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Des Teufels Sohn

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Der Spion – Kapitel 33

Balduin Möllhausen
Der Spion
Roman aus dem amerikanischen Bürgerkrieg, Suttgart 1893

Kapitel 33

Nach dem Friedensschluss

Zwei Tage blieben alle noch im Farmhaus beisammen. Dann traten Martin Findegern und Margaretha in des unermüdlichen Nicodemos Begleitung die Reise nach Kansas City an, um die Vorbereitungen zu Houstons Überführung dorthin einzuleiten. Das Wiedersehen der drei Geschwister war ein ergreifendes. Doch was auch immer die Stimmung trüben mochte; die Erfahrungen Markolfs, des einst so lebensfrohen trotzigen jungen Hünen: Keiner wagte mit einer Silbe daran zu rühren. Selbst Martin vermochte sich nicht zu den ihm sonst so geläufigen bissigen Bemerkungen emporzuschwingen. Es besänftigte ihn vollends die freundliche Ehrerbietung, mit welcher die beiden jungen Männer ihm stets begegneten und den von ihm unzertrennlichen Seltsamkeiten Rechnung trugen.

So vergingen vier Tage in stillem traulichen Beisammensein, als auch Houston, dessen Überführung Nicodemo, Oliva und der Arzt überwachten, eintraf und in den lichten Räumen eines Gasthofs untergebracht wurde. Der erste Blick auf ihn bestärkte Martin und Margaretha in der zuversichtlichen Hoffnung, dass er sich auf dem Weg einer zwar langsamen, jedoch vollständigen Heilung befinde. Eine Woche dauerte es darauf nur noch, bis man sich voneinander trennte. Es geschah zwei Tage, nachdem Oliva und Nicodemo in Gegenwart ihrer Freunde nach Landessitte von einem Notar gesetzlich vereinigt wurden. Maurus war zu seinem Regiment zurückberufen worden, wogegen Houston, Nicodemo, Oliva, Margaretha und Martin den nächsten Dampfer zur Reise nach St. Louis hinunter benutzten. Markolf wendete sich stromaufwärts. Alle goldenen Versprechungen Martins, alles Flehen und alle Tränen Margarethas prallten an seinem eisernen Willen ab. Den Vorstellungen der anderen begegnete er mit der Erklärung, nicht mehr unter glückliche Menschen zu gehören. Ferneren Versuchen, ihn zu beeinflussen, entzog er sich dadurch, dass er plötzlich verschwand. In einem hinterlassenen Schreiben bot er allen ein herzliches Lebewohl. Sein nächstes Ziel war die Mission in den Council-Bluffs. Mit sich trug er einen Brief von Maurus an Lydia, in welchem derselbe seinen Besuch für die ersten Tage nach dem Friedensschluss ankündigte.

Leichter, als man voraussetzte, legte Houston, der noch immer streng ans Lager gefesselt blieb, die Fahrt nach St. Louis zurück, wo die Heimkehrenden von Krehle bereits ungeduldig erwartet wurden. Hatte er doch in Gemeinschaft mit Kleopatra und Fegefeuer in dem Schneckenhaus alles zu einem würdigen Empfang hergerichtet.

Die ersten Besucher, welche die Heimgekehrten in dem Schneckenhaus empfingen, waren Nicodemo und seine junge Frau. In einem Gasthof wohnten sie, um dort den Frühling zu erwarten und bis dahin unter dem Beistand Alonsos ihre äußeren Verhältnisse zu ordnen. In der Stadt gedachte kaum noch jemand des plötzlich verschwundenen rätselhaften Spions. Noch weniger hätte man hinter der schönen jungen Frau mit dem ruhigen ernsten Wesen und dem häufiger zum Durchbruch gelangenden milden Lächeln, den einstigen verwegenen Vaquero gesucht. Manchen Abend verbrachten die beiden Gatten in dem Schneckenhaus, wo sie mit den liebgewonnenen Freunden sich an der fortschreitenden Heilung des Captains erfreuten. Politik wurde nur noch nebenbei getrieben, die Flagge nur noch zur Feier ganz besonders wichtiger Ereignisse gehisst. So gingen die Tage in patriarchalischer Ruhe dahin – die gelegentlichen Reibungen zwischen den beiden unverbesserlichen alten Knaben zählten nicht und auch derjenige erschien endlich, an welchem der Friedensschluss verkündigt wurde, die Menschen erleichtert aufatmeten und sich rüsteten, in regem Schaffen die dem mächtigen Reich geschlagenen Wunden zu heilen, die Spuren des brudermörderischen Krieges allmählich ganz zu verwischen.

Auf Martin Findegern übte der Friedensschluss insoweit eine tiefere Wirkung aus, als er die sich plötzlich dringlicher wiederholenden Angebote für sein Grundstück pfiffig berechnend gewissermaßen ablehnend erwog, um schließlich dessen bis an den Garten reichende Hälfte zu einem ungeahnt hoch hinaufgeschraubten Preis zu verkaufen. Dann aber begann auf der ihm gebliebenen Fläche vor dem Schneckenhaus eine Regsamkeit, wie sie zuvor kaum jemand dem als störrisch und einfältig verschrienen alten Sargfabrikanten zugetraut hätte. Da wurden Techniker und Baumeister zu Rate gezogen; da wurde vermessen und der Erdboden aufgewühlt; da wurden Steine und Balkenwerk zu Baugerüsten angefahren. Zwar geschah alles mit einem Eifer, als wäre jeder von dem Wunsch durchdrungen gewesen, das neue Wohnhaus baldigst herzustellen, ein Zeitpunkt, mit welchem Margarethas und Houstons Hochzeit zusammenfallen sollte. Der Frühling war da. Nordwärts zogen die befiederten Wanderer der Lüfte; südwärts nach der eigenen Heimstätte stand der Sinn Nicodemos und Olivas. Ihr nächstes Ziel war die Mündung des Arkansas, um von dort aus die Überlandreise nach dem vom Krieg verschont gebliebenen westlichen Texas anzutreten.

Der Dampfer, der sie stromabwärts entführen sollte, hatte aufgeheizt. Zum dritten Mal ertönte die Glocke, welche die Reisenden an Bord rief. Auf der Galerie standen Nicodemo und Oliva, immer wieder treue Grüße mit den Freunden aus dem Schneckenhaus austauschend.

Alle waren sie gekommen, ihnen ein von den innigsten Herzenswünschen getragenes letztes Lebewohl zuzurufen. Sogar Fegefeuer fehlte nicht. Als der Dampfer rückwärts in den Strom hinausglitt, um die Scheidenden binnen kürzester Frist dem Gesichtskreis der auf dem Ufer Versammelten zu entziehen, lebte Wehmut in allen Augen. In den getrübten Blicken offenbarte sich schüchtern die aus dem Herzen emporgesendete Frage nach der Möglichkeit des Wiedersehens. Die Bande, welche sich unter Gefahren und in den verhängnisvollsten Lagen zwischen den so verschiedenartigen Gestalten webten, reichten ja weit, weit über die Gegenwart hinaus.

 

*

 

Die grünenden Ebenen schmückten sich mit Blumen, in üppigem Laub prangten Baum und Strauch, als Maurus nach verhältnismäßig kurzer Fahrt vor den Council-Bluffs landete. Die Uniform hatte er bald nach dem Friedensschluss abgelegt. Ein wenig gebeugt und in ernste Gedanken versunken, folgte er langsam dem Weg zum Missionshaus hinauf. Vor seinem Geist schwebte Lydia. Wie sollte er sie wiederfinden? Welche Spuren hatte der schwerste Schlag, der sie hätte treffen können, bei ihr zurückgelassen, bei ihr, deren holde Erscheinung selbst in den widerwärtigsten Lagen sein Auge entzückte, seine Brust mit dem heißesten Sehnen erfüllte? Wo war ihr ursprünglicher Frohsinn geblieben? Wo nach den schmerzlichen Erfahrungen jene freundliche und doch so bange Hoffnung auf ein versöhntes Geschick, welche sie in den Stunden schwerer Prüfungen aufrechterhielt, ihren Mut stählte? Zufällig sah er auf. Die Blicke voraussendend, gewahrte er eine schwarz gekleidete Frauengestalt, die ihm von der Mission her entgegenkam. Durch das Eintreffen des Dampfers, damals dort noch eine Seltenheit, dazu bewogen, befand sie sich auf dem Weg, nach eingegangenen Briefen zu forschen. Über die Persönlichkeit der einsamen Wanderin nicht in Zweifel, beobachtete er klopfenden Herzens, wie dieselbe, das Haupt geneigt, in sinnender Haltung sich einher bewegte. Plötzlich blieb sie stehen. Aufschauend, war sie seiner ansichtig geworden. Eine Weile verharrte sie regungslos. Dann ihre Schritte beschleunigend, näherte sie sich bald so weit, dass er ihr Antlitz zu unterscheiden vermochte. Immer deutlicher traten mit dem Schwinden des zwischen ihnen bestehenden Raumes ihre so vertrauten Züge hervor. Tiefe Glut bedeckte dieselben. Ängstliche Erwartung sprach aus ihren guten Augen. Als sie ihm aber beide Hände entgegenstreckte, Maurus dieselben mit zärtlichem Druck ergriff und an seine Lippen hob, da belebte sich überwältigend die Erinnerung an die erschütternden Ereignisse, welche auf die Zeit ihrer Trennung entfielen. Heiße Tränen stürzten aus ihren Augen, heftiges Schluchzen wehrte ihr, den innigen Gruß des Freundes zu erwidern.

»Jetzt habe ich nur noch Sie allein«, brachte sie endlich vor tiefer Bewegung mühsam und kaum verständlich hervor. Im nächsten Augenblick ruhte sie still weinend an seinem Herzen.

 

*

 

Arm in Arm, eng aneinandergeschmiegt, wandelten sie zur Anhöhe hinauf. Nicht stürmisches Aufjauchzen der Herzen begleitete den Austausch ihrer Empfindungen. An dessen Stelle erfüllte sie das ernste, beseligende Bewusstsein, einander anzugehören, bis in die Ewigkeit hinein. Zur Wehmut milderte sich der Schmerz um unwiederbringlich Verlorenes.

In geringer Entfernung lag das stille Missionshaus, wo man ihre Nähe noch nicht ahnte, vor ihnen. Durch die geöffneten Fenster der Halle drang die belehrende Stimme Mac Kinneys zu ihnen heraus. Maurus blieb stehen. Vor Lydia hintretend, zog er sein Taschenbuch hervor.

»Eure schmerzliche und doch tröstliche Aufgabe möchte ich erfüllen, bevor wir mit unseren Freunden uns vereinigen«, sprach er bewegt, indem er das Buch öffnete und Lydia reichte. »Ein wohlwollendes Geschick hat es gefügt, dass ich unbefangen Sie mit den letzten Worten eines teuren Verstorbenen vertraut machen darf.«

Lydia senkte die Blicke auf das bezeichnete Blatt. Zwischen Tränen hindurch las sie die mit einem von unsicherer Hand geführten Bleistift geschriebenen, notdürftig zu entziffernden Worte:

Lydia, meine Tochter, mein einziges Kind. Ich segne dich mit meinem letzten Atemzug. Traure nicht zu sehr um mich. Was der Herr tut, ist wohlgetan. Captain Durlach, mein treuester Freund und Gefährte, wird dir diese Worte zutragen. Er ist der Einzige, dem ich dich anvertrauen möchte. Ich kenne ihn und seine Zuneigung zu dir. Kannst du ihm freudigen Herzens zum Traualtar folgen, so wird mein Segen euch begleiten immerdar – lebe wohl …

Nachdem Lydia geendet hatte, küsste sie die Schrift. Nach einem fragenden Blick in Maurus‘ Augen behielt sie das Buch.

»Wenn er das noch erlebt hätte«, sprach sie leise. Ihre Stimme zitterte vor Wehmut. »Aber er wusste, dass ich nur dem Besten aller Männer meine ganze Zukunft anvertrauen würde. Sein Segen gilt uns beiden, wenn er nur das noch erlebt hätte.« Ihren Arm wieder in den Maurus‘ legend, wandelten sie schweigend ihrem nahen Ziel zu.

Nachdem sie bei Mac Kinney und den seinen eingetreten waren, behauptete die Freude des Wiedersehens zwar ihre Rechte, allein auf den Gemütern ruhte es dennoch wie ein trüber Schatten. Der Name Daisy schwebte auf allen Lippen, verriet sich in allen Augen. Die liebliche Wiesenblume der Council-Bluffs hatte sich zu tief in alle Herzen eingegraben. Sie konnte nicht vergessen werden. Ihr trauriges Ende, herbeigeführt durch unendliche Liebe, umwebte das Bild des holden bräunlichen Kindes mit der Glorie einer unschuldsreinen Märtyrerin.

Markolf hatte auf seiner Reise in den Norden nur wenige Tage auf der Mission geweilt. Dann war er trotz des herrschenden strengen Winters in Begleitung seines Freundes Kit Andrieux in die Wildnis am oberen Yellowstone River zurückgekehrt.

Bevor Maurus und Lydia ihre Reise stromabwärts antraten, hatte auf der Mission eine stille Feier stattgefunden. Sie galt ihrer Vereinigung für das ganze Leben, zu welcher Mac Kinney sie einsegnete. Über ihre gemeinschaftliche Zukunft waren sie noch nicht schlüssig geworden und gedachten daher, ihr vorläufiges Heim in St. Louis aufzuschlagen. Erst Martin Findegern, in dessen Haus sie täglich verkehrten, führte mit seinem praktischen Sinn eine Entscheidung herbei. Um dem Lydia zugefallenen reichen Landbesitz neuen und erhöhten Wert zu verleihen, drang er darauf, zunächst die Fabriken nebst Wohnhaus wiederaufzubauen, und zwar gediegener noch, als sie früher errichtet worden waren. Es sollte damit bewiesen werden, dass die umfangreichen Anlagen eines durchaus soliden Untergrundes nicht entbehrten. Maurus‘ und Lydias ernsten Bedenken begegnete er zu deren maßlosem Erstaunen mit der Erklärung, dass er gesonnen sei, um sein Vermögen gegen alle Wechselfälle zu sichern, ihnen achtzigtausend Dollar vorzuschießen und als erste Hypothek auf die Rutherfield’sche Besitzung eintragen zu lassen. Nicht minder erstaunten sie, als Martin Findegern, Krehle, Margaretha und Houston sie in das Sargmagazin führten, wo ihre Aufmerksamkeit durch eine vier Fuß breite und zwanzig Fuß lange sorgfältig zusammengefügte Plankentafel gefesselt wurde. Ein sauber ausgekehlter schwarz lackierter Rahmen umgab die glatte weiße Fläche. Auf dieser aber stand mit großen lateinischen Buchstaben geschrieben: Erste Möbelfabrik von Martin Findegern, Houston und Gebrüder Durlach. Außerdem unten rechts in der Ecke: Dr. Arminius Krehle fecit. Gegen das Gebrüder Durlach erhob Maurus zwar sehr bescheiden Einwendungen, indem er darauf hinwies, dass die Besitzung im Staat Kansas auf Jahre hinaus seine ungeteilte Aufmerksamkeit in Anspruch nehme, allein damit drang er bei dem begeisterten alten Sargfabrikanten nicht durch. Zunächst berief er sich darauf, dass Markolfs Übersiedlung in die Werkstatt nicht zu den Unmöglichkeiten gehöre, außerdem aber die Grethe allein schon ausreichend sei, mindestens ein halbes Dutzend Gebrüder Durlach zu ersetzen, und damit war die Sache erledigt.

 

*

 

Die Fundament-Mauern der umfangreichen Fabrikanlagen waren bereits über die Erdoberfläche hinausgewachsen, hundert Hände regten sich unter der Aufsicht erfahrener Meister, um den Bau zu fördern, als Maurus und Lydia endlich zu ihrem eigenen Heim aufbrachen, welches freilich erst, wie der Vogel Phönix, aus der Asche neu erstehen sollte.

Ob Martin Findegern, als er Markolfs gedachte, von einer dumpfen Ahnung beseelt gewesen, wusste er selbst nicht. Sicher ist nur, dass im Spätherbst – Wohnhäuser, Werkstätten und Magazine standen schon unter Dach – die Bewohner des Schneckenhauses eines Abends in ihrem traulichen Beisammensein durch den pflichtgetreuen Hobel aufgestört wurden und gleich darauf Markolf bei ihnen eintrat, Markolf selbst, wettergebräunt und in Leder gekleidet, wie er geraden Wegs vom Yellowstone heruntergekommen war. Während der stürmischen Begrüßung der Schwester und der warmen Freudenbezeugungen der anderen Anwesenden wich der tiefe Ernst zwar von seinem durch Mühen und Entbehrungen verhärteten und abgemagerten Gesicht, jedoch nur auf kurze Zeit. Dann beherrschte wieder ein Anflug von Schwermut seine einst vor Lebenslust gleichsam strotzenden Züge. Derselbe Ausdruck verließ ihn nicht, als er zur späten Stunde Martin Findegern noch einmal die Hand reichte und erklärte, dass ihm nach den bitteren Erfahrungen die Einsamkeit der Wildnis unerträglich geworden sei, er sich daher nach einer Umgebung und Beschäftigung sehne, bei welcher er weniger auf sich allein angewiesen, wie den Körper auch den Geist reger zu erhalten vermöge.

»Wozu die Tischlerei die beste Gelegenheit böte«, meinte Findegern, die Brauen hoch in die Stirn hinaufschraubend. Das Spitzbärtchen sanft ausreckend, spähte er erwartungsvoll in Markolfs Augen. Als dieser aber ein zustimmendes Zeichen gab, da sprang er auf. Markolf leidenschaftlich umarmend, beteuerte er in der gewohnten begeisterten Weise, dass eine kurze Lehrzeit genüge, ihn zu befähigen, gemeinschaftlich mit dem geschäftskundigen Houston als Mitinhaber an die Spitze der zu begründenden Fabrik zu treten, wozu alle Vorbereitungen schon getroffen seien. Nur die späte Stunde hinderte ihn, den wiedergefundenen Sohn, wie er ihn nannte, in das Sargmagazin zu führen und ihm das mit seinem Namen geschmückte prachtvolle Schild vorzustellen.

Mit einer Empfindung erwachenden heimatlichen Behagens stimmte Markolf allem zu. Wenn aber Martin eine derartige Wandlung der Gesinnung bisher stets bezweifelte, so erschien es Markolf unbegreiflich, nicht schon beim ersten Zusammentreffen mit dem groben Onkel, der von der Hand in den Mund zu leben behauptete, dessen goldenes Herz herausgefunden zu haben.

Trotz des dringenden Zuredens vonseiten des um ihn wunderlich zärtlich besorgten Onkels, lehnte Markolf eine längere Rast ab. Schon nach wenigen Tagen stand er zu Martins Entzücken in blauer Schürze hinter der Hobelbank, nach dessen weisen Belehrungen wie der nunmehr wieder vollständig arbeitsfähige Houston sich mit Hobel und Säge befreundend. Die Handgriffe, welche er sich während seines Aufenthaltes in dem an Hilfsmitteln armen Westen aneignete, kamen ihm dabei zustatten, sodass Martin darauf schwor, gleich beim ersten Anblick eine wahre Tischlernatur in ihm entdeckt zu haben. Seine Achtung vor dem stillen, freundlichen Neffen wuchs noch, als derselbe beim Ausmalen der Flurgänge und Treppenwände des neuen Wohnhauses Krehle eifrig zur Hand ging und dabei wirkliches Talent bewies, welches er schon auf den Schulen mit Vorliebe pflegte. Ob Krehle sein Übergewicht anerkannte, ist zweifelhaft; auf alle Fälle fasste er große Zuneigung zu ihm. Alle in die höflichsten Formen gekleideten Vorschläge Markolfs darauf berechnet, seine barocke Fantasie zu zügeln oder hier und da die bessernde Hand anzulegen, erklärte er für vortrefflich und seiner eigenen künstlerischen Seele entlehnt. Martin Findegern schwamm in einem Meer der Wonne. Es gipfelte darin, dass er Markolf die mit Pinsel und Palette verbrachte Zeit als hinter der Hobelbank verwertet anrechnete, wodurch zu aller heimlichem Ergötzen die als unerlässlich verschriene Lehrzeit erheblich abgekürzt wurde.

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