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Deutsche Märchen und Sagen 39

Johann Wilhelm Wolf
Deutsche Märchen und Sagen
Leipzig, F. A. Brockhaus, 1845

39. Lügenmärchen

Es war einmal ein gewaltiger Herr, hieß Dummohr von der Schnauze, war klein von Gestalt und groß von Nase, auf welcher Nase unlängst saß ein gestiefelter Dragoner. Dadurch geschah es, dass Herr Dummohr nicht gut sehen konnte, weshalb er gegen den ersten Maitag rannte und seine Nase daran tödlich verwundete. Die Ärzte ließen durch sein linkes Nasenloch einen feinen weißen Schornsteinfeger kriechen, der untersuchte alles ganz wohl mit einer Laterne, wo kein Licht innen war, meinte, durch das rechte Nasenloch wieder herauszukommen, fand aber keine Wunde daran und stieg darum in Herrn Dummohrs Hintermund, der aber auch noch war gesund, wollte ihm nachsehen Gurgel und Kehle, fand alles ohne Fehl, blieb aber hängen an einem Brotkrümchen und fiel damit in Herrn Dummohrs Magen, wo er wohl noch sitzen wird, wenn er nicht unterweilen erlöst worden ist. Das geschah in den Hundstagen zu der Zeit, wo das Bächlein Donau bis auf den Grund zugefroren war. Alle nüchternen Kälber des ganzen Landes Moldau waren auf den Beinen und rannten umher gleich brüllenden Schnecken, fuhren in schönen Schlitten aufs Eis und liefen so schnell wie ein Hase, der auf einen Baum klimmt. All die Einwohner des ganzen Landes standen da und starrten es an mit geschlossenen Augen und lachten wie ein Schwein, welches Essig trinkt. Da kam eine Begine, die wollte ein Fass Wein heiraten, aber der Pfarrer verbot es, weil die beiden zu nah verwandt waren. Trotzdem trank sie in einem Schluck den Wein und die Tonne und den Zapfen und den Kranen und den Keller dazu. Dann nahm sie einen Riegel und band damit ihre Strümpfe, und Herr Dummohr sprach, daran hätte sie wohl getan. Indem strauchelte eine Mücke, die oben auf dem Kreuz des Kirchturms saß, über einen Pflasterstein, der ein bisschen hervorguckte, purzelte und stürzte auf die Straße hinab, dass sie Hals und Beine brach. Ein Schwimmer, der gerade splitterfasernackt auf dem Markt herumschwamm, nahm ihre Eingeweide und band sie in sein Taschentuch. Ihre Beine steckte er in die Tasche und das Übrige falzte er ein. Als er es aber in seinen Keller tragen wollte, fiel er die Treppe hinunter in den Mond hinein, blieb da an einem Horn hängen und die ganze Nachbarschaft lachte sich fast krumm und bucklig.

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