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Rübezahl, der Herr des Gebirges – Folge 40

Rübezahl, der Herr des Gebirges
Volkssagen aus dem Riesengebirge
Für Jung und Alt erzählt vom Kräuterklauber
Verlag Carl Gustav Naumann, Leipzig, 1845

40. Wie Rübezahl das Stück aufführt: Wurst wider Wurst.

Es ist eine gar schöne Sache um ein Mägdlein, sind aber gar ihrer mehrere beisammen, so möchte manchmal einer ganz aus der Haut fahren, zumal wenn sie hübsch und freundlich sind.

Nun, hübsch und freundlich waren allerdings diedrei, welche einmal beschlossen, auf das Hochgebirge zu wandern. Sie wussten es aber auch, dass sie es waren. Sie lebten in größter Eintracht wie Schwestern zusammen, waren immer fröhlich und guter Dinge und hatten es gern, wenn hübsche Männer sich um sie bekümmerten. Aber darum, denn das geschah sehr oft, wurden sie auch bald übermütig, trieben Mutwillen ohne Ende und lockten Manner an sich, um sie hinterdrein an der Nase herumzuführen und von sich zu stoßen. Das ist freilich sehr unrecht. Solche Mägdlein versündigen sich dadurch und werden dafür oft vom lieben Gott gestraft, bekommen gar keinen Mann und sind hernach im Alter oft ein Spott der Leute, wie wohl mit Unrecht.

Unsere drei Mägdlein richteten ihren Vorsatz auch bald ins Werk. Als eines Tages das Wetter schön war, so brachen sie zusammen auf. Unterwegs, wie es nun die Mägdlein machen, wenn sie unter sich sind, so sprachen sie bald von dem, bald von jenem, waren sehr bald bei ihrer Lieblingssache, bei den Männern, und wünschten, dass sie einen hübschen Reisegefährten haben möchten. Wünschte sich die eine einen blonden, so verlangte die zweite nach einem braunen und die dritte gar nach einem recht schwarzen und dergleichen mehr. Aber freilich, es wollte niemand kommen, und so sahen sie sich endlich auf dem Rückweg in der Baude am Seifenberg, ohne dass ihr Wunsch erfüllt worden wäre.

Eben waren sie im Begriff aufzubrechen, als ein wohlgebildeter, gut gekleideter junger Mann zur Tür hereintrat. Die Mägdlein stießen einander verblümt mit den Ellenbogen. Der junge Mann schien etwas schüchtern, knüpfte aber doch endlich ein Gespräch mit den Mägdlein an. Er komme eben, sagte er ihnen, aus Böhmen herüber und sei im Begriff, hinab nach Schlesien zu reisen. wenn sie auch denselben Weg gingen und es ihm erlaubten, so mochte er wohl ihr Begleiter sein.

Nun, so etwas ist immer ehrenwert, und die Schönen nahmen auch sein Anerbieten an. Aber heimlich beredeten sie sich, sie wollten den jungen Mann in sich verliebt machen und dann mit einer langen Nase abziehen lassen.

Rübezahl, denn dieser war der junge Mann, kannte die Mägdlein gut und wusste im Voraus, dass sie ihn zum Narren haben würden. Darauf war bei ihm alles berechnet. Er stellte sich unterwegs etwas einfältig. Diese losen Mägdlein waren nun um so unverblümter in ihrer Neckerei und stellten sich, als ob sie alle drei in ihn verliebt wären.

Mit der Liebe ist es eine ganz eigene Sache, wie jeder Praktikus weiß. Die erste Liebe ist stumm, denn da wagt sich einer gar nicht heraus und liegt vor dem Gegenstand seiner Liebe wie der Türke vor Neuhäusel; die zweite ist dumm, denn da geht einer blind drauf los wie Paulus auf die Korinther, und die dritte ist schon krumm, da kommt einer schon mit Finten per ampages wie die Schlange im Paradies. Dann ist jeder bereits dicke durch.

Rübezahl berücksichtigte die Erfahrung der Mägdlein und fing mit der ersten Liebe an. Da sie ihm aber hinlänglich Muth machten, so dachte er: Immer drauf. Er balzte und girrte, dass es eine Lust war. Endlich bat er die eine um einen Kuss. Nun, ein Kuss, wer es weiß, ist ein gefährliches Ding, zumal wegen der Nachkommenschaft, und hat eine eigene Natur, denn er bekommt immer gleich Junge. Das wussten die Schönen wohl und sträubten sich, aber nicht lange. Rübezahl wusste durch tausend Kniffe sie auf ihrem Wege aufzuhalten. Bald stellte er sich müde, bald von ihren Reizen so ergriffen, dass sie sich aufs Moos und Gras setzten und die Zeit mit lauter Tändeleien hinbrachten. So brach über diesem Spiel der Abend herein, und ob sie nun gleich ihren Weg in Eile fortsetzten, so fanden sie doch dabei überall unerwartete Hindernisse. Das Schlimmste war aber freilich endlich das, dass sie den Weg verloren hatten. Es ist jedoch eine gewöhnliche Geschichte, dass verliebte Leute den Weg verlieren, und manchen ist es sogar lieb. Zu verwundern ist es aber nicht, da Verliebte ja immer schon den Kopf verloren haben. Manche haben wohl gar dabei bisweilen ihre fünf Sinne eingebüßt. Es hat sich dafür ein Sechster gefunden, der auf einem ganz anderen Fleck sitzt als alle anderen.

Also den Weg hatten sie verloren und suchten nun überall danach herum, wiewohl vergebens. Als nun endlich die Dunkelheit hereinbrach und sie nicht mehr um sich sehen konnten, da mussten sie sich schon bequemen, mitten im Wald unter einem großen Baum die Nacht zu verbringen. Rübezahl machte sich fein und bat, bei ihnen wachen zu dürfen, obwohl sie ihn nicht fortgelassen haben würden, wenn er auch gewollt hätte. Das nahmen denn die Mägdlein auch an und schliefen ermüdet von der Reise auch bald unter dem Baum ein.

Kaum hatte Rübezahl bemerkt, dass sie fest eingeschlafen wären, so machte er sich unsichtbar, eilte zu den Schneegruben, wo ein alter Jude im Winter sich verirrt und da erfroren war, und brachte den herunter. Er hing ihn mit zusammengeflochtnen Fichtenzweiglein an einen Ast des Baumes, wo die Mägdlein schliefen. Dann nahm er ganz leise von einer jeden eines ihrer Kleidungsstücke, bald einen Schuh, bald ein Tuch oder eine Schaube, packte das alles zusammen und band es dem Juden unter den Arm. Er selbst aber entwich.

Es war ein gar schöner Morgen, der auf diese Tal anbrach. Der geneigte Leser gäbe noch heute etwas drum, wenn er die hübschen Magdlein da schlafend gesehen hätte, denn er hätte da manches bemerkt, was er am Tag noch nicht entdeckt hatte. Die Sonne vergoldete schon die Wipfel der Bäume, die Vöglein pfiffen und trillerten gar anmutig in den Wald hinein und auf die Schlafenden los, als endlich die eine derselben erwachte und, indem sie die Augen aufschlug, gerade über sich den alten, baumelnden Juden erblickte. Sie schrie laut auf und weckte dadurch die anderen, die ihr Geschrei mit dem der ersten vereinigten. Zitternd und bebend sprangen sie auf wollten die Flucht ergreifen und riefen laut nach ihrem Begleiter. Der war jedoch nirgends zu sehen. Das Schlimmste war aber, dass sie nun ihre Kleidungsstücke vermissten, die in den Armen des Juden hingen. Denn wer da weiß, was Jungfern auf ihre Fähnlein halten, der wird ihren Schmerz begreifen und ihren herben Verlust betrauern.

So weit lassen wir, der geneigte Leser und der Kräuterklauber, die Geschichte noch allenfalls passiren; aber ich weiß, der Leser ist mit dem Verlauf derselben ebenso wenig zufrieden wie der Krauterklauber. Denn wenn eben Rübezahl gegen die Mägdlein fein tat, so hätte er dann später auch wirklich fein sein und ihnen ihre sieben Sachen wiedergeben sollen. Das tat er aber nicht, obwohl sonst jeder gegen hübsche Magdlein so fein ist, wie er nur kann, denn es bringt es manchmal wieder ein. Wird ihm also, nämlich dem Rübezahl, von uns hiermit gebührend verwiesen.

Die armen Dinger flohen nun voller Entsetzen in den Wald hinein und auf dem ersten besten Weg das Gebirge hinunter barfuß und barhaupt oder barschultrig, wie es nun eben kam.

Als sie aus dem Wald heraus waren, rief ihnen jemand nach. Als sie sich umsahen, erblickten sie ihren gestrigen Begleiter, wie er auf einem Felsen stand und sie schadenfroh mit Lachen und Händeklatschen verspottete. Da ging ihnen freilich ein Licht auf. Sie mögen wohl auf dem Weg daran gedacht haben, dass sie sich die Sache zur Lehre nehmen könnten. Recht klar wurde es ihnen aber, als sie nach Hause zu den ihren kamen und ihr Unglück mit Tränen im Auge erzählten. Denn diese lasen ihnen den Text und sagten:

Merkt: Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein!

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