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Die drei Musketiere 35

Alexander Dumas d. Ä.
Die drei Musketiere
7. bis 10. Bändchen
Historischer Roman, aus dem Französischen von August Zoller, Stuttgart 1844, überarbeitet nach der neuen deutschen Rechtschreibung

II.

Bei Nacht sind alle Katzen grau.

Der so ungeduldig von Porthos und von d’Artagnan erwartete Abend kam.

D’Artagnan fand sich wie gewöhnlich gegen neun Uhr bei Mylady ein. Er traf sie in der angenehmsten Laune, nie hatte sie ihn so gut empfangen. Unser Gascogner sah auf den ersten Blick, dass Ketty ihrer Gebieterin das vermeintliche Billett des Grafen von Wardes zugestellt hatte und dieses Billet seine Wirkung hervorbrachte.

Ketty trat ein, um Sorbets zu reichen. Ihre Gebieterin machte ihr die freundlichste Miene, lächelte ihr auf das Anmutigste zu, aber die Arme war so traurig über die Anwesenheit d’Artagnans bei Mylady, dass sie das Wohlwollen der Letzteren gar nicht gewahr wurde.

D’Artagnan schaute die zwei Frauen nacheinander an und musste sich gestehen, dass sich die Natur bei ihrer Hervorbringung getäuscht hatte. Der vornehmen Dame hatte sie eine giftige, treulose Seele, der Zofe ein liebendes, treues Herz gegeben.

Um zehn Uhr fing Mylady an, unruhig zu scheinen. D’Artagnan erriet ihre Gedanken sehr wohl. Sie schaute auf die Uhr, erhob sich, setzte sich wieder und lächelte d’Artagnan mit einer Miene zu, als wollte sie sagen: »Ihr seid allerdings liebenswürdig, aber Ihr wäret allerliebst, wenn Ihr Euch entferntet.«

D’Artagnan stand auf und nahm seinen Hut. Mylady reichte ihm die Hand zum Kuss. Der junge Mann fühlte, dass sie ihm seine Hand drückte, und begriff, dass er diese Gunst einem Gefühl, nicht der Koketterie, sondern der Dankbarkeit für seinen Aufbruch verdankte.

»Sie liebt ihn wahnsinnig!«, murmelte er.

Diesmal erwartete ihn Ketty weder im Vorzimmer noch auf dem Flur noch im Torweg. D’Artagnan musste ganz allein die Treppe und das kleine Zimmer finden.

Ketty hatte, an einem Tisch sitzend, das Gesicht in den Händen verborgen und weinte.

Sie hörte d’Artagnan eintreten, aber sie hob den Kopf nicht in die Höhe. Der junge Mann näherte sich ihr und nahm sie bei der Hand. Dann brach sie in ein Schluchzen aus.

Mylady hatte, wie d’Artagnan voraussetzte, als sie den Brief erhielt, den sie für eine Antwort des Grafen von Wardes hielt, im Übermaß der Freude der Zofe alles gesagt und ihr als Belohnung für die Art und Weise, wie sie sich ihres Auftrags entledigt, eine Börse geschenkt.

In ihr Zimmer zurückkehrend, hatte Ketty die Börse in eine Ecke geworfen, wo sie neben drei oder vier Goldstücken, welche herausgefallen waren, offen liegen blieb.

Bei der Stimme d’Artagnans schaute das arme Mädchen endlich empor. D’Artagnan erschrak über die Veränderung in ihren Gesichtszügen. Sie faltete die Hände mit flehender Miene, aber ohne dass sie ein Wort zu sprechen vermochte.

So wenig empfindsam das Herz d’Artagnans war, so fühlte er sich doch gerührt durch diesen stummen Schmerz, aber er hing zu fest an seinen Entwürfen und besonders an diesem, als dass er es hätte über sich gewinnen können, etwas an dem Programm zu verändern, das er im Voraus gemacht hatte. Er ließ Ketty keine Hoffnung, das von ihm beschlossene kecke Unternehmen zu verhindern. Nur stellte er ihr es als das dar, was es in Wirklichkeit war, das heißt, als eine einfache Rache für die Koketterie Myladys und als das einzige Mittel, von ihr die gewünschte Auskunft über Madame Bonacieux dadurch zu erlangen, dass er sie durch Furcht vor Skandal beherrschen würde.

Dieser Plan war um so leichter ausführbar, als Mylady aus Gründen, die man sich nicht erklären konnte, die jedoch von großem Gewicht zu sein schienen, Ketty den Befehl gegeben hatte, alle Lichter in ihrem Zimmer und sogar die im Zimmer der Zofe auszulöschen.

Bald hörte man Mylady, welche in ihr Gemach zurückkehrte. D’Artagnan stürzte sogleich in den Schrank. Kaum war er hineingeschlüpft, als die Glocke ertönte.

Ketty ging zu ihrer Gebieterin hinein und ließ die Tür dieses Mal nicht offen, aber die Scheidewand war so dünn, dass man beinahe alles hörte, was zwischen den zwei Frauen gesprochen wurde.

Mylady schien trunken vor Freude. Sie ließ sich von Ketty die geringsten Einzelnheiten der angeblichen Zusammenkunft der Kammerjungfer mit dem Grafen von Wardes wiederholen, wie er ihren Brief empfangen, wie er geantwortet, welchen Ausdruck sein Gesicht gezeigt habe, ob er sehr verliebt geschienen. Auf all diese Fragen antwortete die arme Ketty, welche sich keine Blöße geben durfte, mit einer erstickten Stimme, deren schmerzhaften Ton ihre Gebieterin nicht einmal bemerkte – so selbstsüchtig ist das Glück.

Als endlich die Stunde nahte, wo der Graf von Wardes erscheinen sollte, ließ Mylady in der Tat alles bei sich auslöschen und hieß Ketty in ihr Zimmer zurückkehren und den Grafen von Wardes bei ihr einführen, sobald er sich zeigen würde.

Ketty hatte nicht lange zu warten. Kaum hatte d’Artagnan durch das Schlüsselloch seines Schrankes gesehen, dass das ganze Zimmer in Finsternis gehüllt war, so sprang er in dem Augenblick, wo Ketty die Verbindungstür wieder schloss, aus seinem Versteck hervor.

»Was soll dieses Geräusch bedeuten?«, fragte Mylady.

»Ich bin es«, sagte d’Artagnan mit halber Stimme, »ich, der Graf von Wardes.«

»O, mein Gott, mein Gott!«, murmelte Ketty, »er konnte nicht einmal die Stunde abwarten, die er selbst gesetzt hatte.«

»Nun!«, sprach Mylady mit zitternder Stimme, »warum tritt er nicht ein? Graf, Graf, Ihr wisst, dass ich Euch erwarte.«

Auf diesen Ruf schob d’Artagnan Ketty sachte beiseite und eilte in das Zimmer von Mylady.

Müssen Wut und Schmerz eine Seele foltern, so ist dies im höchsten Grad bei einem Liebenden der Fall, welcher unter einem Namen, der nicht ihm gehört, Liebesbeteuerungen empfängt, die seinem glücklichen Nebenbuhler gelten.

D’Artagnan befand sich in einer peinvollen Lage, die er nicht vorhergesehen hatte. Die Eifersucht marterte sein Herz, er litt beinahe so sehr wie die arme Ketty, welche in demselben Augenblick im anstoßenden Zimmer weinte.

»Ja, Graf«, sagte Mylady mit ihrer weichsten Stimme und drückte dabei eine seiner Hände, »ja, ich bin glücklich durch die Liebe, die mir Eure Blicke und Eure Worte ausdrückten. Aber ich liebe Euch auch. Morgen, morgen will ich irgendein Pfand von Euch, das beweisen soll, dass Ihr an mich denkt, und da Ihr mich vergessen könntet, so nehmt.«

Sie zog einen Ring von ihrem Finger und steckte ihn d’Artagnan an.

Es war ein prächtiger Saphir, umgeben von Brillanten.

Die erste Regung d’Artagnans war, ihr denselben zurückzugeben.

Aber Mylady fügte hinzu: »Nein, nein, behaltet diesen Ring, mir zuliebe. Überdies leistet Ihr mir, indem Ihr ihn annehmt«, setzte sie mit bewegter Stimme hinzu, »einen größeren Dienst, als Ihr Euch vorstellen könnt.«

Diese Frau ist doch voll von Geheimnissen, dachte d’Artagnan.

In diesem Augenblick fühlte er sich geneigt, alles zu enthüllen. Er öffnete den Mund, um Mylady zu sagen, wer er sei, und welcher Racheplan ihn herbeigeführt.

Aber sie sprach: »Armer Engel, den dieses Ungeheuer von einem Gascogner beinahe getötet hätte!«

Das Ungeheuer war er.

»Oh!«, fuhr Mylady fort, »habt Ihr noch an Euren Wunden zu leiden?«

»Ja, viel«, erwiderte d’Artagnan, der nicht wusste, was er sagen sollte.

»Seid ruhig«, antwortete Mylady, in einem für ihren Zuhörer wenig beruhigenden Ton, »ich werde Euch rächen, grausam rächen!«

»Pest«, sprach d’Artagnan zu sich selbst, »der Augenblick der Offenbarung ist noch nicht gekommen.«

D’Artagnan brauchte einige Zeit, um sich von diesem kleinen Dialog zu erholen. Alle rachsüchtigen Gedanken, die er mitgebracht hatte, waren völlig verschwunden. Diese Frau übte eine unglaubliche Macht über ihn aus. Er hasste sie und betete sie zugleich an. Er hatte nie geglaubt, dass zwei so entgegengesetzte Gefühle in einem Herzen wohnen und ihrer Vereinigung eine seltsame, gleichsam teuflische Liebe bilden können.

Es hatte indessen ein Uhr geschlagen; man musste sich zurückziehen. In dem Augenblick, wo d’Artagnan Mylady verließ, fühlte er nur ein lebhaftes Bedauern, sich von ihr entfernen zu müssen. Beim leidenschaftlichen Lebewohl, das sie aneinander richteten, wurde eine neue Zusammenkunft für die nächste Woche verabredet.

Die arme Ketty hoffte einige Worte mit d’Artagnan sprechen zu können, wenn er durch ihr Zimmer gehen würde, aber Mylady geleitete ihn selbst in der Dunkelheit und verließ ihn erst auf der Treppe.

Am anderen Morgen lief d’Artagnan zu Athos. Er war in ein so seltsames Abenteuer verwickelt, dass er ihn um seinen Rat bitten wollte, und erzählte ihm deshalb alles, was vorgefallen war. Athos runzelte wiederholt die Stirn.

»Eure Mylady«, sprach er, »scheint mir ein heilloses Geschöpf zu sein. Aber es war darum von Euch nicht minder unrecht, sie zu täuschen, und Ihr habt nun auf die eine oder auf die andere Weise eine Feindin im Nacken.«

Während Athos sprach, schaute er beständig den mit Diamanten umgebenen Saphir an, der an d’Artagnan’s Finger die Stelle des Ringes der Königin eingenommen hatte, welcher sorgfältig in ein Kästchen verschlossen worden war.

»Ihr schaut diesen Ring an«, sagte der Gascogner, stolz darauf, vor den Blicken des Freundes ein so reiches Geschenk glänzen lassen zu können.

»Ja«, sagte Athos, »er erinnert mich an ein Familienjuwel.«

»Der Ring ist schön, nicht wahr?«, sprach d’Artagnan.

»Herrlich!«, antwortete Athos, »ich glaubte nicht, dass zwei Saphire von so schönem Wasser vorhanden wären. Habt Ihr ihn gegen Euren Diamanten eingetauscht?«

»Nein«, sagte d’Artagnan, »es ist ein Geschenk von meiner schönen Engländerin oder vielmehr von meiner schönen Französin, denn, obwohl ich sie nicht darüber befragt habe, bin ich doch überzeugt, dass sie in Frankreich geboren ist.«

»Dieser Ring ist Euch von Mylady zugekommen?«, rief Athos mit einer Stimme, in der sich leicht die große Gemütsbewegung erkennen ließ.

»Von ihr selbst, sie hat ihn mir heute Nacht gegeben.«

»Zeigt mir den Ring«, sprach Athos.

»Hier ist er«, antwortete d’Artagnan und zog ihn vom Finger.

Athos betrachtete denselben und wurde sehr bleich. Dann probierte er ihn an dem Ringfinger seiner linken Hand. Er ging so gut an diesen Finger, als ob er dafür gemacht worden wäre.

Eine Wolke des Zorns und der Rache zog über die gewöhnlich so ruhige Stirn des Edelmanns.

»Es kann unmöglich derselbe sein«, sprach er. »Wie sollte sich dieser Ring in den Händen von Mylady Clarick finden! Und doch lässt sich kaum zwischen zwei Juwelen eine solche Ähnlichkeit denken!«

»Kennt Ihr diesen Ring?«, fragte d’Artagnan.

»Ich glaubte ihn zu erkennen«, erwiderte Athos, »aber ich täuschte mich ohne Zweifel.«

Er gab d’Artagnan den Ring zurück, schaute ihn aber fortwährend an.

»Ich bitte Euch!«, sprach er nach einem Augenblick, »ich bitte Euch, d’Artagnan, nehmt diesen Ring von Eurem Finger oder dreht den Saphir nach innen. Er ruft so schreckliche Erinnerungen in mir zurück, dass ich nicht die nötige Besinnung hätte, um mit Euch zu plaudern. Wolltet Ihr nicht Rat von mir haben? Sagtet Ihr mir nicht, Ihr seid in Verlegenheit, was Ihr tun sollt? Aber halt, gebt mir nochmals diesen Ring. Derjenige, von welchem ich sprechen wollte, muss an einer der Seiten des Steines infolge eines Unfalls geritzt sein.«

D’Artagnan zog den Ring abermals von seinem Finger und gab ihn Athos.

Athos bebte. »Seht«, sprach er, »seht! ist das nicht seltsam!«

Er zeigte d’Artagnan die Ritze, deren er sich erinnerte.

»Aber von wem hattet Ihr diesen Saphir, Athos?«

»Von meiner Mutter, die ihn von der ihren erbte. Wie ich Euch sage, es ist ein alter Juwel, der nie aus der Familie kommen sollte.«

»Und Ihr habt ihn verkauft?«, fragte d’Artagnan zögernd.

»Nein«, antwortete Athos mit seltsamem Lächeln. »Ich habe ihn während einer Liebesstunde verschenkt, wie er an Euch verschenkt worden ist.«

D’Artagnan wurde ebenfalls nachdenkend. Es kam ihm vor, als erblicke er in Myladys Leben Abgründe mit düsteren, furchtbaren Tiefen.

Er steckte den Ring nicht an seinen Finger, sondern in seine Tasche.

»Hört«, sprach Athos und fasste ihn bei der Hand, »Ihr wisst, dass ich Euch liebe, d’Artagnan. Hätte ich einen Sohn, ich könnte ihn nicht mehr lieben als Euch. Nun, glaubt mir, verzichtet auf diese Frau. Ich kenne sie nicht, aber eine unbestimmte Ahnung sagt mir, dass sie ein verdorbenes Geschöpf ist und dass etwas Unseliges in ihr sein muss.«

» Ihr habt recht«, sprach d’Artagnan, »glaubt mir, ich trenne mich von ihr. Ich gestehe Euch, auch mich erfüllt diese Frau mit Schrecken.«

»Werdet Ihr den Mut haben?«, fragte Athos.

»Ich werde ihn haben«, antwortete d’Artagnan, »und zwar in diesem Augenblick.«

»Wohl, mein Junge, Ihr habt recht«, sprach der Edelmann und drückte dem Gascogner mit wahrhaft väterlicher Zuneigung die Hand. »Gott wolle, dass diese Frau, die kaum in Eure Existenz eingetreten ist, keine traurige Spur darin zurücklasse.«

Athos grüßte d’Artagnan mit dem Kopf, wie ein Mensch, der zu verstehen geben will, dass es ihm nicht unangenehm wäre, mit seinen Gedanken allein bleiben zu können.

Als d’Artagnan zu seiner Wohnung zurückkehrte, fand er Ketty, die auf ihn wartete. Ein Monat Fieber hätte das arme Kind nicht mehr verändert, als dies durch eine Stunde der Eifersucht und des Schmerzes geschehen war.

Sie wurde von ihrer Gebieterin zum Grafen von Wardes geschickt. Ihre Gebieterin war toll vor Liebe, trunken vor Freude. Sie wollte wissen, wann der Graf ihr eine zweite Zusammenkunft geben würde.

Bleich und zitternd sah die arme Ketty der Antwort d’Artagnan entgegen.

Athos übte einen großen Einfluss über diesen jungen Mann aus. Der Rat seines Freundes hatte ihn in Verbindung mit den Gefühlen seines eigenen Herzens und der Erinnerung an Madame Bonacieux, welche ihn nur selten verließ, im Entschluss gefestigt, nun, da sein Stolz gerettet war, Mylady nicht wiederzusehen. Statt jeder Antwort nahm er eine Feder und schrieb folgenden Brief, den er ebenso wenig unterzeichnete, als den vorhergehenden:

Rechnet nicht auf mich, Madame. Seit meiner Wiederherstellung habe ich so viele Unterhaltungen dieser Art zu bewilligen, dass ich eine gewisse Ordnung in die Sache bringen musste. Kommt die Reihe an Euch, so werde ich die Ehre haben, Euch davon in Kenntnis zu setzen.

Von dem Saphir kein Wort. der Gascogner wollte ihn bis auf neuen Befehl als eine Waffe gegen Mylady behalten.

Man hätte übrigens unrecht, die Handlungen einer Epoche aus dem Gesichtspunkt einer anderen zu betrachten. Was man heute als eine Schmach für einen Mann von Welt halten würde, war in jener Zeit etwas ganz Einfaches und Natürliches.

D’Artagnan gab den Brief Ketty offen. Diese las ihn anfangs, ohne ihn zu verstehen, und wäre beinahe wahnsinnig geworden, als sie ihn zum zweiten Mal las.

Ketty konnte nicht an dieses Glück glauben. D’Artagnan war genötigt, ihr mündlich die Versicherung zu wiederholen, die ihr der Brief schriftlich gab. Wie groß auch die Gefahr war, welche die Arme bei dem heftigen Charakter von Mylady lief, wenn sie dieses Billett ihrer Gebieterin aushändigte, so ging sie doch so geschwind, wie sie konnte, zur Place Royale zurück.

Das Herz der besten Frau ist gefühllos gegen die Schmerzen einer Nebenbuhlerin.

Mylady öffnete den Brief mit derselben Eile, mit der ihn Ketty gebracht hatte, aber bei den ersten Worten, die sie las, wurde sie leichenblass. Dann zerknitterte sie das Papier und wandte sich mit einem Blitz in den Augen gegen Ketty.

»Was soll dieser Brief?«, sprach sie.

»Es ist die Antwort auf den der gnädigen Frau«, erwiderte Ketty zitternd.

»Unmöglich!«, versetzte Mylady, »unmöglich kann ein Edelmann an eine Frau einen solchen Brief geschrieben haben.«

Dann rief sie plötzlich: »Mein Gott! Sollte er wissen …«

Sie hielt bebend inne. Sie knirschte mit den Zähnen, ihr Gesicht war leichenfarbig. Sie wollte einen Schritt gegen das Fenster machen, um Luft zu schöpfen, aber sie konnte nur den Arm ausstrecken. Die Kraft versagte ihr und sie sank auf einen Stuhl zurück.

Ketty glaubte, sie befinde sich unwohl, und eilte zu ihr, um den Schnürleib zu öffnen. Aber Mylady sprang auf und rief lebhaft: »Was willst du? Warum legst du Hand an mich?«

»Ich glaubte, Mylady befinde sich unwohl, und wollte ihr Hilfe leisten«, antwortete die Zofe, ganz erschrocken über den furchtbaren Ausdruck, den das Gesicht ihrer Gebieterin angenommen hatte.

»Ich mich unwohl befinden! Hältst du mich für ein erbärmliches Weib? Soll ich krank werden, wenn man mich beleidigt? Nein, ich räche mich, verstehst du wohl?«

Sie gab Ketty ein Zeichen, sich zu entfernen.

 

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