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Abenteuer des Captains Bonneville 20

Washington Irving
Abenteuer des Captains Bonneville
oder: Szenen jenseits der Felsengebirge des fernen Westens
Verlag von J. D. Sauerländer. Frankfurt am Main, 1837

Neunzehntes Kapitel

Vorsicht in gefährlichen Engpässen. Verteidigungsweise der Biberfänger auf der Prärie. Ein geheimnisvoller Besuch. Ankunft im Green River Valley. Abenteuer der Abteilungen. Der verlorene Parteigänger. Erzählung seiner Unglücksfälle.

Da die Route des Captains Bonneville durch den vermeintlich gefährlichsten Teil der ganzen gefahrvollen Region ging, so nahm er seine Maßregeln mit militärischer Geschicklichkeit und beobachtete die strengste Vorsicht. Wenn er sich auf dem Marsch befand, so wurden immer Kundschafter vorausgeschickt, um die ganze Gegend zu durchspähen, durch die sie zu kommen hatten.

Die Lagerplätze wurden mit der größten Sorgfalt gewählt und bei Tag und Nacht eine beständige Wache unterhalten. Die Pferde wurden bei Nacht eingetan, an Pfähle gebunden und mit Tagesanbruch eine Partie abgeschickt, um die Nachbarschaft auf eine halbe Meile in der Runde zu durchspähen sowie jeden Hain und jedes Gebüsch zu durchsuchen, worin sich ein lauernder Feind versteckt halten konnte. Wenn es hieß, das alles sicher sei, so wurden die Pferde losgelassen und auf die Weide getan. Würden solche Vorsichtsmaßregeln im Allgemeinen von Handelsleuten und Jägern beobachtet, so würden wir nicht so oft von Partien hören, die von den Indianern angegriffen wurden.

Nachdem wir die militärische Anordnung des Captains angeführt haben, so mag hier der Weise der Verteidigung auf der offenen Prärie erwähnt werden, wie sie uns ein alter Veteran des indianischen Handels beschrieben hat.

Wenn sich eine Partie von Biberfängern mit einer Ladung von Waren oder Pelzwerk auf der Reise befindet, so hat ein jeder Mann drei Packpferde unter seiner Obhut, deren jedes mit drei Packen beladen ist. Ein jeder Mann ist mit einem, mit Eisen beschlagenen Pfahl, einem Tragesack und Leit- oder Sprungriemen für die Pferde versehen. Die Biberfänger ziehen, eine lange Reihe oder Linie bildend, über die Prärie. Bisweilen bilden sie auch drei Reihen, die hinlänglich voneinander entfernt sind, um das Anstoßen der Packen zu vermeiden. Wird ein Alarm gegeben und es ist kein bedeckter Ort bei der Hand, dann schwenkt sich die Linie so, dass sich die Front, einen Kreis bildend, an den Nachtrab anschließt. Sodann steigen alle ab, treiben im Zentrum des Kreises ihre Pfähle in den Boden ein, befestigen die Pferde daran und binden ihnen die Vorderbeine zusammen, sodass sie im Falle eines Lärmens nicht entspringen können. Sie laden solche dann ab und verwenden ihre Packen, um die Peripherie des Kreises mit einer Brustwehr zu versehen, sodass jeder Mann neun Packen hat, hinter welchen er sich schirmen kann.

In dieser schnell gebildeten Feste erwarten sie den Angriff des Feindes und sind imstande, zahlreichen Indianerhorden Trotz zu bieten.

In der ersten Nacht seines Marsches lagerte sich Captain Bonneville an der Henrys Fork, die ein oberer Arm des Snake River ist und nach dem ersten amerikanischen Pelzhändler genannt wurde, der ein Fort jenseits der Gebirge anlegte. Ungefähr eine Stunde, nachdem alle zu einem Halt gekommen waren, hörte man Hufschläge. Eine einzelne Frau vom Stamm der Nez Percé kam angesprengt. Sie ritt einen Mustang oder ein halb wildes Pferd, welches sie mit einem langen Seil regierte, das sie als einen Zaum um die untere Kinnlade geschlungen hatte. Sie stieg ab, ging schweigend in die Mitte des Lagers und setzte sich, ihr Pferd an der langen Halfter haltend, auf den Boden nieder.

Die plötzliche und einsame Erscheinung dieses Weibes, als auch ihr ruhiges, dennoch entschlossenes Benehmen erweckte die allgemeine Neugierde. Die Jäger und Biberfänger sammelten sich um sie und blickten sie wie ein geheimnisvolles Wesen an. Sie blieb still, behielt aber ihre ruhige und besonnene Miene bei.

Captain Bonneville näherte sich ihr und fragte sie über die Absicht ihres geheimnisvollen Besuches. Ihre Antwort war kurz oder ernst.

»Ich liebe die Weißen; ich will mit ihnen gehen.«

Sie wurde sofort eingeladen, ein Zelt einzunehmen, von dem sie willig Besitz nahm, und wurde von dieser Zeit an als eine zum Lager gehörige Person betrachtet.

Wahrscheinlich infolge seiner militärischen Vorsichtsmaßregeln führte Captain Bonneville seine Partie sicher durch diese gefahrvolle Region. Es ereignete sich kein Vorfall unglücklicher Art, mit Ausnahme, dass ein Pferd verloren ging, das, indem sie am schwindelnden Rand eines Abgrundes vorbeikamen, welcher das Cornice genannt wird, und ein gefährlicher Pass zwischen der Jacksons- und Pierre’s Hole ist, über den Rand stürzte und zerschmettert wurde.

Am 13. Juli 1833 kam Captain Bonneville am Green River Valley an. Als er in das Tal kam, sah er es nach allen Richtungen hin mit Büffelgerippen bestreut. Offenbar waren die Indianer erst kürzlich und in großer Anzahl hier gewesen. Über den Anblick beunruhigt und fürchtend, dass hier nicht alles ganz sicher sei, ließ er Halt machen. Sobald es dunkel geworden war, schickte er Kundschafter zu seinem Versammlungsort am Horse Creek ab, wo er am folgenden Tag mit seinen abgeschickten Fängerpartien zusammentreffen wollte.

Die Kundschafter kamen früh am Morgen in das Lager zurück und mit ihnen drei Biberfänger von einem seiner Trupps am Versammlungsort, die ihm erzählten, dass ihn seine Leute dort alle erwarteten. Was die Niederlage unter den Büffeln anbelangte, so war solche von einer Bande freundlich gesinnter Shoshoni angestellt worden, die mit einer seiner Fangpartien zusammengetroffen waren und sie bis zu ihrem Versammlungsort begleitet hatte.

Nachdem sie diese Nachricht mitgeteilt hatten, zapften die drei Ehrenmänner vom Zusammenkunftsort ein Fässchen Alkohol an, das sie mitgebracht hatten, um dieses fröhliche Zusammentreffen froh zu begehen. Das geistige Getränk ging schnell im Kreis herum. Man trank auf die Gesundheit abwesender Freunde. Die Partie brach hochbegeistert zum Sammelplatz auf.

Das Zusammentreffen verbündeter Trupps, die auf diesen gefährlichen Unternehmungen voneinander getrennt gewesen sind, ist immer interessant, da jede ihre Geschichten von Gefahren und Abenteuern zu erzählen hat. Dieses war der Fall mit den verschiedenen Abteilungen, die von Captain Bonneville abgeschickt worden waren und nun am Horse Creek zusammenkamen. Hier befand sich die Abteilung von fünfzig Mann, die er im vergangenen Monat November vom Salmon River abgeschickt hatte, um am Snake River zu überwintern. Sie hatten im Laufe ihrer Frühlingsjagd manche Widerwärtigkeiten erduldet und manchen Verlust nicht nur durch Indianer, sondern auch durch Weiße erlitten. Sie waren mit einer konkurrierenden, nebenbuhlerischen Partie von Biberfängern, besonders mit einer der Rocky Mountain Fur Trade, in Berührung gekommen und hatten lange Geschichten über die Mittel zu erzählen, die angewendet wurden, die Vorhand im Einkauf zu haben und sich einander Schaden zuzufügen. In der Tat waren in diesen heftigen und niedrigen Streitigkeiten die Biberfänger einer jeden Partie mehr darauf bedacht, ihren Nebenbuhlern Schaden zuzufügen, als zu ihrem eigenen Vorteil zu handeln, indem sie einander die Fallen zerbrachen, die Biberwohnungen zertraten und zerstörten, kurz, alles taten, was in ihrer Macht stand, einander eine glückliche Jagd zu verderben. Wir enthalten uns das Nähere dieser erbärmlichen Zwistigkeiten weiter auseinanderzusetzen.

Die traurigste Erzählung von Unglücksfällen jedoch, die der Captain Bonneville anzuhören hatte, war vonseiten eines Parteigängers, den er im verflossenen Jahr mit zwanzig Mann abgeschickt hatte, in der Umgebung des Gebietes der Crow und an den Nebenströmen des Yellowstone River zu jagen, von wo er sich zu ihm in sein Winterlager am Salmon River begeben sollte. Dieser Parteigänger erschien am Sammelplatz ohne seine Leute. Er hatte eine höchst betrübte Erzählung von seinen Unglücksfällen zu machen.

Während er im Gebiet der Crow jagte, kam er mit einem Dorf dieses Stammes, dessen Einwohner bekannte Schurken, Betrüger, Pferdediebe und Erzstraßenräuber der Gebirge sind, in Berührung. Diese verlockten die meisten seiner Leute zu desertieren, Pferde, Fallen und Kleidungsstücke mitzunehmen. Wenn er versuchten sollte, sich der Ausreißer zu bemächtigen, so suchten die Krieger der Crow Händel mit ihm, erklärten die Ausreißer für ihre guten Freunde, die entschlossen wären, unter ihnen zu bleiben, und welche sie nicht behelligen ließen. Der arme Parteigänger war daher gezwungen, seine Vagabunden unter diesen Vögeln gleicher Art mit ihnen zu lassen. Da er zu schwach zum Versuch war, den gefährlichen Gebirgspass zu passieren, um mit Captain Bonneville am Salmon River zusammenzukommen, so begab er sich mit einigen wenigen seiner Leute, die ihm treu geblieben waren, in die Nähe von Fort Tullock am Yellowstone River, unter dessen Schutz er in die Winterquartiere ging. Er fand bald, dass die Nähe des Forts ebenso schlimm wie die Nachbarschaft der Crow war. Seine Leute stahlen sich beständig von dort weg und nahmen an Biberfellen mit, was sie heimlich wegbringen konnten oder ihnen unter die Hände kam. Diese tauschten sie an die Schmarotzer des Forts gegen Whisky aus und pflegten dann sich zu betrinken und zu schwelgen.

Der unglückliche Parteigänger tat einen anderen Schritt. Ein Paar freie Biberfänger unter seine Leute nehmend, die er in der Nähe des Forts angetroffen hatte, brach er frühzeitig im Frühling auf, um an den Quellen des Powder River Biber zu fangen. Im dem Laufe seiner Reise wurden seine Pferde, indem sie ein steiles Gebirge überstiegen, so abgemattet, dass ihn dies veranlasste, sie über Nacht grasen gehen zu lassen. Der Ort war einsam, der Pass schroff. Es fand sich auch nicht eine Spur von einem Indianer in der Umgegend, kein Grashälmchen, das von einem Fußtritt niedergetreten gewesen wäre.

Allein wer kann auf Sicherheit rechnen mitten im Land der Indianer, wo der Feind in der Stille der Verborgenheit lauert und auf den Schwingen des Windes zu kommen und zu gehen scheint? Die Pferde waren kaum losgelassen worden, als ein Paar Krieger der Arikaree in das Lager kamen. Sie affektierten ein offenes, freundliches Benehmen, allein ihr Anblick und ihre Bewegungen erweckten den Argwohn einiger Veteranen der Biberfänger, die mit der List der Indianer wohl bekannt waren. Überzeugt, dass sie Spionen und zu irgendeinem treulosen Zweck abgeschickt seien, nahmen sie solche in Verwahrung und beschäftigten sich eben, die Pferde in das Lager zu treiben. Es war jedoch schon zu spät. Die Pferde waren bereits fort. In Wahrheit war ihnen eine Kriegspartie der Arikaree mehrere Tage lang auf der Spur gefolgt, mit der Geduld und der Indianern eigenen Ausdauer, den Augenblick der Nachlässigkeit und eingebildeten Sicherheit erspähend, um einen guten Fang zu tun.

Die beiden Spione waren offenbar in das Lager geschickt worden, um die Aufmerksamkeit abzulenken, während ihre Verbündeten sich mit der Beute davon machten.

Der unglückliche Parteigänger wurde so seiner Pferde beraubt. Wütend gegenüber seinen Gefangenen befahl er, ihnen Hände und Füße zu binden und schwor, sie umbringen zu lassen, wenn ihm sein Eigentum nicht wieder zurückgestellt würde. Die Räuber, die bald merkten, dass sich ihre Spione in Gefangenschaft befanden, erschienen nun zu Pferde und unterhandelten. Der Anblick derselben, auf den von ihnen gestohlenen Pferden beritten, setzte die Biberfänger in Harnisch. Allein es war nutzlos, sie anzugreifen, da sie nur ihre Pferde umzukehren und außer den Bereich der Fußgänger davonzueilen brauchten.

Es wurde nun ein Vergleich versucht. Die Arikaree erboten sich, was sie für ein gutes Gebot hielten, ein oder selbst zwei Pferde für einen Gefangenen zu geben. Die Gebirgsjäger wiesen ihr Erbieten verächtlich ab und erklärten, dass, wenn sie nicht alle Pferde zurückgäben, die Gefangenen verbrannt werden sollten. Um ihrer Drohung Gewicht zu geben, wurde ein Holzstoß von Scheiter und Wellen aufgerichtet und angezündet. Die Unterhandlung dauerte fort. Die Arikaree ließen ein Pferd los, dann ein zweites als Draufgabe auf ihren Vorschlag. Da sie aber fanden, dass nichts als die Hinterlassung der ganzen Beute das Leben der Gefangenen erkaufen konnte, so überließen sie solche ihrem Schicksal und begaben sich unter vielen Worten beim Abschied und einem kläglichen Geheule weg. Da die Gefangenen sie wegeilen sahen und wussten, welches erschreckliche Schicksal sie erwartete, so machten sie eine verzweifelte Anstrengung, um zu entkommen. Es gelang ihnen beinahe, sie wurden aber schwer verwundet und wieder ergriffen, dann zu dem flammenden Holzstoß geschleppt und im Angesicht ihrer sich entfernenden Kameraden verbrannt. Dieser Art sind die rohen Grausamkeiten, die weiße Menschen begehen lernen, welche unter den Wilden leben. Dieser Art sind die Taten, die zu einer furchtbaren Vergeltung vonseiten der Indianer führen. Sollten wir von irgendeiner Grausamkeit hören, welche die Arikaree an den weißen Menschen verübt haben, so möge man sich erinnern, auf welche empörende Weise sie erst neuerlich dazu gereizt worden sind. Individuelle Vorfälle dieser Art leben in dem Gedächtnis des ganzen Stammes fort, und es ist sowohl ein Ehren- als auch ein Gewissenspunkt, solche zu rächen.

Der Verlust seiner Pferde vollendete den Ruin des unglücklichen Parteigängers. Er wurde in die Unmöglichkeit versetzt, seine Biberjagd weiter zu verfolgen oder seine Brigade zu erhalten. Er konnte nur daran denken, wie er wieder in das zivilisierte Leben zurückkommen sollte. Am ersten Strom, den sie antrafen, bauten sich seine Leute Kähne aus Baumstämmen und überließen sich dem Strom. Einige verdingten sich in verschiedenen Handelsniederlassungen, an welchen sie vorbeikamen, andere kehrten zu ihren Niederlassungen zurück. Was den Parteigänger anbelangt, so fand er Mittel, um zum Sammelplatz am Green River Valley zu kommen, den er zur gehörigen Zeit erreichte, um dem Captain Bonneville diese traurige Erzählung seiner Unglücksfälle zu machen.

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