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Der Detektiv – Die Dame im Lackhut – 5. Kapitel

Walter Kabel
Der Detektiv
Kriminalerzählungen, Verlag moderner Lektüre GmbH, Berlin, 1920

Die Dame im Lackhut
5. Kapitel

Er schritt nun auf die gegenüberliegenden Wirtschaftsgebäude zu.

»Warten Sie hier, Schraut. Ich bin sofort wieder da. Gehen Sie dort bis zur Ecke.«

Ich sah noch, dass er an der Gitterpforte auf den elektrischen Knopf drückte. An der Straßenecke blieb ich stehen, zündete mir als Anregungsmittel eine Zigarre an und ging wieder ein Stück langsam in die Delbrückstraße hinein.

Hinter mir kam jemand her, schritt an mir achtlos vorüber, bog plötzlich links ab. Einen Moment sah ich ein sehr scharfes Profil mit Hackennase, als dieser einsame Herr den Kopf in die Richtung des Barentraubʹschen Wirtschaftshofes gedreht hatte. Die nahe Laterne hatte gerade voll dieses Profil beleuchtet.

Es war Doktor Görner mit hochgeschlagenem Ulsterkragen. Ich sah nun auch Harst, der eilig ausschritt und mit dem Taschentuch geräuschvoll die Nase putzte. Er blieb bei mir nicht stehen. Ich hatte kehrt gemacht. Er raunte mir zu: »Vorsicht!«

Ich folgte ihn gemächlich. In der Nebenstraße wartete er auf mich.

»Schraut, haben Sie den Doktor bemerkt?«, flüsterte er überstürzt und riss sich den falschen, rötlichen Schnurrbart ab.

»Hier, nehmen Sie meinen Überzieher über den Arm. So, jetzt hoffe ich, wird er mich auch ohne Nase putzen nicht wiedererkennen. Halt – Ihren Hut her. So – auch Ihren Eisenschlips. Passen Sie genau auf, wo ich bleibe, aber lassen Sie sich nicht sehen.«

Er verschwand schnell wieder in der Delbrückstraße.

Auch ich nahm mir den falschen Vollbart ab, ebenso die Perücke, trug den Hut in der Hand, als wäre mir zu heiß. Meine Billardkugel von Schädel muss im Laternenlicht recht stark geleuchtet haben.

So machte ich mich hinter Harst drein, zog aber doch noch schnell meinen kurzen Mantel aus, trug nun beide über dem Arm wie einen. So war ich ganz harmloser Abendluftgenießer.

Harst war etwa vierzig Schritt vor mir. Ich behielt diese Entfernung bei. Wir kamen so in die Hubertusallee an Roseneck vorüber, nach Dahlem hinein, weiter, immer weiter. Ich hörte, wie Harst erst in der Hubertusallee einen Gassenhauer gepfiffen hatte. Nun war er ganz still, ging sehr langsam und immer in der Baumreihe entlang. Dann machte er plötzlich halt. Die Bäume hatten ein Ende. Auch ich blieb stehen. Nach einer Weile kam er mir entgegen.

»Schraut, der Doktor ist gut hundertfünfzig Meter weiter jetzt«, sagte er. »Sie ahnen doch, wohin er will?«

»Etwa zu dem Neubau?«

»Ja, sehr wahrscheinlich. Vielleicht plant er eine neue Teufelei. Nun, er wird sich wundern! Lassen wir ihm noch mehr Vorsprung. Wir finden ihn schon noch. Wenn ich das geahnt hätte, als ich dem Jungen meinen Ausweis gab!«, fügte er hinzu. »Diese Nacht kann noch aufregender als die verflossene werden.«

»Ausweis? Jungen? Vielleicht unserem Patienten?«, fragte ich verwundert.

»Gewiss, dem Kurt Schlicht, dem Enkel des Kutschers Schlicht. Er kannte mich nicht. Ich musste dann schleunigst verschwinden, denn Schlicht und die Frau im Lackhut erschienen drüben am Parkeingang.«

Ich hätte ihn gern noch weiter ausgeforscht. Aber er lehnte jedes Gespräch ab, rauchte eine Mirakulum und meinte nur einmal wie zu sich selbst redend: »Wenn sie nur dem Ruf Folge leisten möchten. Es gäbe eine hochdramatische Szene.«

Die heutige Nacht war hell. Als der Neubau in Sicht kam, bog Harst links ab. Wir kletterten wieder über verschiedene Zäune, gelangten so von hinten zunächst an die Bretterbude.

Harst kniff mich in den Arm. Im Keller rechts war Licht.

Wir näherten uns nun sehr vorsichtig den Fenstern, drückten uns dicht an die Mauer – Harst rechts, ich links von der Fensteröffnung.

Ich schob den Kopf vor.

Der Doktor kniete auf dem Schuttboden und warf mit der Rechten Mörtelstücke und Ziegelsteinreste übereinander, während er in der Linken eine eingeschaltete Taschenlampe hielt.

Ich schaute zu Harst hin. Der gab mir ein Zeichen mit der Hand, deutete in den Keller hinein. Ich verstand. Ich nahm aus der Brusttasche meine Taschenlampe, wartete nun.

Harst hatte seinen Revolver hervorgeholt. Dann – ein Satz durch die Fensteröffnung, noch ein Sprung, ein Stoß und Görner, der vor Schreck wie gelähmt war, lag lang da.

»Keine Bewegung, Kriminalpolizei«, rief Harst drohend.

Ich beleuchtete die Szene von draußen.

»Hierher, Kollege, binden Sie ihm die Hände mit dem Taschentuch!« Harsts Stimme war scharf und drohend. »Rühren Sie sich nicht, Doktor Görner. Ich schieße sofort! Leuten wie Ihnen gegenüber darf man nicht lange fackeln.«

Görner war bleich und wie willenlos. Er ließ alles mit sich geschehen. Erst als er auf dem Ziegelkasten saß, den in der vorigen Nacht Stachel und die andere Frau im Lackhut als Sitz benutzt hatten, wurde er lebendig, schrie uns plötzlich an: »Was wollen Sie von mir?! Was habe ich denn getan, dass Sie mich wie einen Verbrecher behandeln? Es soll Ihnen teuer zu stehen kommen!«

»Schweigen Sie!«, sagte Harst kalt. »Was Sie getan haben, weiß ich, und ich kann es Ihnen beweisen, nämlich einen Mordversuch an Ihrer Frau! Kein Wort weiter. Sonst stecke ich Ihnen einen Knebel zwischen die Zähne! Hier, Kollege«, wandte er sich an mich, »hier ist mein Revolver. Ich gehe mal auf die Straße. Und wenn Doktor Görner verdächtige Bewegungen macht, schießen Sie! Ich verantworte es.«

Ich war mit Görner allein. Seine Augen irrten erst hilfeflehend umher, dann sah ich, wie ihm dicke Schweißperlen auf die Stirn traten. Die Angst begann sich seiner zu bemächtigen. Wie kraftlos saß er nun zusammengesunken da. Er hatte uns beide nicht wiedererkannt, hielt uns fraglos für Beamte.

Dann draußen Stimmen, Schritte.

Harst kam; hinter ihm zwei Damen, ein älterer Herr. Die Damen trugen Lackhüte, sahen sich sehr ähnlich. Der Herr war Regierungsrat Stachel.

Görner schnellte hoch, rief: »Lotti, man hat mich hier …«

»Setzen Sie sich«, fiel ihm Harst ins Wort. »Sie haben hier nur zu reden, wenn Sie gefragt werden. Ihre Gattin will und kann Sie nicht vor dem Zuchthaus retten.«

»Meine Herrschaften, ich werde mich ganz kurzfassen«, wandte er sich an die drei. »Wer ich bin, wissen Sie. Ich habe Kurt Schlicht deshalb meinen Ausweis gegeben, damit Sie sofort erkennen sollten, dass Ihnen von einem Harald Harst nur Hilfe werden konnte. Ich freue mich, dass Sie meiner Aufforderung gefolgt und sofort hierhergekommen sind. Als ich dem Knaben dies nahelegte, ahnte ich noch nicht, dass auch der Mann sich hier einstellen würde, der gestern hier einen Mordversuch unternommen hat.«

Bisher hatte der Regierungsrat regungslos dagestanden.

Jetzt fuhr sein Kopf hoch. Auch die Damen machten Bewegungen des Staunens.

»Mordversuch? Sollte denn etwa …« Weiter kam Stachel nicht.

»Lassen Sie mich alles erklären«, sagte Harst, ihn unterbrechend. »Sie haben mir gegenüber soeben vor dem Haus kurze Andeutungen gemacht, weshalb Frau Görner ihrem Gatten entflohen ist. Ich überschaue jetzt den Sachverhalt vollständig. Die Geschwister Blink heirateten vor zwei Jahren; die ältere wird Frau Regierungsrat Stachel, die jüngere, Charlotte, Frau Doktor Görner. Sehr bald verliert Herr Blink infolge verfehlter Spekulationen sein Vermögen.

Der Neubau hier, der des Doktors Mitgift werden sollte, kann nicht beendet werden. Nun beginnt, nachdem Blink als schwermütig von seinem Schwiegersohn in dessen Anstalt aufgenommen ist, für Frau Görner ein entsetzliches Martyrium. Sie merkt, dass ihr Mann sie nur des Geldes wegen geheiratet hat, dass ihre Gesundheit immer schlechter wird. Ihre Schwester und ihr Schwager vermuten, dass Görner, der ein sehr geschickter Hypnotiseur ist, absichtlich irgendwie ihre Gesundheit untergräbt. Sie, die längst mit Görner verfeindet sind, raten Charlotte, ihn zu verlassen. Sie weigert sich. Ihr Wille ist dabei offenbar durch Suggestion lahmgelegt. Dann hat sie aber eines Tages doch die Kraft, ihrem Ungeheuer von Mann zu entfliehen. Sie findet bei dem früheren Kutscher ihres Vaters Schlicht Unterkunft, wagt es jedoch nicht, offen mit Schwester und Schwager in Verbindung zu treten. Da ersinnt sie die Anzeigen Wissmacht. Zweimal treffen sich die drei in dem Neubau. Inzwischen hat der Regierungsrat gemerkt, dass sein Haus von Privatdetektiven überwacht wird, die nur in Görners Sold stehen können, der so seiner Frau wieder habhaft zu werden hofft. Dann entdeckt Görner aber die dritte Anzeige mit Wissmacht im Kurier, eilt in der vergangenen Nacht gegen halb elf etwa hierher, findet hier die Leitungsdrähte, entwirft sofort einen Plan, wie er seine Frau beseitigen könnte, wobei er darauf rechnet, dass sie zuerst an Ort und Stelle sein wird. Er schreibt mit Bleistift auf einen Briefumschlag ›An Wissmacht‹ legt ihn so hin, dass der, der ihn aufnimmt, vom elektrischen Strom getroffen werden muss. Er denkt, der Briefumschlag wird dabei verbrennen. Frau Görner erscheint diesmal jedoch in Begleitung des Knaben. Dieser sieht den Brief, hebt ihn auf.

Frau Görner flieht, hält den Jungen für tot, dessen Großvater sich nachher aufmacht, um die Leiche zu holen. Er findet nichts, trifft mich, hält mich für einen der Spione Görners, schlägt mich nieder. Als er nach Hause kommt, ist der Knabe wohl und munter daheim. Inzwischen sind aber auch Herr Stachel nebst Frau hier gewesen, haben umsonst gewartet und gehen wieder von dannen. Frau Görner ahnt nichts von dem Mordanschlag. Sie kann sich den Unfall des Jungen nicht erklären. Ihr Gatte kommt heute wieder nach Berlin. Er weiß jetzt auch, wo seine Frau sich verborgen hält. Er sieht sie heute Abend wohl und munter mit Schlichts den Park verlassen, eilt an den Schauplatz seines geplanten Verbrechens, vergräbt die Drähte wieder und wird dabei von uns abgefasst. So muss sich, vielleicht mit ganz geringen Abweichungen, alles zugetragen haben. Sie, Doktor Görner, werde ich jetzt der Polizei übergeben. Der nur halb verbrannte Briefumschlag wird zu Ihrer Verurteilung genügen, zumal Sie hier noch ein Stückchen einer Fahrkarte Werder-Berlin verloren oder weggeworfen haben. Nur eins möchte ich gern von Ihnen noch wissen, Frau Doktor: Wer hat für Sie die Anzeigen von Werder aus an den Kurier gesandt? Wohl Kurt Schlicht, Ihr kleiner Freund? Sie nicken. Ich danke.«

Die drei gingen stumm hinaus. Görner würdigten sie nicht eines Blickes.

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