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Sir Henry Morgan – Der Bukanier 27

Kapitän Marryat
Sir Henry Morgan – Der Bukanier
Aus dem Englischen von Dr. Carl Kolb
Adolf Krabbe Verlag, Stuttgart 1845

Siebundzwanzigstes Kapitel

Je größer die Hast, desto langsamer der Fortschritt. Das Trauerhaus. Die letzten Augenblicke und der Tod des Vizeadmirals Bradley. Sein Leichenbegängnis. Die »mangelhafte Wirkung«, welche all dies auf Morgan übt.

Da der Wind günstig war, so segelte die Flotte rüstig und unter fliegenden Fahnen auf den Ankerplatz zu, ihre Freude durch wiederholte Artilleriesalven ausdrückend. Die englischen Banner flatterten von den Ruinen des Kastells, von dem Fels oben und von den Giebeln mehrerer der größten Häuser in der Stadt unten. Der kranke Bradley hatte Morgan zwei Boote entgegengeschickt und ließ ihn vor der Gefahr an der Einmündung des Flusses warnen. Aber die Schiffe drängten so begierig vorwärts, um einen guten Ankergrund in der Nähe der Stadt zu gewinnen, dass keines derselben beilegen wollte, um die Lotsen an Bord zu nehmen. Ja, sie ließen sich nicht einmal herab, auf deren Zuruf zu hören. Die Folge davon war, dass vier der besten Schiffe, darunter auch die Satisfaction, Morgans Flaggenschiff, auf der Untiefe am Eingang des Hafens strandeten. Die Hinteren ließen sich diesen furchtbaren Vorgang zur Warnung dienen und wichen der Gefahr aus. Die Mannschaft und die Kanonen nebst vielen Mund- und Kriegsvorräten wurden gerettet. Die Schiffe aber zerschellten im eintretenden starken Nordwind an dem Fels, welcher am Ende der Untiefe lag.

Aber was hatte auch dieses Unglück zu bedeuten? Waren es doch nur vier Schiffe, Massen von Holz und Eisen. Die lebenden Männer mit ihren unbesieglichen Herzen waren so frisch und kräftig als je zuvor. Sie hatten die erste, vielleicht die schwierigste Stufe ihres Unternehmens zurückgelegt. Alles war daher Freude und triumphierender Zuruf. Chagre, das unüberwindliche ist gewonnen!

An Land, um mit den Siegern zu frohlocken und eine kurze Frist, um die Toten zu trauern!

Morgan landete unter einer königlichen Begrüßung vor allen seinen Schiffen und zog mit großem Pomp durch die Stadt. Seine Miene war traurig, aber noch eine tiefere Trauer, die er nicht in seinen Zügen zur Schau tragen wollte, lag in seinem Herzen. Er wusste, dass sein Freund verwundet, schwer verwundet war, aber doch bemühte er sich, zu hoffen. Er mäßigte seine Hast.

Morgan machte an verschiedenen Stellen auf den Trümmern des Kastells Halt, um zu besserer Beherrschung der Stadt und bequemerer Einrichtung der Quartiere für die Kranken seiner Flotte Befehle zu erteilen. Aber die Zeit entflog allzu schnell. Er konnte die Begegnung, nach der er sich sehnte und die er doch zugleich fürchtete, nicht länger verschieben. Bisweilen dachte er an den Obimann Quashie Hekattykick, noch mehr aber an die Möglichkeit von übernatürlichen Dingen. Dann durchzuckte ihn düster der Gedanke, an dem schwarzen Propheten Rache zu nehmen. Er beschloss, wenn Bradley sterben sollte, Quashie unter dem einen oder anderen Vorwand hängen zu lassen.

Mittlerweile lag der arme Bradley unruhig auf seinem hölzernen, Lager, welches aus nichts viel Besserem als aus einer geneigten Diele des Wachzimmers bestand, denn seine eiternden Wunden gestatteten dem fiebrigen Leib nicht den Hochgenuss einer Hängematte und Betten waren nicht vorhanden. Von seinen drei Wunden würden unter einem anderen Himmelsstrice und unter einer anderen Pflege keine tödlich oder auch nur gefährlich gewesen sein, aber hier, wo der Kranke unter der unerträglichen Hitze des Tages briet und durch die schädlichen Dünste der Nacht bis ins Mark durchkältet wurde, musste die leichteste Beschädigung sehr ernstlich, eine tief eingreifende Wunde aber fast unvermeidlich verhängnisvoll werden.

Wie die Übrigen seiner Kameraden hatte Bradley ein zu wüstes Leben geführt, als dass sich seine Säfte gesund hätten erhalten können. Seine Wunden fingen bereits an, brandig zu werden. Doch nicht einmal dies beschleunigte seine Auflösung, sondern das begleitende Fieber, welches wie brennende Eisenspitzen durch jeden Teil seines Körpers schoss. Seine Wangen waren eingefallen und das frühere tiefe Rot seines Gesichtes in eine helle Safranfarbe umgewandelt, während seine offenen, blutrünstigen Augen wild umher stierten.

Zwei Schiffswundärzte standen neben Bradley und sahen einander mit der Miene der Angst an, denn sie kannten den Wert des Lebens, das hier verscheiden sollte, und wussten, wie teuer es ihrem wilden Oberbefehlshaber war. Aber selbst in dieser schrecklichen Krise stritten sich die Männer der Arzneikunst über die Zweckmäßigkeit eines Aderlasses. Der eine, welche der Venäsektion das Wort redete, bezweifelte das Heilmittel, der andere aber, welcher sich derselben entgegensetzte, wollte es nur als letzte Zuflucht benutzen, obwohl er vor der Verantwortlichkeit der Maßregel zurückschrak.

»Mehr Limonade! Und würzt sie stark mit Branntwein«, rief der Leidende ungestüm. Das Getränk wurde ihm in einem prächtigen goldenen Flakon hingereicht. Er tat einen tiefen Zug, wurde aber zornig über dessen Geschmack.

»Es ist abscheulich, schmeckt ekelhaft. Was kann dies sein? Sprecht, ihr Doktoren, liegt der Geschmack des Todes schon auf meinen Gaumen oder ist dieser goldene Kelch vergiftet worden? Wahrscheinlich genug, wahrscheinlich genug. Die Geplünderten tun gut, für ihre Plünderer die Gefäße zu vergiften. Gebt mir aus einem schlechten irdenen Napf zu trinken. Ist in diesem Land, wo es so reichlich Vieh gibt, kein Horn aufzutreiben?«

»Er deliriert«, sagte einer der Wundärzte, den Flakon austrinkend. »Ich habe nie besseren Punsch gekostet.«

»Er denkt an seine wälische Heimat und an den Tisch seines Vaters.«

Da kein Trinkhorn aufzufinden war, so riefen die Wundärzte: »Eine Kalabasche für den Vizeadmiral.«

»Vizeadmiral!«, rief Bradley in bitterem Hohn. »Ist kein Geistlicher aufzufinden, niemand, der mit mir sprechen kann vom Frieden der künftigen Welt?«

Die rauen Soldaten murmelten einander zu, dass viele geschorene Platten unten seien. Vielleicht sei in einer derartigen Klemme auch ein katholischer Priester recht.«

»Wo ist Morgan? Verlässt er seinen sterbenden Freund? Pfui über die Welt, pfui über ihre Eitelkeiten! Ja, da donnert die Artillerie! Ich liebe diesen Ton. Er gibt mir neues Leben. Wie sehen meine Wunden heute aus?«

Einer der Ärzte versetzte, es stehe damit so gut, wie es sich erwarten lasse. Indes sei doch die größte Ruhe und Ergebung nötig.

»Natürlich«, versetzte der Leidende, »ich will ganz ruhig sein. Es ist nicht anzunehmen, dass ein starker Mann wie ich mit Bogen und Pfeilen zu Tode geschossen werden kann. Pah, pah – ein wenig kaltes Wasser.«

Einer von den stämmigen Bukanier, welcher, ehe er in Westindien zum Waffenwerk gegriffen hatte, ein Covenanters gewesen war, schnüffelte durch die Nase: »Der Philister Goliath fiel durch einen kleinen Kieselstein aus einer Schäferschleuder.«

Wahrscheinlich in tröstender Absicht, wie wir aus christlicher Liebe annehmen wollen. Aber Bradley hörte ihn nicht, denn entweder schlummerte er oder war in Betrachtungen vertieft.

Das Wachzimmer war ein rauer, aber nicht unedler Schauplatz des Kriegsschlachthauses. Die verwundeten Lieutenants lagen an denselben Platz, der fast ganz mit wilden, rüstigen bewaffneten Mauern und zum Teil sehr malerischen Trachten angefüllt war. Letztere lehnten teilweise an den Mauern neben den halb aufgerollten Flaggen ihrer Division. Es war eine ernste und für einen Freibeuter völlig passende Sterbeszene.

Aber Bradley schlummerte nicht lange. Eine Artilleriesalve, welcher das Schmettern der Trompeten und das dröhnende Wirbeln der Trommeln folgte, verkündigte die Annäherung des Oberbefehlshabers. Der kriegerische Lärm echote unter den Felsen, auf welchen die Zitadelle stand. Sein triumphierender Misslaut erklang wie trauriger Spott in dieser Halle des Todes. In der prunkvollen Tracht, welche Morgan bei feierlichen Gelegenheiten anzulegen pflegte, und mit einem zahlreichen, glänzenden Gefolge trat der Admiral langsam in das Wachzimmer. Auf seinem Gesicht lag ein Ausdruck tiefer Trauer. Der Versuch, zu lächeln, kostete ihn eine peinliche Anstrengung. Als es ihm gelang, war die Wirkung noch ergreifender. Er fasste Bradleys Hand, hielt sie lange in der seinen, drückte sie mit Wärme und warf dann einen Blick, der schrecklich in seinem Zorn war, auf die beiden Wundärzte.

»Wir haben unser Bestes getan«, sagte der Mutigere von den beiden.

»Nicht die Wunden sind es, sondern das Fieber«, bemerkte der andere abbittend.

»O, ihr kläglichen Ärzte, soll das Streifen von zwei spanischen Kugeln und das Stacheln von drei indischen Pfeilen den edelsten Leib zerstören und das tapferste Herz brechen, welches je einen Sieg gewonnen hat?«

»Die pestartige Luft, haltet zu Gnaden, geehrter Admiral«, sagte der ältere Wundarzt.

»Die unsichtbaren Pfeile der Pestilenz, welche den Mächtigen schlagen in seiner Rüstung«, krächzte der vormalige Covenanters aus seiner Ecke.

»Still, du Harpyie von böser Vorbedeutung«, entgegnete Morgan zornig. »Bradley, teurer Joseph, sprich mit mir. Weh! Er kennt mich nicht.«

Er trat sodann beiseite und redete die verwundeten Lieutenants mit vielen freundlichen ermutigenden Worten an. Aber sie halfen so wenig, wie die Mittel der Ärzte, denn die Männer starben bald danach in dem öde gewordenen gemauerten Gemach.

Morgan kehrte zu dem immer schwächer werdenden Freund zurück und beugte sich mit schmerzlicher Teilnahme über ihn nieder. Ob der Mann mit der eisernen Seele um den Verlust der schwarzen Freundin seines Herzens, der herrlichen Zoabinda, getrauert hat, weiß niemand. Kein Mensch hatte je gesehen, dass sich seine männlichen, schönen Wangen mit einer Träne befleckten, seine Arme sich kreuzten oder sein Haupt in Kleinmut niedersank. Sie war dahingegangen und er blieb derselbe Mann. Aber obwohl nun seine Augen nicht feucht wurden, sprach sich doch in jedem Zug seines Gesichtes die herbste Pein aus. Es wäre weniger ergreifend gewesen, Zeuge der wildesten Schmerzensrufe zu sein.

Bradleys Augen standen weit offen. Er stierte bewusstlos auf das Gesicht vor ihm hin.

Morgan sagte in gedämpftem Ton: »Wenn ich mich nicht der Schwäche schämte, würde ich diese vom Tod besiegelte Stirn küssen, die sobald in Verwesung dahinmodern wird. Lebe wohl, mein treuer Freund! Wenn es keinen Himmel für den Guten und Tapferen gibt, so sollte für dich allein einer geschaffen werden, mein ehrlicher edler Owen. Lebe wohl.«

Zu Morgans Erstaunen lächelte nun Joseph. Die Hand, welche so lange leblos dagelegen hatte, drückte nun matt die des Freundes.

»Geschwind! Es ist noch Leben da – ein Stärkungsmittel!«, rief Morgan.

Es wurde in Anwendung gebracht und die Lampe des Lebens flackerte noch einmal vor ihrem Erlöschen hell auf.

In der vollen, innigen Betonung der Liebe begann nun Bradley: »Henry Morgan, das ist freundlich … ich danke dir!«

»Mein teurer Joseph!«

»Nicht mehr Joseph. Das Wenige, was noch von mir übrig ist, gehört deinem Owen. Mit dem Krieger bin ich fertig … ich bin nicht mehr ein Mann des Blutes. Möge das, was ich hier gottlos vergossen habe, mir jenseits nicht gedacht werden. Lass uns eine Weile allein zusammen sein. Dann will ich mein Gesicht der Wand zukehren, beten und sterben.«

Diese Worte, obwohl sie für Morgan deutlich hörbar waren, erreichten nicht das Ohr der übrigen Anwesenden. Morgan winkte mit der Hand und alle, bis auf die sterbenden Lieutenants, verließen das gewölbte Gemach.

»Und nun Henry! Damit du dich immer meiner als deines Freundes erinnerst, will ich dir kein Versprechen abdrängen. Auch ein sterbender Freund würde sich damit eines grausamen Vorteils bedienen. Ich will dir nur meine Wünsche zu wissen tun.«

»Mein Owen! Sie sind mir heilig.«

»Krümme kein Haar auf dem Haupt jenes unglücklichen Hekattykick!«

»Du hast sein Leben gerettet.«

»Ich bin reich, Henry. Mein Vater könnte eines Teils meiner Schätze bedürfen. Das Übrige ist sein Eigentum. Sei gütig gegen den wackeren alten Harfner.«

»Er ist mein Vater, ich bin sein Sohn, denn sind wir nicht Brüder?«

»Genug! Lass ihn nichts Schlimmes von mir denken, Henry!«

»Ich möchte den Mann kennen, der es wagte.«

»Ich möchte noch eine kleine Weile mit dir von unseren Bergen, von den Bächen, von dem blökenden Vieh sprechen – aber meine Zeit ist kurz. Obwohl der alte Morgan den grünen Hügel vor seiner Tür aufgepflügt hat?

»Ich weiß es nicht, Owen.«

»Es wäre schade, denn wir haben so oft darauf gespielt. Du wirst es ihm sagen. Doch wie mag ich von so eitlen Dingen reden? Henry, weißt du, dass ich entdeckt habe, was ich längst vermutete … dass es wirklich ein Jenseits gibt und dass mein Zustand sehr gefährlich ist?«

»Beunruhige dich nicht mit solchen Dingen, Owen. Wenn es einen Himmel gibt, so muss er dir zuteilwerden. Wo nicht, so soll Dir das Grab eines Tapferen und ein lebendiger Denkstein in meinem Herzen gesetzt werden.«

»Du bist nicht deine eigene Vorsehung – nein, nein, nein. Es gibt ein schreckliches Wesen über uns, das gerecht ist. Zittre davor.«

»Sei ruhig, mein Freund. Solche Dinge gehen über unsre Fassungskraft. Besinne dich, wie ich dir noch Liebe erweisen kann. Überlade mich mit deinen Bitten. Dies ist der Weg, mich glücklich zu machen.«

»Nun gut, wir sind alle sterblich. Ich habe Menschen getötet, aber die Folter … oh Morgan, schone die armen Spanier … sei barmherzig gegen deine Feinde, denn, mein Freund, eines Tages wirst du auch sein, wie du mich hier siehst. Doch das war es nicht … es ist etwas da, Morgan … dieses Sterben ist eine ernste Aufgabe … warum gehst du nicht nach Hause, um dort ruhig zu leben? Nein, auch dies war es nicht. Du musst meinem Vater nicht sagen, dass ich glücklich gestorben sei. Es wäre eine schreckliche Lüge, mein Freund. Und auch zu Lynia sage es nicht. Ach, jetzt habe ich es. Sagte ich nicht, ich wolle dir kein Versprechen abdringen, mein Freund? Und doch muss und will ich es tun. Versprich mir bei deinem Frieden auf Erden … bei deinen himmlischen Hoffnungen, versprich mir …«

»Ach Owen, wenn du dahin bist, wird mein Friede auf Erden so klein sein, als meine Hoffnung auf den Himmel. Ich verspreche dir bei etwas weit Gewisserem … bei meiner innigen Liebe zu dir verspreche ich dir, deiner Bitte zu willfahren.«

»Du wirst Lynia sehen, sie wird in deine Gewalt kommen. Schone das Leben ihres Gatten und achte ihre Ehre. Du verstummst? … Versprich mir … denke daran, wie gut sie gegen uns alle war … gegen dich am meisten … versprich!«

»Sie hat mich gekränkt, mich verachtet«, murmelte Morgan. Dass er auch jetzt an dies denken muss! Der Arme, es liegt ihm schwer auf der Seele! Und dann fügte er laut bei: »Deinen Wünschen soll in diesem wie in allen anderen Punkten willfahrt werden.

Darauf magst du dich verlassen. Ich gebe dir die feierliche Zusage, ihr Leben, ihre Ehre und das Leben ihres Gatten sollen sicher sein.«

Der Sterbende wurde nun sehr unruhig, kratzte an seinen Betttüchern, zupfte an der rauen Decke und schien dann unter derselben etwas mit den Händen zu suchen. Als er es nicht fand, stöhnte er kläglich.

»Ich kann es nicht finden«, murmelte er vor sich hin, »und doch hatte ich es um größerer Sicherheit willen an meinem Herzen bewahrt. O, mein Freund, der Mensch täuscht sich stets, wenn er nur seinem Herzen vertraut.«

»Was sucht mein teurer Owen?«, fragte sein Freund beschwichtigend.

»Ah, da ist es, meine treue Waffe.« Bradley hatte eben noch Kraft genug, einen sehr kleinen, schlecht aussehenden Dolch hervorzuziehen. Die Klinge war schmal und so spitz wie eine Nadel. »Dies, mein Freund, ist die Gabe eines Kriegers, seine Liebesgabe, seine Todesgabe. Wie dein armer Owen ist die Scheide etwas abgenutzt; aber das Herz ist gesund, der Stahl rein und treu.«

»Gleich dir, mein geliebter Freund.«

»Trage ihn immer, so lange Leben in dir ist, in der Nähe deines Herzens. Er kann sich dir in der Stunde der Not als der beste Freund erweisen. Morgan! Trenne dich nie von ihm. Mein Segen ruht darauf – und auch mein Fluch.«

»Dein Fluch, teurer Owen?«

»Ja, mein Fluch! Ja, ja, ich sagte es, du hast mir versprochen, hast geschworen – ja, ja, ich glaube, du hast mir geschworen, du wollest Lynias Tugend ehren. Hast du nicht geschworen, Henry?«

»Ja, ja, beruhige sich.«

»Diese Lynia war so gütig gegen uns, gegen meinen alten Vater. Sie nährte uns, als die Lebensmittel nur selten waren. Ja, als sie dieselben für sich und ihren alten Vater notwendig brauchte. War dies nicht edel? Und wie gütig ist sie gegen dich gewesen? Ja, das ist es, was ich sagen wollte. Erinnere dich, wenn du je dich selbst vergessen, wenn du versuchen solltest, Deinen Eid zu brechen; ja dann, mein teurer Freund, ist dieser Dolch da. Er liegt an deinem Herzen, bereit für meine Hand … Ha! Ha! Ha! Ich werde tot sein und modern. Wozu dies? Wozu dies? Kann ich nicht meine Hand herausstrecken aus dem Grab und stoßen … stoßen … Ha! Ha! Ha! Es ist ein lustiger Einfall, den Meineidigen aus dem dunklen Grab zu erreichen. Es ist … es ist lustig!«

Der Sterbende lachte noch lange, aber sehr matt.

Morgan wollte diese Stimmung durchaus nicht gefallen. Er nahm den Dolch und verbarg ihn unter seinem Hemd. Diese Handlung machte Owen große Freude. Ein schöner Strahl des Entzückens verbreitete sich über seine eingefallenen Züge. Morgan schwor abermals feierlich, allen seinen Wünschen zu willfahren, und kniete sogar an seinem Bett nieder, während er die Zusage wiederholte.

Diese Versicherung gab dem Hinscheidenden Ruhe. Eine Art

von Frieden verbreitete sich über sein sterbendes Antlitz – aber er blieb so lange stumm, dass Morgan schon glaubte, alles sei vorüber. Als er sich erhob, begann Owen wieder zu sprechen, aber in der Sprache seiner Heimat und sehr wirr. Seine letzten Worte waren Segenswünsche für Morgan, gemischt mit Ausdrücken der Hoffnung für seinen Freund in dieser, für sich selbst aber in der künftigen Welt. In dieser Weise verschied er.

Morgan betrachtete den Toten lang und angelegentlich, als sei er bemüht, das Geheimnis des Todes zu lösen.

Nachdem er die Leiche eine Zeitlang angesehen hatte, zog er mit eigener Hand die englische Flagge über ihn und entfernte sich mit den Worten: »Er war zu ehrenhaft für das Leben, das er lebte, und zu gut für den Tod, den er starb. Doch lebte und starb er für mich. Ich müsste ein Tor sein, wenn ich an ein Jenseits glauben wollte. Wenn ich müsste – schrecklich! Wie viel hätte ich zu verantworten!«

Um Mitternacht fand eine prunkvolle Bestattung in der Kirche des zertrümmerten Forts statt. Die ganze Flotte war anwesend.

Das prachtvollsten Grab in der Kirche wurde aufgebrochen, die Knochen seines Bewohners oder seiner Bewohner, denn es waren ihrer viele, auf der Erde umhergestreut und die dunkle, einsame Kammer für den neuen Gast zurechtgemacht.

Die ganze Flotte wohnte dem Leichenzuge an, aber die einzigen äußeren Trauerzeichen waren die umgekehrten Waffen. Nachdem die Beerdigung vollzogen war, hallte Salve um Salve durch die hohen Flügel des Gebäudes und die gedämpften Trommeln wirbelten das Totenlied. Darunter mischten sich die wehklagenden Töne der Trompeten, die unter den Trümmern der Zitadelle und weiter draußen auf der wogenden See verhallten.

So war mit dem Harfnersohn alles vorüber. In der Nacht hörte man zwar keinen lauten Jubel der Zecher, aber das Zechen nahm dennoch seinen Fortgang. Einige Stunden lang hielt sogar die Schlemmerei die Maske der Trauer vor. Die Menschen sündigten mit überlegter Heuchelei.

Morgan schritt bis zum Grauen des Morgens auf dem sandigen Ufer, das seiner Flotte gegenüberlag, gedankenvoll hin und her und lebte sein vergangenes Leben geistig aufs Neue durch.

Er fasste einige Entschließungen für seine sittliche Besserung – denn wer täte dies nicht, wenn ein Freund stirbt? Dann erinnerte er sich an das gegebene Versprechen und an den Rat, den er von seinem Freund erhalten hatte. Bereits hatte er angefangen, auf den Rath mehr als auf die Zusage zu achten. Ehe er mit seinen Betrachtungen zum Schluss kam, hatte er sich vorgenommen, das Versprechen zu vergessen, den Rat aber treulich im Gedächtnis zu behalten. Der gegenwärtige Feldzug sollte sein letzter sein. Von allem, was Owen gesprochen hatte, kamen ihm die Worte nach Hause am prophetischsten vor, denn sie waren

seinen Lippen entglitten, während der Geist irre war, und ihre Töne zitterten noch vor seinen Ohren. Er schenkte ihnen abergläubische Rücksicht. Dieser Mann, welcher nicht an einen Himmel glaubte, obwohl mehr als ein Engel von dorther gekommen war, um ihm und seinem ganzen Geschlecht die frohe Botschaft zu bringen, baute auf irre herausgesprochene Worte, bloß weil der Sprecher nicht wusste, was er sagte.

Nach Tagesanbruch ging Morgan auf das Schiff, welches nun nach dem Verlust der Satisfaction seine Flagge trug, und gab sich der Ruhe hin, welcher er sich noch immer mit dem Hochgenuss eines Erschöpften und Rechtschaffenen erfreute.

An demselben Tag starben noch mehrere. Es schien, als ob alle Verwundeten sich beeilten, um ihren vorangegangenen Vizeadmiral nachzukommen. Auch sie wurden um Mitternacht, aber nicht in der Kirche begraben. Morgan wohnte gleichfalls ihrer Bestattung bei und sicherte sich so die größere Achtung seiner Leute, indem er den Hingeschiedenen so viele Achtung erwies. Unser Held war ein Weiser unter seiner Generation.

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