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Der Wolfmensch Dritter Teil – Kapitel 10

Elie Berthet
Der Wolfmensch
oder: Die Bestie des Gévaudan
Aus dem Französischen von A. Kretzschmar
Hartleben’s Verlags-Exedition. Pest, Wien und Leipzig, 1858.

Dritter Teil

Das Kästchen

Laroche-Boisseau trug seine reiche Uniform als Wolfsjägermeister. Er ging mit stolzem Schritt, hocherhobenem Haupt und lächelndem Mund wie ein Mann, der seiner sicher ist.

Hinter ihm kam ein Piqueur, der, nachdem er einen gut verschlossenen Kasten neben der Tür des Salons niedergesetzt hatte, sich auf ein Zeichen seines Herrn wieder zurückzog.

Alle Anwesenden waren verblüfft von der Dreistigkeit, womit der Baron in einem Haus erschien, wo man so viele Gründe hatte, ihn zu hassen und zu verachten. Die Schwester Magloire war dunkelrot vor Entrüstung und die hohlen Wangen des Chevaliers hatten eine grünliche Farbe angenommen. Leonce, der zwischen widerstreitenden Empfindungen geteilt war, schien keiner Bewegung fähig.

Nur Fräulein von Barjac erlangte eben durch das Übermaß ihrer Aufregung die Würde wieder, welche ihr wenige Augenblicke vorher Leonce gegenüber untreu geworden war.

Sie hatte sich erhoben. Während der Baron sie begrüßte, sagte sie in ironischem Ton: »Graf von Varinas! Was bedeutet, Monsieur, diese Art und Weise, Euch bei mir ankündigen zu lassen? Hofft Ihr vielleicht dadurch, dass Ihr einen neuen Namen annehmt, die Erinnerungen zu verwischen, die Ihr unter dem alten hier zurückgelassen habt?«

Laroche-Boisseau wurde trotz seiner Dreistigkeit durch die Schroffheit dieser Rede ein wenig aus der Fassung gebracht.

»O, reizendes Fräulein«, sagte er, indem er sich bemühte, zu lächeln, »ist es wohl großmütig von Euch, mich an ein Unrecht zu erinnern, welches Ihr mir verziehen und wofür ich so grausam bestraft worden bin? Was den neuen Titel und den neuen Namen betrifft, den ich jetzt trage, so gehört derselbe mir durch das Recht der Geburt. Und niemand kann mir ihn mehr streitig machen.«

»Also, Monsieur«, fragte die Schlossherrin, bei welche die weibliche Neugier Gefühle anderer Art einen Augenblick lang zum Schweigen brachte, »Ihr seid also schon im Besitz der Domänen Varinas?«

»Noch nicht, meine Schöne, aber es bleibt mir nur noch eine einfache Formalität zu erfüllen übrig, denn ich habe das Versprechen des königlichen Kommissars. Vielleicht würde selbst die Besitznahme schon gestern stattgefunden haben, wenn ich mich nach Frontenac begeben hätte, wie ich eingeladen war. Da mich aber dringende Geschäfte in hiesiger Gegend zurückhielten, so zog ich es vor, meinen bevollmächtigten Anwalt hinzuschicken, der meine Interessen gegen diese zürnenden Mönche besser zu verteidigen wissen wird, als ich. Mittlerweile habe ich, wie Ihr seht, den Titel und den Namen angenommen, welche mein rechtmäßiges Familienerbteil sind.«

Leonce konnte nun nicht mehr an sich halten.

»Dennoch aber scheint mir«, sagte er in trockenem Ton, »dass Ihr Euch sehr beeilt, Euch mit einer Eigenschaft zu schmücken, welche Euch dem Recht und Gesetz nach noch nicht zugehört.«

Laroche-Boisseau drehte sich rasch herum und sah Leonce an, als ob er ihn jetzt erst gewahrte.

»Ah, seid Ihr es, mein munterer Jagdgenosse?«, fragte er mit verächtlicher Vertraulichkeit. »Ich könnte Euch entgegnen, dass Eure Meinung nicht viel zur Sache tut, aber ich will nachsichtig gegen Euch sein, denn ich errate, aus welchem Grund Ihr in dergleichen Interessen interveniert. Nach Eurer Meinung beweist ohne Zweifel meine gegenwärtige Eigenschaft das Verbrechen derer, deren heimlichen Machinationen es gelungen war, mich ihrer so lange zu berauben. Vielleicht habt Ihr wirklich recht. Übrigens verzeihe ich einem Freund, den das Unglück bitter macht, sehr viel …«

»Einem Freunde, Monsieur? Ich wusste nicht, dass ich die Ehre habe, der Eure zu sein …«

»Seht Ihr? Während unsere Beziehungen so intim, so vertraulich gewesen sind? Indessen es mag so sein, wie Ihr wünscht. Mir liegt durchaus weiter nichts daran, das versichere ich Euch.« Er lachte höhnisch.

Leonce zitterte vor Zorn aber er gedachte wieder des dem Prior gegebenen Versprechens und sagte bei sich selbst: »Nein, ich will meinem unglücklichen Onkel nicht diesen Kummer bereiten. Ich werde ihm meinen Schwur halten, möge kommen, was da wolle.«

Laroche-Boisseau wollte vielleicht Leonce eine abermalige sarkastische Bemerkung zuschleudern, als der Chevalier seine Aufmerksamkeit ablenkte.

»Herr von Varinas«, sagte Magnac, indem er sich tief vor ihm verneigte, »scheint die Versprechungen vergessen zu haben, die er unter dem Namen Laroche-Boisseau gegeben hat. Aus diesem Grund hat er wahrscheinlich meine Botschaften nicht erhalten und auch nicht darauf geantwortet, wie es doch unter Edelleuten aus gutem Haus Brauch und Sitte ist. Jetzt aber halte ich mich an ihn und werde, mag er nun Varinas oder Laroche-Boisseau heißen, ihn nicht eher loslassen, als bis ich einige Worte spezieller Erklärung von ihm erlangt habe.«

Der Baron begann noch lauter zu lachen.

»Morbleu, mein fahrender Ritter, mein Verteidiger der Schönen, mein tapferer Paladin beleidigter Damen«, rief er, »Ihr seid in Euren Gedanken ganz verteufelt hartnäckig! Ohne Zweifel handelt es sich noch um den Forsthüter Fargeot und um die Freiheit, die ich mir nehme, ohne Eure Erlaubnis im Wald von Mercoire zu jagen, was weiß ich? Wohlan, wohlan, wir werden darauf zurückkommen. Und wenn wir den Zwist mit hölzernen Säbeln oder Degen von Pfefferkuchen entscheiden müssten, so sollt Ihr jedenfalls Satisfaktion haben, das verspreche ich Euch. Für den Augenblick aber nehmen andere und dringendere Angelegenheiten mich in Anspruch. Ich will vor allen Dingen Eure Herrin von dem Beweggrund zu diesem Besuch, der ihr durchaus nicht angenehm zu sein scheint, in Kenntnis setzen.«

»Wenn Herr von Laroche-Boisseau dies denkt, « sagte Christine kalt, »so ist es unverantwortlich von ihm, wenn er diesen Besuch verlängert.«

»Ihr begegnet mir sehr grausam, Fräulein. Indem ich hier erschien, setzte ich vollständiges Vertrauen auf die Verzeihung, welche Ihr mir so großmütig gewährt hattet.«

»Meine Verzeihung ermächtigte nicht zu Zudringlichkeiten. Doch beeilt Euch, mich vom Gegenstand Eures Besuchs in Kenntnis zu setzen. Ihr habt recht, wenn Ihr glaubt, dass diese Unterredung für mich sehr peinlich ist.«

Laroche-Boisseau war vielleicht infolge seiner besonderen Begriffe von den Frauen auf einen so unverhohlenen und hartnäckigen Widerwillen nicht gefasst.

Da er nicht sogleich antwortete, so sagte Magnac in seinem gleichgültigen, kalten Ton zu ihm: »Wohlan, mein Herr Baron oder Herr Graf, denn es fällt mir nicht ein, Eure Titel streitig machen zu wollen, habt Ihr nicht gehört? Fräulein von Barjac, meine edle Gebieterin, wünscht, dass Ihr sie so schnell wie möglich von dem Zweck Eures Besuches in Kenntnis setzt und dann …« Er zeigte mit dem Finger auf die Tür.

Laroche-Boisseau stampfte vor Wut mit dem Fuß.

»In Teufels Namen, alter Murrkopf«, rief er, »nehmt Ihr Eure Bedientenrolle wirklich so ernst? Wenn ich das dächte …«

»Monsieur«, unterbrach Leonce seinerseits in lebhaftem Ton, »Ihr vergesst Euch in Gegenwart und im Haus einer Dame. «

Laroche-Boisseau betrachtete mit funkelndem Blick die beiden Verteidiger Christines und schlug plötzlich ein neues schallendes Gelächter auf.

»Palsambleu, mein Fräulein, ich muss Euch Glück wünschen. Es möchte nicht geraten sein, im Schloss Mercoire Eurem Willen widerstehen zu wollen. Ihr habt da tapfere Verteidiger, die sich nicht entblöden würden, den Kecken zur Tür hinauszuwerfen, wenn man sie nur machen ließe. Aber es ist Zeit, mich zu erklären und zu versuchen, ob ich nicht einen Austausch der Rollen herbeiführen kann.«

Fräulein von Barjac, welche bis jetzt stehen geblieben war, setzte sich, an allen Gliedern zitternd. Magnac und selbst Leonce erwarteten, ihren persönlichen Groll vergessend, mit außerordentlicher Spannung, was der Baron sagen würde.

Dieser schien ein Vergnügen daran zu finden, die bange Erwartung möglichst lange dauern zu lassen. Endlich fragte er, indem er jedes Wort betonte: »Ihr werdet Euch erinnern, Fräulein, dass Ihr Euch durch einen Schwur verbindlich gemacht habt, den Jäger zu heiraten, welcher die Bestie des Gévaudan erlegt haben würde, vorausgesetzt, dass er nicht einem dienenden Stand angehöre.«

»Ich erinnere mich dessen«, entgegnete Christine mit matter Stimme.

»Und«, fuhr Laroche-Boisseau fort, »seid Ihr noch bereit, diesen Schwur zu halten oder werdet Ihr Eure Hand einem wackeren Mann verweigern, welcher Euer Versprechen ernst nehmend, Gefahren und Beschwerden getrotzt hat, um der gestellten Bedingung zu genügen?«

»Dieser Zweifel ist eine Beleidigung, Monsieur.«

»Wohlan denn«, rief der Baron triumphierend, »dann beanspruche ich für mich alle Vorrechte, welche dem Sieger des Tieres versprochen worden sind. Ich habe das Glück gehabt, gestern im Wald von Labeyssère das wütende Tier zu erlegen. Hier sind meine Beweise.«

Er holte den Kasten herbei, den sein Lakai neben der Tür niedergesetzt hatte, öffnete und zeigte den noch blutenden Kopf und die Klaue eines Wolfes.

Christine aber hatte nicht den Mut, diese scheußliche Trophäe zu betrachten. Sie hatte sich kraftlos in ihren Sessel zurückgeworfen.

Die anderen Anwesenden waren kaum weniger aufgeregt, obwohl sie auf dieses Ereignis gefasst sein mussten.

Leonce stand wie vernichtet da. Der Chevalier, dessen Begriffe stets etwas langsam waren, sah aus, als ob er über den Fall nachdächte, während Schwester Magloire Augen und Hände gen Himmel erhob und Gebete murmelte.

Keine von diesen Einzelheiten konnte Laroche-Boisseau entgehen.

»Aber«, hob er in spöttischem Ton wieder an, »wie es scheint, veranlasst mein Sieg hier gerade keinen unmäßigen Ausbruch von Freude! Und dennoch ist der Baron von Laroche-Boisseau, Graf und Herr von Varinas, keine zu verachtende Partie, da ja der Zufall irgendeinen elenden Wilddieb zum Schlossherrn von Mercoire hätte machen können.«

Es trat abermaliges Schweigen ein.

»Herr Baron«, sagte Leonce endlich mit Verzweiflung, »die Freunde des Fräuleins von Barjac können nicht alle Eure Behauptungen ohne nähere Untersuchung für wahr annehmen. Vor allen Dingen müsste auf unzweifelhafte Weise nachgewiesen werden, dass das Tier, dessen Kopf uns hier vorgewiesen wird, wirklich die Bestie des Gévaudan ist, und ich habe gewisse Gründe zu glauben …«

»Jeder Unbefangene braucht nur diese Beweisstücke ins Auge zu fassen«, hob Laroche-Boisseau wieder an, indem er auf die im Kasten liegenden Gegenstände zeigte. »Könnte wohl ein anderes Tier als die berüchtigte Bestie des Gévaudan diesen ungeheuren Kopf, diese furchtbaren Hauzähne, diese starken Klauen haben …«

»Und wer beweist uns«, fuhr Leonce fort, »dass Ihr, Monsieur, Ihr allein den Wolf, dessen Kopf Ihr uns hier vorzeigt, tödlich getroffen habt?«

»Man wird darüber Maître Legris, meinen Schützling, anhören. Obwohl er in diesem Augenblick mit mir schmollt und sich geweigert hat, mich hierher zu begleiten, so wird er doch nicht umhinkönnen, durch seine Aussage die Wahrheit meiner Worte zu bestätigen. Auch kann man noch meinen ersten Piqueur Labranche und die zahlreichen Bauern anhören, welche mir als Treiber dienten, als ich diesen glücklichen Büchsenschuss tat. Beruhigt Euch daher, Monsieur Leonce. Man wird alle nötigen Garantien denen liefern, welche das Recht haben, sie zu verlangen. Für den Augenblick handelt es sich bloß darum, zu wissen, ob Fräulein von Barjac ihren Schwur, selbst mir gegenüber, halten wird.«

Die arme Christine antwortete mit Anstrengung: »Ich werde ihn halten, Monsieur, sollte es auch mein Tod sein.«

Diese Form der Einwilligung schien nicht nach Laroche-Boisseaus Geschmack zu sein. Er machte eine bedeutsame Grimasse.

Leonce rief energisch: »Herr Baron, Ihr seid Edelmann. Ihr könnt ein solches Opfer nicht annehmen! Ihr müsst viel zu stolz, zu zartfühlend sein, um den Vorteil zu missbrauchen, den Euch ein glücklicher Zufall über eine junge Dame gibt, welche jeder Rücksicht und Schonung würdig ist. Sie liebt Euch nicht, das wisst Ihr. Sie würde ihre Hand nur, um ihr voreiliges Gelübde zu erfüllen, in die Eure fallen lassen. Könnte wohl eine unter solchen Bedingungen geschlossene Vermählung das Glück des einen oder des anderen Teiles sichern? Wäre sie nicht eine Schande, eine Lächerlichkeit für Euch? Entsagt daher großmütig dem Vorteil eines unüberlegten Versprechens. Die Würde Eures Namens und die Ehre gebieten es Euch in gleicher Weise.«

»Ja«, ergänzte Laroche-Boisseau mit Ironie, »und lasst den Platz einem gewissen kleinen Seladon frei, dem schmachtenden Helden einer jener Liebschaften, welche zuweilen zwischen einem Schüler und einer Pensionärin bestehen. Nicht wahr, Monsieur Leonce? In der Tat, wenn jemand dergleichen Hoffnungen gefasst hat, so könnte man keinen unfähigeren Anwalt finden, um mich zu bewegen, mich damit einverstanden zu erklären.«

Dieses Mal vermochten Leonces Entschlüsse, die Erinnerung an die seinem Onkel gegebenen Versprechungen, nicht mehr gegen die Wut standzuhalten, welche ihn erstickte.

»Baron von Laroche-Boisseau«, sagte er in festem Ton, »Ihr seid ein Nichtswürdiger. Die Liebe hat nichts zu tun mit Euren Absichten auf eine edle junge Dame, welche Euch hasst und verachtet. Das, was Ihr begehrt, ist ihr Vermögen, ihre schönen Besitzungen, weil Ihr darin die Mittel seht, Euer durch Eure Verschwendung und Ausschweifungen beschmutztes und geschwärztes Wappenschild wieder zu vergolden.«

Der Baron konnte einer so unmittelbaren und heftigen Beleidigung gegenüber seine verächtliche Kaltblütigkeit ebenfalls nicht länger bewahren.

»In Teufels Namen, Monsieur Abenteurer, « rief er, »das heißt, die Unverschämtheit zu weit treiben! Aber, wärt Ihr auch zehnmal von gemeinerer Herkunft, so werde ich Euch zwingen, die beleidigenden Worte, die Ihr soeben ausgesprochen habt, zu widerrufen.«

»Das wird nicht geschehen, Monsieur, im Gegenteil werde ich überall, wohin Ihr kommt, laut erzählen …«

»Genug Monsieur. Ohne Zweifel wollet Ihr durch das Übermaß der Beleidigung die Entfernung verwischen, welche uns trennt. Es ist Euch gelungen. Gehen wir, Monsieur, gehen wir sofort.«

»Endlich!« sagte Leonce.

Sie lenkten ihre Schritte schon zur Tür, ohne dass die halb ohnmächtige Christine die geringste Anstrengung zu irgendeiner Einmischung hätte machen können, als der Chevalier von Magnac ihnen mit größerer Lebhaftigkeit, als man von ihm hätte erwarten können, den Weg vertrat.

»Noch einen Augenblick, Messieurs«, sagte er in ernstem Ton, »so kann die Sache nicht gehen. Der Herr Baron oder vielmehr der Herr Graf gehört nicht mehr sich an. Ich habe schon längst mein Prioritätsrecht in Bezug auf ihn begründet und dieses Recht ist noch durch alle die übelklingenden Worte bestätigt worden, deren Herr von Laroche-Boisseau – ich wollte sagen, der Graf von Varinas – sich soeben bedient hat. Ich halte daher an meinem Vorrecht fest und da Herr von Laroche-Boisseau – ich wollte sagen, der Graf von Varinas – so gut aufgelegt und bereitwillig ist, so bitte ich ihn, mir die Ehre …«

»Herr von Magnac, ich beschwöre Euch«, sagte Leonce mit Energie, »erlaubt mir, die Beleidigungen zu rächen, welche mir und den Personen, die mir die teuersten auf der Welt sind, angetan worden sind! Ihr wisst nicht, wie viel Wermuth und Galle dieser unwürdige Mann in mein Herz geträufelt hat.«

»Zu meinem lebhaften Bedauern, Monsieur Leonce, kann ich hierin Euren Wünschen nicht nachgeben. Mir kommt es zu, die Beleidigungen zu züchtigen, die meiner jungen Gebieterin angetan worden sind. Dies gehört zu den Pflichten meines Amtes und übrigens müssen die Beschwerden einer Dame vor den Euren und den meinen den Vorrang behaupten. Es tut mir sehr leid, Euer Begehren zurückweisen zu müssen, aber …«

»Morbleu!«, unterbrach ihn Laroche-Boisseau wütend, »so kommt doch alle beide! Glaubt Ihr denn, dass ich mir viel aus einem von feigen Mönchen aufgefütterten jungen Gimpel und einem alten zahnlosen Narren mache, den die Lust anwandelt, sein verrostetes Käsemesser noch einmal aus der Scheide zu ziehen? Kommt, sage ich Euch! Allein oder einzeln werde ich beide Mores lehren – das verspreche ich Euch.«

»Wohlan! Entfernen wir uns vor allen Dingen«, hob Leonce wieder an. »In Gegenwart einer Dame kann diese Frage nicht entschieden werden.«

»Ja, ja, gehen wir«, sagte der Baron.

»Ich stehe zu Befehl, Messieurs«, sagte Magnac sich verneigend.

Fräulein von Barjac war endlich imstande, die Betäubung von sich abzuschütteln, in welche sie durch diesen tumultuarischen Auftritt versetzt worden war. Sie erhob sich rasch und indem sie die Schwester, welche sie zurückhalten wollte, von sich stieß, rief sie in gebieterischem Ton: »Bleibt, Messieurs, bleibt! Ich bitte Euch darum – ich befehle es, wenn meine Befehle hier noch von irgendwelchem Gewicht sein können.«

Die drei Männer blieben stehen. Nach einem Augenblick des Zögerns näherten sie sich mit langsamen Schritten der Schlossherrin.

»Ich bitte Euch, Messieurs, hört mich an«, sagte sie. »Ganz besonders an Euch wende ich mich, mein lieber Leonce, an den Gespielen meiner Kindheit, und auch an Euch, mein guter Chevalier, Ihr, der Ihr mir stets so viel Rücksicht und Aufmerksamkeit bewiesen habt. So lange ich mich widersetzen kann, werde ich nicht zugeben, dass Ihr um meinetwillen Euch mit Herrn von Laroche-Boisseau in einen tätlichen Zwist einlasst. Der Herr Baron scheint die durch mein Gelübde gestellten Bedingungen genau erfüllt zu haben. Der Preis, den er dafür zu beanspruchen kommt, kann ihm daher nicht verweigert werden. Ich darf nicht zugeben, dass meine Diener und meine Freunde dazwischentreten, um mich den Folgen eines voreiligen Versprechens zu entziehen, denn dann könnte man mich mit Recht anklagen, dass ich unwürdige Ausflüchte benutzte, um mein Wort zurückzunehmen. Ich fordere Euch daher auf, dieser Herausforderung, deren eigentliche Ursache ich bin, keine Folge zu geben. Jeder, der es täte, würde mein Feind werden.«

»Christine«, entgegnete Leonce, »dieser Mann hat sich gegen meinen Onkel und gegen mich der beleidigensten Ausdrücke bedient. «

»Er hat die Ehre des Hauses Magnac beleidigt«, sagte der Chevalier.

»Und setzt hinzu, Messieurs«, bemerkte Laroche-Boisseau in stolzem Ton, »dass ich nichts zurücknehme.«

Christine fuhr zu dem Chevalier und Leonce gewendet fort: »Versucht nicht, mich zu täuschen, meine guten Freunde. Meine Sache, aber nicht die Eure, ist es, welche Ihr verteidigen wollt. Verzichtet darauf, ich beschwöre Euch. Die furchtbare Lage, in der ich mich befinde, ist gänzlich mein Werk. Meine Unklugheit, meine verhängnisvolle Übereilung, meine übermütige Hartnäckigkeit haben alles getan. Ich allein muss daher auch die Strafe meines Fehlers tragen.«

Gleichzeitig führte sie jeden der beiden Gegner des Barons beiseite und schien die eindringlichsten Argumente aufzubieten, um sie von ihrem Vorhaben abwendig zu machen.

Beide stellten sich endlich, als ob sie ihren Bitten nachgäben, aber es war leicht zu erraten, dass sie die erste Gelegenheit benutzen würden, um den Streit zu erneuern.

Laroche-Boisseau hatte seine ganze Kaltblütigkeit wiedererlangt. Als er sah, dass Fräulein von Barjac ihren Zweck erreicht zu haben schien, sagte er lächelnd: »Ich danke Euch, meine Schöne. Das nenne ich rechtschaffen Wort halten! Lasst mich jetzt hoffen, dass diese Rechtschaffenheit das Vorspiel weniger feindseliger Gesinnungen gegen den künftigen Schlossherrn von Mercoire sein wird.«

Er küsste ihr die Hand.

»Schlossherr von Mercoire,« wiederholte Leonce. »Der seid Ihr noch nicht, Monsieur. Fräulein von Barjac hängt noch von erleuchteten und strengen Vormündern ab, deren Pflicht es ist, sie gegen die Ausschreitungen ihrer eigenen Großmut zu schützen. Nun müsste ich mich sehr irren, wenn bei den Vätern von Frontenac sich nicht genug Weisheit, Macht und Energie vorfinden sollte, um diese Heirat absolut unmöglich zu machen.«

»Glaubt Ihr das, mein Freund?«, fragte Christine lebhaft.

Leonce wiederholte seine Behauptung mit noch größerer Wärme.

»Morbleu, das werden wir sehen«, entgegnete der Baron mit seinem verächtlichen Lächeln. »Dieser gute junge Mann vergisst in seiner lebhaften Zuneigung zu den Mönchen von Frontenac, dass ihnen in diesem Augenblick der Kamm ein wenig gefallen ist und dass ihnen ein gewisser Bischof kürzlich die Nägel sehr kurz verschnitten hat. Ich werde sie festen Fußes erwarten, und wir werden ja sehen, welcher von ihnen es wagen wird, sich an mich zu machen. Wird es wohl der arme, schwachköpfige, an Gicht und Rheumatismus leidende alte Abt sein, der schon mit einem Fuß im Grabe steht? Oder vielleicht jener tapfere Vorkämpfer des Klosters, der gewandte, denkende Kopf der Brüderschaft, der geschickte, kluge, beredte Pater Bonaventura? Unglücklicherweise ist diese Sonne des Klosters gegenwärtig sehr verdunkelt. Der fromme Mann ist, der Ermordung eines armen kleinen Knaben angeklagt, in seine Zelle eingemauert, die er wahrscheinlich bald mit einem finstern, tiefen Kerker vertauschen wird.«

»Wisst Ihr das auch gewiss, Monsieur?«, fragte Schwester Magloire in eigentümlichem Ton.

Seit einem Augenblick hatte sich nämlich das Getöse von Stimmen und Hufschlägen in dem großen Hof des Schlosses erneuert. Die Nonne, welche immer unruhig war oder vielleicht von einer geheimen Ahnung getrieben wurde, war hinausgegangen, um die Ursache dieses Tumults zu erforschen. Aus einem Fenster, welches auf den großen Hof ging, hatte sie zwei von großen Maultieren getragene Sänften und mehrere Diener zu Pferde gesehen. Ein einziger Blick in das Innere der Sänften war für sie hinreichend gewesen und sie war von Hoffnung und Freude zitternd in den Salon zurückgekehrt.

Die Anwesenden wollten, als sie ihre Aufregung bemerkten, sie ausfragen, aber sie hatte nicht mehr Zeit zu antworten.

Die Tür öffnete sich plötzlich wieder und der Diener meldete mit vor Ehrfurcht halberstickter Stimme: »Seine Eminenz der Bischof von Aleppo! Seine Hochwürden der Prior von Frontenac!«

Gleichzeitig traten der Bischof und der Prior ein, indem sie sich freundschaftlich aufeinander stützten.

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