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Die drei Musketiere 45

Alexander Dumas d. Ä.
Die drei Musketiere
7. bis 10. Bändchen
Historischer Roman, aus dem Französischen von August Zoller, Stuttgart 1844, überarbeitet nach der neuen deutschen Rechtschreibung

XII.

Eheliche Szene

Richelieu kam, wie es Athos vorhergesehen hatte, alsbald herab. Er öffnete die Tür der Stube, in welche die Musketiere eingetreten waren, und fand Porthos in einem sehr hitzigen Würfelspiel mit Aramis begriffen. Mit einem Blick durchforschte er alle Winkel der Stube und sah, dass einer von seinen Leuten fehlte.

»Was ist aus Monsieur Athos geworden?«, fragte er.

»Monseigneur«, antwortete Porthos, »er ist als Kundschafter vorausgeritten wegen einiger Worte unseres Wirtes, aus denen er entnehmen musste, dass der Weg nicht sicher sein dürfte.«

»Und Ihr, was habt Ihr gemacht, Monsieur Porthos?«

»Ich habe Aramis fünf Pistolen abgenommen.«

»Und nun könnt Ihr mit mir zurückkehren?«

»Wir stehen Eurer Eminenz zu Befehl.«

»Zu Pferde also, Messieurs, denn es ist spät.«

Der Stallmeister war vor der Tür und hielt das Pferd des Kardinals am Zügel. Eine Gruppe von zwei Menschen und drei Pferden erschien im Schatten. Diese zwei Menschen waren diejenigen, welche Mylady zum Fort de la Pointe geleiten und ihre Einschiffung bewachen sollten.

Der Stallmeister bestätigte dem Kardinal das, was die zwei Musketiere ihm bereits in Beziehung auf Athos gesagt hatten. Der Kardinal machte eine billigende Gebärde und schlug den Rückweg ein, wobei er sich mit denselben Vorsichtsmaßregeln umgab, die er bei seinem Auszug genommen hatte.

Lassen wir ihn beschützt von seinem Stallmeister und den zwei Musketieren seinen Weg zum Lager verfolgen und kehren wir zu Athos zurück.

Eine Zeit lang hatte er seinen Marsch in gleichem Tempo fortgesetzt, aber als er aus dem Blickfeld war, warf er sein Pferd auf die rechte Seite, machte einen Umweg und kehrte auf etwa zwanzig Schritte in das Gehölze zurück, um das Vorüberziehen der kleinen Truppe zu beobachten. Als er die eingefassten Hüte seiner Gefährten und die goldene Franse am Mantel des Monsieur Kardinals erkannte, wartete er, bis sich die Reiter um die Ecke der Straße wandten. Sobald er sie aus dem Augen verloren hatte, sprengte er im Galopp zum Wirtshaus zurück, das man ihm ohne Schwierigkeit öffnete.

Der Wirt erkannte ihn.

»Mein Offizier«, sprach Athos, »hat vergessen, der Dame im ersten Stock eine Sache von großer Wichtigkeit zu empfehlen, und ich bin von ihm abgeschickt worden, um seinen Fehler gut zu machen.«

»Geht hinauf«, sagte der Wirt, »sie ist noch in ihrem Zimmer.«

Athos benutzte diese Erlaubnis, stieg, so leicht wie er es vermochte, die Treppe hinauf, gelangte auf den Flur und sah durch die halb geöffnete Tür Mylady, welche ihren Hut knüpfte.

Er trat in das Zimmer ein und verschloss die Tür hinter sich.

Athos stand an der Tür in seinen Mantel gehüllt, seinen Hut tief in die Augen gedrückt.

Als Mylady diese stumme, unbewegliche, einer Statue ähnliche Gestalt erblickte, wurde ihr bange.

»Wer seid Ihr und was wollt Ihr?«, rief sie.

»Wahrlich, sie ist es«, murmelte Athos.

Er ließ den Mantel fallen, hob den Hut in die Höhe und trat vor Mylady. »Erkennt Ihr mich, Madame?«, sprach er.

Mylady wich zurück, als hätte sie eine Schlange erschaut.

»Gut«, sagte Athos, »ich sehe, Ihr erkennt mich.«

»Der Graf de la Fère!«, murmelte Mylady erbleichend und wich immer mehr zurück, bis die Wand sie hinderte, weiter zu gehen.

»Ja, Mylady«, antwortete Athos, »der Graf de la Fère in Person, der eigens von der anderen Welt zurückkommt, um das Vergnügen zu haben, Euch zu sehen. Setzt Euch und wir wollen uns besprechen, wie der Kardinal sagt.«

Von einem namenlosen Schrecken beherrscht setzte sich Mylady, ohne eine Silbe zu stammeln.

»Ihr seid ein auf die Erde geschickter Teufel«, sagte Athos, »Eure Macht ist groß, ich weiß es, aber Ihr wisst auch, dass die Menschen oft mit Gottes Hilfe die furchtbarsten Teufel besiegt haben. Ihr habt Euch schon einmal auf meinem Weg gezeigt. Ich glaubte Euch niedergeschmettert zu haben, aber wenn mich nicht alles trügt, hat Euch die Hölle wiedererweckt.«

Bei diesen Worten, welche grässliche Erinnerungen in ihr zurückriefen, ließ Mylady mit einem dumpfen Seufzer das Haupt sinken.

»Ja, die Hölle hat Euch wiedererweckt«, fuhr Athos fort, »die Hölle hat Euch einen anderen Namen gegeben, die Hölle hat Euch reich gemacht, die Hölle hat Euch beinahe ein neues Gesicht verliehen, aber sie hat weder die Flecken Eurer Seele noch das Brandmal Eures Leibes getilgt.«

Mylady stand auf, als ob sie von einer Feder gehoben würde. Ihre Augen schleuderten Blitze. Athos blieb sitzen.

»Ihr hieltet mich für tot, nicht wahr, wie ich Euch für tot hielt. Der Name Athos hatte den Grafen de la Fère verborgen, wie der Name Mylady Winter Anna von Breuil verbarg? Nanntet Ihr Euch nicht so, als Euer ehrenwerter Bruder unsere Ehe schloss? Unsere Stellung ist in der Tat seltsam«, fuhr Athos lachend fort, »wir lebten bisher beide nur, weil wir uns für tot hielten, und weil eine Erinnerung weniger beengt, als ein lebendes Wesen, obwohl eine Erinnerung oft eine verzehrende Sache ist.«

»Sprecht«, sagte Mylady mit dumpfer Stimme, »wer führt Euch zu mir, und was wollt Ihr von mir?«

»Ich will Euch sagen, dass ich Euch, obwohl unsichtbar für Eure Augen, nicht aus dem Blick verloren habe!«

»Ihr wisst, was ich getan habe?«

»Ich kann Euch Eure Handlungen Tag für Tag aufzählen, seit Eurem Eintritt in den Dienst des Kardinals bis zu diesem Abend.«

Ein ungläubiges Lächeln zog über die bleichen Lippen Myladys.

»Hört! Ihr habt die zwei diamantenen Nestelstifte von der Schulter des Herzogs von Buckingham geschnitten. Ihr habt Madame Bonacieux entführen lassen. Ihr habt, in den Grafen von Wardes verliebt, und im Glauben diesen zu empfangen, d’Artagnan Eure Tür geöffnet. Ihr wolltet Wardes, weil Ihr glaubtet, er habe Euch betrogen, durch seinen Nebenbuhler töten lassen. Ihr wolltet, als dieser Nebenbuhler Euer schmachvolles Geheimnis entdeckt hatte, ihn ebenfalls durch Meuchler, die ihr ihm nachschicktet, ermorden lassen. Ihr habt, als Ihr sahet, dass die Kugeln den Mann verfehlten, vergifteten Wein mit einem falschen Brief geschickt, um Euer Opfer glauben zu machen, er komme von seinen Freunden. Ihr habt endlich in diesem Zimmer, auf dem Stuhl, wo ich nun sitze, vorhin gegen den Kardinal die Verbindlichkeit übernommen, den Herzog von Buckingham ermorden zu lassen, und zwar, nachdem Ihr ihm das Gegenversprechen abgenommen habt, d’Artagnan zum Tode zu befördern.«

Mylady wurde leichenblass.

»Ihr seid also Satan in eigener Person?«, sagte sie.

»Vielleicht«, erwiderte Athos, »doch hört: Ermordet den Herzog von Buckingham oder lasst ihn ermorden, daran ist mir wenig gelegen. Ich kenne ihn nicht und überdies ist er ein Feind Frankreichs; aber krümmt d’Artagnan kein Haar, denn er ist ein treuer Freund, den ich liebe und verteidige, oder ich schwöre Euch bei dem Haupt meines Vaters, das Verbrechen, welches Ihr zu begehen versucht oder begangen habt, ist Euer letztes.«

»Monsieur d’Artagnan hat mich grausam verletzt«, sagte Mylady mit dumpfer Stimme. »Monsieur d’Artagnan muss sterben.«

»In der Tat, ist es möglich. Euch zu verletzen, Madame?«, sprach Athos lachend, »er hat Euch verletzt und muss sterben!«

»Er muß sterben!«, versetzte Mylady, »er zuerst und sie danach.«

Athos war wie von einem Schwindel befallen. Der Anblick dieses Geschöpfes, das nichts mehr mit dem Weib gemein hatte, erweckte grässliche Erinnerungen in ihm. Er bedachte, dass er sie schon einmal in einer viel weniger gefährlichen Lage seiner Ehre hatte opfern wollen. Seine Mordlust kehrte glühend zurück und bemächtigte sich seiner mit fieberischer Gewalt. Er erhob sich ebenfalls, fuhr mit der Hand zum Gürtel, zog eine Pistole hervor und spannte sie.

Bleich wie eine Leiche wollte Mylady schreien, aber über ihre kaltgewordene Zunge kam nur ein rauer Ton, dem Röcheln eines wilden Tieres ähnlich. An die düstere Wand gedrückt, erschien sie mit ihren aufgelösten Haaren wie das schauderhafte Bild des Schreckens.

Athos hob langsam die Pistole in die Höhe, streckte den Arm so aus, dass die Waffe beinahe Myladys Stirne berührte, und sprach dann mit einer Stimme, die umso furchtbarer klang, als die erhabene Ruhe eines unbeugsamen Entschlusses daraus hervortrat.

»Madame, Ihr werdet auf der Stelle das Papier herausgeben, das Euch der Kardinal unterzeichnet hat, oder bei meiner Seele, ich schieße Euch über den Haufen.«

Bei einem anderen Mann würde Mylady vielleicht ein Zweifel übrig geblieben sein, aber sie kannte Athos. Dennoch blieb sie unbeweglich.

»Ihr habt eine Sekunde, um Euch zu entscheiden«, rief er.

Mylady sah an der Zusammenziehung seines Gesichts, dass der Schuss losgehen sollte. Sie fuhr rasch mit der Hand an ihre Brust, zog ein Papier hervor und reichte es Athos mit den Worten: »Nehmt und seid verflucht!«

Athos nahm das Papier, steckte die Pistole wieder in seinen Gürtel, näherte sich der Lampe, um sich zu überzeugen, dass es gewiss das geforderte Papier war, faltete es auseinander und las:

Auf meinen Befehl und zum Wohle des Staates hat der Inhaber dieses getan, was er getan hat.

Den 3. August 1628.

Richelieu

»Und nun«, sprach Athos, indem er seinen Mantel wieder nahm und den Hut aufsetzte, »und nun, da ich dir die Zähne ausgerissen habe, beiß, wenn du kannst.«

Hierauf verließ er das Zimmer, ohne sich nur umzuschauen. Vor der Tür fand er die zwei Männer und das Pferd, das sie an der Hand hielten.

»Messieurs«, sagte er, »Monseigneur befiehlt, wie Ihr wisst, diese Frau ohne Zeitverlust zum Fort de la Pointe zu führen, und sie nicht eher zu verlassen, bis sie an Bord ist.«

Da diese Worte wirklich mit dem Befehl, den sie erhalten hatten, übereinstimmten, so verbeugten sie sich leicht zum Zeichen der Bestätigung.

Athos schwang sich in den Sattel und sprengte im Galopp davon. Doch statt der Straße zu folgen, ritt er quer durch das Feld, trieb sein Pferd kräftig mit den Sporen an und hielt von Zeit zu Zeit an, um zu horchen.

Bei einem seiner Halte vernahm er auf der Straße die Tritte mehrerer Pferde. Er zweifelte nicht daran, dass es der Kardinal mit seiner Eskorte sei. Sogleich sprengte er noch eine Strecke voraus, stieg dann rasch ab, rieb sein Pferd mit Haidekraut und Baumblättern, sprang wieder in den Sattel und stellte sich auf der Straße ungefähr zweihundert Schritte von dem Lager auf.

»Wer da!«, rief er von fern, als er die Reiter ansichtig wurde.

»Das ist, glaube ich, unser braver Musketier«, sagte der Kardinal.

»Ja, Monseigneur«, erwiderte Athos, »er ist es.«

»Monsieur Athos«, sprach Richelieu, »empfangt meinen Dank, dass Ihr uns so gut Wache gehalten habt. Messieurs, wir sind an Ort und Stelle, reitet durch das Tor links. Das Losungswort ist: der König und Ré.

Nach diesen Worten nickte der Kardinal den drei Freunden mit dem Kopf zu und ritt, gefolgt von seinem Stallmeister, nach rechts, denn diese Nacht schlief er selbst im Lager.

»Nun, wie steht es?«, fragten Porthos und Aramis, als der Kardinal außer Hörweite war, »hat er das von ihr geforderte Papier unterzeichnet?«

»Allerdings«, antwortete Athos ruhig, »ich habe es hier.«

Die drei Freunde wechselten keine Silbe mehr bis in ihr Quartier und sagten nur den Wachen das Losungswort.

Man ließ nun Planchet durch Mousqueton sagen, sein Herr werde gebeten, wenn er von der Laufgraben-Wache abkomme, sich sogleich zur Unterkunft der Musketiere zu begeben.

Mylady machte, wie es Athos vorhergesehen hatte, keine Schwierigkeit, den Männern zu folgen, als sie dieselben vor der Tür erblickte. Wohl hatte sie einen Augenblick Lust, sich zum Kardinal zurückführen zu lassen und ihm alles zu erzählen, aber eine Enthüllung von ihrer Seite führte eine Enthüllung von Athos herbei. Sie konnte wohl sagen, Athos habe sie gedrängt, aber Athos konnte sagen, dass sie gebrandmarkt war. Sie hielt es also für das Klügste, zu schweigen, in der Stille abzureisen, mit ihrer gewöhnlichen Gewandtheit die Sendung zu erfüllen, die sie übernommen hatte, und wenn alles zur Zufriedenheit des Kardinals vollzogen wäre, Rache von ihm zu fordern.

Nachdem sie die ganze Nacht gereist war, langte sie um sieben Uhr morgens im Fort de la Pointe an. Um acht Uhr war sie an Bord und um neun Uhr lichtete das Schiff die Anker und segelte nach England.

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