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Des Teufels Sohn

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John Sinclair Classics Band 31

Jason Dark (Helmut Rellergerd)
John Sinclair Classics
Band 31
Das Todeskabinett

Grusel, Heftroman, Bastei, Köln, 06.11.2018, 66 Seiten, 1,80 Euro, Titelbild: Ballestar
Dieser Roman erschien erstmals am 27.04.1976 als Gespenster-Krimi Band 137.

Kurzinhalt:

In einer gepflegten Villa am Stadtrand von Tonbridge leben die beiden alten Zwillingsschwestern Lydia und Emily Bradford. Niemand in der Nachbarschaft ahnt, welches absolut grauenvolle Geheimnis die scheinbar reizenden Damen im Keller ihres Hauses verbergen …

Leseprobe

Gelbrot flackerte die Flamme des Zündholzes auf, beleuchtete für Sekunden das harte männliche Gesicht eines jungen Mannes. Eine Zigarette glühte, der Mann räusperte sich.

Das Streichholz verlosch. Würziger Rauch fächerte durch die Zweige des Strauches, hinter dem der Mann sich verborgen hielt.

Er wartete. Wartete auf Milly Day, ein bezauberndes, junges Mädchen mit langen, weizenblonden Haaren. Seit drei Tagen kannte er sie jetzt, und sie hatten sich von Beginn an sofort ausgezeichnet verstanden.

Rasch hintereinander glühte die Spitze der Zigarette auf, zeugte davon, wie hastig der junge Mann rauchte.

Ja. er war tatsächlich aufgeregt. Eine unerklärliche Angst hielt ihn umklammert. Eine Angst, die ihn jedes Mal packte, wenn er sich mit einem Mädchen verabredet hatte. Er wusste auch nicht, woher diese Angst kam, und niemals vorher war es zu einem Treffen gekommen. Immer war er kurz vor der verabredeten Zeit verschwunden. Die Angst in ihm hatte gesiegt.

Doch heute sollte es anders werden!

An diesem Abend wollte er dieses belastende unselige Gefühl endlich einmal unterdrücken. Er wollte leben und lieben wie ein normaler Mann.

Schritte drangen an seine Ohren! Milly kam. Endlich!

Der Mann leckte sich aufgeregt über die Lippen. Wieder war der Drang in ihm, wegzulaufen, doch er kämpfte dagegen an.

Und diesmal mit Erfolg.

Die Schritte stockten, eine Schuhsohle raschelte über verfaultes Laub.

»Larry?« Die Frage war nur ein Hauch. Unsicher, ängstlich.

»Hier bin ich. Milly!« Larry Harker warf die Zigarette zu Boden und trat sie mit dem Absatz aus. Mit beiden Händen schob er die Zweige zur Seite und

drängte sich aus dem Gebüsch. Nasse Spinnweben blieben an seiner Stirn kleben. Es störte ihn nicht.

Milly hatte ihm das Profil zugewandt, suchte ihn in einer anderen Richtung.

»Ich bin hier«, sagte Larry Harker und breitete gleichzeitig die Arme aus.

Milly flog ihm an die Brust. »O Larry«, flüsterte sie. »Du ahnst gar nicht, wie sehr ich mich danach gesehnt habe, endlich mit dir allein sein zu können.«

Der junge Mann presste das blondhaarige Mädchen fest an sich. Seine Finger streichelten ihren Rücken, das Gesicht hatte er in dem weizenblonden Haar vergraben.

Minutenlang genossen die beiden das Glücksgefühl, völlig allein zu sein. Sie sagten kein Wort, sondern standen nur dicht aneinandergeschmiegt beisammen.

Milly war es. die sich löste. Sie hob den Kopf und blickte Larry an.

»Wohin gehen wir?«, fragte sie mit belegter Stimme, obwohl sie die Antwort schon vorher wusste.

»In das Gartenhaus.«

»Und du meinst, wir sind wirklich allein?«

»Ja.«

»Dann komm, und lass uns nicht länger warten.«

Milly zog den jungen Mann einfach mit sich fort. Sie hielt seine Hand fest umschlossen, als hätte sie Angst, ihren Larry wieder zu verlieren.

Wie ein Blitzstrahl hatte sie die Liebe getroffen. Mein Gott, wie würden sie die anderen Schülerinnen beneiden, wenn sie von Larry erzählte. Schließlich war sie nicht die Einzige, die ein Auge auf den attraktiven Mann geworfen hatte.

Der Weg war schmal. Wässriger Schneematsch klatschte unter ihren Sohlen. Es war stockdunkel. Die Bäume zu beiden Seiten des Weges waren kaum zu sehen, glichen unförmigen drohenden Schatten.

Und plötzlich war die Angst wieder da. Lass sie laufen!, warnte Larry eine innere Stimme. Noch ist es Zeit!

Larry Harker wischte sich über die Stirn. Dann blieb er abrupt stehen.

»Ist was?«, fragte Milly.

»Nein – ich …«

»Komm weiter, Larry, bitte.«

»Ja, ja, schon gut.«

Larry Harker setzte sich wieder in Bewegung. Milly ließ seine Hand los und legte dafür ihren Arm in Larrys Rücken. Selbst durch den dicken Mantel spürte Larry die Warme des Mädchenkörpers. Verlangen stieg in ihm hoch, verdrängte die Angst.

»Wie weit ist es denn noch?«, fragte Milly. Sie drehte den Kopf, und ihr Blick hing an Larrys Lippen.

Er lächelte. »Wir sind gleich da.«

»Hoffentlich. Du weißt, ich muss noch vor Mitternacht in der Schule sein. Die Kontrollen sind streng.«

»Keine Angst, ich werde dich pünktlich abliefern.«

Der Weg gabelte sich. Links ging es zum Moor, rechts führte der Pfad zu einer kleinen Lichtung, auf der auch die bewusste Hütte stand.

Gartenhaus, nannte Larry es. Dorthin zog er sich immer zurück, wenn er allein sein wollte. Allein mit sich und der Musik, die er über alles liebte.

Das Haus war aus dicken Holzbohlen zusammengefügt worden, die auch einen Teil der Kälte abhielten. Die Fenster waren klein, die Scheiben blind.

Larry fingerte nach dem Schlüssel und schloss auf.

»Warte hier«, sagte er zu Milly. »Ich muss erst Licht machen. Wir müssen uns leider mit Kerzenschein begnügen. Es ist alles eben noch etwas primitiv.«

»Ich finde es romantisch.«

Larry Harker ging ins Haus. Kerzen standen auf einem Holzbrett an der Wand. Larry zündete eine an. hielt seine Hand schützend um die Flamme und deutete Milly mit einer Kopfbewegung an, hereinzukommen.

Das Mädchen trat sich den Schneematsch von den Füßen und folgte seinem Freund in den einzigen großen Raum.

Larry zündete noch weitere Kerzen an, und das Licht reichte aus. um sogar ein Buch lesen zu können.

Milly blickte sich um. »Gemütlich ist es hier. Und sogar ein Klavier hast du«, sagte sie und blickte staunend auf das schwarze Instrument mit dem zugeklappten Deckel. »Spielst du mir etwas vor?«

»Vielleicht.«

Larry hatte seinen Mantel ausgezogen und ihn an einen in der Wand eingelassenen Haken gehängt. Er trug jetzt noch einen dicken dunkelroten Pullover und seine verwaschenen Jeans. Sein Gesicht wurde vom Kerzenschein beleuchtet, er flackerte über die dunkelbraunen, melancholisch blickenden Augen, die nicht so recht zu den harten, sehr männlich wirkenden Zügen passen wollten.

Larry streckte die Arme aus. »Gib mir deinen Mantel.«

»Gerne.« Milly schlüpfte aus ihrem Parka, den Larry ebenfalls über den Haken hängte.

»Ich habe leider kein Heizmaterial«, sagte er, »außerdem ist der alte Ofen verstopft.«

»Das macht nichts. Wir werden es uns schon gemütlich machen.« Milly dehnte und streckte sich. Larry sollte erkennen, dass sie unter dem dünnen T-Shirt keinen BH trug.

»Möchtest du etwas trinken?«, fragte er.

»Was hast du denn da?«

»Whisky.«

»Gut, ein Glas, da komme ich immer so leicht in Stimmung.«

Larry lächelte und kramte in einem schmalen, wackeligen Schrank herum.

Milly interessierte mehr das Bett. Es war ein altes breites Metallbett mit einem stabilen Rahmen und einen rotweiß karierten Bezug.

»Schläfst du auch ab und zu hier, Larry?«

»Ja. Besonders im Sommer.«

»Auch immer allein?«

Larrys Augen wurden groß. »Natürlich. Hattest du etwas anderes angenommen?«

»Das ist ja schließlich nicht von der Hand zu weisen. Du bist immerhin vierundzwanzig Jahre alt.«

»Das ist doch kein Grund.« Larrys Stimme klang ungeduldig. »Ich schlafe eben nicht mit jeder.«

»Entschuldige, ich wollte dich nicht beleidigen.«

»Hast du auch nicht.« Larry zuckte die Schultern und hielt die Whiskyflasche gegen eine Kerzenflamme. »Reicht gerade noch für uns beide«, sagte er. »Gläser stehen neben dem Bett auf dem Nachttisch.«

Es waren saubere Trinkgläser. Larry Harker verteilte den Rest des Whiskys und stellte die leere Flasche in eine Ecke. Dann reichte er Milly ein Glas.

»Auf uns«, sagte das blonde Mädchen, leerte das Glas mit einem Zug und musste sich schütteln.

Larry hatte an der goldbraunen Flüssigkeit nur genippt. Er stellte sein Glas weg und nahm Milly in beide Arme. Fordernd pressten sich seine Lippen gegen die ihren. Milly hatte die Augen geschlossen, spürte nur Larrys tastende Hände, die plötzlich überall an ihrem Körper zu sein schienen.

Automatisch bewegten sich die beiden dem Bett zu. Doch plötzlich zuckte Larry zusammen.

»Was ist?«, fragte Milly.

»Hast du das Geräusch nicht gehört?«

»Das Geräusch?«

»Ja. draußen.«

»Ach, lass doch, es wird irgendein Tier gewesen sein. Wir brauchen uns darum doch nicht zu kümmern.« Milly nahm Larrys Kopf in beide Hände, doch der junge Mann schob sie von sich.

»Erst muss ich nachsehen, Milly. Dieses Geräusch, es hatte sich angehört wie – Schritte.«

»Du bist verrückt. Du willst mich nur ärgern.«

»Nein. Da, jetzt wieder.«

Milly war blass geworden. Nervös kaute sie auf ihrer Unterlippe. Sie hatte das Geräusch tatsächlich gehört. Sofort dachte sie an irgendwelche Spanner oder Sittlichkeitsverbrecher. Schon allein bei diesem Gedanken zog sich eine Gänsehaut über ihren Rücken.

»Ich sehe mal nach«, sagte Larry.

Milly hielt ihn fest. »Bleib hier, bitte. Ich habe Angst. Wir verhalten uns ruhig, löschen die Kerzen und …«

»Ach, Unsinn.« Larry Harker schob das junge Mädchen kurzerhand zur Seite und näherte sich der Tür. Kurz davor wandte er sich noch einmal um. -Du bleibst auf jeden Fall hier«, sagte er, und Besorgnis schwang in seiner Stimme mit.

Milly nickte tapfer.

Larry lächelte ihr aufmunternd zu und verschwand nach draußen. Die Tür zog er nicht ganz ins Schloss.

Milly Day fröstelte. Sie ging auf das Klavier zu und hob den Deckel hoch. Sinnend sah sie auf die hellen und dunklen Tasten. Fast wie von selbst glitten ihre Finger über die Tastatur. Die Melodie eines alten englischen Kinderliedes schwebte durch den Raum. Sie war irgendwie beruhigend, und Milly begann zu lächeln.

Sie ahnte nicht, dass hinter ihrem Rücken schon das Grauen lauerte.

Daumenbreit wurde die Tür aufgestoßen. Die Melodie des Liedes übertönte das leise Quietschen.

Eine bleiche Knochenhand umfasste das Türholz.

Ein Arm folgte, umhüllt von einem blutroten Samtärmel. Halboffen stand die Tür jetzt, und lautlos schlich die unheimliche Erscheinung in die Hütte.

Groß war sie, reichte bis zur Decke.

Ein beinerner Totenschädel schimmerte unter der hochgezogenen Kapuze. Die blutrote Samtkutte reichte bis zum Boden, bedeckte die Füße. Die Arme des Unheimlichen waren vorgestreckt. Seine Fäuste umklammerten den Griff einer riesigen Sense. Silbrig schimmerte das scharfe, gebogene Blatt. Die Augen in dem Schädel waren leer, wirkten wie finstere Schächte.

Der Tod war gekommen …

Im gleichen Augenblick schlug der Tod die Tür zu. Milly Day war seine Gefangene …

Personen

  • Milly Day, Schülerin
  • Larry Harker, Neffe von Lydia und Emily Bradford
  • Lydia und Emily Bradford, Zwillingsschwestern
  • Henry, der Tod
  • Frederic Stafford, Direktor der Beauty School
  • Miss Folom, Hausmeisterin und Anstandsdame
  • Dr. Jonathan Day, Millys Vater, Beamter im Innenministerium
  • Janet Stargess, Schülerin, Mitbewohnerin von Milly
  • Inspektor Will Talbot
  • John Sinclair, Oberinspektor bei Scotland Yard
  • Sir James Powell, Superintendent
  • Mrs. Talbot, Wills ehefrau
  • Sergeant Tirey

Orte

  • Tonbridge
  • London

Quellen:

  • Jason Dark: John Sinclair Classics. Geisterjäger John Sinclair. Band 31. Bastei Verlag. Köln. 06. 11. 2018
  • Thomas König: Geisterwaldkatalog. Band 1. BoD. Norderstedt. Mai 2000

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