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Die Büffeljäger am Lagerfeuer – Kapitel 11

Thomas Mayne Reid
Die Büffeljäger am Lagerfeuer
Reisebilder und Naturschilderungen aus dem Westen
Verlag Schmidt & Spring. Stuttgart.1858

Elftes Kapitel

Der Waschbär und seine Gewohnheiten

Von allen wilden Tieren Amerikas ist der Waschbär das am allgemeinsten bekannte. Keines hat eine größere Verbreitung, da es auf dem ganzen Kontinent, vom Polarmeer bis zum Feuerland, vorkommt, und zwar überall, wo es Waldungen gibt.

Soweit die englische Sprache gesprochen wird, hat er nur einen Namen, der Raccoon. In Amerika kennt jeder Mann, jede Frau oder jedes Kind, den schlauen alten Coon.

Der Waschbär ist ungefähr von der Größe eines Fuchses, aber etwas dicker und gedrungener im Körper. Seine Beine sind verhältnismäßig kurz. Da die Hinterbeine flache Sohlen haben, so hat er in Gang und Stellung etwas Katzenartiges. Die Schnauze ist außerordentlich spitz und lang und daher seiner Gewohnheit, in allen Ritzen und Spalten nach Spinnen, Käfern und anderen Tieren zu suchen, ganz angemessen.

Die allgemeine Farbe des Waschbärs ist auf dem Oberkörper dunkelbraun, fast schwarz, mit Eisengrau gemischt. Unten ist er von hellerer Farbe. Hier und da findet man ein wenig Rehbraun eingemischt. Über die Augen zieht sich ein breiter schwarzer Streifen hin, der unter dem Hals zusammenläuft.

Dieser Streifen ist von einem weißgrauen Rand eingefasst und scharf abgegrenzt, was dem Gesicht des Waschbärs einen ganz eigenen Ausdruck gibt.

Eine der größten Schönheiten dieses Tieres ist sein Schweif, dessen Zeichnung charakteristisch ist. Er zeigt zwölf Ringe oder Bänder, sechs schwarze und sechs grauweiße, in regelmäßiger Abwechselung. Die Spitze ist schwarz und der Schweif selbst sehr voll und buschig. Wenn das Waschbärfell zu einer Mütze verarbeitet wird, was bei Jägern und Frontiers oft vorkommt, so lässt man den Schweif wie einen Federbusch herunterhängen. Eine solche Kopfbedeckung sieht keineswegs hässlich aus. Das Weibchen des Waschbärs ist größer als das Männchen und überhaupt ein in jeder Beziehung schöneres Tier. Das bei beiden lange Haar ist bei dem Weibchen noch voller und glänzender, seine Farbe tiefer und schöner.

Der Waschbär ist einer der ausgezeichnetsten Baumkletterer. Sein Lager oder Zufluchtsort befindet sich auch stets in einem hohlen Baum, mit dem Eingang nach oben. An solchen Bäumen ist in den großen Urwäldern Amerikas kein Mangel, und hier hat er sein Nest, wo das Weibchen drei bis sechs Junge im Frühling zur Welt bringt.

Der Waschbär ist ein echter Waldbewohner. Auf den Prärien und in baumlosen Gegenden findet man ihn nie, sondern immer nur in dichten Waldungen, wo es große Stämme und hohle Bäume im Überfluss gibt. Auch bedarf er der Nähe des Wassers, weil er die sonderbare Gewohnheit hat, alle seine Nahrung in das Wasser zu tauchen, ehe er sie verzehrt. Von dieser Eigentümlichkeit rührt sein Name, Waschbär, her. Außerdem liebt er häufige Waschungen, und überhaupt ist kein Tier in seinen Gewohnheiten reinlicher und netter.

Der Waschbär frisst fast alles. Er verzehrt zahmes und wildes Geflügel, Frösche, Eidechsen, Insektenlarven und Insekten ohne Unterschied. Auch ist er ein großer Freund von Süßigkeiten und richtet unter dem Zuckerrohre und Mais des Pflanzers große Verwüstungen an. Wenn die Kolben des Mais noch jung sind oder, wie man es nennt, in der Milch stehen, haben sie einen sehr süßen Geschmack. Zu dieser Zeit machen sie die Lieblingsnahrung der Waschbären aus. Ganze Gruppen besuchen dann nächtlich die Maisfelder und richten große Verheerungen an. Diese schlimme Gewohnheit macht dem Tier viele Feinde, wie es denn in der Tat nur wenige Freunde zählt. Außerdem tötet der Waschbär Hasen, Kaninchen und Eichhörnchen, wenn er dieselben fangen kann, und plündert die Vogelnester auf das Unbarmherzigste. Besonders liebt er auch Schalentiere und die Muscheln, welche sich in den vielen Süßwasserseen und Flüssen Amerikas in großer Menge vorfinden, bilden einen hauptsächlichen Theil seiner Nahrung. Er öffnet sie mit seinen Krallen so geschickt, wie es ein Austernhändler nur immer mit seinem Messer tun könnte. Besonders zieht er die Krabben mit weicher Schale und die kleinen Schildkröten vor, welche in den amerikanischen Gewässern gewöhnlich sind. Jake erzählte uns eine List, welche der Waschbär anwenden soll, um die kleinen Bachschildkröten zu fangen. Wenn die Sache wahr ist, so erscheint sie jedenfalls merkwürdig, aber sie klingt dann poch etwas abenteuerlich. Jake behauptete indessen zuversichtlich, dass der Waschbär nach den Schildkröten angle, und zwar, indem er sich an das Ufer des Flusses niederkauere und seinen buschigen Schweif in das Wasser hinabhängen lasse. Wenn nun die nach Nahrung umherschwimmende Schildkröte das behaarte Anhängsel erblicke, so schnappe sie danach und der Waschbär, sobald er den Ruck fühle, zöge den bepanzerten Schwimmer plötzlich an Land und leere dann die Schale mit Muße aus.

Der Waschbär wird in Amerika oft gezähmt. Er ist harmlos wie ein Hund oder eine Katze, außer wenn er von Kindern geneckt wird, dann knurrt, schnappt und beißt er wie der bösartigste Köter. Wo Geflügel gehalten wird, ist er je doch lästig, und dies verhindert seine allgemeine Beliebtheit.

Die Waschbärenjagd ist ganz besonders ein Vergnügen der Neger. Der Schwarze tötet den Waschbär, wann und wo er nur kann, und verzehrt ihn nicht nur, sondern liebt sogar sein Fleisch, welches fast wie Schweinefleisch und bei jungen Waschbären ziemlich gut schmeckt. Bei Alten ist es freilich ein wenig ranzig, daraus macht sich jedoch der Neger nicht viel, besonders wenn sein Herr ein knauseriger, alter Filz ist und ihn mit Reis, anstatt mit Fleisch füttert. Außerdem erhält der Neger auch noch eine hübsche Summe, nämlich l2 ½ Cent für das Fell, welches er an den erstbesten Krämer verkauft.

Die Waschbärenjagd ist meistens ein nächtliches Vergnügen und beeinträchtigt darum die regelmäßige Arbeit des Negers nicht. Die Nacht gehört ihm dem Rechte nach, und nach Sonnenuntergang kann er beliebig über seine Zeit verfügen, was er oft auf die erwähnte Art tut.

Da es dem Neger nicht erlaubt ist, ein Gewehr zu führen, so darf sich das Eichhörnchen keck vor seinen Augen auf einem hohen Aste wiegen, mit dem Schweife wedeln und ihn herausfordern. Der Hase kann ihm durch Schnelligkeit entgehen und der wilde Truthahn ungestraft ihn mit seinem unaufhörlichen Kollern ärgern. Aber der Waschbär kann ohne Gewehr getötet, überholt und auf einen Baum getrieben werden. Der Gebrauch einer Art ist dem Neger nicht untersagt, und niemand versteht besser damit umzugehen als er. Der Waschbär wird ihm deshalb in der Regel zur Beute, und er findet bei der Verfolgung desselben großes Vergnügen und gar manche freudige Aufregung, die seine langen Winternächte verkürzt und zuweilen einen hellen Lichtstrahl auf die düstere, trübe Einförmigkeit seines Sklavenlebens wirft. Ich hatte häufig an diesem eigentümlichen Vergnügen des Negers teilgenommen und manche wirkliche Waschbärjagd mitgemacht, aber die aufregendste von allen war doch die erste gewesen, bei welcher ich mitwirkte. Diese gab ich meinen Kameraden zum Besten.

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