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Anne Boleyn Band 2 – Kapitel 12 Teil 1

Gräfin Luisa Mary von Robiano
Anne Boleyn
Historischer Roman, Constenoble, Jena 1867
Zweiter Band

12.
Katharinas Tod

Die letzten zwei Jahre der herben Kränkungen, Entsagungen und getäuschten Hoffnungen hatten den ohnehin so schwächlichen Körper der verstoßenen Katharina vollends gebrochen. Getrennt von ihrer geliebten Tochter und von dem immer noch zärtlich geliebten Gemahl, der aus blindem Zorn oder Fanatismus ihre liebsten Freunde einem schmachvollen Tod übergeben hatte, losgerissen von allen äußerlichen, weltlichen Banden, ruhte die edle Gestalt auf dem Todeslager. Nicht einmal der Trost eines geliebten Beichtvaters war der frommen Katholikin geblieben, denn Abell, der gelehrte, gottesfürchtige Priester, und Pater Forrest schmachten beide in elenden Kerkern des Towers. Ihr Verbrechen bestand in ihrer Liebe zur Königin und zum Papst. Sie weigerten sich, Heinrichs Obergewalt über die Kirche anzuerkennen. Anstatt ihrer war ein alter, schwacher, unwissender Priester zu dem hohen Posten ernannt worden. Von diesem glaubte Heinrich nichts befürchten zu müssen, aber einen blinden Gehorsam zu erwarten.

Katharina war nicht mehr in dem schönen Bugden, in dem Ort ihrer Wahl. Dort war sie zu, sehr vom Volk geliebt, um Annes Eifersucht nicht abermals zu erregen.

Man hatte sie nach Kimboltoncastle gebracht, zwar frei dem Namen nach, aber in der Tat als eine Staatsgefangene. Sir Edmund Bedingfield war der Schlossverwalter, zugleich aber der Gefangenwärter der hohen Frau, obwohl er sich als ein edler, christlicher Mann bewies, dessen Herz beim Anblick der trauernden Mutter oft blutete, der aber auch seine Pflicht als Heinrichs Untertan gewissenhaft erfüllte. Kein Verkehr mit der Außenwelt wurde der Königin gestattet, keine Korrespondenz zwischen ihr und den ausländischen Freunden. Ihre Haushaltung war ebenfalls eng zusammengeschmolzen. Sie bestand nur aus drei spanischen Jungfrauen, ihrem Arzt, ihrem Apotheker und dem Priester.

Neben ihrer Handarbeit bildeten die Religionsübungen Katharinas Unterhaltung. In der kleinen kahlen Kapelle kniete sie täglich stundenlang, betete und weinte oft laut. Das Mutterherz jammerte um das Kind ihrer Liebe, die Gattin bat hier den Himmel, dass er dem sündigen Gemahl vergeben wolle.

Aber die Zeit war gekommen, wo sie nicht mehr auf dem harten Stein vor dem Altar knien, nicht mehr das hölzerne, elende Bett verlassen konnte, auf dem sie seit langen Monaten zur Selbstkreuzigung ruhte.

Es war bereits Abend. Eine unheimliche Stille herrschte in dem großen Gemach, dessen Mauern aller Zierathen entbehrten. Katharina lag still mit geschlossenen Augen da, in ihren Händen ein schönes Kruzifix, das sie von Zeit zu Zeit andächtig an ihre Lippen presste.

Ihr zu Häupten saß eine der Spanierinnen, ein feines Tuch haltend, das sie oft auf die Stirn der Leidenden legte, denn es war mit wohlriechendem Wasser befeuchtet.

Die Königin unterbrach selbst die tiefe Stille, indem sie mit matter Stimme fragte: »Ist Sir Edmund noch nicht zurück?«

Die Dame war verlegen, aber antwortete bejahend.

»Warum kommt er denn nicht zu mir?«, fragte sie leicht gereizt. »Er muss doch wissen, wie ich mich nach Nachrichten von meiner Tochter sehne. Ruft ihn, Elma.«

Man gehorchte. Gleich darauf erschien die hohe, kräftige Gestalt des Gouverneurs vor dem Lager.

»Habt Ihr meinen Brief übergeben können?«, fragte sie ängstlich. »Habt Ihr den König selbst gesprochen?«

»Ja, Majestät«, antwortete achtungsvoll Sir Edmund, »ich wurde sofort vorgelassen und übergab das Schreiben.«

»Und die Antwort? Mein Kind, meine Tochter – wird sie kommen, Sir Edmund? Darf ich in ihren lieben Armen meinen Geist aushauchen?«

»Ich fürchte leider nicht, edle Frau, wenigstens jetzt nicht. Aber gebt die Hoffnung nicht auf. Immer wird die Trennung nicht währen.«

»Nein«, sagte Katharina mit einem verklären Blick nach oben, »denn es gibt ein Land des Lichts und der ewigen Liebe, wohin ich ziehe. Und dort sehen wir uns wieder. Aber ach, mein Gott, dass mein Gemahl mir diese letzte Bitte abzuschlagen vermag!«

»Es war wohl minder die Schuld Seiner Majestät«, sagte Sir Edmund, »denn er zerfloss in Tränen, als er Euren Brief gelesen hatte, und gab mir bereits Befehl, zur Prinzessin zu gehen. Da trat Lady Anne ins Gemach und …«

»Ich hatte nichts mehr zu hoffen«, sagte Katharina.

»So ist es, edle Frau.«

»Ah! Fluch dem bösen Weib!«, rief eine der Dienerinnen heftig aus.

»Die Heilige Jungfrau möge einst ihr Antlitz vor der Sünderin verhüllen«, rief Lisbetta Ammonia, eine zweite Dame.

Aber Katharina erhob sanft die Hand und sprach: »Still, Mädchen! Ihr wisst nicht, was Ihr sagt. Wir dürfen dem nicht fluchen, der sich Gottes Zorn zugezogen hat. Nein, betet, betet für sie, denn ein herbes Los wird ihr zuteil!«

»Eure Worte könnten sich als prophetische bewähren, hohe Frau«, sprach Sir Edmund sichtlich ergriffen, »denn ich habe allerlei am Hofe flüstern hören – und seltsame Dinge.«

»Worin bestanden sie, Sir Edmund?«

»Man will wissen, des Königs Liebe für Lady Anne sei bereits in der Abnahme und er dulde ihre Herrschaft nur noch in der Hoffnung eines Thronerben.«

»Worauf gründet sich diese Vermutung?«

»Auf seine sichtliche lebhafte Bewunderung für der Letzteren Ehrendame, Jane Seymour.«

»Jane Seymour, eine Freundin der Boleyn?«

fragte Katharina erstaunt, »die Tochter Sir John Seymours von Wolfshall?«

»Dieselbe, Majestät. Das Mädchen ist schön, obwohl nicht mehr jung, sie soll der Schwester Annes gleichen, der blonden Mary.«

»Arme Anne!«. sagte Katharina mitleidig. »Undank schmerzt so tief!«

»Sie soll sich sehr verständig in ihr Los fügen«, fuhr Sir Edmund fort, »obwohl sie kein Mittel unversucht lässt, um die Rivalin vom Hof zu entfernen. Es würde ihr wohl auch gelingen, wenn Jane nicht in Lady Rochefort eine kräftige Beschützerin hätte.«

»Lady Rochefort ist eine schlechte Frau«, sagte Lisbetta »aber sie hat wohl Grund dazu, Anne zu hassen, denn diese hält die Ehegatten aus Eitelkeit stets voneinander getrennt. Sie liebt ihren Bruder über alles, und Sir Rochefort betet sie förmlich an. Zu meinem Erstaunen aber erfuhr ich, dass Jane Seymour die intimste Freundin unserer teuren Prinzessin sei und ihre Gesinnung keineswegs verhehle.«

»Gott segne sie dafür!«, riefen die Umstehenden.

»Darum allein werfe ich keinen Stein auf die Seymour«, sagte Sir Edmund. »Ich setze viel Hoffnung auf ihren Einfluss über den König. Wer …«

Hier wurde der Redende durch einen Diener unterbrochen, welcher ihm meldete, dass Gäste am Schloss angeritten seien und nach Sir Edmund verlangten.

Dieser verließ sogleich das Gemach und begab sich über die große Wendeltreppe in die Halle hinunter. Als er auf die Schwelle des schweren, eisernen Portals trat, erblickte er zu seiner Verwunderung eine Dame, deren Begleitung in einem einzigen Diener bestand. Es war eine stürmische kalte Nacht, der Nordwind sauste durch die hohen Pappeln, der Regen fiel in Strömen herab und drohte die herbeigebrachten Fackeln auszulöschen. Sowohl die Dame selbst als auch das edle Tier, auf welchem sie ritt, waren in dem kläglichsten Aufzug. Scheinbar um sich gegen den Wind zu schützen, hatte die Reiterin ihren Schleier fest über das Gesicht gezogen und unter dem Kinn zugebunden, wodurch es unmöglich war, ihre Züge zu erkennen.

»Sir Edmund«, rief sie in heiterem Ton diesem zu. »Ich hoffe, Ihr seid barmherziger als Eure Diener, welche mich Arme so lange hier draußen stehenließen, bis sie Euch gerufen haben.«

»Wir haben strengen Befehl, niemand ohne besondere Erlaubnis des Königs im Schloss aufzunehmen«, sagte dieser verlegen.

»Wie, Sir? Ihr wollt behaupten, dass König Heinrich, der edelste Ritter der Christenheit, einer Dame Schutz und Obdach verwehren würde, wenn sie vor ihm stände? Ich komme von London, Sir, und werde Euch über meine Persönlichkeit und meine Mission beruhigen, sobald ich mich ein wenig von der anstrengenden Reise erholt habe.«

Bei diesen Worten warf sie den Zügel ihres müden Rosses demselben über den Hals, sprang ohne Hilfe von ihrem hohen Sattel herunter und trat in die schützende Vorhalle.

»Ah, hier ist es gut und behaglich«, sagte sie, »wenn man vierundzwanzig Stunden in Nässe und Sturm geritten ist.«

»Beliebt es Euch, in meinem Gemach eine Weile auszuruhen?«, fragte Bedingfield höflich, von dem sicheren, graziösen Benehmen der Fremden überrascht. »Sofort wird Euch ein warmes Zimmer bereitet, auch für den Diener Sorge getragen.«

»Ah! Ich sehe, Sir Edmund verdient das Lob, welches er überall bei den schönen Damen besitzt, dass er nämlich ein charmanter Kavalier ist und ein liebenswürdiger Wächter. Führt mich, wohin Ihr wollt, Sir, ich folge Euch gern.«

Sir Edmund lächelte geschmeichelt und bot der Dame nach üblicher Sitte die rechte Hand, um sie zum hohen Saal zu geleiten.

Ein helles Feuer loderte im altmodischen Kamin, neben dem zwei Sessel standen. Die Dame näherte sich der wohltätigen Flamme mit eiligem Schritt, hielt einige Minuten, lang die erfrorenen Hände über dieselbe und trocknete das dicke Kleid von schwerem Brokat.

Unterdessen brachte ein Diener auf Befehl seines Herrn einen Becher heißen Weines und kalten Braten, nebst Brotkuchen.

»Trinkt, Mylady«, mahnte Sir Edmund, in dem er der Fremden den Becher an die Lippen hielt. »Der Wein wird Euch guttun, vielleicht vor einer Krankheit bewahren.«

Die Dame lüftete ein wenig den Schleier und nippte vom Glühwein. Dann sagte sie ernsthaft: »Ihr nanntet mich soeben Mylady, Sir Edmund, hättet Ihr mich denn erkannt?«

»Dass nicht, allein ich mutmaße Euren hohen Stand nach Eurem Benehmen und dem edlen, schönen Zelter, den Ihr reitet.«

»Er ist aus dem Leibstall des Königs«, sagte die Dame, »und von spanischer Rasse. Ich möchte behaupten, das edle Tier habe gefühlt, wohin die Reise gehe – zu der alten Herrin, die es so oft getragen hatte, denn es war unermüdlich und nicht nach Art der schweren englischen Pferde.«

»Ah!«, sagte Sir Eduard erschrocken, »Ihr seid eine Freundin der verwitweten Kronprinzessin?«

»Ja, ich bin die Busenfreundin der unglücklichen Königin von England, Sir Edmund, denn diesen Titel führt sie noch bei allen edel denkenden Menschen im Adel und im Volk, ich bin Lady Willoughby.«

Bei diesen Worten löste sie den Schleier und zeigte das bekannte feine, edle Gesicht der Spanierin mit seinen dunklen, schmelzenden Augen.

»Mylady!«, sagte der Gouverneur, »Ihr kennt meine Befehle, sie sind streng, mein Leben hängt von meinem Gehorsam ab. Ich darf Euch nicht zu der Königin eintreten lassen.«

»Man sagt, sie sei krank, schwerkrank«, sagte Lady Willoughby.

»Sehr schwer«, erwiderte Sir Edward traurig, »und gern würde ich der Armen den Trost Eurer Gegenwart gönnen. Glaubt es mir, hohe Dame, auf mein Kavalierwort.«

»Ich glaube es, Sir, denn ich weiß auch, wie edel und zart Ihr Eure schwere Pflicht erfüllt habt. Gott segne Euch dafür. Nun macht Euch aber wegen meiner Anwesenheit keine Sorgen. Ich sah seine Majestät vor meiner Abreise. Er wird Euch nicht zur Rechenschaft ziehen.«

»Ich habe Feinde, Mylady, nur die eigenhändige Unterschrift des Königs kann Euch den Zutritt zur Kranken gestatten.«

»Ihr seid ein schlimmer Zweifler«, sagte Lady Willoughby mit einem schelmischen Blick. »Wartet daher noch bis morgen. In meinem Köfferchen, den der Diener verwahrt, sind meine Beglaubigungspapiere.«

»Dann habe ich nichts mehr zu sagen, als nur meine hohe Freude über Eure Ankunft zu bezeigen«, erwiderte der Edelmann vergnügt. »Wir wollen es uns angelegen sein lassen, dem schönen Gast den Aufenthalt in diesen öden Mauern so angenehm wie möglich zu machen.

»Ich verlange kein höheres Glück auf Erden mehr, Sir Edward, als die Gegenwart meiner geliebten Herrin. Aber ich bin müde, Sir, erlaubt, dass ich mich zurückziehe.«

»Ich werde Euch eine Dienerin der königlichen Gemächer senden, jedoch unter der Bedingung, dass Mylady noch ihren Namen verheimlicht.«

»Das wird keine Schwierigkeiten haben«, sagte Lady Willoughby, sich von ihrem Sessel erhebend, »denn die alten, treuen Diener sind ja verbannt, die neuen kennen mich nicht.«

»Erlaubt, dass ich die Pflicht des Hausherrnerfülle und Euch in Euer Zimmer führe«, sagte Sir Edmund, ergriff den hohen silbernen Leuchter mit der großen Wachskerze und ging als Seneschall der Dame durch den langen Gang voran.

»Ich hoffe, Ihr werdet eine gute Nacht haben«, sagte er, an der Tür eines Gemaches haltend, wo der Diener Lady Willoughbys stand. »Keinesfalls werdet Ihr von Menschen beunruhigt werden, denn die Zimmer der Königin liegen auf der entgegengesetzten Seite des Schlosses. Wenn Ihr Euch jedoch fürchtet, Mylady, so behaltet die Dienerin bei Euch, welche ich Euch senden werde.«

»Ich werde von Eurem Anerbieten Gebrauch machen«, sagte Lady Willoughby, »denn hier ist es schaurig und gespensterhaft«, fügte sie hinzu, einen scheuen Blick um sich werfend. »Dieses Schloss sieht aus wie ein Gefängnis oder ein großer Sarkophag! Gute Nacht, Sir Edmund.«

Sie trat hierauf in das Zimmer ein, Ihr Diener folgte, einen leichten Mantelsack tragend.

»Hast du etwas ausgekundschaftet, John?«, fragte Lady Willoughby rasch und mit leiser Stimme, als sie allein waren. »Weißt du, wo sie liegt und den Weg in ihr Gemach?«

John nickte vergnügt. »Habe alles erfahren, Mylady! Die armen Leute hier im Schloss führen ein entsetzlich langweiliges Leben. Es darf niemand ins Haus, und sie selbst dürfen nur in das nächste Dorf gehen, um die Lebensmittel herbeizuholen. Da ist ihnen meine Wenigkeit wie ein helles Licht in der Nacht erschienen. Ich habe viel vom Hof erzählen müssen und dann auch viel von ihnen gehört.«

»Rede schnell, ehe die Dienerin kommt!«

»Ihre Majestät ist sehr krank, wirklich sterbend«, sagte John.

»Gerechter Gott, wie unbegreiflich sind deine Wege!«, sagte Lady Willoughby. »Die fromme Frau, die ihr Leben lang den Himmel geliebt hat, erliegt der Bosheit einer Sünderin. Oh, wie froh bin ich, dass ich gekommen bin! In meinen treuen Armen soll die Unglückliche wenigstens sterben!«

»Man wundert sich nicht genug darüber, dass man uns hereingelassen hat«, sagte John ängstlich. »Sir Edmund soll in diesem Punkt sehr hart sein. Mylady, ich fürchte …«

»Sei außer Angst, guter Bursche! Was können sie mir tun? Nötigenfalls mich in den Tower werfen? Meinetwegen! Jenes finstere Gebäude hegt edlere Opfer, als ich sein werde. Im Tode endet nur dieses Leben, nicht auch die Seele. Du kennst also den Weg in die königlichen Gemächer?«

»Ja, Mylady, er ist nicht schwer zu finden, glaube ich. Ich werde im Gang auf Euch warten und Euch sicher führen, sobald der Gouverneur sich zur Ruhe begeben hat.«

»Gut, lieber John. Sobald das Mädchen schläft, erwarte mich. Still! Ich höre jemand.

Geh jetzt auf deinen Posten.«

»Wendet Euch rechts ab, Mylady«, flüsterte John. »Unter der zweiten Säule findet Ihr mich.«

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