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Die Gespenster – Zweiter Teil – Einundfünfzigste Erzählung

Die Gespenster
Kurze Erzählungen aus dem Reich der Wahrheit von Samuel Christoph Wagener
Allen guten Schwärmern, welchen es mit dem Bekämpfen und Ablegen beunruhigender Vorurteile in Absicht des Geisterwesens ernst ist, liebevoll gewidmet von dem Erzähler Friedrich Maurer aus dem Jahr 1798
Zweiter Teil

Einundfünfzigste Erzählung

Die plötzlich verschwindende weiße Erscheinung unweit von Potsdam

Die Gegend am Stolpeschen See, eine Meile von Potsdam, durch deren unfruchtbare Sandwüste der Weg von Zehlendorf sich hinzieht, ist durch die Gespenster, welche hier hausen und manchem Reisenden des Nachts sichtbar werden sollen, sehr verrufen. Die Veranlassung dazu soll eine Kindermörderin und ein im 16. Jahrhundert hier verübter gewaltsamer Straßenraub gegeben haben. Daher hört man den einen sagen, es sei ihm hier zentnerschwer aufgehuckt. Ein anderer sah das spukende Scheusal wie ein Ungeheuer vorüberziehen. Wieder andere wollen sogar das Wimmern des ermordeten Kindes gehört oder gar die Mörderin ohne Kopf gesehen haben, und was dergleichen rührende Sächelchen mehr sind. Das Merkwürdigste an diesen Volkssagen ist indessen unstreitig der Umstand, dass es auch nicht an rechtlichen, vorurheilfreien Männern fehlt, welche bezeugen, auch ihnen sei am Stolpeschen See bald dieses, bald jenes Abenteuer aufgestoßen. So hat unter anderen der Feldjäger vom königlich preußischen reitenden Jägerkorps, Herr Barsch zu Rathenow, mir folgende Erzählung einer ihn selbst betreffenden Tatsache mitzuteilen die Güte gehabt.

»Ich ritt in der Nacht vom 27. zum 28. September des Jahres 1793 von Zehlendorf nach Potsdam. In dem verrufenen Sand am See fiel mir die Volkssage ein. In der Tat, dachte ich, diese Gegend rechtfertigt einigermaßen den Wahn des gemeinen Mannes, als ob es hier nicht geheuer sei. Das schaudererregende Gefühl meiner Einsamkeit in dieser Sandwüste und die feierliche Stille der Nacht war auch mir sogar unangenehm und lästig.

Die einzelnen Kiensträucher dieser Wüstenei fielen mir in dem Halbdunkel des Sternenschimmers wie ebenso viele einzelne Spukgestalten ins Auge. Der säuselnde Wind spielte hier mit dem Flugsand und plätscherte dort in den Wellen der weiten Wasserfläche. Aus tiefer Ferne her ertönte das dumpfe Geheul einiger Dorfhunde. Dieses und der traurige Ton eines einsamen Nachtvogels erweckten in mir die unbehaglichsten Gefühle. Auch die Mutter ohne Mutterempfindung, die hier ihren Säugling mordete, auch die herzlosen Menschen, die hier Grausamkeiten und Straßenraub verübten und einen Lohn, ihrer Taten wert, empfingen, schwebten mir blutig vor und verscheuchten aus meinem Herzen jede frohe Empfindung. Es entstand lebhafter, als je zuvor, die Sehnsucht nach Menschen in mir.

Indem so ein trauriger und unbehaglicher Gedanke den anderen verdrängte, stand plötzlich ein ganz weißes Gespenst vor mir. Ich gestehe gern, dass mir die Haut grauste. Auch mein Reitpferd fuhr heftig zusammen und wollte mit mir feldeinwärts. Um mir selbst mehr Ruhe und Entschlossenheit zu geben, als ich hatte, nahm ich meine Zuflucht zu einigen militärischen Stoßseufzern und gab ein in Flüchen gehülltes Wer da! von mir. Die Gestalt verschwand vor meinen Augen; vielleicht, weil ich sie in einem so unsanften Ton anredete. Meine forschenden Blicke suchten sie wieder und fanden sie nicht. Gedankenvoll ritt ich meine Straße, ich glaube, ohne des Pferdes zu schonen, denn es war mit Schaum überzogen, als ich vor Potsdam den Gasthof Zum weißen Ross am Brandenburger Tor erreichte. Dass ich nicht mit empörten Sinnen eine Ausgeburt der Einbildungskraft, sondern ein bald wieder verschwindendes Etwas gesehen hatte, wusste ich mit Zuverlässigkeit, aber einfach unbegreiflich war es mir, was die weiße Gestalt mit ihrer augenblicklichen Erscheinung dicht vor meinem Pferd sagen wollte. Da mir indessen das Wunderbare in dem, was ich erlebt hatte, durchaus widerstand, und da ich sehnlich wünschte, nachdenkend und untersuchend vielleicht noch eine natürliche Erklärungsart aufzufinden. So ritt ich tags darauf in aller Frühe wieder zurück zu der mir bekannten Gegend, wo mir das Gespenst in den Weg trat. Ich hatte mir den Fleck, wo es spukte, genau gemerkt. Auch bezeichnete ihn mir im Sand die Spur meines, bei der Erscheinung wild gewordenen Pferdes auf das Unverkennbarste. Gerade zu der Richtung hin, wo ich die weiße Gestalt erblickt hatte, war ein Sandhügel, auf welchen herauf und von welchem hinunter ich die frische Fährte dreier Hirsche vorfand. Weg war nun das Wunder der Nacht! Das ganze Geheimnis lag klar und aufgedeckt vor meinen Augen.

Drei von den königlichen Hirschen, die hier in Menge gehegt werden, waren mir entgegengekommen. Sie setzten zufällig gerade in dem Augenblick auf den seitwärts vor mir liegenden Sandhügel hinauf, als ich da ankam. Sie stutzten gewiss nicht weniger als ich, sahen mich einen Augenblick an und machten bei meinem barschen Werda! links um. Sowie sie nur einen Satz hinter den Hügel zurücktaten, waren sie für mich wieder unsichtbar; daher das plötzliche Verschwinden der Erscheinung. Übrigens waren alle drei Hirsche weiße, deren es bei Potsdam viele gibt. Entweder standen sie auf dem Hügel hinter oder so dicht nebeneinander, dass ich sie im Finsteren für ein einziges Ganzes halten musste. Oder nur einer von den drei Hirschen, deren frische Fährte ich vorfand, war ein weißer, dessen Farbe mir spukhaft ins Auge fiel, während die grauen in der Finsternis mir unsichtbar blieben.

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