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Anne Boleyn Band 2 – Kapitel 17 Teil 1

Gräfin Luisa Mary von Robiano
Anne Boleyn
Historischer Roman, Constenoble, Jena 1867
Zweiter Band

Die Katastrophe naht. Anne im Tower. Anhänglichkeit Mary Gaynsfords und Elisabeth Guilfords. Cranmer als Beichtiger.

Nach einer schlaflosen Nacht war Anne mit ihren Kammerfräulein wieder nach London zurückgekehrt. Kaum hatte sie ihre Gemächer betreten, als Sir Wyatt sich bei ihr melden ließ. Sein Gesicht war bleich, und seine Augen, sonst so klar und ruhig, heftig aufgeregt. Anne erschrak und sah ihn forschend an.

»Wyatt! Ihr bringt mir trübe Nachrichten«, sagte sie lebhaft. »Ist den Eltern ein Leid geschehen?«

»Ja, liebe Anne«, lautete die düstere Antwort, »obwohl sie es noch nicht wissen.«

»Noch nicht wissen? O, sprecht, lasst mich nicht in solcher Ungewissheit, Wyatt.«

»Die Nachricht hat mich und alle Freunde so unerwartet getroffen …«, sagte er zögernd.

»Redet um des Himmels willen«, rief Anne aus.

»Es sind gestern Verhaftungen vorgenommen worden, die Ursache weiß niemand.«

»Wo ist Rochefort? Wo ist mein Bruder?«, rief Anne plötzlich, von einer dunklen Ahnung befallen.

»Er ist – erschreckt nicht, meine hohe Freundin – verhaftet worden, ebenso wie Smeaton und Lord Norris. Der König erteilte dazu den Befehl, sobald er London erreichte.«

Ein lauter Schrei des Schreckens unterbrach den Unglücksboten. Als die Königin und Wyatt sich umwandten, erblickten sie die junge Lady Elisabeth Guilford ohnmächtig in den Armen der Hofdamen.

»O, mein Gott, wir hatten die Anwesenheit des armen Mädchens vergessen!«, sagte Anne, eilte auf sie zu und ergriff ihre eiskalten Hände.

»Liebe Elisabeth«, rief sie bittend aus, »vergib mir! Ach, stirb nicht, mein süßes Kind, lade nicht auch deinen Tod auf meine Seele.«

Elisabeth schlug matt die Augen auf. »Er wird sterben«, hauchte sie kaum vernehmbar.

»Nein, nein«, rief Anne aus, »er soll nicht unschuldig leiden. Ich gehe selbst zum König und bitte um Gnade für ihn.«

Aber Elisabeth richtete sich bei diesen Worten erschrocken in den Armen Lady Mastings auf und sagte bebend: »Um Gottes willen, Majestät, bittet nicht für ihn; Ihr nicht. Eure Teilnahme würde nur des Königs Zorn höher reizen. Lasst mich zu ihm gehen.«

»So geschehe es«, sagte Anne wehmütig und mit Tränen in den Augen. »Bitte du für den Geliebten, aber ich werde für den Bruder, den unschuldigen, trefflichen Mann, bitten. Ach, meine Eltern, meine unglücklichen Eltern, welchen Schmerz bereitet Euch diese unselige Krone auf meinem Haupt!«

Hier brach ihre mühsam errungene und bewahrte Fassung zusammen. Sie bedeckte das Antlitz mit ihrem Tuch und schluchzte laut.

Tief ergriffen sah sie Wyatt an, mit herzlichem Mitleid die Hofdamen, die mit ihrer Herrin weinten, denn die beiden Kavaliere waren allgemein geliebt.

Unter diesen traurigen Umständen kam die Stunde des Mittagsmahles herbei. Der Seneschal erschien, um Ihre Majestät mit den Damen in den Saal zu geleiten.

Heinrich hatte seit mehreren Monaten fast immer sich von der gemeinsamen Tafel entfernt gehalten. Nur bei festlichen Gelegenheiten geruhte er daran teilzunehmen. Um jedoch der Gemahlin öffentlich ihre gebührende Achtung zu wahren, musste des Königs Mundschenk regelmäßig im Saal erscheinen, wenn die Damen sich gesetzt hatten und mit lauter Stimme die Worte rufen: »Wohl bekomm’ das Mahl im Namen Seiner Majestät!«

Anne erhob sich alsdann einen Augenblick und erwiderte: »Wir danken demütig Seiner Majestät!«

Es erregte daher kein geringes Erstaunen, als man sich dieses Mal vergebens nach dem in Scharlachtuch und Gold gekleideten Ehrenherold umsah. Die übrigen Diener schienen darum zu wissen, denn sie trugen in düsterem Schweigen die unzähligen, etwas massiven Gerichte auf; aber die Mehrzahl davon blieb unberührt. Anne blickte sinnend und träumend vor sich nieder, kein heiterer Scherz würzte wie sonst das luxuriöse Mahl. Sie bemerkte wohl ebenso wenig, dass die Edelfräulein mit ihren herabrollenden Tränen kämpften und ebenfalls ein trübes Schweigen beobachteten.

Es war das letzte Mahl, welches Anne mit ihnen im Königssaal hielt, denn als die obere reiche Tischdecke mit den Fleischspeisen entfernt wurde und man nach damaliger Sitte auf das feine, weiße Damasttafeltuch, welches unter der ersten Decke lag, süßen Wein, Kuchen und Konfekt hingestellt hatte, traten die Lords Norfolk, Audley, Cromwell und einige andere Mitglieder des Staatsrats ein.

Anne schaute bei dem Geräusch ihrer Tritte auf dem Steinboden von ihrem Teller auf. Einen Augenblick flog ein leichter Schimmer der Freude über ihr Antlitz, als sie huldreich ihnen zurief: »Ihr kommt gewiss von Seiner Majestät, um mich wegen der Gefangenen zu beruhigen, Mylords.«

Norfolk schaute seine Nichte mit einem so finsteren, racheglühenden Auge an, dass diese erblasste und ihr Herz heftig im Busen klopfte.

»Wir kommen allerdings im Namen Seiner Majestät«, lautete dessen kalte und strenge Antwort. »Tretet heran, Sir William Kingston, und vollzieht Eure hohen Befehle.«

Bei dem Anblick des bekannten Mannes, des gefürchteten Gouverneurs des Tower, schnellte Anne hastig aus ihrem Sessel empor.

»Meine Befehle lauten, Euch, Lady Anne, nach dem Tower zu führen, allwo Ihr die weiteren Verfügungen Seiner Majestät abwarten sollt.«

Die Hofdamen brachen in ein lautes Jammern aus und drängten sich um ihre Herrin.

Diese erholte sich jedoch schnell von ihrer Bestürzung.

»Ich gehorche dem Willen meines Gemahls heute, so wie ich immer getan habe«, erwiderte sie im Ton der Ergebung. »Bringt mich dorthin, Sir, wo edle Männer um meinetwillen schmachten.«

»Wollen Eure Hoheit vorher Anordnungen treffen?«, fragte Kingston.

»Wozu?«, erwiderte Anne lächelnd. »Ich weiß, mein Aufenthalt unter Eurem Dach wird nicht allzu lange währen. Ich überlasse alles der hohen Gnade meines Gemahls, der mir nicht zürnen wird. Wirf mir meinen Mantel um die Schultern, liebe Mary«, sagte sie ruhig zu ihrer Schleppträgerin. »So, nun, Sir William, bin ich bereit.«

»Ich gehe mit Euch, teure Herrin«, rief Mary Gaynsford.

»Und ich!«, bat Lady Guilford, »wir alle, Majestät.«

Aber Sir William drängte die Mädchen sanft von seiner Gefangenen weg.

»Ich habe keine Befehle, Eure Begleitung zu gestatten«, sagte er sanft. »Wendet Euch darum persönlich an den König.«

»Ich danke Euch, lieben Mädchen, für Eure Treue«, sagte Anne gerührt, bückte sich zu Mary und küsste sie zärtlich. Dann bot sie allen Übrigen die Hände zum Kuss dar und bat sie, für sie zu beten und ihr Töchterchen zu lieben.

Nun umringten sie die Herren, und der traurige Zug setzte seinen ernsten Weg fort durch die weiten, dicht mit jammernden Dienern gefüllten Säle und Gänge, bis zu dem hinteren Portal an der Themse.

Die Staatsbarke lag bereit. Über dem gestreiften Dach von schwarz und weißem Tuch wehte unheilverkündend die lange schwarze Fahne, woran man von Weitem die Barke der Gerechtigkeit erkannte und ihr ausweichen konnte. Anne betrat sie mit festem Schritt. Das Unglück schien alle Energie ihrer kräftigen Seele wieder erweckt zu haben. Nachdem sie sich unter dem Dach auf eine Ruhebank niedergelassen hatte, bestieg Lord Norfolk ebenfalls die Barke und trat zu seiner Nichte hin.1

Es war gegen die Etikette, dass jemand ohne Erlaubnis die Barke der Königin betrat.

Anne blickte daher den Ankömmling mit erstaunter Miene an und sagte mit königlicher Würde: »Habt Ihr die Erlaubnis des Königs zu dieser Anmaßung erhalten, Mylord Norfolk?«

Der Herzog lachte höhnisch auf. »Oho, meine Nichte, das Königsspiel hat ein Ende. Wir sind einander jetzt gleich an Rang, und ich darf Euch als Oheim kecklich einmal die Wahrheit sagen!«

»Wenn Lord Norfolk einmal die Wahrheit spricht«, entgegnete Anne ebenfalls mit einer verächtlichen Ironie, »so ist es ein größeres Wunder, als die Gefangennahme einer Königin. Also redet, Mylord, und sagt mir, worin das Verbrechen bestehen soll, um dessen willen ich mich jetzt hier befinde?«

»Ich brauche Euch nicht erst zu sagen, was Ihr selbst und andere Eures Hofes sattsam wissen, Nichte. Doch will ich, da Ihr es verlangt, es Euch wiederholen. Ihr sollt im Tower für Eure ehebrecherischen Liebschaften mit den Herren Norris, Smeaton und Rochefort büßen.«

»Immer noch die elende Fabel und Lüge von Norris und Smeaton«, sagte Anne ruhig und verächtlich. »Nun, Ihr habt mich beruhigt, Oheim, denn der König ist zu gerecht und klug, um Euer falsches Herz nicht zu durchschauen.«

»Ihr dürftet Euch täuschen«, lautete die Antwort. »Vielleicht vergäbe er eine Verbindung mit den beiden Dienern, aber die Schuld einer blutschänderischen Verbindung mit dem eigenen Bruder, deren Ihr angeklagt und überführt worden seid, kann nur Euer Leben tilgen.«

Kaum hatte er diese Worte ausgesprochen, als Anne sich mit glühenden Wangen und funkelnden Augen von ihrem Platz erhob und mit majestätischer Würde zum Ausgang deutete: »Entfernt Euch sofort aus unserer Gegenwart, Mylord Norfolk, und legt Eurer giftigen Zunge den Zügel an, sonst möchte ich dem König gewisse Geheimnisse aus alten Tagen entdecken, die Euch ein Gefängnis neben der Nichte aufschließen dürften.«

Menschen wie Lord Norfolk sind einer großen, edlen Seele gegenüber stets feige. Er wusste, dass er seine Nichte verleumdet, aus Hass sie dem Elend preisgegeben hatte. Daher wagte er nun keine Silbe zur Gegenrede, sondern verließ gedemütigt das Zelt.

Diese Demütigung vor sich selbst vergaß der schlechte Mann nie. Mit finsterer Miene saß er am Rand des Bootes und schaute in die plätschernden Wellen, als es mit der Schnelligkeit eines Pfeils den Fluss hinunterglitt.

Das Ziel war erreicht. Die Schiffer warfen die Ruder beiseite und die Taue aus, womit sie das leichte Schifflein näher an die feuchte, schlüpfrige Treppe des Verrätertors2 zogen. So bezeichnete man nämlich den niedrigen, außen durch ein Fallgitter verrammelten Eingang hart an der Themse. Zu gewöhnlicher Zeit ist die Treppe, welche in den einen Hof führt, vom Wasser unberührt. Sobald jedoch die Schleuse aufgezogen wird, strömt die Themse hinein und bildet einen engen Kanal, vermöge dessen eine kleine Barke bis an die obersten Stufen der Treppe fahren kann. Nur hohe Verbrecher wurden auf diesem Weg in den Tower gebracht oder solche, deren Gefangennahme kein Aufsehen im Volk verursachen sollte.

Sir William Kingston sprang aus dem Boot und bot der Königin die Hand zum Aussteigen. Oben an der Treppe stand eine kleine Schar der königlichen Garnison.

»Müsst Ihr mich in einen Kerker führen, Sir?«, fragte Anne, indem sie langsam über den Hofraum schritt.

»Nein«, war die Antwort, »Eure Hoheit werden dieselben Staatsgemächer beziehen, welche Ihr vor Eurer Krönung innehattet.«

Die Erinnerung an jenen festlichen Tag, wo Heinrich seine junge Gemahlin im Rausch der heißesten Liebe umfangen und scherzend auf ihre dunklen Haare die strahlende kleine Krone gedrückt hatte, welche sie am folgenden Tag in der Kathedrale empfing, überwältigte sie so, dass sie in ein heftiges Weinen ausbrach und nicht weiter gehen konnte.

»Die Wohnung ist zu gut für mich«, sagte sie schluchzend, »Jesus Christus, mein Heiland, erbarme dich meiner!« Dann brach sie in ein krampfhaftes Lachen aus, welches die Wächter aufs Sichtlichste erschütterte, während Lord Norfolk sich bestürzt abwandte.

»Hoheit«, sagte Sir William teilnehmend, »nehmt die Sache mit ruhigerem Herzen. Euer Aufenthalt hier soll Euch so leidlich und angenehm gemacht werden, wie es in meiner Macht steht. Er wird nicht lange dauern.«

»Vergebt mir, Sir«, antwortete Anne, indem sie sich mit Anstrengung von dem steinernen Sitz erhob, auf den sie gesunken war. »Bedenkt, ich bin nur ein Weib, und von furchtsamer Natur. Ich folge Euch jetzt.«

»Erlaubt, dass ich Euch führe, Hoheit«, sagte Kingston, da sie noch immer schwankte. »Oben werdet Ihr für Körper und Seele Ruhe finden.«

Sie legte willig ihre schmale schöne Hand auf den Arm des kräftigen Ritters und stieg mit ihm die enge Wendeltreppe zu ihren Gemächern hinauf.

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  1. Geschichtlich
  2. Traitorʼs Gate