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John Sinclair Classics Band 35

Jason Dark (Helmut Rellergerd)
John Sinclair Classics
Band 35
Die Rache der roten Hexe

Grusel, Heftroman, Bastei, Köln, 29.12.2018, 66 Seiten, 1,80 Euro, Titelbild: Ballestar
Dieser Roman erschien erstmals am 17.08.1976 als Gespenster-Krimi Band 153.

Kurzinhalt:
Es ist eine äußerst mysteriöse Einladung, die den fünf Menschen eines Tages ins Haus flattert: Zu einem genau festgesetzten Zeitpunkt sollen sie sich in einem alten Haus an der französischen Küste treffen.

Neugierig machen sie sich auf den Weg. Für jeden der fünf beginnt in diesem Augenblick der Kampf ums nackte Überleben!

Leseprobe

»Hörst du die Schreie, Lucille?«, flüs­terte die alte Dienerin erregt. »Jetzt kommen sie dich holen. Und sie sind schon auf dem Weg hierher. Es wird ernst, Lucille.« Die Alte war ans Fenster getreten und presste ihr faltiges Gesicht gegen die Scheibe.

Vergebens versuchte sie, mit ihrem Blick die Dunkelheit zu durchdringen, die wie ein großes schwarzes Tuch über dem Land lag. Doch tief unten, wo der Weg zum Dorf weiterführte, flammten die ersten Pechfackeln auf. Die Häscher kamen!

Die Dienerin ballte die Hände zu Fäusten. Schweiß bedeckte ihr Gesicht. Es war klar, dass man auch sie nicht schonen würde. Aber das machte ihr nichts aus. Sie hatte ihr Leben gelebt. Über siebzig Jahre lang. Und der Tod flößte ihr keinen Schrecken mehr ein.

Aber ihre schöne Herrin durfte nicht sterben. Es war eine Sünde, dieses junge Leben zu zerstören.

»Ich höre keine Schreie, Maddalena«, sagte Lucille. »Du wirst dich getäuscht haben.«

»Nein, Lucille, sie werden kommen. Ich kann sie bereits sehen.« Die alte Dienerin warf sich herum und fiel vor der schönen Lucille Latour auf die Knie. Ihre knochigen Hände umklammerten die Waden der Frau. Tränen quollen aus den Augen der Alten und liefen als kleine Rinnsale an den faltigen Wangen hinab.

»Flieh, Lucille!«, flehte sie. »Ich bitte dich, flieh. Ich habe schon alles gepackt. Das Pferd ist auch vor den Wagen ge­spannt worden. Es wartet auf dich. Be­eile dich, in einer Minute kann es schon zu spät sein.«

»Nein!« Lucille Latours Stimme klang fest. Nicht ein Funken Angst schwang darin mit. Wie ein Denkmal stand die Frau in ihrem prächtig aus­gestatteten Schlafraum.

Lucille Latour war eine Schönheit!

Das feuerrote Haar floss in weichen

Wellen bis auf die nackten Schultern. Der ovale Ausschnitt des spitzenbesetzten Nachtgewandes endete knapp über den Brüsten. Weich und fließend war der Stoff des Nachtgewandes, er zeichnete jede Kontur des makellosen Körpers nach.

Die Schönheit dieser Frau war es, die ihr zum Verhängnis werden sollte. Jahrelang hatte Lucille Latour die Männer betört. Sie hatte das Gesicht eines En­gels. Weiß wie frisch gefallener Schnee M war ihre Haut. Voll und sinnlich die Lippen. Samten fühlte sich der Körper an, der schon von zahlreichen Männerhänden gestreichelt worden war. Und dann die Augen! Das Feuer der Leiden­schaft brannte in ihnen. Es weckte die Begierde eines jeden Mannes.

Klar, dass die Ehefrauen der Männer, die Lucille betört hatte, rasend vor Ei­fersucht waren. Das Wort Hexe machte flüsternd seine Runde. Aber schon bald sprach man es laut und deutlich aus. Doch noch ließ man die rothaarige Frau in Frieden. Zu viele einflussreiche Män­ner hatten schon in ihrem Bett gelegen.

Schließlich konnten diese Leute sie auch nicht mehr schützen. Nur eine Warnung hatte Lucille bekommen, sie jedoch kalt lächelnd in den Wind ge­schlagen.

Und jetzt sollte sie geholt werden. Aus dem prächtigen Haus hoch über den Klippen, das sie von ihrem verstorbenen Mann geerbt hatte.

Aber Lucille hatte keine Angst. Sie wusste, dass man zwar ihren Körper töten konnte, doch nicht ihre Seele. Sie hatte sich tatsächlich dem Teufel ver­schworen.

Wieder versuchte die alte Dienerin, die Frau zur Flucht zu überreden. Ohne Erfolg.

»Ich bleibe«, sagte Lucille Latour hart. »Wenn du willst, kannst du mit dem Wagen verschwinden.«

Da senkte die Alte den Kopf, stand auf und breitete in einer hilflosen Geste die Arme aus.

»Für mich hat das Leben keinen Sinn mehr«, murmelte sie mit leiser Stimme.

»Ist das dein letztes Wort?«, fragte die rothaarige Hexe.

»Ja.«

»Gut, dann komm mit.«

Lucille Latour fasste die alte Maddalena an der Hand und ging mit ihr zu einer kleinen Truhe, die unter einem Wandbehang stand. Lucille bückte sich und schlug die schweren eisernen Bügel der Truhe zurück. Dann hob sie den Deckel.

Die Truhe war bis auf ein kleines Fläschchen leer. Verloren wirkte es auf dem dunkel gebeizten Holzboden.

Die rothaarige Hexe nahm das Fläschchen und schraubte es auf. Dann hielt sie es Maddalena hin.

»Trink«, forderte sie.

Zögernd griff die Alte nach der Fla­sche. Ein süßlicher Geruch drang aus der Öffnung, kitzelte ihre Nase und legte sich betäubend auf die Atemwege.

»Du musst es in einem Zug leeren«, befahl Lucille. »Aber beeile dich, wir haben wirklich nicht mehr viel Zeit.«

»Was ist das für ein Trank?«, fragte Maddalena.

Die Hexe lächelte. »Der Sud des Teu­fels«, antwortete sie, und in ihren Augen lag plötzlich ein seltsamer Glanz.

Maddalena wich zurück.

»Nein«, flüsterte sie, »ich will nicht. Ich kann es nicht trinken!«

»Du musst!« Scharf wie ein Peit­schenknall drangen die Worte aus dem Mund der Hexe. »Du hast mir vorhin versprochen, dass du bleiben willst. Und jetzt steh zu deinem Wort.«

Die alte Dienerin zögerte. In diesen Sekunden wurde ihr klar, dass ihre Herrin tatsächlich eine Hexe war. Ihr Blick flackerte. Fieberhaft suchte sie nach einem Ausweg.

Draußen vor dem Haus gellten bereits die Schreie der Meute auf. Die Männer und Frauen kamen Maddalena plötz­lich wie ein Geschenk des Himmels vor. Wenn sie es schaffte, nach draußen zu kommen, dann war sie vielleicht geret­tet.

Sie rannte plötzlich los. Das hieß, sie wollte es. Doch die Frau war zu alt und Lucille Latour zu schnell.

Schon nach dem zweiten Schritt hatte die Hexe die Alte gepackt, schleuderte sie an der Schulter herum und stieß ihr die gespreizte Hand ins Gesicht.

Die Alte fiel zu Boden. Die Finger­nägel hatten ihre Haut aufgerissen. Maddalena wimmerte vor Schmerzen.

Lucille Latour kannte kein Pardon. Brutal drehte sie die Alte auf den Rü­cken. Das Fläschchen hielt Maddalena noch immer in der Hand. Ein Großteil der Flüssigkeit war ausgelaufen. Aber der Rest würde auch noch reichen.

Lucille Latour bog den rechten Arm der Dienerin zurück und brachte die Hand mit der Flasche an deren Mund.

»Trink!«, zischte sie.

Nur eine Handbreit von Maddalenas Gesicht entfernt befanden sich die Au­gen der Hexe. Riesengroß kamen sie ihr vor, wie unergründliche, gefährliche Schächte.

Die Dienerin spürte nicht, wie ihre Kiefer auseinandergebogen wurden, wie die Hexe ihr den kurzen Flaschenhals in den Mund presste. Maddalena schluckte automatisch.

Wie Öl rann die Flüssigkeit durch ihre Kehle. Ihr Körper schien zu wach­sen, eine heiße Flamme tobte von innen heraus, das Herz raste, der Puls häm­merte.

Und dann war alles vorbei.

Schlaff fiel Maddalena zurück und blieb mit verrenkten Gliedern auf dem Teppich liegen.

Lucille Latour erhob sich. Trium­phierend blickte sie auf die leblose Maddalena.

»Auf Wiedersehen im Jenseits«, sagte sie mit zischender Stimme. »Wir beide werden in den nächsten Jahrhunderten noch viel zu tun bekommen.«

Harte Schläge an der Tür rissen die Hexe herum.

»Öffne, Lucille Latour!«, brüllte eine Männerstimme. Sie gehörte Rory Danton, einem Hexenjäger aus England. Er war der Einzige, der für das Töten bezahlt wurde.

Mit einem grausamen Lächeln auf den Lippen schritt Lucille Latour zur Tür. Beide Hände benutzte sie, um den schweren Riegel zurückzuschieben.

Dann zog sie die Tür auf.

Der Mob hatte einen Halbkreis gebil­det. Pechfackeln leuchteten, übergossen das Gesicht der Hexe mit blutrotem Schein.

Lucille Latour kniff die Augen zu­sammen. Sie konnte die Gesichter der Männer kaum erkennen, sah sie nur als helle verwaschene Flecke.

Es war windig. Der Wind kam vom Meer, peitschte die See und jagte die Wolken am Himmel. Das Nachtgewand flatterte um Lucille Latours Körper wie eine Fahne am Mast.

Der Mob hatte sich beruhigt. Vom standen die Männer. Fünf waren es, die Fackeln in den erhobenen Händen. Die Frauen hielten sich zurück, obwohl sie die treibenden Kräfte gewesen waren.

»Was wollt ihr?«, fragte die Hexe.

Sie bekam keine Antwort. Nur der Wind jaulte, fing sich in den Klippen. Einige Häscher senkten betreten die Köpfe, als hätten sie Angst vor ihrer eigenen Courage bekommen.

»Bekomme ich keine Antwort?«

Da trat Rory Danton, der Hexenjäger,

vor. Er war ein kräftiger untersetzter Mann mit wild wachsendem Bart. Er hielt in der rechten Hand eine Fackel.

»Du weißt genau, weshalb wir ge­kommen sind, Lucille Latour«, sagte er mit dröhnender Stimme. »Du hast mit dem Teufel gebuhlt, und das werden wir dir jetzt heimzahlen.«

Die Männer brüllten auf. Dazwischen erklangen die kreischenden Stimmen der Frauen.

Der Hexenjäger lächelte. Für einen Moment hatte er schon geglaubt, seine Helfer würden einen Rückzieher ma­chen.

»Bekennst du dich schuldig?«, schrie er gegen den Lärm an.

Da streckte die Hexe den Arm aus und ballte die Hand zur Faust.

»Ja!«, kreischte sie. »Ich bin eine Hexe. Ich habe mit dem Teufel gebuhlt, wie du es schon sagtest. Ihr könnt mich zwar töten, aber mein Geist wird eure Nachkommen mit der Härte der Hölle treffen. Der Satan steht auf meiner Seite!«

Nichts hielt die Männer auf ihren Plätzen. Zu fünft sprangen sie vor, pack­ten die Hexe und rissen sie zu Boden.

Lucille Latour leistete keinen Wi­derstand. Im Gegenteil, sie lachte die Männer aus.

Dicht vor ihren Augen loderte die Flammen. Fünf Pechfackeln waren es, fünf schwielige Fäuste umklammerten die Stiele.

Noch einmal schrie die Hexe ihre Rache hinaus. Sie verfluchte die fünf Männer und deren Nachkommen bis in alle Ewigkeiten. Dann zerrte man sie zu den Klippen.

Es war nur ein kurzer Weg. Die Wolkendecke am Himmel riss für einen Moment auf, und ein voller Mond sandte sein fahles Licht auf die maka­bre Szene.

Tief unten rauschte das Meer gegen den Fels, schleuderte die Brandung haushoch. Wassertropfen glitzerten wie wertvolle Perlen im Mondlicht.

Rory Danton machte den Anfang. Seine linke Hand schloss sich um das volle rote Haar der Hexe. Dann nahm er die Fackel, hielt sie an das Gewand.

Es fing augenblicklich Feuer.

Die anderen vier Männer taten es dem Hexenjäger nach. Noch ehe die Flam­men auch auf sie übergreifen konnten, gaben sie der Hexe einen Stoß.

Wie ein feuriger Komet segelte Lu­cille Latour über die Klippen, dem Meer entgegen.

Kein Schrei drang aus ihrem Mund. Stumm stürzte sie in den Tod.

Doch plötzlich hielten die Häscher den Atem an.

Eine silbrig schimmernde Wolke stieg aus der Tiefe empor, wurde vom Wind mitgerissen, wuchs ins Unermessliche und formte sich zu einem Frauenkör­per, in dem das Gesicht die Fratze des Teufels annahm.

Die Häscher sanken auf die Knie, bekreuzigten sich. Als sie die Köpfe hoben, war der Spuk verschwunden. Stumm blickten die Männer sich an. Sie hatten zwar den Körper verbrannt, doch die Seele war nicht vernichtet, und mit Schaudern dachten sie an die letzten Worte der rothaarigen Hexe.

Ein Fluch war ausgesprochen wor­den und schwebte wie ein unsichtbares Schwert über den Köpfen der fünf Hauptbeteiligten.

Wen würde der Fluch als Ersten tref­fen?

Personen

  • Lucille Latour, Hexe
  • Maddalena, Lucilles alte Dienerin
  • Rory Danton, englischer Hexenjäger
  • Häscher
  • Makler
  • Madam Millau, alte Frau
  • Victor Jory, Engländer, Bibliothekar
  • Jane Collins, Privatdetektivin
  • Portier
  • Georg Plummer, Waffenhändler
  • John Sinclair, Oberinspektor bei Scotland Yard
  • Ray Danton, Schriftsteller
  • Gustav Domingo, Pariser Rauschgiftkönig
  • Saccu u. Frenell, Leibwächter
  • Marcel Fontaine
  • Pierre Lassalle
  • Wirt des Gasthauses in Brachès

Orte:

  • Maison Bayeus
  • London

Quellen:

  • Jason Dark: John Sinclair Classics. Geisterjäger John Sinclair. Band 35. Bastei Verlag. Köln. 29. 12. 2018
  • Thomas König: Geisterwaldkatalog. Band 1. BoD. Norderstedt. Mai 2000

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