten Mirza
Ein Gemälde aus den Zeiten der Kreuzzüge
Nordhausen, bei Ernst Friedrich Fürst, 1828

XXI.

Mit Ketten an Händen und Füßen belegt erwachte Hugo, der Starke, unter mancherlei Misshandlungen zum neuen Leben. Von einer starken Wache umgeben, brachte man ihn zu der Burg des Agas, welche auf hohen steilen Felsen lag. Nur mit Schauder betrachtete er das niedrige Gefängnis der unglücklichen Sklaven. Eine Tür, die kaum für ein Schaf groß genug war, wurde aufgerissen. Ein pestilenzialischer Geruch qualmte ihm entgegen. Auf Händen und Füßen rutschend musste er hineinkriechen.

Gleich Gespenstern der Nacht grinsten ihn einige Sklaven an. Im Hintergrund lagen auf kalter feuchter Erde einige Kranke und Tote. Die Töne der Gesunden und das

Ächzen der Kranken erfüllte seine Brust mit Schauder. Tief seufzend setzte er sich auf einen Klotz und dachte über sein Schicksal nach. Mit seinen Unglücksgefährten musste er in diesem schrecklichen Gefängnis einige Wochen zubringen, ehe er Gottes freie Luft genießen durfte. Oft keimte der Gedanke an Selbstmord in ihm, doch war teils die Ausführung schwierig, teils erwachte wieder die Pflicht eines guten Christen in ihm. Leuchtend schwebte das Bild des Erlösers vor seinen Blicken.

Endlich schlug die ersehnte Stunde. Zur Arbeit wurden die Unglücklichen von dem Slavenaufseher in den Garten getrieben. Hugo stand müßig dabei, weil er diese Arbeit für zu entehrend hielt. Die Peitsche des Sklavenaufsehers zerfleischte aber bald seinen Rücken so sehr, dass er eilig dem Beispiel seiner Gefährten folgte und fleißig mitarbeitete.

Der Sklavenaufseher, ein Barbar, schien sich über Hugos Schmerzen innig zu freuen, denn er bewies dies dadurch, dass er öfters ihn lächelnd betrachtete und zur Veränderung auf ihn unbarmherzig losschlug.

Am Abend ließ sich der Aga selbst blicken und sagte zum Aufseher, dass nach Hugos Stärke zu urteilen, er auch doppelte Streiche vertragen könnte. Diese Worte feuerten den Wüterich noch mehr an und statt des Abendessens erhielt er kräftige Hiebe.

So ging es wohl einige Monate. Was war daher natürlicher, als dass Hugo erkrankte.

Die ihm durch den Alten verheißene Hoffnung zur Rettung durch seine Tochter verließ ihn gänzlich. Oft flehte er noch in den langen Nächten um den Tod. Doch ungerührt ging der Sensenmann an ihn vorüber. Die gute unverdorbene Natur siegte. Langsam kehrte die Gesundheit bei ihm wieder. Aber kaum merkte dies der Sklavenaufseher, so erhielt er statt der kräftigen Speisen täglich sein Stück schwarzes schlechtes Brot wieder.

Er fügte sich nun ganz in sein Schicksal und murrte nicht mehr gegen den Beschluss der Vorsehung. Ohne Murren verrichtete er die schwersten Arbeiten und versuchte sich dadurch die Liebe des Sklavenaufsehers zu erwerben. Wer hätte wohl nun in einer so schmutzigen Kleidung den ehemaligen Marschall Hugo vermutet?

Gewiss niemand!

So war ein langes qualvolles Jahr vergangen. Hugo war stets ernsthaft und nichts war vermögend, ihm ein Lächeln abzugewinnen. Doch war Rettung, auf die er schon ganz verzichtet hatte, näher als er glaubte.

Gedankenlos starrte er eben zum Luftloch des Sklavengefängnisses hinaus, als ein Tartar auf einem mit Staub bedeckten Ross vorüber zu der Burg sprengte.

Bald darauf erschien der Sklavenaufseher und befahl mit wichtiger Miene, dass alle Sklaven herauskommen sollten, selbst diejenigen nicht ausgenommen, welche krank wären. Nachdem dies geschehen war, erschien der Aga in Begleitung des Tartars.

»Ich weiß«, begann er, »dass unter euch Gesindel mehrere Ritter sind, die nicht ausgelöst werden konnten. Mein Herr und Gebieter, der hohe Sultan, verlangt, dass an ihn ein gewisser Weißmantel oder Templer mit Namen Hugo von Maltiz ausgeliefert werden soll. Ist einer mit diesem Namen unter euch?«

»Ich bin es«, sagte Hugo und trat einige Schritte vor.

»Ungern vermisse ich dich«, meinte er, »doch meines Herrn Befehl befolge ich pünktlich. Wahrscheinlich wird der hohe Sultan aus dir Brei kochen lassen.«

»Hüte dich nur«, entgegnete Hugo ermutigt, »dass aus dir kein Brei gekocht wird.«

»Diese Christenhunde sind doch nimmer ganz zu beugen«, knirschte der Aga, während er nicht geringe Lust zeigte, zum Abschied die Peitsche des Aufsehers auf seinen Rücken tanzen zu lassen; aber der Tartar meinte: Nun stehe der Christ schon unter dem Schutze des Sultans. Es müsse sehr viel an ihn gelegen sein, denn nach allen Provinzen wären Boten ausgesandt worden.

Kaum hatte dies der Aga gehört, so ließ er den Templer reinigen, gute Kleider reichen und die besten Speisen geben.

Rührend war es anzusehen, als er Abschied von seinen Unglücksgefährten nahm, die aus allen Teilen Europas zusammengerafft ihm Aufträge an Verwandte und Bekannte gaben, obwohl sie nicht wussten, dass er die Freiheit erhalten würde.

In Begleitung des Tartars kam Hugo glücklich in Kahira an.

Der Sultan ließ ihn sogleich zu sich kommen. Er war wieder in demselben Zimmer, wies damals, als die Gesandtschaft bei ihm war.

»Christ«, sprach er, «ich schenke dir die Freiheit, aber deine Rettung hast du dieser Dame zu verdanken.«

»Der Schwester meiner geliebten Mirza danke ich herzlich für meine Rettung«, entgegnete er etwas betroffen, denn durch wen wusste diese, dass er gefangen worden war?

»Tritt näher«, fuhr der Sultan fort, »und siehe zu, ob es meine oder deine Mirza ist?«

Schüchtern trat Hugo näher, wagte es, die weiten Ärmel des Kleides etwas zurückzuschieben und sah die drei Warzen, nebst Narbe.

»Du bist meine Mirza«, jauchzte er und um schlang sie. Der Schleier flog in die Höhe.

Brust ruhte an Brust und Mund auf Mund. Es war in langer Zeit die glücklichste Stunde seines Lebens. Noch konnten die Liebenden nicht sprechen. In überseliger Wonne sanken sie auf die Ottomane, wodurch die daran sich befindenden Glöcklein anfingen zu erklingen. Hugo erschrak etwas und sah sich zu dem Sultan um, aber der bescheidene Held hatte sich bereits unbemerkt entfernt.

Von Neuem überließ sich nun wieder das geliebte Paar der zärtlichsten Liebkosungen und dachte weder an die Zukunft noch an die böse Vergangenheit.

Erst am nächsten Tag teilte Hugo der Geliebten die schändliche Verräterei Brömsers und sein schreckliches Los als Sklave mit. Von ihrem Verschwinden aus Jerusalem schwieg sie jedoch geheimnisvoll und lächelnd.

»Du wirst alles noch erfahren«, sagte sie, »nur so viel kann ich dir jetzt sagen, dass ich, als ich nach Jerusalem zurückkam, bald erfuhr, dass du von den Sarazenen gefangen worden wärst. Sogleich reiste ich hierher zu meiner Schwester, die es durch ihre Fürsprache so weit brachte, dass nach allen Provinzen Tartaren geschickt wurden, mit dem Auftrag, bei den reichen Sarazenen nachzuforschen, ob der Ritter Hugo von Maltiz unter ihren Sklaven sei. Die Ausführung gelang vollkommen und nun bist du wieder mein.«

Mit etwas ernster Miene trat eben der Sultan in das Gemach des liebenden Paares. Um ihm die Hand zu küssen, näherten sich Hugo und Mirza ihm.

»Christ«, fing er an, »wenn du ein Moslem werden willst, so kannst du hier bleiben, für eine hohe Ehrenstelle will ich sorgen.«

»Dankbar erkenne ich dein Anerbieten«, entgegnete er seufzend, »aber ich kann meinen Heiland nicht verleugnen. Lass mich nach Jerusalem zurückkehren. Ich habe Freunde. Vielleicht gelingt es mir und diesen, dass ich die Dispensation vom Papst erhalte.«

»Handle, wie es dir gut dünkt«, meinte er etwas empfindlich, »doch verlasse binnen weniger Tage mit deiner Mirza mein Land, denn ich wünsche die Bekanntmachung nicht, dass die Schwester der Sultanin einen Christen heiraten will. Mahomed beschütze Euch!« Er ging und die Liebenden sahen ihn nicht wieder.

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