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Anne Boleyn Band 2 – Kapitel 22

Gräfin Luisa Mary von Robiano
Anne Boleyn
Historischer Roman, Constenoble, Jena 1867
Zweiter Band

Die Verzichtleistung. Hinrichtung Rocheforts und Norris’. Annes Seelengrüße.

Wir müssen uns jetzt auf kurze Zeit aus dem Tower flüchten, uns nach Lambethhouse, dem Palast des Erzbischofs von Canterbury, begeben.

Es ist dasselbe Haus, in dem wir Helene Neander zum letzten Mal in Gegenwart Cranmers, ihres heimlichen Gemahls, gesehen haben.

Unsere Erzählung führt uns jedoch an den fürstlichen hohen Sälen vorüber in eine kleine, unterirdische Kapelle,1 welche hier kunstvoll erbaut worden ist und ehemals der stumme Zeuge von geheimen, inquisitorischen Sitzungen gewesen war.

Auch heute, in der Stille der Nacht, ist sie beleuchtet und ein feierliches Gericht wird in ihren Mauern gehalten.

Anne ist auf Heinrichs Befehl unter dem Schutz der Nacht zu Wasser hierher gebracht worden. Man hat die Unglückliche dazu unter dem Versprechen vermocht, dass das Leben der Gefangenen sowie das ihre gerettet werden solle, wenn sie feierlich auf die Rechte einer Königin verzichte.

Die Eitelkeit, der Ehrgeiz, welche sie sonst beseelten, sind entflohen. Die Büßende hat demütig und reuevoll sich dem Himmel geweiht und Cranmers Vorschlag, sich in ein geachtetes Kloster zurückzuziehen, mit Freuden angenommen.

Es hatte einen heftigen Kampf gekostet, ehe der würdige Prälat dieses Zugeständnis von Heinrich errungen hatte, und dieses schließlich nur durch Annes eigenen, ihm überlieferten Brief.

Die Verzichtleistung Annes musste jedoch an geweihter Stätte, vor dem geistlichen wie weltlichen Obergericht stattfinden.

Das Böse scheut das Licht, welches seine Taten beleuchtet, und Heinrich hatte ein öffentliches Erscheinen Annes in Westminster zu diesem Schritt vermeiden wollen.

So sehen wir sie hier vor Cranmer in seinen bischöflichen Gewändern, dem Anwalt des Königs, Doktor Sampson, und den beiden Herren Walton und Barbour, welche sie selbst zu Zeugen ernannt hatte.

Cranmer erhob sich von seinem Sitz und verkündigte feierlich, im Namen der Kirche, dieselbe Ehe als aufgelöst, welche er vor kurzer Zeit gesegnet hatte. Seine Fassung drohte ihn jedoch zu verlassen. Er sprach mit unsicherer, fast unverständlicher Stimme das Urteil aus, demzufolge auch die Prinzessin Elisabeth von der Thronfolge ausgeschlossen und als unehelich geboren bezeichnet wurde.

»Oh mein Kind, mein geliebtes Kind«, sagte Anne, in Tränen ausbrechend, »was wird dein Schicksal sein?«

»Der König wird dafür Sorge tragen, Hoheit«, beruhigte sie Sampson.

»Werde ich es bei mir behalten dürfen, Sir?«, fragte sie ängstlich. »Es ist noch so jung und bedarf der mütterlichen Liebe, welche eine Stiefmutter ihm nicht geben wird.«

»Meine Tochter«, sagte Cranmer sauft, »vertraut der Gnade des Himmels, welche alle Herzen lenkt. Er wird auch Euer verwaistes Kind nicht verlassen. Aber wenn alles auf Erden es verstieße, wollte ich mich doch liebend desselben annehmen und es in der Furcht des Herrn erziehen.«

»Habt Dank, hoher Herr«, sagte Anne mit heiterem Blick, »Ihr habt mein schweres Herz durch Euer Wort erleichtert und werdet es getreulich halten.«

»Ich schwöre und gelobe es«, sagte der Erzbischof.

»Jetzt noch eine Bitte, mein Vater, vielleicht meine letzte an Euch. Wollt mir Euren Segen zum Abschied geben und die Absolution der Kirche, sei es zum Leben oder Sterben.«

»Zuvor ersuche ich Eure Hoheit, diese Akte zu unterschreiben, damit ich sie dem König zustellen möge«, sagte Doktor Sampson.

Anne nahm die dargebotene Feder in die Hand und unterschrieb mit fester Schrift das Papier, welches sie und ihr Kind des Thrones verlustig erklärte.

»Gottes Wille geschehe!«, sagte sie tief aufatmend, indem sie die Feder niederlegte. »Empfehlt mich der Gnade Seiner Majestät, Sir, und versichert ihm meine Unschuld und meine treue Gesinnung gegen ihn bis zum Tod.«

» Ich verspreche es, Hoheit«, erwiderte Sampson, auf den das würdevolle Benehmen des königlichen Opfers einen günstigen und schmerzlichen Eindruck machte.

Die Herren traten nun auf die andere Seite der Kapelle, während Anne vor dem Bischof niederkniete und die Generalabsolution nebst seinem Segen empfing.

Dann zog sie ihren Schleier wieder vors bleiche Gesicht und verließ mit ihrer Wache den heiligen Ort.

Es war unterdessen Morgen geworden, denn man befand sich im Monat Mai. Die Strahlen der Sonne fielen golden auf die breite Wasserfläche und über die Stadt. Einen langen, umflorten Blick sandte Anne ans Ufer hinüber, einen herzzerreißenden Seufzer zu dem stolzen Westminster-Palast, dem kurzen Schauplatz ihres ehelichen Glücks! Eine düstere Vorahnung bemächtigte sich ihrer, dass sie diese Pracht zum letzten Mal gewahre. Leise stammelte sie: »Leb wohl! Du Welt von Sorgen und Trauer. Gern vertausche ich die irdische Dornenkrone gegen die Palme des ewigen Friedens.«

Die Barke legte am Tower an. Einer der Unterbeamten empfing Anne anstatt des Gouverneurs und geleitete sie in ihre Gemächer.

Hier erblickte sie eine Szene, welche ihr Herz von Neuem erbeben machte.

Mary Gaynsford kniete auf der Erde, in Tränen gebadet, und hielt auf ihrem Schoß das Haupt der jungen Lady Guilford, die unbeweglich wie eine Leiche dalag. Um sie her standen oder saßen andere Damen des königlichen Gefolges, weinend oder mit bestürzten Mienen.

»Was ist geschehen?«, rief Anne aus, zu der Gruppe hineilend! »Elisabeth, meine Teure, blick auf. Er wird leben – ich habe seine Freiheit mit einem furchtbaren Opfer erkauft, mit der Ehre meines Namens und meines Kindes.«

Mary Gaynsford antwortete nicht, auch keine der anderen Frauen. Da erschütterte ein donnernder Schall, der mit dumpfem Ton die Luft durchschnitt, die Fenster des Gemaches. Gleich darauf erschien Sir William Kingston.

»Was war das?«, rief Anne erschrocken ans.

»Herr Gouverneur, was bedeuten die Schüsse?«

»Hoheit!«, lautete die Antwort mit niedergeschlagenen Blicken, »es ist die Totenglocke des Tower! Sie zeigt an, dass zwei eng verbündete Seelen hinüber in die Ewigkeit gegangen sind!«

»Gott der Gnade!«, rief Anne, von einer furchtbaren Ahnung ergriffen aus, »mein Bruder?«

»Er ist nicht allein hinüber, Hoheit«, sagte Kingston ernst, »auch sein Freund hat ausgelitten!«

»Gemordet, gemordet!«, schrie Anne, in wilder Verzweiflung die Hände ringend. »Jetzt, jetzt, nachdem ich ein solches Opfer für sie gebracht hatte! Gemordet! Unschuldig gemordet! Oh, Fluch, ewiger Fluch über …«

Aber sie vollendete nicht, die Augen umflorten sich, die erhitzte Wange erbleichte, und bewusstlos sank sie den Frauen in die Arme.

Mary Gaynsford überließ rasch ihre Freundin einer anderen Dame und stürzte auf ihre geliebte Herrin zu.

»Sie stirbt!«, rief sie aus. »Mein Gott, mein Gott! Warum hast du uns verlassen?«

»Wollte Gott, es wäre dem also«, sagte Kingston niedergeschlagen. »Besser für sie dieser Tod in den Armen der Liebe als von Henkers Beil!«

»Nein, nein!«, rief Mary Wyatt, welche sich am Morgen wieder im Kerker eingefunden hatte. »Es kann nicht sein, Sir! Bei aller Barmherzigkeit, es kann nicht sein!«

»Ich rede die traurige Wahrheit«, sagte der Gouverneur. »Der König hat auch Lady Annes Todesurteil unterschrieben. Aber seht, sie erholt sich wieder. Ich überlasse es Euch, meine Damen, die Unglückliche auf ihr Schicksal vorzubereiten. Ich vermag es nicht.«

»Das ist zu viel!«, stieß Lady Boleyn heftig aus »Eine Verbannung ins Ausland hätte genügt. Hätte ich nur die leiseste Ahnung davon gehabt, dass es so enden werde …«

»Mylady«, erwiderte Kingston vorwurfsvoll »wir sollen bei allem, was wir tun, das Ende bedenken!«

Er verließ das Gemach und Lady Boleyn zog sich sichtlich bewegt zurück. »Ich will der Unglücklichen wenigstens die Qual meiner Anwesenheit ersparen«, sagte sie zu den Umstehenden. »Gott vergebe mir und allen, die dieses blutige Werk begonnen und vollbracht haben!«

Als die Königin einige Stunden später von den bebenden Lippen ihrer Freundinnen ihr eigenes Schicksal vernahm, äußerte sie wider Erwarten weder Schrecken noch Furcht. Vielmehr umspielte ein leises freundliches Lächeln den schönen Mund, als sie erwiderte: »Danket Gott mit mir, meine Lieben, dass ich nicht im Kerker noch in einem ausländischen Kloster lebenslänglich schmachten muss. Mein Tod wird euch allen wieder Ruhe geben und euch die Tore dieses Hauses öffnen. Ich werde droben am Thron der Gnade für dich, meine Elisabeth, bitten, dass du dem Geliebten bald nachfolgen darfst.«

»Er hat, gleich Eurem edlen Bruder«, sagte Lady Kingston, »auf dem Schafott dem umstehenden Volk Eure Unschuld laut beteuert.«

»Ich wusste es«, sagte Anne mit einer sanften Freude, »und man wird ihm Glauben schenken, Mylady. Und Marc Smeaton?«, fragte sie weiter, »hat er sein schnödes Bekenntnis, das uns alle ins Verderben stürzt, nicht zurückgenommen, mich nicht Angesichts des göttlichen Gerichts gerechtfertigt?«

»Seine letzten Worte auf dem Schafott waren zweideutig, Hoheit«, lautete die Antwort.

»Wie denn?«

»Ich bitte alle hier Versammelten, für mich zu beten, denn ich habe meinen Tod verdient.«2

»Oh, der Unglückliche!« sagte Anne traurig. »Ich fürchte, seine Seele wird für diese Lüge große Qual in der Ewigkeit erleiden. Die Opfer seines falschen Zeugnisses sind im Himmel, wohin ich ihnen zu folgen hoffe.«

Am folgenden Morgen verkündigte Kingston der Königin das Urteil.

»Ich bin das erste weibliche Opfer, welches in England auf dem Schafott stirbt«, sagte Anne ruhig, sogar mit einem Anflug ihrer alten Ironie. »Die blutgierigsten Fürsten der Plantagenets waren zu ritterlichen Sinnes, um ein Weib dieser Schande preiszugeben und dem Volk ein solches Schauspiel zu bereiten. Aber das Zeitalter der Ritter ist vorbei!«, fügte sie lächelnd hinzu.

»Seine Majestät glauben Eurer Hoheit durch diese Todesart einen Beweis seiner Gnade zu erweisen«, sagte Kingston.

»Allerdings, Sir, und ich weiß ihm Dank dafür. Es ist ein schnellerer Tod als auf dem Holzstoß; aber könnt Ihr dafür Bürgschaft leisten, Sir, dass der Scharfrichter nicht in Verwirrung gerät und das Beil ihm versagt?«

»Es ist der Wunsch des Königs, dass Ihr nach französischer Sitte gerichtet werdet, Hoheit, mit dem Schwerte, nicht mit dem Beil. Der berühmte Scharfrichter von Calais ist berufen worden. Ihr werdet nicht lange leiden.«3

»Ich wiederhole es, ich bin Seiner Majestät für die hohe Ehre dankbar, welche er mir antut«, sagte Anne spöttisch. »Noch eine Frage, Sir, werde ich auf dem Richtplatz sterben, wo meine Freunde litten?«

»Nein, Hoheit! Auf dem Rasen des inneren Towerhofes wird das Gerüst aufgerichtet. Nur wenige Beamte sollen die traurigen Zeugen Eures Todes sein.«

»Seine Majestät befürchten, dass der Anblick der leidenden Unschuld seine eigene Schuld dem Volk verrate«, sagte Mary Wyatt mit unerschrockenem Mut. »Aber nicht lange wird der Schleier die Augen bedecken und die Wahrheit wird allen furchtbar tagen!«

»Mary, Ihr vergesst, dass Ihr vor beeidigten Beamten redet«, sagte Kingston streng.

»Ich fürchte weder Euch, Sir, noch die Rache des Königs«, erwiderte Mary fest.

»Wollten Eure Hoheit nicht an die königliche Gnade sich wenden?«, sagte Kingston eindringlich. »Ich übernehme es, einen Brief von Euch in des Königs Hand zu legen.«

»Nein, Sir«, entgegnete Anne, »dadurch würde ich mich einer Schuld anklagen. Ich habe nichts begangen, was den Tod verdiente, so wenig wie meine Freunde. Ich habe bereits in einem Schreiben vom 6. Mai dem König gesagt, dass er keine Gerechtigkeit im Himmel zu gewärtigen habe, wenn er mich einem gewaltsamen Tod überliefere. Nein, Sir, ich bitte nicht mehr um mein Leben, es wäre auch umsonst, denn ich soll sterben und einer neuen Gemahlin Platz machen. Es tut mir nur leid, dass ich erst am Nachmittag sterben soll, anstatt am Morgen, wie bestimmt war. Ich hoffte, noch vor Mittag ausgelitten zu haben.«

Kingston schrieb noch am nämlichen Tag an Cromwell: »Sir! Ich habe viele Menschen sterben sehen, und alle bebten vor der Stunde des Todes; aber dieses zarte Weib freut sich auf ihren Tod. Die Stunde der Hinrichtung haben wir auf eine Zeit verlegt, wo wenig Zuschauer aus der Stadt anwesend sein können; auch den fremden Gesandten werden wir den Zutritt in den Hof verweigern, die Tore schließen. Es möchte ratsam sein, nach dem Willen des Königs, denn das Volk hat noch kein Weib richten sehen, und die Schönheit und Beredsamkeit der Gefangenen ist so groß, dass Niemand ihre Unschuld bezweifeln würde.«

Anne hatte sich zwar scheinbar mit Freuden von dem Leben getrennt, allein ein Band fesselte sie noch daran – ihre Tochter.

Sie ließ Lady Kingston zu sich berufen, führte diese an der Hand zum Thronsaal,

der an ihr Schlafgemach grenzte, und bat sie, sich auf den Thron zu setzen.

»Hoheit«, antwortete Lady Kingston erstaunt, »es ist gegen die Sitte, dass man sich in Gegenwart der Königin niedersetzt.«

»Der Titel Königin ist für mich jetzt nur ein leerer Schall«, sagte Anne. »Ich bitte Euch, erfüllt meine Bitte.«

»Nun«, antwortete die edle Frau lächelnd, »ich habe in der Jugend oft genug die Närrin gemacht aus eitlem Leichtsinn und Übermut. Ich will es Euch zu Gefallen auch noch einmal im Alter tun.«

Sie setzte sich in den königlichen Sessel, worauf Anne sich demütig vor ihr niederwarf und die Worte sprach: »Lady Kingston, ich bitte Euch bei dem Heil Eurer unsterblichen Seele, und so wahr Ihr einst vor Gottes Thron zu stehen hofft, dass Ihr nach meinem Tod die Prinzessin Mary aufsucht, und, so wie ich jetzt tue, sie auf den Knien um Vergebung bittet für alles Ungemach, welches ich über sie gebracht habe, und beschwört sie sich meines armen Kindes, dessen Patin sie ist, anzunehmen.«4

»Ich gelobe es«, sagte Lady Kingston heftig ergriffen, »und glaube Euch im Namen der edlen Prinzessin, deren christliches Gemüt ich kenne, versprechen zu dürfen, dass sie Eure Bitte gewähren wird.«

Wir werden noch sehen, dass Lady Mary dieses schöne Vertrauen im hohen Maße rechtfertigte und der verwaisten Elisabeth eine liebende Mutter wurde.

Show 4 footnotes

  1. Sie existiert noch.
  2. Geschichtlich
  3. Faktisch
  4. Geschichtlich

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