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Amerika – Abenteuer in der Neuen Welt – Folge 14

Jörg Kastner
Amerika – Abenteuer in der Neuen Welt
Band 14
Treck der Verdammten

Abenteuer, Heftroman, Bastei Verlag, Köln, 66 Seiten, 1,90 €, Neuauflage vom 22.12.2018

Kurzinhalt:
Die Wege der Freunde trennen sich: Während Martin Bauer in Oregon bleibt, brechen Jacob und Irene nach Kalifornien auf. Dort hoffen sie Carl Dilger zu finden, Irenes Verlobten und Vater ihres kleinen Sohnes – auch wenn sich alles in Jacob gegen diese Suche sträubt.
Sie sind noch nicht lange unterwegs, als sie Schüsse hören: Ein kleiner Treck verteidigt sich gegen angreifende Indianer! Jacob kommt den Siedlern zu Hilfe, und sie schließen sich den Männern und Frauen an.
Doch bald merken sie, dass etwas mit den Leuten nicht stimmt. Zu groß ist deren Hass auf die Roten, zu brutal ihre Vorgehensweise. Welches Geheimnis steckt hinter diesem Treck der Verdammten …

Leseprobe

Oregon, im Frühjahr des Jahres 1864

Die wärmenden Strahlen der Frühlingssonne schmolzen den Schnee und brachten das Leben in die Berge und Täler der Cascade Range zurück, die monatelang in einem tiefen weißen Schlaf gelegen hatten. Der Winter war ungewöhnlich hart gewesen. Oregon galt als ein Gebiet gemäßigten Klimas. Aber diesmal hatte der Winter darauf keine Rücksicht genommen. Er kam mit scharfen Eiswinden und bedeckte das überraschte Land mit einer dicken weißen Decke, die alles Leben erstickte.

Aber nur scheinbar, wie sich jetzt zeigte. Das Eis auf den Wildbächen verwandelte sich in eine klare, rauschende Flut, nie so wild und ausufernd wie jetzt, zur Zeit der Schneeschmelze. In den gurgelnden Wassern tummelten sich Störe, Neunaugen und Forellen. Hin und wieder sah ein vorwitziges Exemplar der Blaurückenlachse vorbei, die bald in Scharen den Pazifik verlassen und zum Laichen die Flüsse quellwärts hinaufwandern würden. Die Fischotter freute das. Die Biber ließen sich nicht dabei stören, ihre Dämme auszubessern und die im Winter stark angegriffenen Nahrungsvorräte zu erneuern. An Land wurden Schwarz- und Braunbären, Wapitis, Maultierhirsche und Hasen lebendig. Die Bighornschafe kletterten in Rudeln aus den Ebenen in die Berge hinauf.

Am lautesten aber waren die Menschen. Während das Sprudeln der Bäche, das rollende Brummen der Bären und das Röhren der Wapitis zu dem Lied gehörte, das Mutter Natur seit Urzeiten in den Bergen sang, klangen die Geräusche der Menschen wie Fremdkörper in dieser Symphonie: laute, ungeduldige Schreie, das Knallen von Peitschen und das schwere Knarren von Wagenrädern. Trotz all der Anstrengungen kam der kleine Treck, der sich westwärts einen Weg durch die Schluchten der Cascade Mountains suchte, nur schwerfällig voran. Der eben erst geschmolzene Schnee hatte den Boden aufgeweicht. Der Morast zerrte an den Wagenrädern und war oft nur unter äußerster Kraftanstrengung von Tieren und Menschen dazu zu bringen, seine Beute freizugeben.

Der erste und der zweite Wagen hatten einen etwa fünfzehn Yards breiten Creek glücklich hinter sich gebracht. Der dritte Planwagen tauchte in die Flut ein. Ebenezer Owen schlug wie ein Besessener mit der langen Bullenpeitsche auf die vier Ochsen im Joch ein, während sich seine Frau Carol an der vordersten Verstrebung der Segeltuchplane festhielt, um nicht vom heftig schaukelnden Wagen zu fallen.

»Was ist los, Ebenezer?«, rief sein Schwager Bill Myers vom Zielufer herüber, während er sich weit im Sattel seines knochigen Braunen nach vorn beugte. »Du musst deine Tiere mal ein bisschen antreiben!«

»Das tu ich, verdammt, das tu ich!«, schrie der vollbärtige Mann auf dem Wagenbock und begnügte sich diesmal nicht damit, die Peitsche über den Ochsen knallen zu lassen. Das Leder fraß sich in die Rücken der beiden vorderen Tiere. Viele blutige Striemen zeigten, dass Owen die Zugtiere häufig auf diese Art antrieb.

»Fester!«, presste der hagere Bill Meyers zwischen Lippen hervor, die so dünn waren wie alles an ihm. »Du darfst nicht warten, bis die Räder im Grund des Creeks feststecken, Ebenezer!«

»Erzähl mir nichts!«, grunzte der Mann mit der Bullenpeitsche und setzte, Schweißtropfen auf der Stirn, zum nächsten Hieb an.

»Offenbar muss man es dir erzählen«, grinste Bill Myers. »Du scheinst vergessen zu haben, dass wir uns nicht auf einer Vergnügungsreise befinden. Wenn wir nicht schnell sind, erwischen uns die verfluchten …«

Der Rest ging in einem gurgelnden Stöhnen unter. Ein Pfeil hatte seine dicke Lederjacke durchschlagen und steckte in seiner Brust. Blut floss aus einem der noch immer zum Grinsen verzogenen Mundwinkel. Der dürre Mann kippte zur Seite, rutschte aus dem Sattel und fiel schwer auf den morastigen Boden, wo der Pfeil zerbrach.

»Die Roten!«, zischte Ebenezer Owen und vergaß vor Schreck, den Hieb mit der Peitsche auszuführen. Dann stieß er einen gotteslästerlichen Fluch aus, der selbst aus seinem Mund ungewöhnlich war.

Carol hätte ihrem Mann vielleicht einen missbilligenden Blick zugeworfen, hätte die Angst sie nicht überwältigt. In diesem Augenblick war es weniger die Angst um sich selbst, auch nicht die um Ebenezer. Sorgenvoll hing ihr Blick an dem reglosen Körper ihres Bruders. Bill Myers lag bäuchlings am Ufer des Creeks, das Gesicht im Schlamm vergraben.

An dem Ufer, an dem jetzt die Indianer auf ihren fleckigen Appaloosas aus dem Unterholz brachen. Völlig lautlos, nicht unter Kriegsgeheul, wie Carol es erwartet hätte. Aber dafür war es umso gespenstischer.

Die Krieger der Nez Perce waren nicht gekommen, um die Weißen zu erschrecken oder um eins der bei den Indianern so beliebten Kriegsspiele mit ihnen zu treiben. Die Roten kannten bloß ein Ziel: den Tod der Weißen.

Nur das Trommeln der Pferdehufe war zu hören, dann Schüsse. Die Roten schossen, und die Weißen bei den beiden vorderen Wagen erwiderten das Feuer. Die nahen Berge warfen das Knattern der Schüsse als verzerrte Echos zurück.

»Wir müssen hier weg«, erkannte Ebenezer, beugte sich nach hinten und zog das doppelläufige Clabrough-Seitenhammergewehr hervor.

Gerade wollte er vom Bock springen, als einer der Roten sein Pferd in den Creek lenkte. Das Wasser spritzte zu beiden Seiten des graubraunen Tieres auf, das der Indianer direkt zum Wagen der Owens jagte. Mitten im wilden Ritt zog er einen Pfeil aus dem Rückenköcher, legte ihn ein und spannte die Sehne seines Bogens.

Ebenezer Owen legte nur kurz an und zog den rechten Abzug durch. Der Rückstoß war hart, aber Owen war daran gewöhnt und hielt die lange Flinte ruhig. Das Pulver biss in seinen Augen, und die Detonation betäubte für Sekundenbruchteile sein Gehör.

Der Rote hatte sich, instinktiv oder zufällig, zur Seite gebeugt. Die Kugel pfiff an ihm vorüber, war verschenkt. Aber der Pfeil schnellte von der Sehne …

Carol schrie vor Schmerz auf. Das Geschoss hatte ihren rechten Oberarm durchbohrt. Sofort durchnässte Blut den Ärmel ihrer groben Kattunjacke.

Den Indianer trennten keine drei Pferdelängen mehr von dem Planwagen. Er zog einen weiteren Pfeil aus dem Köcher und spannte wieder den Bogen.

»Dreckiges rotes Schwein!«, schrie Ebenezer Owen voller Hass und Zorn.

Er zielte erneut und hielt diesmal tiefer, um den Angreifer nicht wieder zu verfehlen. Einen dritten Schuss würde er nicht haben. Seine Flinte verfügte nicht über einen dritten Lauf, und auch der Rote würde ihn nicht dazu kommen lassen. Owen drückte ab …

Die Kugel erwischte den Indianer im Bauch. Aus so kurzer Entfernung abgefeuert, riss sie ihn förmlich vom Rücken seines Appaloosas.

Der Getroffene schoss den Pfeil noch ab. Vermutlich war es nur ein unbewusster Reflex. Das Geschoss stieg in hohem Bogen über den Planwagen weg.

Der Indianer landete im Wasser, das sich umgehend rot färbte. Er lag dort genauso reglos wie Bill Myers am Ufer. Falls die Kugel ihn nicht schon getötet hatte, musste er in diesen Augenblicken ertrinken.

Ebenezer Owens Augen hingen an ihm, mitleidslos, eher mit einer gewissen Befriedigung erfüllt.

»Was jetzt, Ebenezer?«, fragte Carol und riss ihren Mann aus der Faszination des Todes.

»Weg!« Sein Blick fiel auf den Pfeil in ihrem Arm. »Wie geht es dir?«

»Es tut weh, aber es bringt mich nicht um.«

»Gut.«

Er sprang in den Fluss, breitbeinig, damit ihn die Strömung nicht umriss. In der Linken hielt er die leergeschossene Clabrough. Die Rechte streckte er zum Bock aus, zu Carol.

»Komm schon!«, rief er.

Sie fasste mit der gesunden Linken seine Hand und sprang ebenfalls ins Wasser. Fast hätte die Flut sie von den Beinen gerissen. Sie schwankte, aber ihr Mann hielt sie mit eisernem Griff fest.

Er zog sie hinter den Wagen, wo zwei Pferde angebunden waren, schäbige Klepper. Nur ein Tier war gesattelt. Auf dessen Rücken hob Owen seine Frau. Er band die Tiere los und bestieg den ungesattelten Braunen.

»Vorwärts!«, trieb er sein Tier an und zog das Pferd seiner Frau mit sich, aus dem Creek heraus.

»Das ist die falsche Richtung, Ebenezer«, keuchte Carol mit schmerzverzerrtem Gesicht. »Wir müssen auf die andere Seite … zu Bill!«

»Wir können nichts für ihn tun«, erwiderte der Mann hart. »Wahrscheinlich ist er längst tot.«

Er sprach über seinen Schwager so gefühllos wie über ein zerquetschtes Insekt. Die Angst, die das Gesicht seiner Frau überzog, schien er gar nicht zu bemerken.

Ebenezer Owen stieß seinem Pferd gnadenlos die Hacken seiner abgewetzten Stiefel in die Flanken und trieb es in den Schutz einiger Pinyon-Bäume. Er hoffte, sie würden ihn und Carol den rachsüchtigen Blicken der Nez Perce entziehen.

Hinter ihnen blieb der noch immer reglose Bill Myers einsam am Ufer zurück. Und die anderen beiden Wagen mit neun ihrer Gefährten: Männer und Frauen, die um ihr Überleben kämpften. Das Letzte, was die Owens von ihnen sahen, war, wie die Wagen auf eine bewaldete Anhöhe fuhren, um dort eine Verteidigungsstellung zu bilden. Dann hörten sie nur noch die Schüsse und Schreie, die allmählich leiser wurden.

Quelle:

  • Jörg Kastner: Amerika – Abenteuer in der Neuen Welt. Band 14. Bastei Verlag. Köln. 22.12.2018

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