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Der Spion – Kapitel 31

Balduin Möllhausen
Der Spion
Roman aus dem amerikanischen Bürgerkrieg, Suttgart 1893

Kapitel 31

Am Lager eines Schwerverwundeten

In der Nachbarschaft von Kansas City, wo die Entscheidungskämpfe der Bundesarmee mit den südstaatlichen Streitkräften begonnen hatten, gab es wenig Farmgehöfte, welche von der mittelbaren oder unmittelbaren Wirkung der wütenden Zusammenstöße der erbitterten Gegner verschont geblieben wären. Vielfach von Truppenkörpern als Deckung benutzt und, gleichviel von welcher Partei, mit Heldenmut angegriffen und verteidigt, waren sie zerschossen, von Granaten angezündet und niedergebrannt worden. Aber auch räuberische Hände hatten, nachdem die Bewohner flüchteten, sich nach dem in der Hast zurückgelassenen Eigentum ausgestreckt. Herrenlos irrten Pferde und Rinder, soweit sie nicht als Zugtiere oder Schlachtvieh für gute Beute betrachtet worden waren, in Hainen und auf zerstampften Saatfeldern umher. Erst auf die Kunde des von den Unionisten am Little Osage erfochtenen Sieges atmete man wieder auf. Einer nach dem anderen kehrten die Ansiedler zu den verlassenen Heimstätten zurück, um mit dem Rest ihrer Habe ein neues betriebsames Leben zu beginnen. Es stählten ihren Mut und befestigten ihre freundlichen Hoffnungen die aus allen Richtungen einlaufenden Nachrichten, dass endlich die Tage der Konföderation gezählt seien und nach dem vierjährigen blutigen Ringen ein dauernder Friede zu erwarten sei.

Etwas abseits von der von Südosten heraufkommenden Landstraße und etwa eine Tagesreise weit von Kansas City entfernt, erhob sich ein derartiges Gehöft, welches, obwohl äußerlich die Spuren der in seiner Nachbarschaft stattgefundenen Kämpfe tragend, in der Anlage wie in der Umgebung von dem Fleiß und der Ordnungsliebe der Besitzer Zeugnis ablegte. Diese, ein älteres Ehepaar nebst zwei heranwachsenden Töchtern und ebenso vielen Söhnen, waren bald, nachdem die Sezessionisten ihren Rückzug angetreten hatten, mit dem auf zwei Wagen geretteten Hausgerät und den Betten dem für verloren gehaltenen häuslichen Herd wieder zugeeilt. Einen Teil der Schäden hatten sie bereits ausgebessert, wenigstens insoweit, dass die Räume des umfangreicheren Holzhauses einigermaßen als bewohnbar gelten konnten. Auch die geretteten Pferde und Rinder, welche sie auf der Flucht begleiteten, hatten die alten Stallungen von Neuem bezogen, um, mit Rücksicht auf den Futtermangel, die Tage, so lange der bevorstehende Winter es erlaubte, auf dürftiger Weide zu verbringen.

Beseelte neue Zuversicht die Farmerfamilie, sobald sie die vertrauten alten Holzwände wieder um sich sah, so offenbarte sich in dem Wesen aller Mitglieder doch ein eigentümlicher, beinahe feierlicher Ernst, der sich augenscheinlich nicht allein auf die erlittenen Verluste begründete. Vor allem musste auffallen, dass sie im Haus sich so geräuschlos wie möglich einherbewegten, ihre Stimmen bis zum Flüsterton mäßigten, sogar auf dem Hof und in den Stallungen und Schuppen ihre Arbeiten mit einer gewissen Vorsicht verrichteten. Den eigentlichen Grund dafür hätte derjenige auf den ersten Blick entdeckt, welcher von dem das Haus in zwei Hälften teilenden schmalen Flurgang durch die rechtsseitige Tür in das ursprüngliche Wohn- und Schlafzimmer der beiden alten Leute getreten wäre.

Dort lag auf dem breiten Bett ein Schwerverwundeter, eine Gestalt, die nur noch durch schwache Fäden mit dem Leben vereinigt zu sein schien. Selbst ein vertrauter Freund des Captain Houston würde ihn kaum wiedererkannt haben, so zerfallen war sein Antlitz, so abgezehrt waren die Unterarme und Hände, die vor ihm auf der Decke ruhten. Mit den geschlossenen Augen und den kaum wahrnehmbaren Atemzügen hätte man ihn beim ersten Anblick für einen Verstorbenen halten mögen.

Wie mancher im dichtesten Schlachtengewühl gegen feindliche Geschosse gefeit zu sein scheint, so hätte man von ihm behaupten dürfen, dass er, von der einen Verwundung notdürftig geheilt, nur den Duft fernen Pulverdampfes einzuatmen brauchte, um bald wieder hingestreckt zu werden. Eine Musketenkugel war ihm unterhalb der linken Schulter durch die Brust geschlagen. Wirkte sie nicht sofort tödlich, so fürchtete man doch in der ersten Zeit, dass das nur matt pulsierende Leben in jeder neuen Minute erlöschen würde. Mit anderen Verwundeten war er vorläufig in dem verlassenen Haus untergebracht worden. Während aber seine Leidensgenossen einer nach dem anderen, je nachdem es deren Zustand erlaubte, weiterbefördert wurden, musste bei ihm von jedem Versuch abgestanden werden. So blieb er mit einem Heilgehilfen und seinem Diener allein zurück, von Tag zu Tag seiner Auflösung entgegensehend. Zum Glück trafen bald darauf die Besitzer des Gehöftes ein, die ihn nicht nur zweckmäßiger betteten, sondern sich auch mit seiner Begleitung in die Pflege teilten. Seitdem waren mehrere Wochen verstrichen, und noch immer schwebte er zwischen Leben und Tod.

 

Am Kopfende neben seinem Lager und einem mit Verbandgegenständen und angemessenen Erfrischungen bedeckten Tisch saß Oliva, das bleiche Antlitz schwermütig überwachend. In dem ländlich einfachen Frauenanzug, mit welchem ihre bisherigen Kleider zu vertauschen ihr beim ersten Betreten der Ansiedlung Gelegenheit wurde, bot sie im vollen Sinn des Wortes das Bild einer barmherzigen Samariterin, die sich der übernommenen schweren Aufgabe selbstlos mit ganzer Seele weihte. Dort hatte sie seit acht Tagen mit nur kurzen Unterbrechungen gesessen, stets mit derselben Geduld, derselben Aufmerksamkeit und Hingebung den Totwunden pflegend und seine Lage erleichternd. Volle acht Tage war es ja her, seitdem Maurus mit seinem Kommando in der Nachbarschaft vorüberzog und der alte Farmer sich auf den Weg begab, um den etwa bei ihm befindlichen Arzt um seinen Beistand zu bitten. Auf die Erklärung des Farmers, dass die Tage des unter seinem Dach weilenden Offiziers wohl gezählt sein mochten, fragte Maurus nach dessen Namen. Kaum aber hörten Oliva und Nicodemo, die neben ihm hielten, den Namen Houston, als sie sich durch einen Blick verständigten und sofort erklärten, zurückbleiben und den Verwundeten in ihre Obhut nehmen zu wollen. Wenige Worte genügten, Maurus mit den Ursachen der lebhaften Teilnahme vertraut zu machen. Gleich darauf ritten sie mit dem Arzt, den sie von der anderen Kompanie abholten, zu dem Gehöft hinüber.

Die Befürchtungen, welche der Farmer aussprach, fand der Arzt zwar nicht im vollen Umfang bestätigt, allein irgendwelche zuversichtliche Hoffnungen vermochte er nicht anzuregen. Nachdem er Houston eingehend untersucht und verbunden, ihn außerdem aber auf das ungeahnte Wiedersehen vorbereitet und Oliva mit den genauesten Anweisungen über die Art der Pflege versehen hatte, folgte er seinem Kommando nach. Nicodemo und Oliva, die bereits ein Übereinkommen rücksichtlich ihres Verbleibens mit dem Farmer getroffen hatten, begleiteten ihn bis auf den Hof hinaus, wo er zu Pferd stieg.

Eine Weile sahen sie ihm schweigend nach, worauf Oliva sich Nicodemo mit den Worten zukehrte: »Das ist mehr als Zufall. Ein versöhntes Geschick bietet mir immer neue Gelegenheit, mein Geschlecht in würdigerer Weise zu vertreten. Bist du damit einverstanden, so pflege ich ihn, bis er entweder hergestellt ist oder ein höherer Wille über sein Leben entschied.«

»Nicht nur einverstanden«, antwortete Nicodemo aus vollem Herzen, und innige Befriedigung leuchtete aus seinen Augen, »sondern ich preise es auch als eine Fügung des Himmels, dass die Trauerbotschaft uns erreichte.«

»So mag denn unser gemeinschaftliches Werk gesegnet sein, wie um seiner selbst willen, auch zur Freude derjenigen, die ihn zurzeit vielleicht schon als einen Toten beweint.«

Noch zur selbigen Stunde nahm sie ihren Platz neben dem erstaunten Captain ein, der ihr, tief ergriffen, seine Dankbarkeit nur in Blicken auszudrücken vermochte.

Am folgenden Morgen fuhr Nicodemo in Begleitung des nunmehr überflüssig gewordenen Heilgehilfen zur Stadt, um einige stromabwärts bestimmte Briefe zu befördern. Der eine trug die Aufschrift An den Tischlermeister und Sargfabrikanten Herrn Martin Findegern. Außerdem vermittelte Nicodemo den regelmäßigen Besuch eines Arztes, sich zugleich mit allem ausrüstend, was nur irgend geeignet war, zur Erleichterung der Lage des Captains und zu seiner Heilung beizutragen.

Seitdem waren jene acht Tage verstrichen, ohne dass eine merkliche Besserung in dem Befinden des Captains stattgefunden hätte. Eine solche beschränkte sich wenigstens nur darauf, dass er überhaupt noch lebte und der weitere Kräfteverlust zum Stillstand gelangte.

 

Es war am Nachmittag eines rauen Novembertages, als Nicodemo von der Stadt zurückerwartet wurde, wohin er sich begeben hatte, um mit den dort weilenden Brüdern die nächste Zukunft zu beraten. Houston lag im Schlaf. Auf ihm ruhten die ernsten Blicke Olivas. Das in dem aus Feldsteinen aufgeführten Kamin lodernde Feuer verbreitete behagliche Wärme in dem düsteren Zimmer. Vor demselben saß ein Mann in der abgetragenen Uniform eines Dragoners der Vereinigten Staaten, der Diener des Captains. Grämlich in die Flammen stierend, schob er, je nach Bedarf, immer wieder einige Holzscheite in die knisternde Glut. Neben der Teilnahme auf Olivas Zügen prägte sich eine gewisse ängstliche Spannung aus. Sie ersehnte die Heimkehr Nicodemos. Aber weiter noch reichten ihre Hoffnungen. Mit wachsender Ungeduld harrte sie der Antwort auf ihre brieflichen Mitteilungen, welche von Kansas City aus entsendet worden waren. Immer wieder berechnete sie die Zeit, welche ein Dampfer zur Fahrt nach St. Louis brauchte, und die Tage, die zur Reise stromaufwärts erforderlich waren. Nur stundenweise hatte sie die Gelegenheit benutzt, um über ihre Erlebnisse, seitdem sie voneinander geschieden waren, zu dem Leidenden zu sprechen. Als ein günstiges Zeichen pries sie seine allmählich wachsende Teilnahme für ihre vorsichtig begrenzten Schilderungen. Dabei befremdete sie nur, dass er Margarethas oder seines Verkehrs im Haus Martin Findegerns mit unzweideutiger Absichtlichkeit nie erwähnte. So vermied auch sie sorgfältig, verfrüht an die auf jene Tage entfallenden Erinnerungen zu rühren.

Aus ihrem träumerischen Sinnen wurde sie durch Houston ermuntert, indem ein tiefer Seufzer sich seiner Brust entrang und er demnächst die Augen aufschlug. Matten Blickes sah er zu ihr empor, zugleich reichte er ihr die abgemagerte Hand. Seine Lippen öffneten sich zu neuen Dankesergüssen, doch ebenso schnell wehrte sie ihm. Nachdem sie ihn durch einen Trunk erquickt hatte, fuhr sie liebreich tröstend fort: »Es ist Ihnen streng verboten worden, alle und jede Erregung zu vermeiden, und zu solchen zählt es, wenn Sie sich zu Kundgebungen verleiten lassen, bei welchen ungerechtfertigt Ihre Gefühle zu sehr in den Vordergrund treten.«

»Wo sollten, abgesehen davon, dass seit den letzten beiden Tagen die Beschwerden beim Sprechen erheblich abgenommen haben, jetzt noch Erregungen für mich liegen?«, fragte Houston mit zwar matter, jedoch klarer Stimme. »Meinen Dank weisen Sie zurück und sonst gibt es nichts, was meinen Pulsschlag auch nur ein wenig zu beschleunigen vermöchte. Kalt beurteile ich alles, was hinter mir liegt, kalt die Zukunft, kalt mein jetziges elendes Dasein. Hätte die Kugel mich durchs Herz getroffen, wie viel besser wäre ich dran gewesen, als nunmehr vielleicht langsam hinzusiechen oder, was noch ärger ist, mit der Aussicht mich zu tragen, als elender Krüppel Jahr auf Jahr an mir vorüberziehen zu lassen.«

»Sie werden vollständig geheilt werden«, versetzte Oliva sanft, »und noch lange, sehr lange im Vollbesitz Ihrer Kräfte in irgendeinem Beruf Ihre Befriedigung finden. Die militärische Laufbahn mag Ihnen freilich verschlossen bleiben, zumal es keinem Zweifel unterliegt, dass der unselige Krieg binnen wenigen Wochen oder Monaten seinen Abschluss erhält. Fassen Sie daher freudigen Mut. Beschäftigen Sie sich mit Bildern kommenden Glücks, wie solche kräftigend auf Ihr Gemüt einwirken. Geben Sie das Zagen auf, welches, wie der Arzt mir bei seinem letzten Besuch beteuerte, durchaus unberechtigt ist.«

Houston lächelte ungläubig und fester sah er in Olivas mild strahlende dunkle Augen.

»Mit freundlichen Bildern«, sprach er zweifelnd, »Wie sollte ich das beginnen? Nur ein einziges kenne ich noch: Indem ich Sie betrachte, unausgesetzt immer neue Beweise Ihrer Herzensgüte über mich ergehen lassen muss, frage ich mich, ob Sie wirklich derselbe verwegene junge Mann, der mit Tod und Verderben gleichsam spielte …«

»Nein, nein, ich bin es nicht mehr«, fiel Oliva etwas lebhafter ein, als wäre die Mahnung an das bewegte Kundschafterleben ihr peinlich gewesen; »mit dem Lederrock streifte ich alles ab, was im Widerspruch mit meinem Geschlecht stand. Ich streifte es ab, um höchstens in meinen Träumen noch einmal in jene Lage zurückversetzt zu werden, die mir heute als die einer anderen, mir fernstehenden Person erscheint. Zurzeit kenne ich nur noch das Bestreben – Sie sehen, ich bin offen – mir das anzueignen und zu fördern, was den Seelenfrieden einer gewissenhaften, auch auf das Glück anderer bedachten Frau begründet und befestigt.« Sie sann ein Weilchen nach. Zweifel waren in ihren Blicken. Dieselben schnell besiegend, fuhr sie fort: »Ich erinnere mich gern und lebhaft der Tage, welche ich im Haus des treuherzigen alten Findegern verlebte; besonders der Stunden, die ich im Verkehr mit Margaretha verbrachte. Lag es in denselben doch so nahe, einen Vergleich zwischen dem heiteren unschuldigen Kind und meiner Person aufzustellen. Wie blutete mir damals das Herz, und was hätte ich nicht darum gegeben, wäre es mir ebenfalls beschieden gewesen, niemals die Kluft zu eröffnen, durch welche ich mich von dem holden, treugesinnten Mädchen getrennt fühlte. Freilich« – und eine Wolke der Trauer eilte über ihr schönes Gesicht, welches durch die veränderte Haartracht erhöhte Reize erhielt – »das Geschick ist stärker als der redlichste menschliche Wille. Das Wiedersehen einer Schwester könnte mir keine größere Freude bereiten, als ihr noch einmal in die lachenden ehrlichen Augen zu schauen. Ich gedenke ihrer beiden Brüder. Welche Wonne wäre es für mich, eine Begegnung der drei Geschwister zu vermitteln, allein das wird wohl auf unüberwindliche Schwierigkeiten stoßen. Der Ältere ist durch seine Dienstpflicht zu streng gebunden; der andere befindet sich noch zu sehr unter dem Eindruck des auf ihn hereingebrochenen schweren Verhängnisses, um sich zu einer Reise nach St. Louis zu entschließen, obwohl der Einfluss der Schwester sicher ein segensreicher für ihn wäre. Und Margaretha endlich« – hier verschärfte sich die beinah ängstliche Spannung, mit welcher Oliva auf das bleiche Antlitz des Captains niedersah – »ihr anzuraten, den Missouri so weit heraufzukommen, selbst in Begleitung ihres ehrenwerten alten Onkels, dürfte ebenfalls seine Bedenken haben.«

Wie in Halbschlaf versunken, die Lider beinahe geschlossen, lauschte Houston den mit Bedacht in die Länge gezogenen Mitteilungen. Erst als Oliva schwieg, sah er wieder freier empor, und zögernd, wie mit Widerstreben, versetzte er: »Wie es mir abermals ergangen ist, ahnt wohl keiner. Wen sollte das auch viel kümmern? Es ist am besten, ich sterbe und verderbe …«

»Nicht weiter in diesem Sinn«, unterbrach Oliva ihn mit sanftem Vorwurf, »nein, nicht weiter oder ich sehe mich gezwungen, hinfort in der Wahl unserer Gespräche vorsichtiger zu sein und der ernsteren mich ganz zu enthalten. Vielleicht überschritt ich schon die mir vom Arzt gesteckte Grenze, indem ich den Versuch wagte, Sie allmählich mehr und mehr an einen Gedankenaustausch zu gewöhnen. Und Sie müssen durchaus nicht nur körperliche, sondern auch geistige Kräfte sammeln, um etwaigen freundlichen Ereignissen ohne Gefahr für Ihren Zustand begegnen zu können.«

»Freundliche Ereignisse?«, fragte Houston spöttisch und schloss die Augen wieder.

»Wäre es denn unmöglich, dass die Brüder sich brieflich mit Onkel und Schwester in Verbindung setzten und diese die augenblickliche Sicherheit auf dem Missouri zu einem Ausflug bis nach Kansas City hinauf benutzten? Und was erschien denn natürlicher, als dass beide, wenn sie von unserer Anwesenheit hier Kunde erhielten, uns einen Besuch abstatteten?«

»Ob möglich oder nicht«, versetzte Houston kurz, und zu ihrem Schrecken gewahrte Oliva, dass seine Wangen sich zum ersten Mal wieder leicht röteten, »mir könnte es in meiner augenblicklichen Lage nur unerwünscht – o, mehr als das – es könnte mir nur peinlich sein. Aber Sie ahnen nicht, vermögen nicht zu ahnen, dass mein Abschied von dem gastlichen Haus nicht den Charakter trug, welchen ich ihm – was soll ich es jetzt noch verheimlichen – so innig wünschte und, durch eine Andeutung von Ihnen ermutigt, ihn glaubte, erhoffen zu dürfen.« Mit letzterem Wort kehrte er sich ab, und wie von Erschöpfung übermannt, schloss er die Augen.

Leicht begriff Oliva, dass er das Gespräch nicht weiter zu führen wünschte. Wie sie es erklären sollte, ahnte sie nicht. Und doch war ihr nicht entgangen, dass bei Erwähnung Margaretha ein gleichsam belebender Hauch seinen hinfälligen Körper durchlief, um bald wieder in größerer Mattigkeit aufzugehen. So fuhr sie in freundlich ermahnendem Ton vorsichtig fort: »Was ich sagte, beschränkte sich auf haltlose Fantasien, die allerdings von aufrichtigen Herzenswünschen getragen wurden. Es sollte gewissermaßen ein Erproben Ihrer zurückkehrenden Lebenskraft sein. Doch wir wollen es jetzt genug sein lassen. Müsste ich doch die bittersten Vorwürfe gegen mich selbst erheben, hätten Sie unter den Folgen meiner Unbedachtsamkeit zu leiden.«

»Fürchten Sie das nicht, teuerste Freundin«, erwiderte Houston. Seine Hand in die Olivas legend, suchte er mit einem Ausdruck tief empfundener Dankbarkeit ihre Augen, »Denn, ich wiederhole es, seit einigen Tagen fühle ich mich erheblich kräftiger. So quält mich auch der Gedanke nicht mehr, wohl gar den ganzen Winter hier verbringen zu müssen …«

»So verbringen Sie ihn nicht allein«, nahm Oliva einfallend das Wort. »Nicodemo und ich bleiben Ihnen zur Seite, bis Sie weit genug hergestellt sind, um gemeinschaftlich mit uns nach St. Louis reisen zu können, und sollte es, was ich nicht glaube, Monate dauern. Trennen wir uns aber auf zwei oder drei Tage von Ihnen zu einem kurzen Besuch der Stadt« – und von Houston unbemerkt, schlich, indem sie des Zwecks gedachte, welchen sie und Nicodemo mit dieser Reise verbanden, wilde Glut über ihre samtweichen gebräunten Wangen – »nein, nein, erheben Sie keine Einwendungen gegen unsere Absicht, längere Zeit an diesem, wenn auch etwas beengten Ort zu bleiben. Seien Sie vielmehr überzeugt, dass nach den Jahren eines mehr als abenteuerlichen Lebens, nach der ununterbrochenen krankhaften Spannung, in welcher ich fortgesetzt schwebte, und nach allem, was ich sah und erlebte, es namentlich für mich eine Wohltat ist, mit vollem Herzen mich den Pflichten hingeben zu können, für welche das schwächere Geschlecht ursprünglich bestimmt wurde.«

 

Ob Houston ihre letzten Worte noch hörte, vermochte sie nicht zu unterscheiden. Als sie aber endete, atmete er ruhig und tief. Sinnend beobachtete sie, wie die wunde Brust sich hob und senkte. Sinnend das bleiche Antlitz mit dem zu beiden Seiten des Mundes sich in den Bart verlaufenden tiefen Leidenszug. Sollte er sich noch einmal zu frischem, fröhlichem Leben emporraffen oder war es ihm beschieden, dennoch in der Blüte der Jahre dem Tod anheimzufallen? Was seine Heilung verzögerte, was unablässig an seinem Gemüt nagte: Vergeblich suchte sie es zu ergründen. Sie selbst hatte einst verheißende, von ihm unvergessene Worte zu ihm gesprochen, Worte, zu welchen sie glaubte, sich berechtigt halten zu dürfen, Worte, die unzweideutig einen tiefen Nachhall in seiner Brust fanden, seinen Blicken einen Ausdruck überschwänglichen Entzückens verliehen. Nun dagegen genügte eine nur entfernte Anspielung ähnlicher Art, ihn peinlich zu erregen, die letzte Hoffnung auf irdisches Glück gewissermaßen in ihm zu ersticken. Wie ein unlösbares Rätsel baute es sich vor ihr auf. Wehmut beschlich sie bei dem Gedanken, dass dieselben Ursachen, welche eine so scharf ausgeprägte Wandlung in Houstons Empfinden bewirken, sich bei Margaretha vielleicht wiederholten und sie daher die stillen freundlichen Hoffnungen, welche sie hegte, zu Grabe tragen müsse.

So sann und grübelte sie, während ihre Blicke traurig an dem Antlitz des Leidenden hingen. Konnte unter solchen Bedingungen ihre Mühen und Sorgen um ihn von Erfolg gekrönt werden? Sie zagte. Im rücksichtslosen Einherstürmen auf gefahrvoller Bahn, wo ein finsteres Ziel ihr unentwegt vorschwebte, Tod und Verderben sie unablässig umringten, hatte das Glück sie stets begleitet. Sollte es jetzt bei einem Menschen freundlichen Werk ihr untreu werden? Sich auf ihrem Stuhl zurücklehnend, neigte sie das Haupt. Einschläfernd wirkten bei der herrschenden Stille die von dem Kamin ausströmende Wärme und das geheimnisvolle Knistern und Knacken des brennenden Holzes auf sie ein, beruhigend die regelmäßigen Atemzüge des Leidenden. Der durch Nachtwachen und aufreibende Sorgen erschöpfte Körper verlangte sein Recht. Bewusstlosigkeit umfing ihre Sinne. Ihre Augen schlossen sich zum traumlosen Schlummer.

 

Zu derselben Zeit näherte sich aus der Richtung der eine Strecke stromabwärts von Kansas City gelegenen Stadt Independence ein von zwei Pferden gezogener einfacher Kastenwagen der Farm. Auf dem vorderen Bockbrett saß der Kutscher, ebenfalls ein alter Farmer. Auf dem hinter ihm befindlichen hatten zwei Reisende ihren Platz gefunden. Außer den Decken, welche zum Schutz gegen die empfindliche Kälte über ihre Knie ausgebreitet worden waren, hatte der größere noch eine zweite Decke um die Schultern geschlungen und bis über die Ohren hinaufgezogen. Man sah daher nicht viel mehr von ihm, als einen schwarzen Zylinderhut, unter welchem hervor eine blau gefrorene lange spitze Nase und ein nicht minder spitzes, aus nicht allzu viel Borsten bestehendes Kinnbärtchen sich schüchtern ins Freie hinausschoben. Von der neben ihm sitzenden Gestalt ließen dagegen ein kostbarer Pelz und ein ähnliches Barett im vollen Umfang ein jugendfrisches Mädchenantlitz frei, dessen Wangen von dem scharfen Wind tief gerötet waren. Beide schauten ernst und nachdenklich drein. Je näher sie der Farm rückten, um so schweigsamer waren sie geworden, in umso höherem Grad prägten sich Zweifel und Besorgnis volle Spannung in ihren Zügen aus.

Sie mochten vielleicht noch eine Viertelstunde zu fahren haben, als es unter dem hohen Hut hervor zu dem Kutscher hinüber schallte: »Es waltet also kein Irrtum, Mann? Das da drüben ist sicher und gewiss das Gehöft eines gewissen Collins?«

»Collins ist der Name des Besitzers«, antwortete der Kutscher zuversichtlich über die Schulter. »Ich sollte doch wohl meinen alten Nachbarn und seine Farm kennen? Und Nachbarn waren wir lange genug und werden es auch wieder werden, so Gott will. Ich bin nur weniger glücklich gewesen als er. Er konnte wieder in sein Haus einziehen, wogegen mein Gehöft, da hinter dem Busch lag es – von den Rebellen niedergebrannt wurde, sodass ich erst im Frühling mit dem Neubau beginnen kann.«

»Bless you, Mann, da war es ein rechtes Glück, was uns in Independence mit Ihnen zusammenführte«, versetzte Martin Findegern, »der Henker mag bei solcher Hundekälte lange ins Gelage hineinfahren, da ist ein sicherer Führer doppelt so viel wert.«

»Glück und auch wieder nicht«, meinte der Kutscher, »denn ein Glück ist es bei Gott nicht, den Winter in der Stadt samt Weib und Kind verbringen zu müssen und ziemlich kläglich obendrein. Die Hölle über die Rebellion, die mich um die Hälfte meiner Habe brachte.«

»Recht so, Mann«, bestätigte Martin. Aus der Bewegung des Hutes ließ sich entnehmen, dass er die Brauen ungewöhnlich hoch zur Stirn hinaufschraubte. »Traf es nur die Habe, so ist die mit rechtschaffener Arbeit allmählich wieder heranzuschaffen. Anders dagegen, wenn jemand am Leben geschädigt wurde. Das lässt sich nicht ausflicken, wie eine alte Bettstelle, die baufällig geworden. Ich kenne das nämlich.«

»Damit haben ich und die meinen uns ebenfalls getröstet, und ein schlechter Hausvater, der nach dem ersten Misserfolg nicht schnell wieder einen neuen Anlauf nimmt.«

»Hörten Sie neuerdings von Ihrem Nachbar Collins?«

»Vorgestern war ich erst dort. Ich fuhr einen Doktor hinaus. Der hatte von Kansas her den Auftrag erhalten, mit einem anderen Doktor bei Collins zusammenzutreffen. Ich kalkuliere, sie wollten über den Verwundeten beratschlagen. Mir selbst passte es recht, weil es da ein paar Dollars zu verdienen gab.«

 

»Er lebt also vor allen Dingen noch«, wendete Martin sich an Margaretha, die unverkennbar ängstlich dem Gespräch gelauscht hatte, »und so lange einer lebt, so lange ist auch Hoffnung. Außerdem hat es der Captain bewiesen, dass seine Knochen sich zum Heilen eignen. Sind doch neun Tage verstrichen, seitdem Nicodemo und Oliva schrieben, dass es schlecht mit ihm stände, und in neun Tagen kuriert sich schon manches aus. Bless you! Er wird wohl wieder eine Weile zum Kriegsdienst untauglich sein, und da kommt es ihm zustatten, dass er mit der Tischlerei weit genug gediehen ist, um sich dadurch fortzubringen.«

Margaretha antwortete nicht gleich. Ihre Blicke hafteten auf dem deutlicher hervortretenden Gehöft, welches mit der dem Schornstein entwirbelnden, vom Wind grimmig misshandelten Rauchsäule einen gewissen anheimelnden Eindruck erzeugte. Martin Findegern beobachtete sie unterdessen mit dem nach rechts herum geschraubten blinzelnden Prüfungsauge, als hätte er die Gabe besessen, in ihrem Inneren zu lesen. Plötzlich brach sie das eingetretene Schweigen mit den Worten: »Es wäre doch wohl ratsamer gewesen, erst in Kansas City den Dampfer zu verlassen und zuvor Maurus und Markolf zu begrüßen. Wie lange ist es her, seitdem ich sie nicht sah.«

Abermals betrachtete Martin seine Nichte verstohlen, bevor er bedächtig erklärte: »Erstens sind die beiden Jungens gesund, wie Oliva ausdrücklich schrieb, und da macht es keinen Unterschied, ob du sie einige Tage früher oder später wiedersiehst. Zweitens soll es mit dem Captain gar nicht gut stehen, sodass wir nach zwei Tagen vielleicht zu spät kommen würden.« Er erschrak, als er gewahrte, dass Margaretha blass wurde, und fügte erst nach einer kurzen Pause hinzu: »Und drittens, und drittens – bless you, erinnere ich dich daran, dass du es warst, die darauf drang, dass er, der so allein in der Welt dastände – nämlich deine eigenen Worte – wohl verdiente, dass man sich nach ihm umtue, um ihn nicht elendiglich verkommen zu lassen.«

»Aber Doktor Krehle gab den Ausschlag.«

»Ja, das tat er, indem er sich auf deine Seite stellte. Da musste ich schon nachgeben, und gern geschah es auch. Doch dies alles fällt nicht ins Gewicht. Finden wir den Captain einigermaßen auf den Füßen, so nehmen wir ihn mit nach St. Louis. Da mag er meinetwegen bei uns wohnen und Fegefeuer ihn bedienen, bis er weit genug ist, um wieder in der Werkstatt eintreten zu können. Denn schade wäre es um sein Talent, bliebe er nicht bei dem Metier. Bis zu unserer Heimreise hättest du Zeit genug, dich mit deinen Brüdern auszusprechen und sie zu einem besseren Glauben zu bekehren. Denn was haben sie von den beiden letzten Jahren gehabt? Doch kaum das liebe Leben, und ich in meinen bescheidenen Verhältnissen kann sie unmöglich unterstützen, sollte es ihnen gefallen, das jetzige Lungerleben weiter zu führen.«

»Sie erwarten ja gar keine Unterstützung von Ihnen«, wendete Margaretha ein, ahnungslos, dass Martin nur von dem Wunsch beseelt war, sie zu zerstreuen und durch seine Bemerkungen auf andere Gedanken zu bringen.

»Nein, das geschah nicht, weil sie zu viele Raupen im Kopf haben und lieber den Gurt enger schnallen, um dem Hunger zu begegnen, anstatt sich für ein ehrenwertes Handwerk zu entscheiden und dabei ihren leiblichen Mutterbruder zu Rate zu ziehen.«

»Sie beurteilen die armen Jungens zu hart. Und schließlich wäre ein wenig Stolz auf die Fähigkeit, sich ohne fremde Hilfe durchs Leben zu schlagen, immer noch kein Fehler.«

»Nein. Grethe, ein Fehler gerade nicht; aber wie der Wind kalt weht«, ging Martin, um nicht zu widersprechen, zu anderen Dingen über, »freilich, im November ist nichts Besseres zu erwarten. Hoffentlich frierst du nicht.«

»In diesem prachtvollen Pelz? Peinlich ist mir nur, dass Doktor Krehle so viel Geld dafür verausgabte.«

»Nun ja, ein gutes Stück Geld kostete er. Dergleichen Ausgaben kann sich auch nur jemand leisten, der Tag für Tag seinen Lohn bezieht und keine Zinsen zu bezahlen braucht. Meine Mittel hätten mir solchen Aufwand nicht erlaubt. Ich war schon froh, dir mit der Mühe unter die Arme zu greifen«, erklärte Martin Findegern, und die Deckenfalten verheimlichten ein ganz hinterlistiges verschmitztes Grinsen.

»Aber wie kommt er dazu? Und wie kann ich mich überhaupt erkenntlich dafür zeigen?«, fragte Margaretha offenbar in der Absicht, durch Weiterführen des Gesprächs keine Ruhe für andere Betrachtungen zu finden.

»Wie er dazu kommt, Grethe? Bless you! Als die Reise beschlossen war, gedachte er des kalten Wetters und da ging er hin, um durch den Ankauf des Pelzes deine Person gegen das Erfrieren zu schützen. Ging er in seiner schrullenhaften Einfalt mit dem Preis höher, als es eigentlich vernünftig war, so ist das seine Sache.« Immer wieder grinste Martin vergnüglich in die Decke hinein, als wäre es ihm ein Leichtes gewesen, andere Aufklärungen zu erteilen. »Er ist eben ein verschrobener leichtfertiger Kauz, der schon allein seiner Kunst wegen große Achtung verdient. Und von Anerkennung redest du gar? Lache ihn nur recht freundlich an, so ist er reichlich bezahlt; und lache ihn abermals an, so kauft er dir vielleicht ein seidenes Kleid dazu, und kostete es ihn den letzten Groschen.«

»Unter solchen Bedingungen werde ich ihn überhaupt nicht mehr anlachen. Es sähe aus wie eigennützige Berechnung.«

Trotz der Kälte reckte Martin unter der Decke hervor das Spitzbärtchen sanft aus, ein Zeichen tiefen Nachdenkens, worauf er nach einer Pause bemerkte: »Da würdest du ihn arg kränken. Hoffentlich sieht er während unserer Abwesenheit ordentlich zum Rechten. Zeit genug hat er wenigstens dazu, da es keine Stiege zu lackieren gibt. Vermutlich hält er sich an dem Haus schadlos mit seiner Malerei. Wird sich aber wohl auf die Innenseite beschränken müssen, denn draußen möchten ihm bei der Kälte die Finger ungelenkig werden. Er redete davon, auf meine Zimmertür mein Ebenbild in Lebensgröße zu malen, sein eigenes auf die andere und darunter zu schreiben: Olestes und Pidares oder wie die beiden Heiligen sich nennen. Und ein großer Künstler ist und bleibt er, das hat er abermals bei der Herstellung des Portraits des Schlingels, des Fegefeuers, bewiesen. Man braucht nur die weißen Zähne und die großen Plattfüße zu betrachten, um zu wissen, wer es sein soll. Aber einen besseren Platz, als die Hintertür, hätte er immerhin zu dem schönen Gemälde wählen können.«

»Neue Angriffe auf unser Haus sind nicht mehr zu befürchten?«, fragte Margaretha, ein mattes Lächeln bekämpfend.

»Nicht von der Sorte. Den Schrecken, den ich den Klans-Brüdern einjagte, überwinden sie nicht so leicht. Traf Palmer doch schon Anstalt, in den Süden überzusiedeln.«

 

Die nahe Farm im Blick, sann Margaretha eine Minute nach und bemerkte zweifelnd: »Wenn der Captain fest darnieder liegen sollte, so kann ich unmöglich zu ihm hineingehen. Da wäre ich vielleicht dennoch besser in der Stadt aufgehoben gewesen.«

Findegern sandte ihr einen Blick des Erstaunens zu. Er musste seine Gedanken ordnen, bevor er antwortete: »Zu Kranken und Verwundeten gehen die vornehmsten Ladies. Das ist nämlich Christenpflicht, würde also auch dich nicht schlecht kleiden. Das sind Dinge, die mir nicht so glatt von Händen gehen, wie ein regelrechter Hobel. Da meine ich, du könntest unsere Freundin Oliva darum befragen und dich von ihr beraten lassen. Verwunderlich ist mir nur, dass, je näher wir dem Captain kommen, du immer mehr bereust, zu der Reise getrieben zu haben. Da muss doch Missliches zwischen euch vorgefallen sein. Schon damals erschien es mir verdächtig, dass er ohne einen richtigen Abschied davonging. Das ist sonst nicht Art vornehmer Leute.«

»Nichts ist vorgefallen«, entgegnete Margaretha, nachdem sie flüchtig auf der Unterlippe genagt hatte, »vielleicht erwartete er noch mehr Zuvorkommenheit, als ich ihm zuteilwerden ließ … ich weiß es nicht … er mag auch launenhaft …« Sie brach erschrocken ab. Auch Martin Findegern, der ihre sich einander widersprechenden Regungen am wenigsten zu ergründen verstand, versank in Schweigen. Der Kutscher dagegen, nunmehr einen geraden ebenen Weg vor sich, trieb die Pferde schärfer an. Einige Minuten später trafen sie vor der wieder notdürftig hergestellten Einfriedung des Gehöftes ein.

 

Beim Herannahen des Fuhrwerks war der alte Farmer vor die Haustür getreten. Anstatt aber die Einfahrt zu öffnen, winkte er dem Kutscher, draußen halten zu bleiben. Sich zu ihm hinüber begebend, riet er ihm, um das weitere Rollen des Wagens zu vermeiden, auszuspannen und die Pferde ohne viel Lärm zum Schuppen zu führen. Dann forderte er Martin Findegern und Margaretha auf, abzusteigen und ihn ins Haus zu begleiten.

»Steht es denn so böse mit Ihrem Kranken?«, fragte Martin, nachdem er unten festen Fuß gefasst hatte, gedämpft. Mehr, als das Gesicht des Farmers, beobachtete er die Züge seiner Nichte, deren Blicke unverkennbar zaghaft an den Lippen des Ansiedlers hingen.

Dieser zuckte die Achseln, dadurch das Bedenkliche des Zustandes Houstons andeutend. Margaretha ergriff des Onkels Arm, um sich auf denselben zu stützen, und der Farmer fuhr fort: »Ich vermute, Sie sind Freunde des Captains. Man erwartet nämlich da drinnen solche, und da erhielt ich Anweisung, für Ihr Unterkommen zu sorgen, so gut es unter meinem Dach angänglich ist. Von seinem Befinden können Sie sich übrigens selbst überzeugen. Ich möchte keine zu ernste Besorgnisse wachrufen, aber auch keine zu große Hoffnungen. Ist Ihnen aber an seinem Wohlergehen gelegen, so lassen Sie ein wenig Vorsicht walten. Ich glaube, der Captain schläft, und nachteilig wäre es, würde er mit einem Schrecken ermuntert.« So sprechend, führte er die Gäste in die, von ihm selbst und seiner Familie bewohnten Räume, worauf seine Frau sich zu Oliva hinüber begab, um sie von dem Eintreffen ihrer Freunde in Kenntnis zu setzen.

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