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Lukas Gmür
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Eine weitere Geschichte aus dem Antigravgleiterzeitalter

2260: Ein weiteres Fest, das sich bis in das Antigravgleiterzeitalter gerettet hatte, nahte sich. Ueli Mulliqi, dessen Vorfahren vor 150 Jahren aus Albanien eingewandert war, bereitete sich in einer Holotrainingsstation in einem der vor 60 Jahren erbauten Gigawohntürmen in Auzelg (Zürich Schwamendingen) vor. Die aneinandergereihten, etwa 30 Tausend Stockwerke hohen Wohntürme hoben sich grotesk von den denkmalgeschützten und daher noch belassenen Reiheneinfamilienhäusern ab. Sie wirkten wie überdimensionierte, aneinandergereihte Bleistifte, aus einem teils durchsichtigen Material gebaut. Es wurde eine neue Art von Plexiglas verwendet, welche absolut umweltverträglich hergestellt wurde. Die Reiheneinfamilienhäuser wirkten, als wurden sie zu Museumszwecken aus weit zurückliegender Zeit herbeigebeamt, und tatsächlich wurde vor etwa zwei Jahren das Beamen von lebloser Materie entdeckt.

Das Schwingerfest, ein spätsommerlicher Anlass, sollte möglichst ohne neuzeitliche Hilfsmittel geschehen, denn die Gesetze für dieses urige Fest nach über tausend Jahren umzuschreiben, kam allen Schweizern wie ein Betrug vor. Außerdem würde dies aufgrund der Kompliziertheit die Bürokratie massiv steigern. Den Amtsschimmel derart zu frisieren, bedeutete für die meisten, das nostalgisch-urige Schwingerfest auf ein Schwingen 2.0 upzugraden. Zur Vorbereitung waren allerdings Holotrainings gestattet. Zur Zeit der Errichtung der Gigawohntürme wurde die Grenze für eine Anerkennung einer Stadt als Stadt erhoben: Nun musste eine Stadt 100.000 Bewohner haben, um eine Stadt zu sein. Zürich erfüllte diesen Standard längst. Größere, zu einer Gigawohnturmansammlung umgebaute Siedlungen wurden allerdings Hochbaustädte oder gar Kubikstädte genannt. So war etwa die Kubikstadt Neugoldregen eine Stadt in einer Stadt in einer Stadt. Selbst in den Bergen wurden Siedlungen, ja ganze Feriendörfer abgerissen, um durch Kubikstädte ersetzt zu werden.

Der neue Schwingerkönig 2260 wurde nun dieses Jahr ermittelt. 2259 war der Schwingerkönig Siegfried Kollu, Nachfahre von vor 160 Jahren eingebürgerten Türken aus der Kubikstadt Neukönitz in Bern. Der Austragungsort war für dieses Jahr im unter Denkmalschutz gestellten, sehr nostalgisch anmutenden Sportstadion St. Jakob in Basel.

 

Ueli Mulliqi lag mit gewaltigen Kopfschmerzen im Bett. Die Antigravmaßnahmen forderten auch bei ihm ihren Preis ein. Die Vorrichtungen, die sämtliche versteckten Antigravgeräte außer Kraft setzten, verursachten bei allen Anwesenden ein fürchterliches Brummen in Subinfrabassfrequenzen im Kopf. Zudem hatte er mit der Enttäuschung zu kämpfen, dass nicht er, sondern Kevin Blocher zum diesjährigen Schwingerkönig erkoren wurde. Tja, es ist halt doch ein Unterschied, ob man diesen Sport nur multivirtuell oder physisch ausübte. Multivirtuelles Trainieren kam zwar dank der Erfindung des Experiencehelms der Realität recht nahe, war aber nicht dasselbe. So wurden denn auch von jeder nostalgischen Sportart, die sich ins Antigravzeitalter hinübergerettet hatte, auch eine Holomeisterschaft errichtet. Dank Multivirtualdopinggadges musste daher auch eine Kommission gegen Antimultivirtualdoping erfunden werden. Sowieso wurden Berufe, die mit dem Multivirtuellen zu tun hatten, als am umweltfreundlichsten bezeichnet. Die Befürchtung, die zwei digitalen Revolutionen würden einen massiven Arbeitsplatzschwund bewirken, wurden nicht bewahrheitet. Ob dies weiterhin so bleiben sollte, wird die Entwicklung der Menschheit wohl zeigen müssen. Wir von der Redaktion Geschichten aus der zukünftigen Schweiz werden dranbleiben!