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Schinderhannes – Neuntes Kapitel

Leben und Taten des berüchtigten Johann Bückler, genannt Schinderhannes
Für Jung und Alt zur Lehre und Warnung aufs Neue geschrieben von W. Fr. Wüst, Reutlingen 1870
Druck und Verlag von Fleischhauer & Spohn

Neuntes Kapitel

Da Schinderhannes Gesellschaft liebte, so warb er einige Landstreicher an und ging mit ihnen vor Ostern 1801 bei Bingen über den Rhein hinüber. Gern hätte er zuerst einen Besuch bei seinem Vater gemacht, weil er ihn lange nicht gesehen hatte, aber seine Begleiter waren gar tatendurstig und er musste ihnen nachgeben, wenn er sie bei guter Laune erhalten wollte. Wo etwas zu machen sei, das wurde dieses Mal durch einen besonderen Umstand bestimmt.

Es war in der Gegend ein alter Rentmeister, der hatte schon gar vieles von den Taten und den unglaublichen Entweichungen des Schinderhannes gehört und glaubte steif und fest, wie das gemeine Volk, das habe derselbe nur durch geheime Kräfte vollbringen können. Diesen Wundermann wünschte er zu sehen und lud ihn daher zu sich ein. Schinderhannes kam und sein Wirt stellte eine Flasche nach der anderen auf und leerte sie mit seinem furchtbaren Gast. In der Unterhaltung kam er auch auf den Juden zu Merrheim zu sprechen. Der war ein gar böser Mann, der die armen Leute schrecklich plagte. Diesen sollte er einmal bestehlen, meinte der Rentmeister, alle Leute würden es ihm wohl gönnen. Schinderhannes wurde so betrunken, dass er auf einem Pferd fortgebracht werden musste. Aber den Juden in Merrheim hatte er doch im Gedächtnis behalten. Es wurden sogleich die nötigen Vorbereitungen zum Einbruch gemacht. Auf dem Weg dahin schickte er einen Vertrauten zum Rentmeister mit der Bitte, ihm und seinen Leuten einige Flaschen Wein zu schicken, sie seien nun gerade im Begriff, den Juden nach Verdienst zu plündern. Die Flaschen kamen alsbald an und die Räuber ließen sich den köstlichen Wein recht wohl schmecken.

Nur drei Kameraden nahm Schinderhannes zu diesem Unternehmen mit. In Merrheim begegnete ihnen die Nachtwache, sechs Mann stark, und fragte sie, wer sie seien und wohin sie wollten.

»Wir wollen nur euren Juden hier ein wenig bestehlen«, antwortete Hans kaltblütig.

Die Wache schlich sich davon. Dem Juden ging es ganz kalt den Rücken hinauf, als Schinderhannes Einlass begehrte und seinen Namen nannte.

»Ich kann nicht öffnen«, gab er zur Antwort, »weil mein Weib und meine Kinder krank liegen.«

Aber der Schinderhannes war nicht der Mann, der durch eine solche Entschuldigung von der Ausführung seines Vorhabens sich abhalten ließ. Er verschaffte sich den Eintritt durch Gewalt.

Entsetzt flüchtete der Jude in einen entfernteren Teil des Hauses und schrie durch das Fenster: »Feuer! Mordio! Räuber!«

Zwei Räuber hielten Wache vor dem Haus. Schinderhannes aber und sein Begleiter liefen dem Juden nach und hießen ihn schweigen. Als das nichts half, gab ihm Hans mit der Flinte einen Schlag, dass er blutend zu Boden stürzte. Das Plündern ging nun rasch vor sich. Sobald alles durchsucht und das Kostbarste eingepackt war, machten sich die Räuber mit ihrer Beute davon, die über 1000 Gulden betrug. Leute, die während des Plünderns am Haus vorübergingen und wohl merkten, was darin vorfiel, dachten nicht daran, Lärm zu machen, so wohl gönnten sie dem Juden die Lektion.

Die Räuber verteilten ihre Beute in einem Versteck. Ein Lehrer des benachbarten Dorfes brachte ihnen die nötigen Lebensmittel dahin, half ihnen mit einbrechender Nacht ihre Packen tragen und zeigte ihnen den Weg auf das rechte Rheinufer. Dem Schinderhannes holte er in Mannheim einen französischen Pass auf seinen Namen (Leyrit), wofür er von demselben einen Louisd’or erhielt. Die übrigen Räuber gaben ihm für seine Mühe jeder einen Gulden sowie auch noch Tuch zu Rock, Hosen und Weste. Hierauf verabschiedeten sich die Räuber voneinander und versprachen sich gegenseitig, bald wieder zusammen zu kommen.

Jeder versuchte nun, seine Waren zu verkaufen. Was Hans nicht wegbringen konnte, gab er seiner Frau zum Hausierhandel. Er selbst machte sich lustige Tage und suchte wieder Leute zu neuen Unternehmungen.

Nicht lange stand es an, so hatte er schon wieder eine Bande um sich versammelt, mit welcher er in der Dämmerung auf die linke Seite des Rheins übersetzte. Der Ruf, der vor ihm herging, der Schrecken seines Namens, seine List und Verwegenheit, seine körperliche Stärke und seine Freigebigkeit verschafften ihm auch bei den neu angeworbenen Gaunern die Hoheit und Gewalt eines Oberhaupts. Alle beugten sich gern vor ihm.

Bei Nacht zogen sie tiefer in das Land hinein. Bei Tag hielten sie sich auf Höfen auf. Endlich befanden sie sich in einem Wald bei Laufersweiler. Hans schickte einen Müllerknecht an einen Viehhändler Scheerer in Kempfield1 mit dem Auftrag, ihm Brot und Wein zukommen zu lassen. Sogleich wurde das Verlangte geschickt und Scheerer selbst folgte bald nach. In der folgenden Nacht wurde in Laufersweiler ein Einbruch gemacht, der eine Beute von beinahe 1500 Gulden an Geld und Waren lieferte. Doch ging dieses Unternehmen kaum gefahrlos vorüber, indem sich viele Bauern versammelten und anfangs Miene zum Angriff machten.

Nach einigen Tagen befand sich die Rotte schon wieder in Kleinrohrheim auf dem rechten Rheinufer. Bald darauf war Kirchweihe in diesem Dorf und der Krämer Ofenloch durfte dabei nicht fehlen, denn da ging es lustig zu. Einer seiner Kameraden bekam Streit mit einem Mainzer Soldaten. Dieser holte seine Kameraden und es entstand eine blutige Schlägerei. Die Soldaten zogen in derselben den Kürzeren. Ein Unteroffizier wurde getötet und mehrere Soldaten erhielten schwere Wunden. Auch die meisten Gauner wurden verwundet und Schinderhannes selbst bekam einen Säbelhieb auf die rechte Hand, wodurch er beinahe einen Finger einbüßte. Doch der Finger heilte wieder und Hans dachte schon wieder an ein neues Unternehmen jenseits des Rheins.

Show 1 footnote

  1. Dieser Scheerer war wegen seiner genauen Verbindung mit den Gaunern in gerechtem Verdacht. Er wurde deshalb mehrere Male in Untersuchung gezogen und kam endlich noch in den großen Prozess des Schinderhannes in Mainz von 1802 bis 1803, befand sich aber unter den Freigesprochenen, weil nichts gegen ihn bewiesen werden konnte.

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