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Secret Service Band 1 – Kapitel 3

Francis Worcester Doughty
Secret Service No. 1
Old and Young King Brady Detectives
Black Band
Oder: Die zwei King Bradys gegen eine unnachgiebige Bande
Eine interessante Detektivgeschichte aus dem Jahr 1899, niedergeschrieben von einem New Yorker Detektive

Kapitel 3

Die im Dunkeln arbeiten

Die Szene unserer Geschichte muss sich nun ändern.

Wir werden den Leser ohne Vorkenntnisse zum Marble Manor führen.

Denn dieses Bauwerk wurde in einem früheren Kapitel beschrieben, sodass es hier nicht notwendig ist.

Es war eine dunkle Nacht.

Der Mond schien nicht und die Wolken hingen schwer im himmlischen Baldachin.

Für den zufälligen Beobachter wäre das Herrenhaus wie ein einziger schwarzer Haufen erschienen, der sich schwach gegen die Dunkelheit der Nacht abgrenzt.

Aber für einen Mann, der tief in einem Gebüsch, fünfzig Meter vom Herrenhaus entfernt, lag, war es manchmal die Quelle eines eigentümlichen, schimmernden Lichts.

Es war dieselbe Erscheinung, die den Abergläubischen das alte Herrenhaus den Ruf gegeben hatte, dass es dort spukt.

Aber der Mann im Gebüsch war nicht der Typ, der das Übernatürliche fürchtete. Er blieb dort, beobachtete und horchte.

Immer wieder schimmerte das Licht und leuchtete vereinzelt auf. Mehrmals dachte der Lauscher, er hörte ein leises, dumpfes Murmeln wie Stimmen.

Dann schien das Licht ganz zu verschwinden. Alles war schwarz.

In diesem Augenblick erhob sich der Beobachter schnell und geräuschlos. Er zog sich aus seinem Versteck zurück und legte zwei Finger zwischen seine Lippen.

Das Wehklagen einer Nachteule ertönte in der Nachtluft.

Das war alles.

Es gab keine Antwort auf das scheinbare Signal, noch schien er eines zu erwarten.

Er kroch jedoch kühn bis zu einer Ecke, die Marble Manor am nächsten lag. Hier blieb er für einen Moment stehen.

Als er so dastand, kam in der Dunkelheit eine andere Gestalt auf ihn zu.

Sie gaben sich gegenseitig die Hand. Es wurde jedoch kein Wort gesprochen, obwohl ein Gespräch auf eine ungewöhnliche Weise geführt wurde. Dies geschah mit den Fingern und Handflächen.

Jeder verstand den anderen.

»Sie sind hier!«, sagte der größere Mann.

»Du hast das Licht gesehen?«

»Ja.«

»Wo sind sie jetzt?«

»Sie sind nach unten gegangen.«

»Sollen wir hineingehen?«

»Ja.«

Das war die Unterhaltung – nur das und nichts weiter. Old King Brady und Young King Brady, denn sie waren die beiden Herumtreiber, die sich nun mutig an der Seite des Herrenhauses entlang schlichen.

In wenigen Augenblicken erreichten sie ein Fenster, von dem ein Flügel schon lange nicht mehr vorhanden war.

Young King Brady griff nach dem Sims und zog sich geschickt darüber und in die Dunkelheit dahinter. Old King Brady folgte ihm. Sie waren nun im Spukhaus.

Alles war pechschwarze Dunkelheit um sie herum. Sie blieben eine Weile stehen und lauschten, aber es kam ihnen kein Geräusch zu Ohren.

Dabei waren sie so still wie der Tod. Das war notwendig.

Nach einer Weile zog der alte König Brady etwas aus seiner Tasche. Es war eine kleine und eigentümliche Laterne. An den Marmorfußboden gehalten, beleuchtete er nur den Bereich darunter und war für niemanden außer dem Halter der Laterne sichtbar.

Dies ermöglichte es den Detektiven, ohne die Gefahr, in eine Falle zu tappen oder mit einem Objekt zu kollidieren, den Flur entlang zu schleichen.

Zügig wurde der Weg über den Marmorboden in Angriff genommen.

Immer und immer wieder legten sie sich auf den Boden und horchten. Dann gingen sie weiter.

Beide kannten die Bedeutung äußerster Vorsicht und Tarnung.

Sie waren gegen eine harte Bande, eine Frettchen-Clique, unterwegs. Die Methoden, mit denen sie in die Enge getrieben wurden, mussten die schärfsten sein.

Nach einer gefühlten Ewigkeit kamen sie an eine Tür, welche in einen dahinter liegenden Korridor führte.

Old King Brady wusste, dass es sinnlos war, Zeit im oberen Teil der Villa zu verschwenden.

Die Bande, wenn überhaupt, war weit unter der Erde. Also schlichen sich die beiden Spürhunde über diese Marmortreppe.

Unten hielten sie inne und wieder wurde das stumme Alphabet mit den Händen verwendet.

»Was nun?«, fragte Young King Brady.

»Wir müssen uns trennen.«

»Wirklich?«

»Ja.«

»Aber …«

»Nur so viel dazu. Du nimmst einen dieser Abschnitte, und ich nehme den anderen. Morgen früh treffen wir uns bei der alten Eiche unten am Fluss. Sei vor Sonnenaufgang da, sonst werden wir entdeckt.«

»In Ordnung«, stimmte Young King Brady zu.

Dann trennten sie sich.

 

Lasst uns Old King Brady folgen.

Der alte Detektiv lief den Gang entlang, den er gewählt hatte. Für einige Zeit hielt er sich zurückhaltend. Dann ging er zu einer weiteren Marmortreppe.

Darunter schlich er sich und war nun in den Pilzkellern des Herrenhauses. Die ganze Zeit über hatte er nichts gehört oder gesehen.

Eine Stunde verging.

Der Detektiv hatte seine Erkundungen zügig und sorgfältig durchgeführt. Er war nicht ganz erfolgreich.

Andere hatten das Gleiche getan und waren gescheitert. Kluge Detektive hatten das Herrenhaus bei Tag und Nacht ohne Erfolg beschattet.

Aber es gab eine Chance, einen Anhaltspunkt zu erhalten, und Old King Brady suchte nach seiner Chance.

 

Eine weitere Stunde verging.

Er befand sich in einem Durchgang, der mit einem der Pilzräume verbunden war. Der Boden unter ihm war kalt und feucht. Es ließ seinen Rheumatismus schmerzen. Es wird gesagt, dass alles bei denen ankommt, die warten.

Old King Brady war keine Ausnahme von dieser Regel. Etwas kam auf ihn zu.

Plötzlich fingen seine scharfen Ohren ein eigenartiges Geräusch auf.

Es könnte der leichte Durchgang eines Luftstroms durch den Durchgang gewesen sein. Es könnte ein Flugloch einer Fledermaus gewesen sein, die durch die Gänge flog.

Aber es war nach bestem Wissen und Gewissen des Old King Brady keines dieser beiden Dinge. Es war der schnelle und sanfte Tritt einer Person, die den Gang nach vorne durchquerte. Im Handumdrehen war der alte Detektiv auf der Hut.

Er legte sich flach hin und drückte ein Ohr auf den Boden. Er horchte aufmerksam für eine längere Zeit. Dann stand er wie eine Katze auf und kroch nach vorne. Sein weiteres Vorgehen war völlig geräuschlos.

Seine Hände berührten eine leere Wand, etwas entfernt von seinem Startort. Er tastete sich entlang der Steinoberfläche. Seine Sinne hatten ihn nicht getäuscht. Mit den Fingern stieß er auf etwas, das sich wie ein kleiner Stahlhaken anfühlte, der aus der Wand ragte.

»Eureka!«, murmelte er, »Ich habe es.«

Er drückte auf den Haken und ein Teil der Wand bewegte sich zurück.

Es wurde eine Öffnung geschaffen, die groß genug war, um den Zugang eines Menschen zu ermöglichen.

Das ausgeprägte Hörvermögen des Old King Brady hatten Dinge gehört, die ihn zielsicher zu dieser Entdeckung führten.

Das raschelnde Geräusch und die leichten Schritte waren bis zu diesem Punkt vorgedrungen. Dann verstummten sie, und er hörte das leichte Reiben des Marmorblocks, als sich dieser unter den Metallfedern bewegte.

Seine Intuition hatte ihn direkt an die Stelle geführt. Auf seinem Erkundungspfad hatte er einen Torpfosten passiert, den alle anderen Detektive nicht erreichen konnten.

Es war nur ein minimaler Aufwand für ihn, durch die Öffnung zu fallen.

Er brauchte kein Licht.

Sein Tastsinn führte ihn unfehlbar, und in wenigen Augenblicken schlich er sich durch einen geheimen Durchgang, der ihn sicher zum Ziel seiner Wünsche führen würde.

Schlauer Old King Brady!

Die Bösewichte rechneten nur wenig mit dem Erfolg dieses unbesiegbaren alten Mannes. Er sah sich einer harten Bande gegenüber, das war wohl wahr, aber das verunsicherte ihn nicht.

Er kroch den Gang weiter entlang. Nun hörte er das Stimmengewirr. Seine große Freude war unvergleichlich. Er blieb neben der Wand und kauerte sich nieder, um zuzuhören.

Er war an Wegegabelung angekommen.

Einer dieser Durchgänge bog nach links und der andere nach rechts ab. Welchen sollte er nehmen?

Für einen Moment war Old King Brady im Zweifel. Dann wurde er sich einer erschreckenden Tatsache bewusst.

Irgendein Wesen, unsichtbar und unbekannt jedoch wusste er, dass es nicht greifbar war – war dicht an seiner Seite.

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