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Die drei Templer

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Dreizehn Jahre im Wilden Westen – Kapitel II

Dreizehn Jahre im Wilden Westen
Oder: Abenteuer des Häuptlings Sombrero
Nürnberg, 1877

II. Eintritt in die Armee

Das Treiben und Leben in der großen Seestadt war für mich etwas Merkwürdiges, umso mehr, als damals der Bürgerkrieg gerade in seinem höchsten Stadium war. Überall waren Musikchöre, die mit vollem Dampf patriotische Lieder ausbliesen; dazu die Werber, welche jeden ansprachen und ihm etwas vorlogen, um ihn zum Soldaten zu machen. Doch ich war standhaft, kneipte mit ihnen und hielt mich für unüberwindlich. Zuletzt aber wurde ich doch von einem Gescheiteren überlistet. Bald war ich mit der Uniform der Vereinigten Staaten geschmückt und fand mich mit anderen Rekruten in einem starken Haufen unter Wache. Da wir alle von drei- bis fünfhundert Dollar Einstandsgeld hatten, so hielt man es für geraten, uns streng zu bewachen. Dennoch gelang es manchem auszureißen. Während einer Nacht wurde von einigen geriebenen Spitzbuben ein Plan entrollt, an dessen Ausführung wir alle teilnahmen. Es wurde die Tür aufgebrochen. Als wir die Treppe hinab ins Freie traten, begegneten wir der ganzen Wache, welche uns mit gefälltem Bajonett höflichst ersuchte, auf unser Zimmer zurückzukehren, welche Bitte wir natürlich nicht abschlagen wollten. Nachdem wir zu ungefähr zwanzig Mann angewachsen waren, schickte man uns nach Harts Island, einer Insel, auf welcher Baracken aufgeschlagen waren und ungefähr tausend Rekruten lagen. Hier genossen wir unsere militärische Vorbildung.

Mit Exerzieren, Baden, Fischen und Kartenspielen verging die Zeit sehr angenehm. Die erste Nacht kam ich auf Wache. Da wir noch keine Gewehre hatten, gab man mir einen Prügel von Holz nebst einer Masse Instruktionen. Da ich aber nicht Englisch verstand, so waren die Letzteren an mir verloren. Sobald der Sergeant abging, breitete ich meine Decke aus, legte mich mit meinem Prügel zur Seite darauf und war bald in den Armen Morpheus, von Schlachtfeldern und blutigen Trophäen träumend.

Als die Ablösung kam, fanden sie mich auf meinem Posten, mussten mich aber etwas schütteln, um mich in das Reich der Lebenden zurückzubringen, worauf ich meinen Prügel dem mich ablösenden Posten überreichte und dann mit militärischen Schritten und dito Haltung zum Wachhaus zog.

Auf der Insel hatten wir auch ein hölzernes Pferd, d. h. ein Gerüst, etwa zwanzig Fuß hoch und noch viel länger. Obenauf lag ein dünner Querbalken, auf welchem allerlei Sträflinge den Tag über reiten mussten. Da man aber auf diesem Pferd weder Sattel noch Steigbügel hatte, so war ein 24-stündiger Ritt auf demselben durchaus nicht erwünscht. Dieses edle Ross war jedoch immer stark besetzt. Da jeder der Reiter ein großes Plakat auf dem Rücken gebunden hatte, so gab es zuweilen sehr interessante Gruppen. Am Ersten hieß es: »Ich bin ein Spieler«; am Zweiten: »Ich auch«; am Dritten: »Ich war besoffen«; dann kam ein halbes Dutzend mit »Ich auch«; dann kam ein »Ich bin ein Boxer«, dem aber seine schwarz geschlagenen Augen widersprachen; dann »Ich bin ein Lump« usw., kurz der ganze Katechismus der feineren Künste war hier aufgezeichnet.

An Austern und Clams fehlte es auf Harts Island nicht, denn das Ufer war ringsum damit bedeckt.

Auf einmal hieß es: »Auspacken!«

Wir wurden auf ein Transportschiff gebracht, um zu unseren Regimentern, welche vor dem Feind lagen, geschickt zu werden. Wir fuhren ab, zusammengedrängt wie Heringe auf dem kleinen Dampfer. Es wurde mit Dampf gekocht. Da bloß ein großer Kessel auf dem Schiff war, so wurde vormittags erst Speck mit Bohnen darin gesotten, dann, ohne ihn auszuwaschen, kam Wasser und Kaffee hinein. Ebenso wurde das Abendessen darin fertig gemacht. Der Kaffee war dann natürlich eine Mischung von Fett, Bohnen, Kaffee, kurz eine Art von Speckuniversum. Drei Tage nach unserer Abreise erreichten wir gegen Mitternacht Fort Monroe, wo viele Kriegs- und Panzerschiffe lagen. Wir wurden natürlich mit Raketen und der Dampfpfeife signalisiert. Ich lag in tiefem Schlaf auf dem obersten Verdeck, als wir ankamen, wurde aber durch das Gepfeife geweckt und sprang noch ganz schlaftrunken auf. Da aber die Schnur, welche von des Schiffskapitäns Platz zu der Dampfklappe über das Deck ging, stolperte ich darüber und verwickelte den Fuß in die Schnur, sodass natürlich die Dampfklappe aufgerissen wurde und ein furchtbares Gepfeife und Gebrüll losging. Es entstand ein förmlicher Aufruhr. Das Fort signalisierte, was los wäre. Der Kapitän schrie und fluchte. Ich wollte fort, ehe jemand heraufkam, und machte wütende Anstrengungen, mich loszureißen. Je ärger ich aber zog und riss, desto ärger ertönte das Gebrüll der Dampfpfeife. Endlich gelang es mir doch durch eine verzweifelte Kraftanstrengung loszukommen und machte mich aus dem Staub. Als die Ruhe wiederhergestellt war, wurden Nachforschungen angestellt, wem man diese kleine Aufregung zu verdanken hätte. Da sich der Täter aber nicht meldete, so wurde es nie herausgefunden.

Von Fort Monroe fuhren wir den James River hinauf nach City Point, welches damals von Gefangenen, Verwundeten und Soldaten wimmelte. Dort sah ich zum ersten Mal unseren Präsidenten Lincoln, als er unter den Verwundeten umherging. Wir ließen da eine Anzahl unserer Leute. Die Übrigen wurden wieder auf ein Dampfboot gebracht, das sonst in New York Wherry-Dienst leistete, aber durchaus nicht seetüchtig war. So fuhren wir den James River wieder hinab, passierten Fort Monroe und stachen in See. Am Abend zog sich ein schweres Gewitter zusammen. Da die Schiffsoffiziere mit Gewissheit sagten, dass der Dampfer einen Sturm nicht aushalten würde, so hatten wir eine schöne Zuversicht für die Nacht. Glücklicherweise bekamen wir nur einen kleinen Regen ab und der Sturm verzog sich.

Unsere Kost war ausgezeichnet, denn wir hatten zum Frühstück Speck und Zwieback, zum Abendessen Zwieback und Speck und mittags Speck mit Zwieback. Bei solcher Kost regte sich auch bald der Durst. Da kein Wasser für uns an Bord war, so hatten wir unser Wasser von den Matrosen zu kaufen, wofür mir 50 Cent per Becher bezahlten. Am vierten Tag kamen wir zur Stadt Alexandria, in deren Nähe wir ein Lager, Camp Distribution genannt, bezogen. Hier ruhten wir einige Tage, hatten gute Kost und wurden auch mit Wasser etc. versehen. Darauf marschierten wir nach Washington, was nur eine kleine Stunde vom Camp lag. Obwohl Washington die Hauptstadt der Vereinigten Staaten ist, so hat es doch außer hübschen Gebäuden nichts Merkwürdiges. Das White house (weiße Haus), der Wohnsitz des Präsidenten und der Sitz der Regierung, ganz aus weißem Marmor gebaut, ist sehr interessant und hübsch.

Wir wurden am Bahnhof in Lagerhäusern untergebracht, und es war uns nicht erlaubt, die Gebäude zu verlassen. Einige von uns schlichen dennoch hinaus. Wir gingen in die Stadt, um uns zu amüsieren. Als wir eben recht fröhlich und heiter bei einem Glas Bier saßen, kam die patrol (Patrouille), nahm uns, weil wir keine Pässe hatten, sämtlich gefangen und transportierte uns zum Quard house (Militärgefängnis), wo wir falsche Namen und Regimenter angaben. Da saßen wir nun fest und es fing an, bedenklich zu werden, da jeder Soldat ohne gültigen Pass als Deserteur behandelt wird.

Am nächsten Morgen wurden sämtliche Gefangene zum Frühstück kommandiert. Vor der Tür der Wachstube war eine Bank. Als wir zur Tür hinausmarschierten, schlüpfte ich ungesehen auf die Seite und setzte mich auf die Bank. Der Sergeant der Wache war der Letzte, der herauskam, als er mich sah, fragte er, wohin ich gehörte. Ich sagte, indem ich ihn unschuldig lächelnd anblickte, dass ich zur 75th New York Infanterie gehörte, welche gerade über der Straße im Quartier lag. Er befahl mir, dass ich sogleich vom Wachhaus weggehen sollte, da ich dort nichts zu tun hätte. Seinem Befehl Folge leistend, erhob ich mich, um zu gehen. Er versetzte mir einen Tritt auf einen gewissen Teil meines Körpers, dass ich gleich bis zur Mitte der Straße flog. Ich raffte mich auf, machte mich eilends davon und gelangte glücklich auf den Bahnhof zu meinen Kameraden, welchen ich meine Abenteuer erzählte.

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