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Diane Teil 2 – Kapitel 9

Alexander von Ungern-Sternberg
Diane
Ein Kriminalgemälde der modernen Gesellschaft
Berlin, 1842, Buchhandlung des Berliner Lesekabinetts
Zweiter Teil

Neuntes Kapitel

Der Anerkennungsakt – Sorgen und Bekümmernisse einer alten Unvermählten

Den Morgen nach diesem Vorfall sandte die Fürstin zu Judith, um sie zu sich bitten zu lassen.

Die Gerufene wusste, was ihr bevorstand. Der General wollte sie zum ersten Mal sprechen, sie begrüßen. Dieser Moment war lange vorbereitet worden. Sie öffnete die Tür ihres Zimmers und blieb einen Augenblick wie sinnend auf dessen Schwelle stehen, dann ging sie mit festem Schritt vorwärts. Am Eingang des Saals standen zwei Diener, die die Tür öffneten. Sie schritt hindurch. Der erste Gegenstand, den ihr suchendes Auge erblickte, war das Antlitz mit den weißen Haaren, das ihr gestern durch das Fenster der Wand erschienen war. Aber die Miene dieses Gesichts war von einer feierlichen Heiterkeit, die Judith Mut einflößte, beseelt. Die Türen schlossen sich hinter ihr. Es war im Zimmer niemand gegenwärtig, als der General, die Fürstin, Franz und Judith. Der Erstere schritt auf sie zu, schien sie anreden zu wollen, blieb jedoch vor ihr stehen und neigte sein Haupt, wie in Gedanken versunken.

Die Fürstin lag wie gewöhnlich auf dem Sofa und rief von da aus der Eintretenden zu: »Eh! Mon enfant! Embrassez votre grand père!«

Der General trat ihr noch einen Schritt entgegen. Judith lag in seinen Armen, die er fest und fast gewaltsam um ihren Nacken schlug. In diesem Augenblick stieß Franz ein Gemurmel der Freude und des Beifalls aus.

Eine lange Pause herrschte. Keiner der Anwesenden sprach ein Wort.

Endlich entließ der General Judith aus seinen Armen, drückte ihr noch einen Kuss auf die Stirn und wandte sich dann schnell ab und verließ das Zimmer.

Franz stürzte auf Judith zu: »Meine teure, meine angebetete Cousine! Dieser Augenblick hat entschieden. Sie sind uns, Sie sind Ihrer Familie wiedergegeben. O, meine unglückliche Cousine, was haben Sie gelitten!«

»Cher François, cher François!«, rief die Fürstin. »Bringe mir das teure Kind.«

Judith warf sich zu Füßen des Sofas auf den Teppich nieder und bedeckte die Hände der Fürstin mit Küssen.

»Oh – oh – oh!«, rief diese. »Quel bonheur! Ein Kind, ein ausgestoßenes Kind, findet seine Eltern, findet seine Verwandte wieder! Ciel! Tu vois mes larmes! Reçois donc, pauvre enfant, mes benedictiones! Oh ciel! Je meurs, je meurs.«

Judith fühlte die mageren kleinen Hände in ihren Locken wühlen. Sie erhob sich langsam und in ihren Zügen lag die sanfteste Bescheidenheit. Ihre Blicke waren gesenkt, ihre Hände gefaltet. Franz betrachtete sie mit leidenschaftlicher Aufmerksamkeit.

»Cher François«, rief die Fürstin, »offre a ta cousine une chaise tout près de moi, ici!«

Es geschah, und die Dame, ihre Blicke mit Zärtlichkeit und Entzücken auf Judith richtend, fuhr fort. »Von diesem Augenblick, liebe Tochter, keine Verstellung mehr. Sie verzeihen mir, Ihrer Tante, dass ich jemals eine solche geübt habe. Allein, wenn man die Welt kennt, teures Kind, weiß man, dass vorsichtige Schritte allein zum Ziel bringen. Ich habe Sie in mein Haus geführt, in der vollen Überzeugung, meine teure Verwandte in Ihnen zu sehen. Allein ich habe Sie nicht so genannt, keineswegs aus dem Grund, weil ich mich zu täuschen fürchtete, sondern weil eine so plötzliche Umgestaltung Ihres Schicksals für Sie schlimme Folgen hätte haben können. Aber ich sah frühzeitig an den Reizen Ihres Körpers, angebetetes Mädchen, wie an der Festigkeit und dem Stolz Ihrer Seele, dass Sie vollkommen würdig sind, den Namen zu tragen, der Ihnen jetzt wird. Sie heißen von jetzt an Gräfin Windeck, et à present, ma chère, embrassez moi! A votre coeur est ma place!«

Judith neigte sich nochmals zu der kleinen, in Spitzen und Flor gehüllten Gestalt und der feierliche Akt der Wiedererkennung war geschlossen. Die Fürstin verlangte nach Einsamkeit. Judith entfernte sich in ihr Zimmer. Den anderen Tag, am Sonntag, wurde für sie ein feierliches Gebet von der Kanzel herab gehalten. Die ganze gräfliche Familie nahm in der Hauskapelle des Schlosses das heilige Abendmahl.

Wir müssen, um diese Vorgänge näher zu erläutern, vom Gang unserer Erzählung abweichen und diejenigen Umstände berichten, die sich im Inneren der Familie zutrugen, ehe dieser Akt der Anerkennung vor sich gehen konnte. Mit dem Tod der unverehelichten Schwester des Generals, nun also ungefähr vor drei Jahren, wurde die Katastrophe, die wir eben beschrieben haben, eingeleitet und zum ersten Mal die erschütternde Nachricht in die Familie gebracht, es lebe ein Kind, das man tot geglaubt. Eine Freveltat sei geschehen, deren unselige Folgen man umso mehr wiedergutzumachen streben müsse, weil sie die Existenz eines armen unschuldigen verfolgten Kindes träfen. Die unverehelichte Comtesse war eine Dame von unsträflichem Wandel und unbeflecktem Ruf. Sie besaß die Achtung der ganzen Familie, und obwohl, ihrem Wunsch nach in tiefster Einsamkeit lebend, verfehlte sie doch nie, ihre Teilnahme kund zu geben, wenn wichtige Familieninteressen verhandelt wurden. Die letzten Lebensjahre brachte sie in einer fortdauernd schmerzvollen Krankheit zu. Die Verbindung mit der Familie wurde deshalb loser. Zuletzt nahm sie von den zahlreichen Besuchen, die man ihr machte, nur den ihres Neffen, des Grafen Anastasius an, der ihr Liebling war. Sie billigte seine erneute Verbindung mit der ersten Frau nicht. Öfters hatte man über diesen Gegenstand Tante und Neffen lange Unterredungen führen hören. Die Comtesse tadelte den Charakter der Gräfin Loben, die sie als stolz, herrschsüchtig und leidenschaftlich kannte. Die Gräfin, die diese Äußerungen wieder erfuhr, verfehlte nicht, diese einflussreiche Verwandte durch erhöhte Aufmerksamkeit und schmeichelnde Besuche zu ihrem Vorteil zu stimmen. Allein je mehr sie sich anstrengte, desto kälter und abstoßender wurde die Comtesse. Zuletzt sahen sich beide Frauen nicht mehr. Ein völliger Bruch fand statt, der sich dann besonders offen herausstellte, als von einem Testament des Grafen zu Gunsten seiner Tochter früherer Ehe verlautete. Die Gräfin sah bald, dass dieses Testament das Werk der Comtesse war. Der bald hierauf stattfindende Tod des Grafen zeigte, dass es sich mit diesem Testament grade so verhielt, wie die Witwe gefürchtet hatte. Die Comtesse hatte ihren Neffen gebeten, seine Tochter ihr anzuvertrauen, allein der Vater hatte diese Bitte unter dem Vorwand abgeschlagen, dass er seine Gemahlin nicht kränken wolle, die für dieses Stiefkind mit derselben mütterlichen Sorgfalt bemüht sei, wie für ihr eigenes. Dieses Vertrauen auf die Denkungsart seiner Gemahlin war so groß, dass er selbst auf dem Sterbebett seine Tante bat, das Kind bei der Stiefmutter zu lassen. Die Comtesse versprach dies, allein schon nach Abfolge eines Jahres fühlte sie sich unfähig, das Versprechen zu halten. In ihrem Sold stand ein alter treuer Diener, dem sie unbedingt vertraute. Dieser musste öfters heimliche Besuche unter mancherlei Vorwänden in dem Landhaus abstatten, wo damals die verwitwete Gräfin lebte. Er brachte die Nachricht, dass es der Kleinen gut ginge, und dass er sie munter und heiter gesehen habe. Das Kind mochte drei Jahre alt sein, als seine Stiefmutter ihren Wohnort veränderte und in die Nähe von Danzig zog, wo sie Verwandte hatte und einen Winter zubrachte. Ein bösartiges Nervenfieber grassierte damals in der Stadt. Das Kind wurde davon ergriffen. Kaum erfuhr die Comtesse von diesem Unglücksfall, als sie selbst gefährlich leidend sich durch keine Vorstellungen hindern ließ, die Reise nach Danzig unternahm, dort ein Quartier mietete, die Kleine zu sich nahm und pflegte. Sie selbst gesteht, bei der Gelegenheit bemerkt zu haben, wie das kranke Kind bei der Stiefmutter auf das Beste behütet worden sei, und in diesem Betreff es ihr erschienen, als habe sie der Witwe Unrecht getan. Allein es kommt zu keiner Versöhnung zwischen den beiden Frauen. Die Kleine gesundet, es bleibt jedoch eine böse Nachwirkung auf das geistige Vermögen des Kindes. Sie erscheint wie geistesschwach und weiß sich keiner Dinge, die mit ihr vorgegangen sind, zu erinnern. Allein die Versicherungen des Arztes, dass dieser bedrohliche Zustand vergehen werde, beruhigte die Großtante wieder. Eingedenk des dem Neffen gegebenen Versprechens, gibt sie das Kind der Stiefmutter zurück und reist ab. Zu Hause angelangt, weiß sie sich vor Unruhe nicht zu fassen. Von Neuem steigen quälende Zweifel über die Sicherheit des Kindes in ihr auf. Sie äußert öfters den Wunsch, man möge das Kind von der Witwe entfernen. In den Pausen ruhigen Nachdenkens und in Betracht des vorwurfsfreien Betragens der Stiefmutter gibt sie diesen Wunsch wieder auf und schreibt ihre übertriebene Ängstlichkeit ihrem kranken Zustand zu. So vergeht ein Jahr. Da plötzlich vernimmt sie den Tod des Kindes. Der Schrecken dieser Nachricht wirft sie aufs Krankenlager. Es bleibt ihr nur so viel Besinnung, ihren treuen Diener sogleich zum Ort des Trauerfalls zu senden, um sich nach den näheren Umständen zu erkundigen. Dieser vollzieht den Auftrag auf das Gewissenhafteste. Er bringt die Wärterin mit, in deren Armen das Kind gestorben war, und zugleich eine Abschrift der gerichtlichen Atteste des Arztes und des Totenscheins aus dem Kirchenbuch. Diese Papiere hat er sich mit großer Vorsicht, ohne dass die Witwe hiervon das Geringste erfahren hat, verschafft. Nach diesen Zeugnissen ist die Kleine einem wiederholten Anfall des Nervenfiebers erlegen. Die Mitteilungen der Wärterin sind genau und umständlich. Sie stimmen mit den Attesten vollkommen überein, kein Zweifel an dem Tod des Kindes ist möglich. Allein die Comtesse fühlt eine krankhafte Aufregung, die nach ihrem eigenen Ausdruck sie weder sterben noch leben lässt. Immer wieder schwebt das Kind ihr vor Augen und Sinn. Trotz der dringenden Vorstellungen des Arztes, diese Gedanken und Träume gewaltsam niederzukämpfen, werden sie immer mächtiger in ihr und nehmen eine immer festere Gestalt an. Endlich erklärt sie, ihre eigene Forschung sei erforderlich. Sie müsse eine Reise in jene Gegend unternehmen. Dies ist ein Wagstück in ihrem leidenden Zustand, allein sie weist alle Vorstellungen des Arztes entschieden zurück und unternimmt mit Laubenheimer, so heißt der treue Diener, die Reise. Ihre nähere Umgebung erfährt nicht das Ziel, nicht den Zweck der Reise. Die größte Sorgfalt wird von der alten Dame angewendet, um ihre Entdeckungen so vorsichtig wie möglich zu machen. Es gelingt ihr. Sie erfährt, dass die Atteste, die man ihr gebracht hat, falsch sind, dass man sie, dass man die Familie getäuscht habe, dass ihr angebeteter Liebling noch lebe.

Wir müssen uns vorbehalten, an einem anderen Ort diese Entdeckungsreise des alten gräflichen Fräuleins zu schildern. Hier ist es nötig, rasch vorwärts zu schreiten, um zum General zurückzukehren. Es genüge darum, zu bemerken, dass die ängstliche Großtante bei der Wichtigkeit ihrer Entdeckung sich nicht getraute, dieselbe sofort öffentlich zu machen. Sie sah das Kind nun als das ihre an. Um es vor neuen Verfolgungen zu hüten, beschloss sie, mit der Erziehung desselben einen eigenen Plan zu verfolgen. Sie wollte es, fern von der Heimat, in der Schweiz bei einer Freundin unterbringen, und zwar unter fremden Namen. Später gedachte sie es noch weiter zu versenden, der Zufall fügte es jedoch, dass es im Land blieb. Es wäre das Kürzeste gewesen, es dem Großvater zu übergeben, allein die Dame kannte den wilden Sinn ihres Bruders zu wohl, um nicht gerade das fürchten zu müssen, was sie vermeiden wollte, einen allgemeinen Familienskandal. Sie vertraute das Kind Laubenheimer an. Dieser sollte mit der Kleinen die Reise antreten. In der Gegend von Landsberg wird er krank, und zwar wird das Übel in kurzer Zeit lebensgefährlich. Der herbeigerufene Arzt gibt wenig Hoffnung, und die Besorgnisse des treuen Dieners in Betreff des ihm anvertrauten Schatzes werden jetzt im höchsten Grad quälend. Er sieht den Tod vor Augen und die Kürze der Zeit erlaubt nicht, Briefe zu wechseln, und Verhaltungsmaßregeln zu erbitten. Nichtsdestoweniger muss er zur Entscheidung kommen. Wem soll er das Kind anvertrauen? Er wagt nicht, es in die Gegenden zurückzuschicken, wo es erkannt werden könnte. Welchen Stellvertreter kann er zur Weiterbeförderung der Reise finden? Er denkt an den Arzt, den Prediger – allein sie sind ihm zu fremd. Da erinnert er sich eines alten Dienstkameraden aus früherer Zeit, der hier wohnen muss. Andreas Halling wird ausgeforscht und gefunden. Der alte Invalide, erfreut ein Stück Geld zu gewinnen und seinem früheren Genossen einen Dienst zu leisten, übernimmt das Mädchen nach Berlin zu schaffen, denn dorthin weiß Laubenheimer ihr den tätigsten Schutz zuzuweisen. Es wohnt daselbst ein Mann, den er kennt, und den auch die Comtesse kennt. Nur wenige Worte genügen, und über das Schicksal der Kleinen ist keine Befürchtung weiter. Halling nimmt den Brief an den Bankier Rusbruck, die Kleine umarmt ihren Beschützer auf dem Sterbebett, und die Wanderer verlassen Landsberg. Aber Andreas Halling ist nicht der treue, zuverlässige Geleitsmann, für den ihn Laubenheimer gehalten hat. Er hat sich während eines müßigen Lebens dem Trunk und dem Spiel ergeben. In Küstrin angekommen, findet er Kameraden, mit denen er die Nächte bei den Karten zubringt. Er verspielt nicht nur das seine, sondern auch das anvertraute Geld und sogar die Kleider des Mädchens, das er in Lumpen hüllt. Die Reise geht vorwärts, aber der Trunkenbold ist bald nicht mehr fähig, die Wanderung auszuhalten. Er misshandelt die Kleine, die ihm zur Last fällt. Endlich bleibt er besinnungslos am Weg liegen. Seine mühsam hervorgestammelten Worte enthalten einen Befehl, Hilfe zu suchen. Wo soll das selbst hilflose Kind diese finden? Sie läuft weinend die Landstraße hinab. Endlich hat sie sich so weit von ihrem Führer entfernt, dass sie diesen nicht mehr zu finden weiß. Es wird dunkel und die arme Verstoßene setzt sich auf einen Stein an der Landstraße, ihre Klage und ihre Tränen sprechen jeden Vorübergehenden an. Hier findet sie der Apotheker. Das Kind, einer Ohnmacht nahe, weiß auf die Fragen des Mannes, wo sie herkomme und wer sie sei, nichts zu antworten. Später besinnt sie sich auf ihren Führer. Allein die Furcht vor diesem, wegen ihres langen Ausbleibens misshandelt zu werden, macht, dass sie fortfährt, zu schweigen. Auf welche Weise der Apotheker sich seines Schützlings wieder entledigte, ist dem Leser bekannt.

Laubenheimers Krankheit hält ihn noch einige Wochen auf dem Lager. Kaum ist er imstande, Nachforschungen anzustellen, so ist es das Erste, was er tut, sich von Halling Bericht abstatten zu lassen. Dieser belügt seinen Kameraden und gibt an, dass er das Mädchen sicher abgeliefert habe. Aber seine Aussagen werden vom alten Diener mit Misstrauen gehört. Er hat unterdessen über Andreas mancherlei nachteilige Gerüchte vernommen. Nun bereute er, diesem getraut zu haben. Er will nun selbst nach Berlin, allein ein Brief des Bankiers, der die Ankunft der Kleinen meldet, beruhigt ihn völlig. Er reist nun zu seiner Gebieterin, um ihr den Verlauf der Sachen zu melden. Nach gepflogener Beratung findet die Comtesse, dass Dianes Aufenthalt in Berlin unter dem fremden Namen, den sie ihr gegeben hat, ebenso sicher und ihren ferneren Plänen angemessen sei, wie auf dem Landgut ihrer Freundin. Sie kennt Madame Dufont und vertraut ihr. Es wurde nun zwischen dem Bankier und Laubenheimer eine Korrespondenz eröffnet, welche die Geldsendungen betraf, denn die Comtesse hielt es nicht für nötig, den Bankier direkt in ihr Geheimnis zu ziehen, obwohl sie ihn als einen achtbaren Mann kannte. Die alte Dame beabsichtigte nun, selbst nach Berlin zu ziehen, um dem Gegenstand ihrer Zärtlichkeit und ihrer noch immer fortdauernden Besorgnisse nahe zu sein. Doch musste sie, durch ihre zunehmende Kränklichkeit veranlasst, die Ausführung dieses Plans von Termin zu Termin verschieben. Die Nachrichten, welche sie erhielt, lauteten erfreulich und beruhigend.

In diese Zeit fällt Laubenheimers Entfernung. Seine letztüberstandene Krankheit, sein herannahendes Alter machten es ihm wünschenswert, seine Verwandten nahe bei Straßburg zu besuchen. Die Comtesse, obwohl sie ihn ungern ziehen lässt, kann ihn dennoch nicht zurückhalten, aber diese Entfernung ihres einzigen Vertrauten ist ein Grund mehr, nun ernstlich an die Sicherstellung des Schicksals ihres Lieblings zu denken. Zudem fürchteten die Ärzte für ihr Leben. Sie durfte das Bett nicht mehr verlassen. Fünf Jahre waren vergangen. Die Volljährigkeit des Sohnes zweiter Ehe rückte immer näher. Die Regulierung der Erbschaftsangelegenheiten musste, je länger verschoben, desto schwieriger werden. Allein welch ein nur irgend dezenter Weg bot sich der ängstlichen Dame an, in einer so bösen Angelegenheit zu verfahren? Sie sann hin und her und trat in Briefwechsel mit einigen Rechtsgelehrten von Ruf, denen sie unter verstellten Namen und Verhältnissen den Fall vortrug. Die Antworten lauteten nicht genügend, und die quälenden Besorgnisse der Dame vermehrten sich mit jedem Monat, ja zuletzt mit jedem Tag. Wer die Ratlosigkeit einer armen, schwachen, einsam lebenden Frau kennt, wer da weiß, wie viel ein schüchternes Wesen leidet, das zum ersten Mal während einer harmlosen Existenz berufen wird, einen entscheidenden, das Aufsehen und den Tadel sowie das Staunen der Welt hervorrufenden Schritt zu tun, der mag die bösen, mit fieberhafter Unruhe hingebrachten Tage unserer armen Comtesse beurteilen. Sie entwarf tausend Pläne, sie schrieb Briefe, die sie wieder vernichtete. Schon mehrmals bat sie sich eine geheime Unterredung mit ihrem Bruder aus, doch immer erstarb ihr das Wort auf der Lippe, wenn der Moment der Entscheidung da war. Sie wollte das Mädchen kommen lassen, ihr alles aufdecken, dann aber fand sie es unbesonnen, in die Seele der Unschuld und Unerfahrenheit ein solches Geheimnis zu werfen. Ein zufälliger Besuch des Generals, der auf einer kleinen Geschäftsreise begriffen war, brachte endlich die Geständnisse ans Licht. Es war die höchste Zeit, denn nur wenige Tage noch hatte sie zu leben. Eine Nachricht, die wir von einem Sterbenden hören, macht immer einen gewaltigen Eindruck, sie mag an sich auch nicht von so großer Wichtigkeit sein. Man urteile also, wie den General die Worte seiner Schwester, die ihm unter Tränen und Seufzern eine so unerhörte Tatsache offenbarte, erschütterten.

Er achtete, wie schon bemerkt, diese seine Schwester im hohen Grad. Sie war um einige Jahre älter und ihr Einfluss hatte sich schon auf den wilden Knaben, auf den leidenschaftlichen Jüngling und später selbst auf den Mann wohltuend geltend gemacht. Der General erkannte dies an. Noch mehr wusste er zu würdigen, dass seine Schwester einst auf seinen Wunsch einen reichen, angesehenen, allein ihm nicht zusagenden Bewerber ausgeschlagen hatte. Er hatte seit dieser Zeit sich angelegen sein lassen, ihr ihre einsame Existenz so angenehm wie möglich zu machen. Der Einfluss, den diese Schwester auf ihn ausübte, war so allgemein bekannt, dass man ihre Fürsprache nachsuchte in Fällen, wo über den unbeugsamen Trotz des wilden, kühnen und eigenmächtigen Mannes ein Sieg davongetragen werden sollte. Sie wandte diese Vermittlung nur selten an. Dadurch erhielt sie dieselbe immer in Wirksamkeit.

Er bezwang die stürmischen Ausbrüche seines Zorns, denn das Sterbebett legte ihm Zwang auf. Das Einzige, was er sagte, war: »Aber, Wilhelmine, wie kannst du mit dieser Nachricht so spät kommen?«

»Es ist nicht zu spät«, erwiderte sie. »Ich habe in der Stille gewirkt. Jetzt mag dein offenes, rasches Handeln eintreten. Nur versprich mir, Ludwig«, sagte sie, indem ihre kalte Hand die seine drückte, »versprich mir in dieser schweren Prüfung, die Gott uns auferlegt, geduldig, fromm und mit ernster weiser Überlegung zu handeln. Ich habe meine Aussage gerichtlich deponiert, allein ich mag nicht daran denken, dass meine Worte öffentlich verlesen werden. Gib mir dein Versprechen, von diesem Papier nur dann Gebrauch zu machen, wenn jeder gütliche Weg, dieses Ärgernis beizulegen, versperrt ist. Da nur ich und mein Diener um den Betrug wissen, so ist es in deine Hände gegeben, die Ehre der Familie zu wahren, ohne die Rechte deiner Enkeltochter zu kränken. Schone den Ruf der Frau, die unseren Namen trägt. Was ich hinterlasse, gehört diesem armen Kind, dem wir nicht genug Liebe erweisen können, weil es ungerecht gelitten hat. Als ich es zuletzt sah – es war bleich und schwach, fast eine Beute des Todes – brannten meine mütterlichen Küsse auf seiner Wange. O, möchte auch dein Arm es bald umschließen, deine Segensküsse es einweihen zum Mitglied der Familie.«

Der General, zu sehr beschäftigt mit dem herben Verlust, der ihm drohte, bemühte sich nur, die letzten Augenblicke seiner Schwester durch Trost und Liebe zu erheitern. Als er ihre Augen geschlossen hatte, bemächtigten die weltlichen Interessen sich wiederum völlig seiner Seele und riefen seine ganze Tatkraft auf. Er durchlas und durchforschte die Papiere. Gewohnt, kein Hindernis auf dem Weg, den er wandelte, zu achten, entschloss er sich, sofort die Witwe seines Sohnes aufzusuchen. Der Tod befreite ihn jedoch von dieser lästigen Zusammenkunft. Die Dame starb in dem Bad zu Ems. Zugleich brachen ernstliche Misshelligkeiten zwischen dem General und ihrem Sohn aus. An diese reihten sich notwendige Reisen, die er als Vormund einiger Familienmitglieder unternehmen musste. All dieses brachte ihn zu dem Entschluss, die seine Enkeltochter betreffende Angelegenheit seiner Verwandten, der Fürstin, zu übergeben. Somit wurde die Dame und ihr Neffe in das Geheimnis eingeweiht. Die nötigsten Schritte zu tun, wurde ihr übertragen. Die Fürstin ging zwar mit der allergrößten Vorsicht zu Werke, allein es fehlte ihr alle Gewandtheit und tätige Regsamkeit. Bei ihr gab es nur ein Mittel, die Echtheit der jungen Gräfin zu erforschen. Dies war das Äußere und die gesellschaftliche Haltung derselben. Unmöglich konnte es, meinte sie, einer Bürgerlichen gelingen, gewisse Ausdrucks- und Gebärdenweise so täuschend nachzuahmen, dass sie die Klüngel für echt hielt. Der Schimmer der Aristokratie war, wie der grünliche Belag auf der antiken Bronze, ein so geheimnisvolles Etwas, das keine moderne Kunst nachzumachen imstande war. Ob diese untrüglichen Zeichen vorhanden waren, wollte die Fürstin entscheiden. Sie hielt sich für untrüglich. Wir haben gesehen, wie Judith diese Prüfung bestand. Vielleicht hätte die wirkliche Gräfin sie nicht so gut bestanden.

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