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Frank Allan Band 1.5

Frank Allan
Rächer der Enterbten
Band 1
Die Zuchthausrevolte
5. Kapitel

Das Wichtigste, das Frank Allan in seiner Verkleidung als Tommy bisher hatte entdecken können, war eine geheime Tür, die kunstvoll in die eigentümlich verschnörkelte Tapete des Arbeitszimmers eingelassen war.

Stundenlang hatte er eines Tages unbeweglich hinter einer dichten Portiere auf der Lauer gelegen. Seine Glieder schmerzten unerträglich, doch Mac Farlan wich nicht von seinem Schreibtisch; eine zeitraubende Rechnung schien ihn festzuhalten.

Endlich stand er auf und ging suchend umher, als vermisse er irgendein Dokument. Er durchwühlte sämtliche Fächer – vergeblich. Dann trat er schnell zur Wand, drückte mit der flachen Hand gegen eine Stelle der Tapete und plötzlich öffnete sich die geheime Tür, durch die er verschwand.

In der Nacht, als sein Herr schlief, hatte Allan das Geheimnis der Feder entdeckt und war durch die verborgene Pforte in einen fensterlosen Raum getreten. Ein langer, mit grünem Tuch überzogener Schreibtisch aus Eiche, schwere, bequeme Stühle und ein mächtiger, wertvoller Kronleuchter bildeten die gesamte Einrichtung.

Unzweifelhaft ein Sitzungszimmer! Aber welchem Zwecke mochte es dienen?

Der Ton einer Klingel weckte Frank Allan aus seinen Gedanken.

Er trat rasch vor den Spiegel im kleinen, primitiven Dienerzimmer, prüfte aufmerksam seine Maske und ging dann befriedigt zu seinem Herrn, der ihn zu sprechen wünschte.

»Tommy! Ich erwarte in einer Stunde einige Herren zu einer wichtigen, dringenden Sitzung. Sorgen Sie dafür, dass wir durch niemanden gestört werden! Durch niemanden, verstanden? Ich werde der Sicherheit halber mein Arbeitszimmer noch verschließen!«

Stumm verbeugte sich der angebliche Diener.

Tommy war entlassen, doch sein Argwohn war geweckt.

Blitzschnell überlegte er und hatte schon nach wenigen Sekunden einen Plan entworfen.

Er zog hastig einen dunklen Mantel über die glänzende Livree, stülpte einen unauffälligen Hut auf den Kopf und eilte auf die Straße.

Ein unbesetztes Auto kam ihm entgegen. Er sprang hinein, sagte dem Chauffeur ein flüchtiges Wort und schon sauste der Wagen Allans eigenem Heim entgegen.

Erfreut empfing ihn seine brave Wirtschafterin, erstaunt der echte Tommy, der sich gerade ein opulentes Frühstück schmecken ließ.

»Rasch die Anzüge gewechselt.«

Mit fieberhafter Eile folgte die Verwandlung. Bald steckte der echte Diener wieder in seiner Livree, doch aus Frank Allans Zügen sprach finstere Entschlossenheit.

»Vorwärts, Tommy, die Zeit drängt!«

Und das Auto trug die beiden in rasender Fahrt zum Palast Mac Farlans zurück.

Keine Minute zu früh, denn schon erschien der erste geheimnisvolle Gast: Dr. Truton. Noch mancher folgte, darunter auch Advokat Millfort.

Von seinem gefährlichen Versteck hinter der Portiere des Arbeitszimmers aus sah der Rächer die Männer eintreten – wahrlich eine auserlesene Gesellschaft. Unter ihnen befand sich sogar einer der berühmtesten Staatsanwälte.

Die Versammlung schien vollzählig. Da öffnete der Hausherr die geheime Tür. Elektrisches Licht drang aus dem düsteren Raum in die Helligkeit des Arbeitszimmers. Dann fiel die Pforte ins Schloss.

Schon wollte der Späher aus seiner Verborgenheit schlüpfen, als Mac Farlan zurückkehrte, das Geheimfach in der Wand mit schnellem Druck öffnete und eine Anzahl Papiere entnahm.

Ohne zu ahnen, wie nah ihm das Unheil war, verschwand er wieder im Versammlungsraum.

Nun schlich Frank Allan näher.

Vorsorglich hatte er schon vor einiger Zeit Löcher in die Tapetentür gebohrt, sodass er jedes Wort verstehen konnte.

Ein grausames Gewebe der Schande entrollte sich vor seinem geistigen Auge und trieb ihm die Röte des Zornes und der Empörung in Stirn und Wangen.

Minute um Minute verging, dann ergriff Mac Farlan als Letzter das Wort: »Unser gemeinsames Handeln hat goldene Früchte getragen, jeder von uns besitzt ein unermessliches Vermögen. Der Fall Hozkin und die notwendig gewordene Beseitigung Tom Stettons, der auf Verrat sann, scheinen aber doch ein gewisses Misstrauen gegen einige von uns geweckt zu haben. Mir persönlich wird der Boden unter den Füßen bedenklich heiß, und ich werde den Verdacht nicht los, dass Allan, der Rächer, uns auf den Fersen ist!«

Ausrufe des Schreckens unterbrachen den Sprecher.

»Es würde zu weit führen, meine Verdachtsmomente im Einzelnen anzuführen. Für uns heißt es jetzt handeln – unseren Bund aufzulösen und dann einen kleinen Luftwechsel vorzunehmen.«

Die Stimmen gingen durcheinander.

»Ruhe, meine Herren! Hier ist die genaue Abrechnung. Das Geld liegt auf der Bank zum Abheben bereit. Doch zuerst haben wir eine Ehrenpflicht zu erfüllen!«

Höhnisches Lachen füllte den Raum.

»Ehrenpflicht! Lächerliches Wort!«

»Es mag seltsam klingen, aber ich meine es ernst. Sie wissen, dass der Gründer unseres Bundes, Sam Lawland, als Nr. 63 im Zuchthaus schmachtet. Eine Torheit brachte ihn dahin: die Eifersucht auf den Verführer seiner Frau, den er mit einem einzigen Schlag zu Boden schmetterte. Selbst unsere weitreichende Macht konnte Lawland nicht retten. Seine Befreiung soll unsere letzte gemeinsame Tat sein.«

Verlegenes Schweigen, dann vereinzelte zustimmende Rufe.

»Alles ist von mir vorbereitet. Eine Anzahl Wärter ist bestochen und vor allem Lawland selbst ist über meinen Plan unterrichtet. Allan, das ist dein Stichwort. Es wird eine Zuchthausrevolte ausbrechen. Die bestochenen Beamten werden überwältigt, die anderen sind zu schwach für ernsthaften Widerstand, da genügend Waffen hineingeschmuggelt werden. In dem allgemeinen Wirrwarr wird es ein Leichtes sein, unseren Freund in einem bereitgehaltenen Auto zu entführen.«

Es gab beifälliges, freudiges Gemurmel.

Da erhob sich der Staatsanwalt. Scharf und schneidend klang seine Stimme.

»Und Fred Hozkins? Und unsere anderen Opfer? Auch sie werden die Freiheit erlangen und als furchtbare Zeugen gegen uns aufstehen. Denn ihre gemeinsame Anklage wird nicht ungehört verhallen!«

Teuflisches Lachen weckte diese besorgte Anfrage des Staatsanwalts bei Mac Farlan.

»Niemand wird seine Stimme klagend gegen uns erheben können. Gefängnisinspektor Morris konnte unserem funkelnden Gold nicht widerstehen. Er sorgt dafür, dass all unsere – hahaha – Freunde im linken Flügel von Sing Sing untergebracht werden. Dort bleibt alles ruhig, aus diesen Zellen wird niemand entweichen!«

Da fand der niederträchtige Plan ungeteilten Beifall und die Bestechungsgelder wurden vom Bund ohne Widerrede bewilligt.

Frank Allan aber hatte genug gehört.

Zornerfüllt ballte er die Fäuste.

»Elendes Gelichter! Euch, den größten Schurken der Erde, überhäuft die kurzsichtige Welt mit Ehren. Den kleinen Verbrechern aber, die in der Not auf Abwege gerieten, wird der Prozess gemacht. Ihre Vergehen werden künstlich zu Schandtaten aufgebauscht. Mit euren eigenen Waffen will ich euch besiegen – mit List, Verschlagenheit und Bestechung!«

Und der Rächer der Enterbten begann, schnell und umsichtig zu handeln!

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