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Slatermans Westernkurier 05/2019

Auf ein Wort, Stranger, kennst du noch den Shadow Catcher?

Als er am 19.10.1952 in Whittier, Kalifornien, starb, hatte selbst die seriöse New York Times nur wenige Zeilen für ihn übrig. Der Nachruf für ihn umfasste ganze 76 Worte und das, obwohl dieser Mann einer der bedeutendsten Fotokünstler Amerikas war. Er durfte nicht nur die Familie des Präsidenten Theodore Roosevelt porträtieren, sondern prägte auch bis in die heutige Zeit unser Bild der nordamerikanischen Indianer.

Edward Sheriff Curtis wurde am 16. Februar 1868 in Cold Spring im Bundesstaat Wisconsin geboren. Sein Vater war Reverend Johnson Asahel Curtis, ein Seelsorger und ehemaliger Veteran des Bürgerkrieges aus Ohio, Ellen Sheriff, seine Mutter, stammte aus Pennsylvania.

Die Familie hatte vier Kinder.

Edward S. Curtis begeisterte sich schon als Junge fürs Fotografieren und baute sich eine Kamera, als seine Familie 1874 nach Minnesota zog. Mit 17 begann er eine Lehre in einem Fotostudio in St. John. Als die Familie 1887 nach Seattle, Washington, zog, erwarb Edward eine zweite Kamera und kaufte sich mit 150 Dollar in das Fotostudio von Rasmus Rothi ein.

Doch schon sechs Monate später beendeten die beiden wieder ihre Geschäftsbeziehungen.

Wenig später gründete er zusammen mit Thomas Guptill unter dem Namen Curtis and Guptill, Photographers and Photoengravers ein neues Studio. Einige Jahre später eröffnete er in der 700 Second Avenue ein weiteres, diesmal unter eigener Leitung.

Die Einwohner schätzten ihn schon bald als einen begabten Fotografen und es dauerte nicht lange, bis auch die Prominenz des Bundesstaates immer öfter zu seiner Kundschaft zählte.

1892 heiratete Edward Curtis die aus Pennsylvania stammende Clara Phillips, mit der er zusammen vier Kinder hatte.

 

*

 

Sein Lebenswerk aber sollte ein anderes werden.

Es begann im Jahr 1895, als er die ersten Aufnahmen von Indianern machte, genauer gesagt von Kikisoblu, der Tochter des legendären Duwamish-Häuptlings Chief Seattle, wodurch er wiederum wenig später die Bekanntschaft von George Grinell, einem Ethnologen und Indianerexperten machte.

1896 gewann er eine Auszeichnung der National Photographers Convention New York.

1899 wurde er offizieller Fotograf der Alaska Expedition von Edward Henry Harriman.

Sein Ruhm als Indianerfotograf wurde schließlich so groß, dass sich 1903 sogar Chief Joseph, der berühmte Häuptling der Nez Perce, von ihm ablichten ließ.

Das war der Zeitpunkt, an dem er endgültig Feuer gefangen hatte.

Curtis setzte sich in den Kopf, von nun an das Leben der Indianer zu dokumentieren.

Er begann die Lebensweise der Ureinwohner Nordamerikas in einer riesigen Fotoserie festzuhalten. Er fotografierte ihre Sitten und Gebräuche und schrieb systematisch jede Information über ihre Kleidung, Religion, Sprache und Essgewohnheiten nieder.

Insgesamt besuchte er mehr als 80 Indianerstämme.

Dabei entstanden rund 40.000 Fotografien, weit über 10.000 Sprach- und Musikaufnahmen und zahlreiche Biografien.

Das gigantische Projekt wurde in 20 Bänden veröffentlicht, von denen der erste mit einem Vorwort von Roosevelt im Jahre 1907 erschien. Trotz der Anerkennung von allen Seiten und dem positiven Echo war das ganze ein finanzielles Fiasko, das Curtis nur deshalb nicht in den Ruin trieb, weil der Eisenbahnmagnat John Pierpont Morgan Gefallen an diesem Mammutprojekt fand und es ab 1906 jährlich mit 15.000 Dollar unterstützte.

Als Morgan 1913 starb, verlor Curtis seinen wichtigsten Geldgeber, und als sich seine Frau Clara 1916 von ihm scheiden ließ, verschlimmerte sich seine Lage derart, dass er praktisch pleite war. Das Gericht sprach Clara nicht nur sein Fotostudio zu, sondern auch alle frühen Negative. Curtis ging mit seiner jüngsten Tochter Beth ins Studio und vernichtete daraufhin alle Negative. 1922 zog er zu ihr nach Los Angeles und versuchte sich als Kameramann und Regisseur, allerdings mit mäßigem Erfolg.

Als John Morgans Sohn sich bereit erklärte, seine Fotobücher weiter zu fördern, dachte Curtis schon, dass seine Pechsträhne beendet sei. Doch der Hype um seine Bilder war abgeklungen und seine Arbeit stieß nur noch auf wenig Interesse.

Insgesamt wurden nur 280 Bände seiner Enzyklopädie The North American Indian verkauft. Um sich finanziell über Wasser halten zu können, veräußerte er alle Rechte daran an die Morgan Gesellschaft und verdingte sich als Goldgräber und Landwirt.

1935 verkaufte die Morgan Gesellschaft nicht nur alle Bücher, Druckplatten und ungebundenen Druckseiten von Curtis’ Lebenswerk, sondern auch die noch vorhandenen Glasnegative für insgesamt 1.000 Dollar an die Charles Lauriat Company in Boston, wo alles zusammen bis zur Wiederentdeckung jahrzehntelang unberührt in den Lagerräumen des Unternehmens verblieb.

 

*

 

1932 ertrank Edwards Frau beim Rudern.

Er, den die Indianer einst Shadow Catcher nannten, starb zwanzig Jahre später am 19. Oktober 1952 in Whittier, Kalifornien, als armer Mann an den Folgen einer Herzattacke.

1972, weitere 20 Jahre später, entdeckte man seine Bücher im Keller des Bostoner Buchhändlers Lauriat wieder.

Auch wenn er es selbst nie erfahren sollte, sein Ziel, die Kultur der nordamerikanischen Indianer für spätere Generationen festzuhalten, hat er allen Schicksalsschlägen zum Trotz dennoch erreicht.

Quellenhinweis:

  • History, Monatsmagazin für Geschichte, Ausgabe 07/2015
  • Edward S. Curtis, Die Indianer Nordamerikas, Taschenverlag Köln, ISBN 3822847704

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