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Der Alte vom Berge – Kapitel 16

C. F. Fröhlich
Der Alte vom Berge
Oder: Taten und Schicksale des tapferen Templers Hogo von Maltitz und seiner geliebten Mirza
Ein Gemälde aus den Zeiten der Kreuzzüge
Nordhausen, bei Ernst Friedrich Fürst, 1828

XVI.

Eine schnell segelnde Galeere brachte die Gesandtschaft der Templer bald nach Kahira. Obwohl das Fest der Sarazenen noch nicht vorüber war, so zeigte sich der Sultan doch nicht abgeneigt, nach zwei Tagen ihre Bitten anzuhören.

In dieser Zeit wandelte Hugo durch die Straßen Kahiras und erstaunte über die schöne und feste Stadt, welche von dreifachen Mauern, tiefen Gräben und zahlreichen Türmen umgeben war. Eine nur geringe Besatzung und Lebensmittel in Menge war hinreichend, sie gegen das stärkste Heer jahrelang zu verteidigen. Der weiße Turm, am Meer liegend, diente dazu, Verbrecher höherer Klasse oder christliche Gefangene aufzubewahren. Hier war es auch, wo der Großmeister wohnte; doch war jedem Fremdling der Zutritt streng verboten, sonst hätte Hugo gern einen Besuch abgestattet, wo es sich sogleich gezeigt hätte, dass die Gesandtschaft unnütz sei.

Die Stunde der Audienz nahte. In ihren einfachen Rüstungen, worüber weiße Mäntel mit achteckigen blutroten Kreuzen hingen, lief die Gesandtschaft zu Sommerresidenz des Sultans.

Ein Führer erwartete sie bei einer Brücke, an welcher eine hohe Stange mit einem Menschenkopf aufgepflanzt war. Nicht ohne Erstaunen erkannte man ihn für den des Ex-Komturs.

»Gott ist gerecht«, sagte der Drapier, »dieser Schändliche verdiente eine solche Strafe.«

Nicht ganz ohne Furcht schritten sie über die Brücke. Ein Lorbeer- und Palmwäldchen, durch welches ein nur schmaler Weg führte, schützte sie gegen die heißen Strahlen der Sonne. Am Ende desselben stand eine herrliche Fontaine, an welcher sich der Führer der Templer, nach der Sitte des Morgenlandes, Hände und Füße reinigte. Die schönsten Blumen prangten hier auf dem Land und erfüllten die Luft mit balsamischem Geruch. Ein aus seidenen Stoffen verfertigtes Zelt, welches reichlich mit Gold durchwirkt war und auf dessen Spitze der Halbmond aus gediegenem Gold prangte, bot sich ihren erstaunten Blicken dar. Lauben, Grotten, Teiche, Badehäuser, Wäldchen und Blumenbeete wechselten miteinander bis zur Sommerresidenz des Sultans ab. Diese bestand aus einem nicht hohen Gebäude, welches auf 40 Marmorsäulen ruhte. Am Eingang standen einige große Sarazenen, welche die Fremdlinge verdrießlich betrachteten.

Der Führer sprach mit einem derselben, worauf er sich entfernte und in Begleitung eines Agas wieder erschien. Dieser betrachtete mit mordlustigen Blicken die Gesandtschaft und stieß mit Vorsatz Hugo auf die Seite. Dieser schwieg zwar, doch färbte die Glut des Ärgers seine Wangen. Indem stieß der Unverschämte ihn abermals so heftig, dass er fast auf die Erde stürzte. Nun war aber Hugos Geduld gerissen. Er packte mit der Stärke eines Löwen ihn am Genick und am Bein, und warf ihn verächtlich in einen nahen Teich, woraus er jedoch bald glücklich entkam.

Durch ein Zeichen der Wache stürzten wohl 60 Mann von der Leibwache auf die Templer zu, welche sich gezwungen sahen, ihre Schwerter zu ziehen.

Im Augenblick der höchsten Gefahr erschien der Sultan selbst am Fenster und rief mit zürnender Stimme herab: »Ehrt ihr so eine Gesandtschaft an den Sultan?« Erschrocken ließen die Krieger die Waffen sinken. Ungehindert betraten die Templer die Sommerresidenz.

Der Führer schien mit den Fremdlingen kleine Umwege zu machen, um ihnen alle Schönheiten zu zeigen. Endlich traten sie in das Gesellschaftszimmer, wo der Sultan mit seiner tief verschleierten Favoritin auf einer Ottomane saß, woran goldene und silberne Glöckchen hingen, welche bei der geringsten Bewegung liebliche Töne hervorbrachten. Mit über der Brust gekreuzten Armen traten die Templer sich tief verbeugend ein.

Der Sultan ging ihnen einige Schritte entgegen und fragte etwas barsch: »Was war die Ursache des Streites?«

»Der Aga hat mich zweimal so heftig gerammt, und zwar mit Vorsatz«, entgegnete Hugo schnell, »dass ich fast zur Erde stürzte; wofür ich den Aga in den Teich warf.« Nicht ohne Wohlgefallen betrachtete er den kecken Jüngling. »Ist die Aussage Eures Gefährten auch wahr?«, fragte er lächelnd.

Ein Allgemeines Ja und durch die Aussage des Führers noch bekräftigt, war die Antwort. Auf den Ton einer Glocke erschien ein Anführer von der Leibwache.

»Das Haupt des Agas auf eine Stange an der Brücke«, herrschte er ihn an, »und diejenigen der Leibwache in den schwarzen Turm, welche die Wehren gegen die Gesandten gezogen haben.«

»Lasst Gnade vor Recht ergehen, großer Sultan«, bat Hugo.

Aber dieser entgegnete: »Mein Wort nahm ich noch nie zurück und werde es auch heute nicht tun!« Indem richtete sich die verschleierte Schöne in die Höhe, um sich zu entfernen. »Bleibe hier, meine Mirza,« sagte der Sultan und ergriff recht freundlich ihr weiches Händchen.

Der Name Mirza brachte Hugos Blut in heftige Wallung. Sollte es eine andere Mirza als die seine sein? An Größe und Stärke glich sie ganz der seinen, aber wie sollte die so schnell aus Jerusalem hierher kommen und auch gleich die Favoritin des Sultans werden? Aber doch schien ihm dies möglich. Er stand da wie auf der Folter und wendete keinen Blick von ihr.

»Erhabener, mächtiger Sultan«, begann der Drapier, »wir haben so manches wahrhaft Große und Edle von dir gehört, weshalb wir auch im Namen der Templer die Bitte an dich wagen: Gib unseren Großmeister gegen ein Lösegeld die Freiheit. Wir wollen in Zukunft uns auch dankbar gegen dich beweisen.«

»Einen solchen charakterfesten Großmeister«, entgegnete der Sultan lächelnd, »hätte ich selbst gegen das höchste Lösegeld nicht freigegeben, wenn ihm das Glück nicht auf eine andere Art günstig gewesen wäre. Ich habe zwar für meinen Sohn ein sehr hohes Lösegeld an euch entrichten müssen, allein euer Großmeister hat von mir ohne Lösegeld bereits die Freiheit erhalten. Hier ist er!«

Bei diesen Worten öffnete der Sultan eine Tür, und in den Armen seiner Brüder lag der brave Großmeister.

»Aber«, begann nach einer Pause der Sultan scherzend zum Marschall Hugo gewendet, »du verwendest ja keinen Blick von meiner Gemahlin ersten Ranges?«

»Entschuldige, großer Sultan, wenn ich dies tat,« antwortete höchst verlegen Hugo.

»Du liebst vielleicht das weibliche Geschlecht«, fuhr er scherzend fort, »und darfst wegen deinem Gelübde die Gefühle des Herzens nicht laut werden lassen, weshalb man jedes Mädchen aus deiner Nähe verbannen müsste. Aber ich will dagegen handeln und dir meine Gemahlin, die du gewiss recht reizend finden wirst, zeigen.«

Bei diesen Worten hob er langsam den Schleier vom schönen Gesicht. Hugo erstarrte fast zur Bildsäule. Doch kaum hatte er wieder Luft in der Brust, so schrie er: »Mirza! Meine Mirza!« Er stürzte zu ihren Füßen nieder.

»Was ist das? Kennst du ihn?«, fragte der Sultan wütend seine Gemahlin.

»Ich … kenne ihn … ihn … nicht,« entgegnete sie verlegen und stotternd und sank außer sich auf eine Ottomane.

»Hugo was fehlt Euch? Seid Ihr rasend?«, fragten die Templer den Knienden.

»Augenblicklich verlasst dieses Zimmer«, herrschte der Sultan mit zorniger Stimme die Templer an, »dieser Jüngling aber bleibt zurück, ich will die Sache genau untersuchen!«

»Gnade! Gnade für den Wahnsinnigen«, flehten sie.

Der Sultan aber griff an seinen Degen, worauf sich die Templer zögernd entfernten.

Noch kniete Hugo auf derselben Stelle und sah wortlos zu der zagenden Geliebten.

Die schreckliche Stimme des Sultans brachte ihn wieder zu sich selbst. »Wo lerntest du meine Gemahlin kennen?«, fragte er.

»Wir beide wissen es und du musst es erraten« entgegnete Hugo, im höchsten Paroxysmus der Liebe, denn er wäre hier gern mit der Geliebten gestorben.

Aber schon hatte auch der Sultan die Klinge gezogen, um damit den Christen niederzuhauen, als seine Gemahlin mit flehender Stimme bat: »Erhöre mich, es waltet hier ein Missverständnis.«

Da sank wieder die Klinge des Sultans und heftig fragte er den sich eben aufrichtenden Templer: »Wer war der Vater meiner Gemahlin?«

Hugo zögerte mit der Antwort. Doch als ihn die Reizende selbst zur Antwort aufmunterte, da entgegnete er: »Deine Gemahlin ist die Tochter des fantastischen Alten vom Berge!«

»Treulose, du hast diesen Christen also eher geliebt, als mich!«, schnaubte er seine Gemahlin an und hob schon wieder den blinkenden Stahl.

»Beim Barte des großen Propheten Mahomed, ich bin unschuldig,« kreischte sie mit gerungenen Händen, »ich habe eine Zwillingsschwester, die auch Mirza heißt und mir ganz ähnlich sieht.«

»Glaubst du deinen Herrn und Gemahl durch Lügen äffen zu können?«, fragte der Sultan wie rasend.

Mit Würde und Ernst sprach nun Hugo:

»Großer Sultan! Ich glaube selbst, dass ich mich geirrt habe, denn bei meiner Reise hierher war meine Mirza noch in Jerusalem. Dies schwöre ich dir bei den Wunden meines Heilandes zu.«

Da legte sich der Zorn des Sultans etwas und verdrießlich blickte er zur Erde.

Hugo fuhr fort: »Die Mirza, welche ich meine, hat am linken Arme drei Warzen und eine Narbe von einem Hieb.«

Die Gemahlin des Sultans entblößte ihren Arm, wo man natürlich die Zeichen nicht fand. »Meine Schwester,« sprach sie, »wurde nicht wie ich, hier erzogen, sondern auf dem Libanon, wo mein Vater war. Auch soll sie stets den Christen sehr gewogen gewesen sein.«

»Ich will dies alles glauben«, fiel der Sultan ein, »aber der Templer, welcher seine Gelübde nicht treu hält, verdient den Tod und ich werde daher dem Großmeister alles mitteilen.«

»Glaubst du, ich fürchte den Tod?«, fragte Hugo spöttisch.

»Dass du ihn im Getümmel der Schlacht nicht fürchtest, sagt mir dein Heldenblick, aber …«

»Den Tod fürchte ich auf keine Art«, fiel Hugo ein, »doch höre meine Verteidigung. Gefangen vom Alten saß ich in einer Höhle vom Libanon und sollte entweder auf eine entsetzliche Art hingerichtet werden oder den Glauben meiner Väter abschwören. Da rührte mein trauriges Schicksal die Tochter des Alten. In dunkler Nacht löste sie meine Fesseln und rettete mich so vom schmählichen Tod. ›Denke mein‹, sagte sie beim Abschied zu mir. Seit dieser Zeit ist aus Dankbarkeit Liebe entstanden, denn aus Liebe zu mir, ist sie jetzt in Jerusalem und hat mir in einer heißen Schlacht das Leben gerettet. Wäre es daher nicht ganz schlecht und unedel von mir gehandelt, wenn ich nicht dankbar Mirza gegenüber sein wollte?«

Der Sultan schien nachzudenken, aber mit jeder Minute wurde seine Stirn glatter. »Dass aus Dankbarkeit Liebe entstanden ist«, begann er, »dafür kannst du nichts, und zeigt an, dass du ein gutes Herz hast, weshalb ich auch kein Wort an den Großmeister verraten will. Dass deine Mirza, aber nicht meine, selbst gegen ihre Glaubensbrüder streitet, ist nur durch die hohe Glut der Liebe zu entschuldigen. Du kannst deinen Brüdern folgen, aber meine Mirza zeige ich dir nimmer wieder!«

Bei diesen Worten zog er den Schleier über das Gesicht seiner Gemahlin und winkte ihm freundlich seine Entlassung zu. Hugo aber beugte, tief ergriffen von des Sultans Milde, ein Knie und entfernte sich dann mit einem langen Blick auf die Zwillingsschwester seiner Mirza.

 

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