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Der Detektiv – Der Fluch eines Geschlechts – 2. Kapitel

Walter Kabel
Der Detektiv
Kriminalerzählungen, Verlag moderner Lektüre GmbH, Berlin, 1920

Der Fluch eines Geschlechts
2. Kapitel

Das Laboratorium

Der Fremde schaute Harst durchdringend an.

»Und wer sind Sie?«, fragte er kurz.

Harst knöpfte die Weste auf, in deren Innentasche er Thoras Brief stecken hatte. »Bitte beugen Sie sich herab«, sagte er und beleuchtete den Brief. »Erkennen Sie die Handschrift?«

»Ja, allerdings. Aber …«

»Ich bin Harald Harst. Ihre Braut hat mich um Hilfe gebeten.«

»Ah, das ändert die Sache!« Er sagte es im freudigen Ton. »Ja, mein Name ist Berthold Müller. Ich bin Prokurist bei Hobrecht und Sohn in Potsdam, das bekannte Holzgeschäft.«

Harst nahm ihm eilig die Fesseln ab. »Nochmals, Herr Müller, entschuldigen Sie!«, meinte er dabei. »Wir sind hier nach Wannsee im Interesse Ihrer Braut gekommen. Wir mussten Ihrem ganzen Verhalten nach schließen, dass Sie mit zu den Leuten gehören, die gegen die Familie Malwack, meiner Überzeugung nach, einen rücksichtslosen, heimlichen und teuflisch schlauen Vernichtungskrieg führen.«

Müllers Lippen entfuhr es hastig: »Also auch Sie? Ich befürchte nämlich dasselbe und hatte mir vorgenommen, in aller Stille auf eigene Faust Nachforschungen anzustellen, mit denen ich freilich erst vor drei Tagen in der Weise begonnen habe, dass ich nachts von hier aus die Friedrichsburg überwache. Ich habe jetzt Urlaub und wohne drüben in dem Pensionat Mertens am Bahnhof Wannsee.«

Harst ließ sich nun von Müller erzählen, wann und wo dieser Thora von Malwack kennen gelernt hätte.

»Vor sechs Wochen etwa in Potsdam, Herr Harst. Ganz zufällig durch einen kleinen Ritterdienst. Wir fanden sofort Gefallen aneinander. Obwohl wir uns sehr selten sehen konnten, haben wir uns doch vor drei Wochen heimlich verlobt. An eine öffentliche Brautschaft ist vor Thoras Mündigkeit – sie ist jetzt 19 Jahre alt – nicht zu denken, da ihr Onkel und Vormund trotz all seiner sonstigen vortrefflichen Eigenschaften nie gestatten würde, dass sie einen Müller heiratet.«

»Haben Sie häufiger Briefe gewechselt?«

»Ja. Aber nur postlagernd durfte ich an Thora schreiben. Und von ihren Briefen ist selten einer in meine Hände gelangt. Sie müssen abgefangen worden sein. Wie, ist mir unerklärlich.«

»Hat Ihre Braut eine Freundin?«

»Nein. Bekannte wohl, aber Freundinnen? Bestimmt nicht.«

»Oh, dann sind Sie die liebe Freundin, die sie in dem Schreiben an mich erwähnt haben.«

Müller stierte nun zerstreut zu der Friedrichsburg hinüber, meinte dann zögernd: »Was halten Sie vom den Hilferufen, die vorhin …«

Harst unterbrach ihn gütig und herzlich: »Seien Sie ein Mann! Ich bin ehrlich: Ihrer Braut ist ein Unglück zugestoßen. Ich vermute, die Bulldoggen haben sie angefallen. Aber hoffen wir, dass sie lebt. Jedenfalls haben Sie nun in uns zwei Verbündete, die alles aufbieten werden, diese furchtbare Tragödie der Familie Malwack aufzuklären. Sie allein jedoch dürfen nichts unternehmen – gar nichts, verstanden! Außerdem warne ich Sie noch: Seien Sie überaus misstrauisch und vorsichtig. Vielleicht ist auch Ihr Leben in Gefahr!«

Eine Viertelstunde später trennten sich unsere Boote. Müller ruderte zum Bootshaus des Ruderklubs Vineta zurück, dem sein Boot gehörte, und wir benutzten die infolge starker Bewölkung nun recht tiefe Dunkelheit zu einer neuen Landung am Steg der Friedrichsburg. Hier warteten wir so lange, bis ein feiner Regen niederging, der Harsts weitere Absichten wesentlich erleichterte. Wir stiegen aus und schlüpften in den Garten, dessen Anlagen sich bis zum flachen Uferstreifen herabsenkten. In einem Gebüsch zogen wir die Schuhe aus. Dann erst ging es weiter – Schritt für Schritt. Nun lag ein weiter Rasenplatz vor uns und uns gegenüber der massige Bau des alten Gebäudes, das sich links an die hohe Mauer anlehnte.

Harst war stets voran. Wir krochen nun auf allen vieren über den Rasen. Plötzlich schwenkte Harst nach rechts ab.

Er zog mich neben sich, deutete auf den hellen Kiesweg. Dort lagen drei dunkle Tierkörper.

»Die Bulldoggen«, flüsterte er. »Ich hätte mir die Würste und das Betäubungsmittel, mit dem ich sie getränkt habe, sparen können. Der Baron Gisbert wird die Hunde erschossen haben.«

Dann ging es weiter nach links auf das Haus zu. Hinter einem der hohen Kellerfenster gewahrten wir einen hellen Lichtschein. Die Fenster waren sämtlich vergittert, auch die des Erdgeschosses.

Das erleuchtete Kellerfenster war das letzte linker Hand. Wir kauerten uns in den Winkel zwischen Gartenmauer und Hauswand und Harst schob den Kopf dann so weit wie möglich durch das Gitter. Das Fenster hatte gestreifte Vorhänge. Auch ich horchte, so gut ich konnte. Dann hörte ich etwas. Aber nicht im Keller, sondern anscheinend hinter der Gartenmauer. Ich wurde misstrauisch, zupfte Harst am Ärmel und flüsterte ihm das Nötige zu.

Er drückte das Ohr gegen den Kalkputz der reichlich drei Meter hohen Mauer. So verharrte er eine ganze Weile. Es regnete nicht mehr, und auch ich hörte nun wieder hinter der Mauer allerlei Geräusche.

Harst gab endlich das Lauschen auf, raunte mir zu: »Eine sehr merkwürdige Geschichte!«

Wir machten uns auf den Rückweg, blieben aber stets dicht an der Mauer, deren stellenweise ganz abgebröckelten Kalkputz Harst eine mir unverständliche und uns sehr aufhaltende Aufmerksamkeit widmete. Dann sprang aus der Mauer ein dicker Pfeiler vor, um den bogenförmig eine breite Dornenhecke gepflanzt war. Weshalb Harst sich dicht an der Mauer an dieser Hecke vorbei drängte, weshalb ich mir dabei zwei Löcher in meine Beinkleider reißen musste, begriff ich zunächst nicht.

Dann aber wurde mir alles klar, als mein Brotherr und Lehrer mir zuflüsterte: »Die Geräusche ertönten nicht hinter, sondern in der Mauer, Schraut, und ich nehme an, diese wird einen geheimen Gang darstellen, zu dem es hier vom Garten aus eine versteckte Tür gibt.«

Dies genügte meine Spannung aufs Höchste zu steigern. Ein geheimer Gang! Das verhieß allerlei Abenteuerliches.

Harst betastete nun eine hohe Reliefplatte aus Metall, die in die Mauerseite des Pfeilers, zum Garten zu, etwas eingelassen war. Was die Reliefs darstellten, war nicht zu erkennen. Offenbar war die Tafel aber sehr alt. Nach wenigen Minuten hörte ich ein scharfes Kratzen von Metall auf Metall. Harst hatte die Klinge seines Taschenmessers – es war ein sogenanntes Jagdmesser mit feststellbarer Klinge – in die Fugen zwischen Mauer und Platte an der rechten Seite geschoben und drückte nun mit aller Kraft. Nun ein kurzer Knack. Die Klingenspitze war abgebrochen, gleichzeitig aber hatte sich die Reliefplatte nach innen geöffnet. Sie war nichts anderes als eine Geheimtür. Dahinter gähnte tiefe Dunkelheit. Harst kroch vorwärts, tastete mit den Händen um sich und winkte mir dann. Er schaltete seine Lampe ein, leuchtete umher, drückte die Geheimtür wieder zu und schlich lautlos nach rechts den sehr schmalen Gang entlang, der durch die hohle Mauer entstanden war. Nach dreißig Schritten machte er halt. Wir standen vor einer Tür aus fast schwarz gewordenen Eichenholz mit altertümlichem Türdrücker.

Harst flüsterte: »Es ist ein Risiko. Aber wir müssen es wagen. Halten Sie Ihre Pistole entsichert bereit.«

Er fasste nach dem Drücker. Der war sehr gut geölt. Auch die Türangeln kreischten nicht. Die Tür ging nach außen auf. Der Lichtkegel von Harsts Taschenlampe glitt über ein quadratisches Gemach von etwa 3 Meter Seitenlänge hin. Ein Fenster war nicht vorhanden. Uns gegenüber aber zeichnete sich in der Mauer ein eiserner, mit Mauersteinen gefüllter Rahmen und eine komplizierte Verschlussvorrichtung ab.

»Eine Geheimtür ins Innere des Hauses«, meinte Harst. »Und dies hier sieht ganz nach einem chemischen Laboratorium aus. Merkwürdig! Sollte der Baron Gisbert sich als Alchimist, als Goldmacher, versuchen?«

Links stand ein großer Holztisch mit Flaschen, Gläsern, Retorten und allerlei Apparaten. Darüber hingen an der Wand Regale, die Ähnliches enthielten. Rechts wieder füllte den kleinen Raum ein breiter Schrank gut zu ein Viertel aus. Von der Decke hingen an grünen Schnüren zwei einfache elektrische Lampen herab.

Vor dem Holztisch stand ein uralter Ledersessel. Über diesem lag ein seidig glänzendes Kleidungsstück.

Harst hob es auf. Es war ein seidener, schottisch gemusterter Damenmantel. Er war stellenweise völlig zerfetzt und zeigte hier und dort Blutspuren. Diese waren noch recht frisch und erst wenig angetrocknet. Harst hielt den Mantel noch immer hoch. Dann musste ich ihm seine Lampe abnehmen. Er besichtigte das Kleidungsstück nun ganz eingehend, wobei er sich auch seines Taschenmikroskops bediente. Mir schien es, als prüfte er sogar gewisse Stellen des Stoffes auf ihren Geruch hin. Als er nun den Mantel wieder über den Stuhl warf, als ich zufällig ihm ins Gesicht blickte, waren seine Züge wie versteinert und leuchteten in geisterhafter Blässe. Eine furchtbare Erregung musste ihn ergriffen haben. Er blieb jedoch stumm, wandte sich nun dem Tisch zu und griff nach einem Gestell, das ganz vorn stand. Darin steckten sechs verkorkte Reagenzgläser, die jedes ein Papierschild trugen und mit einer trüben Flüssigkeit gefüllt waren.

»Lesen Sie, Schraut«, sagte er dumpf.

Ich las die Schildchen. Da stand in lateinischen Buchstaben: Bazcho, Baztet, Bazty, Bazcho, Baztet, Baztet.

»Gehen wir«, meinte er, ohne meinen fragenden Blick zu beachten. »Ich weiß genug – übergenug. Allerdings noch nicht alles …«

Er hatte es nun sehr eilig, lief fast den Gang entlang, ebenso nachher durch den Garten zum Wasser hinab. Wir nahmen unsere Schuhe. Sie in der Hand haltend ging es zum Bootssteg. Erst im Boot zogen wir sie wieder an. Dann ergriff Harst die Ruder. Und – wie ruderte er! Als ob der Teufel hinter uns her wäre! Am Liegeplatz des Bootes sprang er hinaus.

»Los, Schraut, hurtig, vielleicht geht es um ein Menschenleben! Lassen Sie das Boot! Nur vorwärts!«

Wir rannten durch das Waldstück bis zur Elsentraße hinauf. Nun fasste Harst mich unter.

»Langsam, wie nächtliche Bummler, und laut unterhalten!«

Er steckte sich eine seiner Mirakulum-Zigaretten an, gab auch mir eine. Er redete über Segelsport. So kamen wir bis vor das hohe Gitter, das den Vorgarten der Friedrichsburg zu der Straße hin absperrte.

Mitten auf dem Fahrdamm standen ein paar Leute, darunter einer der Wannseer Polizeibeamten.

Harst blieb stehen, fragte diesen: »Entschuldigen Sie, ist hier etwas passiert?«

Der Mann sah sehr würdig aus, hatte einen langen grauen Bart und war überraschend redselig.

»Ja, ein entsetzliches Unglück. Eine junge Dame ist von Hunden zerfleischt worden. Noch lebt sie. Der Doktor Heid ist noch in der Friedrichsburg. Das ist die Villa hier …«

Harst spielte den Neugierigen. So erfuhren wir, dass die Baronesse Thora Malwack gegen halb zwölf noch im Park habe lustwandeln wollen. Und da seien die drei Bulldoggen, denen sie sonst sehr gut Freund gewesen war, über sie hergefallen.

Dann tat sich die Tür der Friedrichsburg auf. Ein breiter Lichtstrom fiel die Freitreppe hinab. Wir sahen einen Diener in Livree und zwei Herren. Der Diener geleitete den einen zu der Gartenpforte.

»Ah, Doktor Heid«, meinte der Polizist. Gleich darauf trat er an den noch jungen Arzt heran.

»Wie steht es, Herr Doktor?«

Auch die anderen Leute drängten sich hinzu.

»Schlecht, lieber Gräber, sehr schlecht. Diese Bestien von Bulldoggen! Unbegreiflich, was den Kanaillen eingefallen ist! Gerade Baronesse Thora! Gute Nacht, Gräber.«

Die nahe Straßenlaterne hatte des Doktors Gesicht hell beschienen. Es war ein frisches, schweißgebadetes Gesicht mit großen ehrlichen blauen Augen.

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