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Professor Zamorra Band 1 – Das Schloss der Dämonen

Robert Lamont (Susanne Wiemer)
Professor Zamorra Band 1
Das Schloss der Dämonen

Grusel, Heftroman, Bastei, Bergisch-Gladbach, 02.07.1974, 66 Seiten, 1,20 DM

Kurzinhalt:
Fackelschein geisterte über die Wände. Feuchte, modrige Kälte hing in der Luft, der Geruch nach Leder, rostigem Eisen und nassem Gestein. Dicht vor dem Gesicht des Mannes loderte eine Pechfackel, beleuchtete seine schweißnasse Stirn, die zuckenden Lippen, die verzerrten Züge.

Der Mann lag ausgestreckt auf einer Holzpritsche, die Arme über den Kopf gehoben. Breite Lederriemen fesselten seine Hand- und Fußgelenke, ein dickes Tau lief von den Fesseln über eine altmodische Winde, und das Seil war straff gespannt. Der Mann keuchte. Den breitschultrigen, muskulösen Hünen, der die Winde bediente, konnte er nicht sehen. Aber er hatte das Schaben gehört, das nervenzerfetzende Quietschen, und in seinem gemarterten Schädel schien sich das Geräusch fortzupflanzen, bis es sich wie ein glühender Nagel in sein Gehirn bohrte.

Leseprobe

»Nein«, stöhnte er.

»Nein, nein … Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen. Ich …«

Der Mann mit der Fackel lächelte. Seine dünnen, grausamen Lippen krümmten sich, in dem schmalen Totenkopfgesicht glühten die Augen.

»Ich spreche von dem Amulett«, sagte er mit tödli­cher Sanftheit.

»Sie sind Louis de Montagne, sind Leonardo de Montagnes letzter direkter Nachkomme, und Sie ken­nen das Geheimnis.«

Er richtete sich auf, hob die flackernde Pechfackel ein Stück höher. Ein fanatisches Brennen trat in seine jettschwarzen Augen.

»Ich werde das Amulett besitzen«, flüsterte er.

»Ich werde herrschen, Montagne. Ich werde der mächtigste Mann Frankreichs sein. Ich, Dr. Arcaro Ramondo!«

Louis de Montagne schloss zitternd die Augen.

»Nein«, ächzte er. »Nein, nein …«

Ramondo hob die Hand zu einer knappen Geste. Die Winde quietschte. Wieder straffte sich das Seil, zerrte erbarmungslos an den Gliedern des Opfers. Ein markerschütternder Schrei brach über die Lippen des Gemarterten. Erneut hob Ramondo die Hand. Der Hüne mit dem mächtigen, vollkommen kahlen Schä­del und den leeren Augen hörte auf, an der Winde zu drehen. Scheinbar mühelos hielt er den Hebel in sei­ner Stellung, und der Schrei, der von den Wänden widerhallte, erstarb in einem qualvollen Wimmern. Der Mann mit dem Totengesicht hielt die Fackel dicht vor die Augen seines Opfers.

»Sie sind ein Narr, Montagne«, sagte er leise.

»Sie müssten diese Folterkammer doch am besten kernten. Sie gehört zu Ihrem Schloss – also wissen Sie, was man mit den hübschen Geräten anstellen kann. Soll ich Ihnen alle zehn Finger mit Daumenschrauben zerquetschen? Soll ich Sie in der eisernen Jungfrau durchbohren lassen? Soll Acharat Ihnen mit glühen­den Zangen die Haut vom Leib reißen oder …«

»Sie Satan!«, keuchte Montagne. »Sie verdammte, teuflische Bestie! Sie …!«

»Acharat«, kam Ramondos leise, ausdruckslose Stimme.

Die Winde quietschte. Diesmal klangen die Schreie des Opfers so grauenvoll, dass selbst in den leeren Augen des Hünen etwas wie eine Regung erschien. Der Körper des Gemarterten zuckte, versuchte sich aufzubäumen. Montagnes Gesicht verzerrte sich zur Grimasse, verfärbte sich, die Augen traten aus den Höhlen, und er hörte nicht auf zu schreien, als das misstönende Quietschen verstummte.

»Lass ab, Acharat«, sagte Ramondo nach ein paar Sekunden.

Der Hüne ließ den Hebel los. Rasselnd drehte sich die Winde zurück. Aber es dauerte Minuten, bis die grässlichen Schreie erstarben.

»Nun?«, fragte Ramondo eisig. »Ist Ihnen eingefal­len, wo Sie das Amulett versteckt haben?«

Louis de Montagne schloss die Augen. Sein Gehirn schien nur noch aus einer feurigen Lohe zu bestehen, sein Körper aus Schmerzen. Er hatte das Gefühl, als habe man ihm mit einem Beil Arme und Beine abge­hackt.

Keuchend lag er da, unfähig, auch nur einen Finger zu rühren, und nur noch der eine verzweifelte Gedanke hatte Platz in ihm, dass er diese Tortur nicht noch einmal ertragen konnte. Reden? Dieser Bestie in Menschengestalt geben, was sie verlangte? Das war sein sicherer Tod, er wusste es. Aber er wusste auch, dass er keine andere Wahl hatte. Dass es besser war, zu sterben, als noch einmal die Wirkung dieses grauen­vollen Streckbettes zu spüren oder …

Seine Gedanken stockten. Ganz tief in seinem gemarterten Hirn schien es etwas wie eine winzige Explosion zu geben. Der Ausweg! Louis de Montagne wusste plötzlich, was er zu tun hatte, und es war so einfach, dass er sich fragte, warum er nicht eher darauf gekommen war. Dr. Ramondo wollte über die Dämo­nen herrschen.

Er sollte es versuchen. Er sollte den Dämonen begegnen und …

»Nun?«, drang Ramondos Stimme in sein Bewusstsein. »Wollen Sie die Daumenschrauben ausprobie­ren? Oder mit der eisernen Jungfrau Bekanntschaft schließen?«

»Nein«, stöhnte Montagne. »Nein! Ich – ich werde reden …«

»Dann reden Sie! Ich warte nicht lange.«

Montagne fuhr sich mit der Zunge über die trocke­nen Lippen, spürte den salzig-bitteren Geschmack von seinem Schweiß. Seine Stimme gehorchte ihm kaum, und jedes Wort kostete ihn Mühe.

»Die Tür mit dem Wappen«, flüsterte er. »Am Ende des Ganges … gibt es eine Treppe. Zwölf Stufen. Sie führen zu der Tür mit dem Wappen der Montag­nes. Dahinter …«

Ramondo nickte. »Weiter«, drängte er.

»Eine Truhe«, stöhnte Montagne.

»Das Amulett … ist in einer Truhe. Sie trägt ebenfalls das Wappen …«

Dr. Ramondo richtete sich auf. Seine hohe, hagere Gestalt straffte sich. Das Totengesicht mit den vorstehenden Wangenknochen, der gelblichen Pergament­haut und den dünnen Lippen wirkte steinern. Nur in den Tiefen seiner lavaschwarzen Augen begann der Triumph zu glühen wie ein Feuer …

 

***

 

Professor Zamorra atmete tief durch und ließ die Schultern sinken. Er war ein großer, schlanker Mann, dunkelhaarig, mit hellwachen grauen Augen in einem schmalen, markanten Gesicht. Jetzt wirkte er ein wenig abgespannt. Mit einer knappen Geste griff er nach dem Wasserglas auf dem Schreibtisch, trank einen Schluck und wandte sich seiner Sekretärin zu.

»Das war’s für heute«, sagte er. »Ich glaube nicht, dass noch allzu viele Korrekturen nötig sind.«

Nicole Duval ließ den Stenoblock sinken und hob das hübsche Köpfchen. Über ihrer kleinen, energi­schen Nase stand eine winzige Falte in Form eines V.

»Himmel«, seufzte sie. »Müssen Sie sich denn wirk­lich immer mit diesen Gespenstergeschichten befas­sen, Chef?«

Zamorra lächelte. Er hatte sich inzwischen an Nico­les Eigenschaften gewöhnt. Nur an den Blick ihrer verteufelt hübschen Augen würde er sich wohl nie gewöhnen. Dunkelbraune Augen, hell gesprenkelt. Winzige Tupfen, die wie Goldfunken tanzen konnten. Und die bisweilen auch verschwanden, wenn sich die Irisringe verdunkelten und zu schwarzen Seen wur­den. Nicole war ein echter Glücksfall. Schön, intelli­gent, sprühend vor Lebendigkeit und Charme – und im Bedarfsfall so zuverlässig wie ein Felsen in der Bran­dung. Wenn es galt, ihren Chef vor ungebetenen Besu­chern und auch störenden Anrufen abzuschirmen, konnte sie es mit jedem Vorzimmerdrachen aufnehmen.

Wenn sie dagegen Auskünfte brauchte, Termine aus­machte, irgendetwas erreichen wollte, dann taute sie Eisberge auf und wickelte den hartgesottensten Verhandlungspartner um den kleinen Finger.

Lediglich für das weite Gebiet der Parapsychologie und alle diesbezüglichen Forschungen fehlte ihr jeder Funke von Verständnis.

»Das ist keine Gespenstergeschichte, sondern eine wissenschaftliche Abhandlung über Telepathie und Elektromagnetismus«, erklärte Zamorra geduldig. »Und sie ist für eine höchst seriöse Zeitung bestimmt, die von der NASA mitfinanziert wird.«

»Telepathie«, wiederholte Nicole in einem Tonfall, als habe ihr jemand ernsthaft den Vorschlag gemacht, sie mit dem legendären Mann im Mond bekannt zu machen. Zamorra seufzte. Nicoles spezielle Spielart von Logik war immer wieder verblüffend.

»Sie glauben doch zum Beispiel an Liebe auf den ersten Blick, nicht wahr?« versuchte er es noch ein­mal. Die Tupfen in Nicoles Augen verwandelten sich in pures Gold.

»Ich bin schließlich Pariserin«, sagte sie mit Würde.

»Na, sehen Sie! Also glauben auch Sie, dass es Bezie­hungen zwischen Menschen gibt, die sich nicht ratio­nal begründen lassen. Ausstrahlungen. Magnetfelder, die …«

»Aber Chef«, unterbrach Nicole ihn vorwurfsvoll. »Was hat das denn mit Liebe zu tun? Liebe auf den ersten Blick ist …«

»Ja?«

»Also, Liebe auf den ersten Blick, das ist – das ist, wenn …«

Sie verstummte. Statt weiterzusprechen, wurde sie glühend rot. Ihre Augen versprühten das Feuer von Brillanten.

»Wenn ich das hier noch schreiben soll, muss ich mich jetzt beeilen«, erklärte sie kategorisch, schob ihren Stuhl zurück und verließ, energisch mit den Absätzen klappernd, das Zimmer.

Zamorra blickte ihr nach. Ein amüsiertes Lächeln spielte um seine Lippen. Nicole hielt sich für eine Realistin. Sie glaubte nicht an Übersinnliches. Aber wenn sie irgendwann einmal einen Ort kennenlernen würde wie zum Beispiel Chateau Montagne, das Schloss seiner Vorfahren … Er stockte.

Tief in seinem Gehirn schien etwas einzurasten. Der Gedanke an das Schloss, an seinen Onkel Louis de Montagne, war aus der Tiefe des Unbewussten an die Oberfläche gewirbelt worden, war plötzlich da, und er wusste selbst nicht, wieso ihn dieser Gedanke beunru­higte. Verbindungen zwischen Menschen, die sich nicht rational erklären lassen. Strahlenfelder. Wissen, das da war wie aus dem Nichts … Er wusste, dass es das gab. Parapsychologie war sein Spezialgebiet. Aber er hatte nie so deutlich empfunden wie jetzt, dass dieser Bereich trotz aller strengen Wissenschaftlichkeit etwas Unheimliches hatte. Mit zwei Schritten stand er am Fenster, öffnete es und atmete tief die klare warme Luft ein. Irgendwo geschah etwas. Etwas, das ihn betraf. Er wusste nicht, was es war – aber er spürte dennoch, wie ihm ein kühles Prickeln vom Nacken her über den Rücken lief …

Personen:

  • Louis de Montagne, Professor Zamorra
  • Dr. Arcaro Ramondo
  • Acharat, Dr. Ramondos taubstummer Diener
  • Nicole Duval, Prof. Zamorras Sekretärin
  • Dämonen
  • Bill Fleming, Amerikaner, Zamorras Freund und Fachkollege
  • Lucy Hillman, Zamorras Haushälterin
  • Jean Aubert, Familienanwalt der Montagnes
  • Anabel de Montagne, Zamorras Tante
  • Charles Vareck, Zamorras Vetter
  • Pierre Malice, Polizeichef
  • Raffael Bois, Diener von Louis de Montagnes

Orte:

  • New York
  • Château Montagne, Frankreich

Quellen:

  • Susanne Wiemer: Professor Zamorra. Band 1. Bastei Verlag. Bergisch-Gladbach. 02.07.1974
  • Thomas König: Geisterwaldkatalog.Band 1. BoD. Norderstedt. Mai 2000
  • Jochen Bärtle: Grusel, Grüfte, Groschenhefte. Der deutsche Grusel-Heftroman von 1968 bis 2008 – Eine Serienübersicht zum 40-jährigen Jubiläum. BoD. Norderstedt. Mai 2008

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