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Anne Boleyn Band 2 – Kapitel 5

Gräfin Luisa Mary von Robiano
Anne Boleyn
Historischer Roman, Constenoble, Jena 1867
Zweiter Band

5.

Annes Bußübung im Kloster der Priorin Juliane Berner.

Annes Herz verlangte nach stiller Ruhe und einer zeitweiligen Einsamkeit. Darum bestürmte sie den König, dass dieser ihr einen Aufenthalt im Kloster der berühmten Priorin Juliane Berner gestatte.1

»Du wirst mich dort vergessen oder mir abtrünnig gemacht werden«, sagte Heinrich widerstrebend. »Bedenke, wie alle Nonnen jetzt von mir denken und reden.«

»Die Liebe zu meinem König steht zu fest, als dass irgendeine Macht sie erschüttern könnte. Nein, jetzt sicherlich noch weniger als ehemals würde ich Euch Angefochtenen, um meinetwillen Verfolgten verlassen!«

»Werde ich dich dort besuchen dürfen?«

»Nicht öffentlich, Majestät, aber ich werde Euch schreiben und den Ort eines Zusammentreffens außerhalb des Klosters nennen.«

»Wen nimmst du von deinem Haushalt mit?«

»Niemand, Majestät, als eine einzige Dienerin. Mehr bedarf ich im Hause Gottes und der Buße nicht. Seid um mich unbesorgt, Majestät. Die Priorin ist eine edle Frau, sie wird nichts gegen Euch, noch gegen mich unternehmen.«

»So geh«, sagte Heinrich und umarmte sie zärtlich. »Aber länger als einige Wochen darf die Verbannung nicht währen. Mein Herz wird gar heftig nach dir verlangen.«

»Auch mich nach Euch«, erwiderte Anne weich. »Aber wir haben dennoch vor Gott gesündigt, Majestät. Ihm gebührt eine ernste, wenn auch kurze Sühne der Entsagung.«

Anne verließ gegen Abend, von zwei treuen Rittern des Königs begleitet, das Schloss und ritt zum Kloster, das unweit Londons lag. Sie fand bereits, da der König seine Braut angemeldet hatte, die ehrwürdige Mutter selbst, von ihren Schwestern umgeben, im Vorhof. Juliane Berners Haltung war dabei achtunggebietend und streng.

Anne sprang von ihrem Zelter, kniete demütig vor der Priorin nieder und sagte, indem sie deren Hand küsste: »Ehrwürdige Mutter, ich suche Frieden und Ruhe in diesen heiligen Mauern. Nehmt mich in Liebe auf.«

Da wich die Strenge von der Stirn der Äbtissin. Mild hob sie Anne auf und geleitete sie in ein Gemach, welches auf Heinrichs Befehl mit aller Behaglichkeit eingerichtet worden war.

Anne trat einen Schritt zurück und rief, auf der Schwelle stehend: »Nicht so, hohe Mutter. Ich komme hierher, um irdischen Reichtum zu vergessen. Räumt mir eine einfache Zelle gleich denen der frommen Schwestern ein.«

»Aber Seine Majestät « bemerkte Juliane schüchtern. »Ihr wisst, wie schonungslos er die heiligen Zufluchtsstätten entweihen und auflösen lässt. Er würde sich auch an meinem Haus rächen, vernähme er, dass wir Euch die schuldige Ehrfurcht nicht erwiesen.«

»Seid unbesorgt«, beruhigte sie Anne, »erfüllt meine Bitte, ehrwürdige Mutter, ich nehme die Verantwortung auf mich.«

Juliane zögerte nicht länger. Anne legte ihren Schmuck, ihre glänzende Kleidung beiseite und zog das schwarze Kleid der Novizen an. Sie schlief auf dem harten Holzbett, das nur mit einem warmen Teppich bedeckt war, enthielt sich jeder Speise, die nicht nach der strengen Regel des Hauses war, und wohnte nicht nur gewissenhaft den gemeinschaftlichen Andachtsübungen bei, sondern man sah sie oft in mitternächtlicher Stille, eine kleine Lampe in der Hand, durch den langen Gang in die kleine Kapelle gehen, wo sie Stunden lang vor dem Altar lag. Das Misstrauen und die Kälte, welche die frommen Schwestern ihr anfangs gezeigt hatten, wich bald dem Gefühl des innigsten Mitleids und ging in warme Anhänglichkeit über, als sie die Freundschaft bemerkten, welches zwischen ihr und der strengen Juliane entstand. In der Tat fühlten sich beide Frauen aufs Engste zueinander hingezogen, denn Anne verbarg nicht eine Falte ihres Herzens vor der Priorin, und diese erkannte wohl, wie das Mädchen nicht aus Leichtsinn, sondern aus Schwachheit gefehlt hatte.

Juliane stand damals in dem hohen Ruf einer seltenen Gelehrsamkeit. Ihr reger, lebendiger Geist erquickte sich im Umgang des geistreichen Mädchens. Je mehr sie jedoch Annes Herz kennen und schätzen lernte, desto wärmer wurde der Wunsch der edlen Frau, dieselbe dem verführerischen Kreis zu entreißen. Stunden lang verweilten sie beisammen, auch in religiöser Unterhaltung, denn auch in diese Einsamkeit war die neue Lehre der Reformation eingedrungen und mehr als ein Herz unter dem Nonnenkleide bewegt worden, da Heinrich allen Mönchen und Nonnen unter dem vierundzwanzigsten Jahr die Freiheit vom geistlichen Gelübde angeboten hatte.

»Meine Tochter«, sagte die Äbtissin eines Tages zu Anne, die in deren Zimmer zu ihren Füßen saß, »Ihr seid nun seit drei Wochen in unserer Mitte gewesen. Der König wird bald verlangen, dass Ihr wieder in die Welt zurückkehrt.«

»Ich weiß es, ehrwürdige Mutter. Aber mein Herz ist jetzt bei Euch heimisch geworden, meine sonst so unruhige Seele ist still. Mein sehnlichster Wunsch wäre, diese Räume nie wieder zu verlassen. Bei Euch ist Gott, draußen Eitelkeit, Ehrgeiz und Schuld!«

»Es gilt nur einen festen Entschluss zu fassen, meine Tochter«, erwiderte Juliane warm. Der König würde doch vielleicht darein willigen.«

»Nein, ehrwürdige Mutter. Ihr habt seine Briefe gelesen, wie dringend er mich um ein kurzes Wiedersehen angeht. Jetzt würde er mich mit Gewalt selbst vom Altar wegreißen. Aber es könnte eine Stunde kommen, wenn diese Reize vollends verschwunden sind, dass er mich verstößt wie seine Gemahlin. Dann, ehrwürdige Mutter, versprecht mir, dass Ihr mich in Eure Mauern aufnehmen wollt. Alles, was ich dann von weltlichen Gütern besitze, soll diesem Haus gehören.«

Sie verhüllte bei diesen Worten das Gesicht und weinte bitterlich.

Juliane aber schlang ihre Arme um ihren Nacken und sagte liebevoll: »So lange dieses Haus besteht und Juliane lebt, heißt sie dich willkommen, meine Tochter.

Vielleicht ist es unrecht von mir, dass ich dich behalten will, denn wohl könntest du ein Werkzeug werden, um das irregegangene Gemüt unseres Monarchen zum Guten zu lenken. Man sagt, dein Einfluss sei unbegrenzt. Wie kommt es dann aber, dass du nicht den fürchterlichen Verfolgungen steuerst, die über uns hereingebrochen sind? Sieh die Tausende von heimatlosen Mönchen und zarten Nonnen, die ihrer Zufluchtsstätten gewaltsam beraubt werden, die öde gelegten herrlichen Abteien, deren Einkünfte der Habgier Heinrichs und seiner Günstlinge anheimfallen. Sieh die Scheiterhaufen, die in Smithfield zum Himmel lodern, und das vergossene Blut der edlen Christen, die sich weigern, Heinrich den Eid der Treue als Haupt der Kirche zu leisten! Erzürnt sich nicht dein gläubiges Herz über die Schmach, welche dem Statthalter Christi angetan wird, über die Begünstigung und Verbreitung ketzerischer Lehren? Hast du kein Ohr, kein Mitgefühl für den edlen Pater Forrest2, dessen greisen Körper die Qualen der Folter zerrissen? Kannst du es dulden, dass die unglückliche, verstoßene Märtyrerin Katharina vergeblich nach dem Anblick ihrer Tochter jammert? Anne, und diesen Mann ziehst du Gott vor, seine sündige Liebe dem Frieden des Gewissens?«

»Haltet ein, ehrwürdige Mutter«, rief Anne flehend, »vergrößert nicht meine innere Qual durch Eure Vorwürfe! O Gott, gerechter Richter, gehe nicht mit mir ins Gericht, lass mir noch eine kleine Weile das Leben, und ich gelobe dir feierlich, mit Mut und Tat meine Schuld zu sühnen!«

»Amen!«, sagte Juliane, ihre Hände auf Annes heiße Stirn legend. »Er höre dein Gelübde und mache dich zu einem schützenden Engel für die leidenden Kinder der heiligen Kirche! Mit erleichtertem Herzen lasse ich dich wieder in die Welt zurückkehren!«

»Welche Antwort sende ich dem König auf sein letztes Schreiben?«

»Gewähre ihm eine Zusammenkunft, meine Tochter, aber nicht in diesen heiligen, Gott geweihten Mauern. Du musst es tun, soll dieses Haus nicht wie andere seinen Zorn empfinden.«

Gegen Abend desselbigen Tages verließen zwei Frauen, tief in ihre dunklen Mäntel gehüllt, das Kloster und setzten schweigend ihren Weg fort, bis sie eine Anhöhe erreichten, auf der eine große, schattige Ulme stand und wo eine hohe männliche Gestalt, ebenfalls verhüllt, sie empfing.

»Mein geliebtes Leben, Licht meiner Seele«, sagte Heinrich, indem er die Geliebte umfing, die nur schüchtern seine Umarmung duldete. »Wie lange hast du mich auf deinen Anblick warten lassen! Noch einen Tag, und ich hätte die Tore deines Gefängnisses durch meine Soldaten sprengen lassen!«

»Mein teurer Herr«, sagte Anne sanft, »Ihr hättet alsdann ein schweres Unrecht an den edlen Schwestern dort begangen, denn ihre Liebe tat mir so wohl, so unendlich wohl nach den Schmähungen, die in der Welt über mich ergangen sind und noch ferner ergehen werden, dass nur die Liebe zu Euch mich abhält, dort den Schleier zu nehmen.«

»Gottes Tod!«, rief Heinrich, »sie haben sich wie die Schlangen um dich gewunden und mich verflucht, als Kirchenschänder, als königlichen Dieb, nicht wahr? Aber so wahr ich lebe, ich will auch dieses Hornissennest mit Schwefelbränden vertilgen!«

»Ihr irrt Euch, Sire. Die fromme Priorin wünschte selbst, dass ich Euch nicht länger hinhalten solle. Sie ist eine gelehrte und vernünftige Frau, treu der Kirche, aber auch Euch, dem König, ergeben. Ohne ihre Erlaubnis hätte ich nicht das Glück, Euch heute zu sehen, mein Geliebter. Sie hat auch jeder der Schwestern den Austritt aus dem Kloster freigestellt. Nur eine Bitte lege ich meinem König in ihrem Namen zu Füßen …«

»Sprich, holdes Mädchen; sie ist um deinetwillen gewährt.«

»Dass Ihr dem Haus fortan Euren gnädigen Schutz gewähren wollt«, sagte Anne, »Juliane gestatten, in stillem Gebet ihr Leben dort zu beschließen, und mir, wenn Ihr mich nicht mehr lieben solltet, zu der teuren Frau wieder heimzukehren.«

Heinrich drückte sie stürmisch in seine Arme. »Die Zeit wird nie kommen, mein Lieb, wo ich dir erlauben werde, mich zu verlassen. Versichere der ehrwürdigen Frau meine königliche Huld. Sollte sie jemals durch meine Räte in Anfechtung kommen, so berufe sie sich auf mein Wort und auf meinen Schutz. Aber nun eine wichtige Nachricht für uns, meine süße Anne: Der Erzbischof von Canterbury ist mit Tode abgegangen.«

»Ah!«, stieß Anne hervor und ihre Züge belebten sich plötzlich.

»Die Stelle ist also frei«, fuhr Heinrich fort. »Es gilt einen Mann zu wählen, der unserer Sache günstig ist. Ich habe bereits an jemand gedacht.«

»Cranmer«, fiel Anne lächelnd ein.

»Getroffen!«, rief Heinrich. »Sollte man nicht sagen, du läsest in meiner Seele? So ist es. Ich habe bereits in einem eigenhändigen Vertrauensschreiben ihn zu uns entboten. Der Papst muss ihm das Pallium und die gewöhnliche Bestätigungsbulle senden, dann kann er kraft seiner apostolischen Weihe eigenmächtig die Scheidung aussprechen, und in kurzer Zeit bist du mein ehelich Gemahl!«

»Gebe es Gott!«, sagte Anne leise, indem sie sich an Heinrichs Brust schmiegte, »denn diese Ungewissheit könnte ich nicht lange mehr ertragen. Das Herz droht mir oft zu brechen.«

»Die Einsamkeit ist dir nicht heilsam, mein Lieb«, sagte Heinrich, besorgt in ihr blasses Gesicht blickend, das heute mehr als sonst die Spuren der strengen Buße und des Kummers verriet.

»Dein Klosterleben muss aufhören. Morgen schon lasse ich dich wieder abholen.«

»Ich möchte lieber hierbleiben«, sagte Anne sanft und bittend. »Ich fühle mich so viel wohler und zufriedener hier, als selbst an Eurer Seite, Majestät.«

»Du wirst eine Kopfhängerin wie Katharina«, sagte Heinrich. »Es ist wahrlich Zeit, dass ich dich von hier entführe. Unser Schicksal nähert sich einer Krisis. Wie bei einem Kranken bringt sie Leben oder Tod. Der Papst bereitet einen neuen Angriff auf mich durch das Interdikt vor.«

»Heiliger Himmel!«, rief Anne entsetzt aus.

»Fürchte dich nicht, mein liebes Leben, es wird uns nur vereinigen, nicht trennen. Zum Glück bin ich durch treue Seelen gewarnt worden und habe meine Anordnungen treffen können. Die Bulle des Interdikts darf Englands Boden nicht betreten. Meine Beamten bewachen die Küste und alle ankommenden Schiffe. Das Papier soll verbrannt werden, ehe es dem Volk veröffentlicht werden kann.«

»Aber die Priester werden es erfahren, wohl schon geheime Abschriften davon haben«, meinte Anne.

»Möglich! Aber wir wollen sehen, ob einer von ihnen es wagt, sie öffentlich kund zu tun«, antwortete Heinrich.

»Es wird einen heißen Kampf geben«, seufzte Anne.

»Aber es ist der Letzte, mein Liebchen! Vertraue mir! Doch umso notwendiger ist mir deine Gegenwart. Tag muss es endlich in mir werden, Tag nach einer langen, finsteren Nacht. Aber der Tag bricht für mich nur in deinem Besitz an, meine Anne! Darum komm!«

»Euer Wille geschehe«, erwiderte Anne.

Show 2 footnotes

  1. Sowohl die Priorin als auch Annes Freundschaft zu ihr sind geschichtlich.
  2. Katharinas treuer Beichtvater, der im Tower der schrecklichsten Tortur unterworfen worden war, um ihn zur Verletzung des Beichtgeheimnisses zu zwingen.

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