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Der Detektiv – Der Fluch eines Geschlechts – 1. Kapitel

Walter Kabel
Der Detektiv
Kriminalerzählungen, Verlag moderner Lektüre GmbH, Berlin, 1920

Der Fluch eines Geschlechts
1. Kapitel

Die Bulldoggen

Kommerzienrat Kammler, der Beauftragte der Wettgegner Harsts, war gerade bei uns, als der merkwürdige Brief vormittags eintraf. Kammler war sofort einverstanden, dass der Inhalt dieses Briefes die neue Wettaufgabe darstellen sollte.

Das Schreiben lautete:

Sehr geehrter Herr Harst!

Glauben Sie nicht, dass Ihnen etwa eine Falle gestellt werden soll. Wirklich nicht. Ich schwöre Ihnen! Nein, nur die wahnsinnige Angst lässt mich diese Zeilen in der Eisenbahn mit einer Füllfeder schreiben. Hier im leeren Abteil Zweiter Klasse kann ich ja nicht beobachtet werden. Daheim oder anderswo würde ich es nicht wagen. Ha, ich wage nicht einmal, dem Papier all das anzuvertrauen, was mich bedrückt. Briefe, die ich an eine liebe Freundin schreibe, kommen nur dann an, wenn ihr Inhalt ganz harmlos ist. Kann ich wissen, ob nicht auch dieser Brief irgendwie abgefangen wird? Ich flehe Sie an: Gewähren Sie mir eine Unterredung. Aber diese muss unbedingt unter Vorsichtsmaßregeln stattfinden, die dafür bürgen, dass ich mich nicht noch größeren Gefahren aussetze. Ach, wenn Sie wüssten, wie elend ich mich schon fühle! Ich schleppe mich nur noch weiter. Ich weiß ja, eines Tages werde auch ich – doch nein. Ich wage keinerlei Andeutungen. Ich habe so lange nachgedacht, bis ich ein Mittel gefunden zu haben glaubte. Wir wohnen in Wannsee in der sogenannten Friedrichsburg, dicht am Kleinen Wannsee in der Elsentraße. Unser Garten reicht bis an das Wasser hinab. Wenn Sie ein Boot benutzen, können Sie nach Dunkelwerden unbemerkt dort landen. Aber seien Sie vorsichtig. Wir haben drei bissige Bulldoggen, die sofort Lärm schlagen. Legen Sie bitte gegen elf Uhr an unserem Bootssteg an und warten Sie auf mich. Ich steige dann zu Ihnen ins Boot, und wir stoßen vom Land ab. Sollte ich in der kommenden Nacht nicht unbemerkt das Haus verlassen können, versuche ich es in der nächsten. Ich weiß: Ich bin sehr unbescheiden, Ihnen zuzumuten, für eine Fremde Ihre kostbare Zeit zu opfern. Aber ich las gestern in der Zeitung, wie schnell Sie den Fall Blinkenstein aufgeklärt haben. Da dachte ich mir sofort: Vielleicht kann Herr Harst dich retten. Ich fürchte, ich schreibe alles recht wirr durcheinander. Aber wenn Sie mich sprechen würden, dürften Sie begreifen, dass ich kein hysterisches junges Mädchen, sondern wirklich ein armes gehetztes Wild bin. Ich muss schließen. Ich bin in Berlin angelangt. Nochmals: Helfen Sie mir!

Ihre Sie bewundernde Thora von Malwack.

Harst erklärte zu diesem Schreiben: »Die Dame ist noch recht jung, harmlos, natürlich, sehr nervös, trotzdem energisch und zielbewusst, aber auch eitel. Sie benutzt trotz ihrer Jugend blassrosa Puder und hat sich in der Eisenbahn gepudert, bevor sie diesen Brief zuklebte. Hier haften auf der schlecht getrockneten Tinte einiger Buchstaben Puderstäubchen. Sie trägt auch die Fingernägel sehr lang und ganz spitz geschnitten. Hier sind in dem Papier die Eindrücke der Nagelspitzen. Schließlich noch: Sie besitzt ein nicht mehr ganz neues Perlenhandtäschchen.« Er schüttete aus dem aufgeschnittenen Briefumschlag zwei winzige Glasperlen in seine flache Hand. »Und ist aschblond, wie dieses durch den Kleister des Umschlags festgehaltenes Härchen zeigt, das auch weiter noch den Gebrauch einer Brennschere verrät. Natürlich fahren wir sofort nach Wannsee hinaus, das Terrain besichtigen und uns dort vielleicht irgendwo als harmlose Sommergäste und leidenschaftliche Angler einzumieten. Der Fall scheint ja recht eigenartige Seiten zu haben. Vor acht Tagen ist ein Fräulein von Malwack, wie in den Zeitungen zu lesen war, beim Baden ertrunken. Mein Gedächtnis lässt mich nie im Stich.

»Und vor einem Monat etwa starb ein Student desselben Namens an einer hier seltenen Krankheit: der Cholera asiatica«, warf Kammler ein.

»Ganz recht. Es blieb die einzige Choleraerkrankung im Berliner Studentenviertel«, meinte Harst. »Die Bewohner des Hauses, in dem Malwack wohnte, in der Gartenstraße glaube ich, machten unnötig eine achttägige Aussperrung durch. Die beiden Personen dürften fraglos Geschwister unserer Hilfesuchenden sein.«

Ich stand am Fenster, sah nun einen Depeschierten unseren Vorgarten betreten. Er brachte ein Stadttelegramm für Harst. Es war auf dem Postamt Leipzigerplatz aufgegeben. Der Inhalt war folgender:

Bitte nicht kommen. Anders überlegt. Verreise sofort für länger. Thora.

Harst starrte, nachdem er uns diese Absage vorgelesen hatte, schweigend und regungslos auf die Depesche. Dann nahm er den Umschlag des Briefes, der neben ihm auf seinem Schreibtisch lag, trat dicht ans Fenster, besichtigte ihn nochmals, rief dann: »Ich Stümper«, holte ein Vergrößerungsglas und nahm die Rückseite des Umschlags endlos lange in Augenschein, wandte sich uns zu und meinte: »Dieser Umschlag ist heimlich geöffnet und ebenso geschickt wieder zugeklebt worden, und die Depesche ist natürlich gefälscht! Irgendjemand hat ein Interesse daran, dass ich mit Thora nicht zusammentreffe. Sie hätte nun, wenn ich diese Absage für echt gehalten hätte, mehrere Abende umsonst gewartet und wäre schließlich überzeugt gewesen, ich wolle Ihr nicht helfen. Hm – unser Haus dürfte nun vielleicht auch sehr scharf bewacht werden. Wir können daher auch nur unter allerlei Vorsichtsmaßregeln nach Wannsee hinaus. Es wird ein recht interessantes Unternehmen werden, diese Rettungsaktion, denn ich bin der Meinung, wir haben es hier mit einer größeren Bande zu tun, die Briefe abfängt, öffnet, wieder schließt, Depeschen fälscht und – Thora nie aus den Augen lässt. Ja, es müssen mehrere sein. Einer allein bewältigt das nicht alles.«

Kammler hatte sich dann fünf Minuten drauf kaum verabschiedet, als Harst an eine bekannte Speditionsfirma telefonierte: Ein Piano sollte von hier zum Lagerraum der Firma nachmittags abgeholt werden.

Wir hatten im Schuppen im Gemüsegarten eine leere Klavierkiste zu stehen. Harst rief nachher den Spediteur noch persönlich an den Apparat und gab ihm einige Anweisungen über die Art der Aufbewahrung der Kiste.

Nachmittags nagelte Frau Auguste Harst, meines Brotherrn Mutter, die Kiste eigenhändig zu. Eine Viertelstunde darauf erschienen drei Männer und schleppten sie davon.

Der Spediteur ließ sie in seinen Speicher bringen. Als seine Leute diesen verlassen hatten, nahm er ein kleines Brecheisen und wuchtete den Deckel ab. Nun konnten wir wieder hinaus: Harst dankte dem Spediteur für die freundliche Unterstützung und durch eine Seitenpforte des Speichers schlüpften wir ins Freie. Wir trugen die Verkleidung älterer Herren, kauften in Berlin zwei Koffer und verschiedenes andere ein und waren gegen halb sieben in Wannsee, diesem idyllisch schönen Villenort, dessen Lage an zwei waldumsäumten Seen ihn mit Recht zu einem beliebten Nachmittagsausflugsort macht. Eine Stunde später hatten wir uns in einem kleinen Häuschen am äußeren Ende der Elsenstraße bei einfachen Leuten, einem Maurer, als Sommergäste eingemietet. Vorher aber hatte Harst noch in einem Fleischgeschäft drei Leberwürste erstanden und war auch noch in der Apotheke gewesen.

Unser Wirt Höppner war ein schon bejahrter Mann, dabei aber noch sehr rüstig. Harst biederte sich sofort mit ihm an.

Wir hatten uns als Brüder namens Hevelke ausgegeben, wollten Angestellte einer Versicherungsgesellschaft sein und hier unseren Urlaub verleben.

Von Höppner erfuhren wir über die Bewohner der Friedrichsburg als Alteingesessenem recht viel, ohne dass er ahnte, man horche ihn aus.

Das alte Gebäude, vielleicht das älteste Wannsees, gehörte seit seiner Erbauung der Familie von Malwack, die einst hier auch weite Ländereien besessen hatte. Nun wohnten dort als die eigentlichen Eigentümer des weitläufigen Hauses die noch Überlebenden von vier Geschwistern Thora und Wilhelma, deren Vormund ihr Onkel Gisbert von Malwack war, ein nach Höppners Angaben sehr vornehmer, liebenswürdiger und allgemein beliebter Herr, der vor einem Jahr nur deswegen aus Transvaal zurückgekehrt war, um nach dem Tod seines Bruders dessen letzten Willen zu erfüllen und die weitere Erziehung der vier Kinder des Verstorbenen zu leiten, von denen dann leider vor Kurzem zwei plötzlich ums Leben gekommen waren.

»Überhaupt«, meinte der brave Höppner, »über dem Geschlecht der Malwacks – sie sollen im Jahre 1620 aus Ungarn eingewandert sein – schwebt seit Jahren ein furchtbares Verhängnis. Der Baron Gisbert – die Familie hat das Recht, den Barontitel zu führen – hat mir letztens, als ich wieder einmal eine Reparatur dort erledigte, erzählt, dass auf den Malwacks ein Fluch laste. So um das Jahr 1600 soll ein Baron von Malwack einen alten Zigeuner beim Wildern ertappt und ohne Weiteres niedergeschossen haben. Da habe der Zigeuner, der allgemein als Hexenmeister galt, das Geschlecht verflucht und mit letztem Atem gedroht, die Malwacks würden nach 300 Jahren sämtlich kurz hintereinander hinsterben. Ich bin ja nun wahrlich nicht abergläubisch, meine Herren, aber zu denken gibt es doch, wenn man wie ich hier miterlebt hat, dass erst der alte Baron Ingobert, der Großvater der Geschwister, dann die Baronin Theresa, deren Mutter, dann deren Gatte, Baron Arnim und nun auch zwei der Kinder in einem Zeitraum von anderthalb Jahren dahingegangen sind, sodass von der ganzen Familie nun nur noch der Baron Gisbert und die beiden Töchter Thora und Wilhelma übrig sind.«

Harst zuckte die Achseln: »Trauriger Zufall, weiter nichts!«

Aber als wir kurz vor elf das Haus heimlich durch das niedrige Fenster unseres Zimmers verlassen hatten und durch das gegenüberliegende Waldstück zum Seeufer hinabschlichen, sagte er leise: »Schraut, hier handelt es sich um eine Verbrecherbande, die kein Mittel scheut, ans Ziel zu gelangen. Es wird einen bösen Kampf geben, Schraut, und wir tun gut, so sehr auf unserer Hut zu sein wie noch nie bisher. Deshalb auch nie ohne unsere Schusswaffen ausgehen und nie aus der Rolle fallen – aus der Rolle der Brüder und Versicherungsbeamten.«

Unten am See lag ein kleines Boot, das Höppner gehörte und zu dem er uns den Schlüssel gegeben hatte. Auch die beiden Ruder waren darin mit einer langen Kette an die Ruderbänke angeschlossen.

Wir trieben das Boot langsam am Ufer entlang und kamen sehr bald nach kaum vier Minuten an die bis zum Wasser hinabreichende Mauer des Malwack’schen Grundstücks. Höppner hatte uns von dieser Mauer erzählt und geäußert, heutzutage lasse kein Mensch mehr so dicke und so hohe Mauern bauen, dazu käme der Spaß zu teuer. Wir sahen nun auch – die Nacht war ziemlich hell – den zur Friedrichsburg gehörenden Anlegesteg, neben dem ein Badehäuschen weit in den See hinaus errichtet war. Sehr leise legten wir am Steg an einem dort befestigten Segelkutter an und warteten nun. Eine halbe Stunde verstrich. Dann – ganz plötzlich von der oben auf dem hohen Ufer liegenden Friedrichsburg her das wütende Bellen mehrerer Hunde, nein, mehr ein drohendes Aufheulen war es und dann – ein so entsetzlicher Schrei aus weiblichem Mund, dass mir förmlich das Blut in den Adern gerann.

Nun – abermals dieser Ruf, den nur die höchste Todesangst der Brust eines Menschen auspresst, – dann nichts mehr.

Harst hatte meinen Arm gepackt. »Thora!« flüsterte er.

Da wurden oben im Garten Stimmen laut. Wir sahen Laternenschein zwischen den Bäumen aufblinken, hörten allerlei Zurufe, dann drei Schüsse kurz hintereinander, klägliches Heulen, noch einen Schuss.

»Mein Gott, was bedeutet das alles?«, fragte ich beklommen.

»Nichts anderes, als dass der Fluch des Geschlechts ein neues Opfer gefordert hat«, erwiderte Harst dumpf. »Die Hunde werden Thora angefallen und zerfleischt haben. Aber wir dürfen …« Er schwieg Sein Blick starrte nach rechts in die Mitte des Sees hin. Dort lag ein dunkles Etwas – ein Boot.

Harst griff zu den Rudern. »Schraut, jenem Boot nach, steuern Sie gut …«

Er verstand die Riemen zu gebrauchen. Er zog mit äußerster Kraft durch. Ich steuerte erst noch im Schatten der Bäume dicht am Ufer entlang und dann im Bogen auf das andere Boot zu.

»Gut so«, lobte Harst. »Wenn wir nahe genug heran sind, dann den Menschen darin anrufen und mit einer Kugel drohen.«

In dem jetzt stillliegenden Boot saß ein Mann mit hellem Filzhut und schaute regungslos zu der Friedrichsburg hinüber. Wir näherten uns ihm von hinten so leise und langsam, dass er, der offenbar mit all seinen Sinnen nur jenseits am Ufer war, uns gar nicht bemerkte. Erst als Harst nun die Ruder halb einzog und die eine Dolle quietschte, fuhr er herum, griff auch sofort in die Jackentasche nach einer Waffe.

Aber Harst war flinker. Mit einem Satz schwang er sich hinüber in das fremde Fahrzeug, riss den Menschen zu Boden, hielt ihm seinen Selbstlader vor die Stirn.

»Keine Bewegung oder ich drücke ab«, herrschte er den mit den Beinen über der mittleren Ruderbank Liegenden an.

»Schraut, Ihr Taschentuch her, schnell!« Er hatte nun die Handgelenke des Manns gepackt. Aber dieser wehrte sich wie ein Verzweifelter. Harst war kräftiger, gewandter und nun konnte auch ich eingreifen, nun hatte ich die Hände des Überrumpelten fest zusammengeknotet.

Harst richtete ihn auf, sodass er nun vor uns saß. Wir hatten einen noch jungen Menschen vor uns, dessen Kleidung einen ersten Schneider verriet.

»Wer sind Sie?«, fragte Harst.

Keine Antwort. Nur die Blicke des Mannes glitten immer wieder prüfend über uns hin.

Harst fasste ihm in die Brusttasche, holte ein elegantes Portefeuille hervor, kniete auf dem Boden des Bootes nieder, schaltete seine Taschenlampe ein und wollte so den Inhalt der Brieftasche untersuchen, damit der Lichtschein vom Ufer aus nicht bemerkt würde.

Der junge Mensch, der einen kurzen, blonden Bürstenschnurrbart trug, zerrte immer wieder an seinen Fesseln, keuchte vor Wut und Anstrengung, hob dann ganz plötzlich den Fuß und versetzte der in Harsts Rechter befindlichen Brieftasche einen solchen Schlag von unten, dass sie ins Wasser flog.

Sie ging jedoch nicht schnell genug unter. Harst fischte sie glücklich wieder heraus, nahm nun die in unserem Boot befindliche lange Kette und band damit den wieder heftig sich Sträubenden so an die Ruderbank fest, dass dieser ein zweites Mal eine solche Attacke nicht mehr versuchen konnte.

»Sie scheinen ja ein ganz gefährlicher Bursche zu sein«, meinte Harst und besichtigte den Inhalt der Brieftasche nun ungestört und sehr eingehend.

Plötzlich, nachdem er einen Brief gelesen, schaltete er die Lampe aus, richtete sich auf, sagte in höflichem Ton: »Entschuldigen Sie. Wir haben uns geirrt. Sind Sie Herr Berthold Müller, der heimlich Verlobte des Fräuleins Thora von Malwack?«

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