Ausschreibung

Einsendeschluss 31.05.2021

Dark Empire

Story-Tipps

Danach kommt nichts

Archive
Folgt uns auch auf

Die drei Musketiere 29

Alexander Dumas d. Ä.
Die drei Musketiere
4. bis 6. Bändchen
Historischer Roman, aus dem Französischen von August Zoller, Stuttgart 1844, überarbeitet nach der neuen deutschen Rechtschreibung

XIII.

Die Equipierungsjagd

Der Ängstlichste von den vier Freunden war offenbar d’Artagnan, obwohl dieser in seiner Eigenschaft als Garde viel leichter zu equipeiren war, als die Messieurs Musketiere. Aber unser Junker aus der Gascogne hatte, wie man bereits sehen konnte, einen vorsichtigen, etwas geizigen Charakter und war dabei so eitel, dass er Porthos die Spitze bieten konnte. Mit der Unruhe seiner Eitelkeit verband sich bei d’Artagnan in diesem Augenblick eine minder egoistische Unruhe. Alle Erkundigungen, die er über Madame Bonacieux einzog, blieben erfolglos. Monsieur de Tréville hatte mit der Königin gesprochen. Die Königin wusste nicht, wo die junge Frau war, und versprach, sie suchen zu lassen. Aber diese Zusage war sehr unbestimmt und diente d’Artagnan nicht zur Beruhigung.

Athos verließ sein Zimmer nicht. Er war entschlossen, keinen Schritt zum Behuf seiner Equipierung zu unternehmen.

»Es bleiben uns vierzehn Tage«, sagte er zu seinen Freunden. »Wohl! Wenn ich nach Verlauf dieser vierzehn Tage nichts gefunden habe oder vielmehr, wenn mich nichts aufgesucht hat, so werde ich, da ich ein zu guter Katholik bin, um mir mit einem Pistolenschuss den Hirnschädel zu zerschmettern, einen ehrlichen Streit mit vier Leibwachen Seiner Eminenz oder mit acht Engländern suchen und mich schlagen, bis mich einer tötet, was in Betracht der Quantität nicht ausbleiben kann. Man wird dann sagen, ich sei im Dienst des Königs gestorben, und ich werde meinen Dienst getan haben, ohne dass ich mich zu equipieren brauche.«

Porthos ging fortwährend, die Hände auf dem Rücken und den Kopf schüttelnd, auf und ab und sagte: »Ich habe meine Gedanken.«

Aramis sah sorgenvoll und verwahrlost aus und sprach nichts.

Aus diesen unglücklichen Einzelheiten kann man ersehen, dass Verzweiflung in der Gemeinde herrschte.

Die Lakaien teilten wie die Renner Hippolyts die trübe Stimmung ihrer Messieurs. Mousqueton kaufte Krustenvorräte ein. Bazin, der stets ein gottesfürchtiger Mann gewesen war, verließ die Kirche nicht mehr. Planchet beobachtete den Flug der Mücken. Und Grimaud, den das allgemeine Unglück nicht dazu bringen konnte, dass er das ihm von seinem Herrn auferlegte Stillschweigen gebrochen hätte, stieß Seufzer aus, dass sich die Steine hätten erbarmen mögen.

Die drei Freunde, denn Athos hatte, wie gesagt geschworen, keinen Schritt für seine Equipierung zu tun, die drei Freunde gingen am frühen Morgen aus und kehrten sehr spät nach Hause. Sie irrten in den Straßen umher und betrachteten jeden Pflasterstein, um zu schauen, ob nicht etwa ein Vorübergehender seine Börse habe fallen lassen. Man hätte glauben sollen, sie verfolgen eine Fährte, so aufmerksam waren sie überall, wo sie gingen. Wenn sie sich begegneten, richteten sie verzweiflungsvolle Blicke aneinander, welche zu fragen schienen: Hast du etwas gefunden?

Da jedoch Porthos zuerst seinen Gedanken gefunden und diesen sodann mit der größten Beharrlichkeit verfolgt hatte, so war er auch der Erste, der ans Werk ging. Es war ein Mann der Ausführung, dieser würdige Porthos. D’Artagnan bemerkte ihn eines Tages, wie er zur Saint-Leu-Kirche wandelte, und folgte ihm instinktmäßig. Er trat in den heiligen Ort ein, nachdem er zuvor seinen Schnurrbart in die Höhe gestrichen und den Knebelbart langgezogen hatte, was von seiner Seite stets äußerst eroberungssüchtige Pläne andeutete. Da d’Artagnan einige Vorsichtsmaßregeln traf, so glaubte Porthos, nicht gesehen worden zu sein. Porthos lehnte sich an die eine Seite eines Pfeilers, d’Artagnan, stets unbemerkt, an die andere.

Es wurde gerade eine Predigt gehalten, weshalb die Kirche sehr voll war. Porthos benutzte diesen Umstand, um die Frauen zu beäugen. Infolge der Bemühungen Mousquetons kündigte sein Äußeres entfernt nicht das Trübsal des Inneren an. Sein Filzhut war wohl etwas abgetragen, seine Feder wohl etwas verschossen, seine Stickereien wohl etwas matt geworden, seine Spitzen wohl etwas verzerrt; aber im Halblicht verschwanden all diese Bagatellen und Porthos blieb immer der schöne Porthos.

D’Artagnan bemerkte auf einer Bank, zunächst beim Pfeiler, an welchem Porthos und er lehnten, eine Art von reifer Schönheit, etwas vergilbt, etwas vertrocknet, aber steif und hochmütig unter ihrer schwarzen Haube. Die Augen unseres Porthos senkten sich verstohlen auf diese Dame und schweiften dann sogleich wieder im Schiff der Kirche umher.

Die Dame, welche von Zeit zu Zeit errötete, schleuderte mit Blitzesschnelligkeit einen Blick auf den flatterhaften Porthos. Sogleich fing Porthos wieder an, seine Augen mit aller Wut umherirren zu lassen. Offenbar stachelte dieses Benehmen die Dame mit der Haube ganz ungemein, denn sie biss sich in die Lippen, dass sie bluteten, kratzte sich an der Nase und rückte verzweiflungsvoll auf ihrem Stuhl hin und her.

Als dies Porthos gewahr wurde, strich er seinen Schnurrbart abermals in die Höhe, zog seinen Knebelbart zum zweiten Mal lang und fing an, einer schönen Dame in der Nähe des Chors Zeichen zu machen, einer Dame, die nicht nur eine schöne, sondern auch ohne Zweifel eine vornehme Dame war, denn sie hatte einen Negerknaben, der das Kissen brachte, auf dem sie kniete, und eine Kammerfrau hinter sich, welche die mit einem Wappen gestickte Tasche in der Hand hielt, worin ihr Gebetbuch verwahrt wurde.

Die Dame mit der schwarzen Haube verfolgte den Blick von Porthos in all seinen Irrfahrten und erkannte, dass er auf die Dame mit dem Samtkissen, dem Negerknaben und der Kammerfrau geheftet blieb.

Während dieser Zeit gab sich Porthos nicht die geringste Blöße. Er blinzelte mit den Augen, legte die Finger auf seine Lippen und schoss wiederholt ein kleines mörderisches Lächeln ab, welches der verschmähten Schönen wirklich durch Mark und Bein ging.

Sie stieß daher in Form eines mea culpa, und sich an die Brust schlagend, ein so kräftiges Hm! aus, dass alle Welt und sogar die Dame mit dem roten Kissen sich umwandten. Porthos hielt fest. Er hatte wohl verstanden, aber er spielte den Tauben.

Die Dame mit dem roten Kissen brachte, denn sie war sehr schön, eine gewaltige Wirkung auf die Dame mit der schwarzen Haube hervor, welche in ihr eine furchtbare Nebenbuhlerin erblickte, eine große Wirkung auch auf Porthos, der sie viel jünger und auch viel hübscher fand, als die Dame mit der schwarzen Haube, eine große Wirkung auf d’Artagnan, der in ihr die Dame von Meung, von Calais und Dover erkannte, die sein Verfolger, der Mann mit der Narbe, mit dem Titel Mylady begrüßt hatte.

Ohne die Dame mit dem roten Kissen aus den Augen zu verlieren, fuhr d’Artagnan fort, das Benehmen von Porthos zu verfolgen, das ihn im höchsten Grad belustigte. Er glaubte zu erraten, dass seine Dame mit der schwarzen Haube die Prokuratorsfrau von der Rue aux Ours war. Dies um so mehr, als die Saint-Leu-Kirche nicht weit von der genannten Straße lag.

Durch Folgerungen erriet er auch, dass Porthos für seine Niederlage in Chantilly, wo sich die Prokuratorsfrau so widerspenstig inpunkto der Börse gezeigt hatte, seine Rache nehmen wollte.

Bei all dem aber entging es d’Artagnan nicht, dass kein einziges Gesicht die Galanterien von Porthos erwiderte. Es waren nur Chimären und Illusionen. Aber gibt es für eine wahre Liebe, für eine wahre Eifersucht eine andere Wirklichkeit, als Illusionen und Chimären?

Die Predigt war zu Ende. Die Prokuratorsfrau ging auf den Weihkessel zu. Porthos kam ihr zuvor und steckte statt eines Fingers die ganze Hand hinein. Die Prokuratorsfrau lächelte im Glauben, Porthos versetzte sich für sie in Unkosten, aber sie wurde schnell und grausam enttäuscht. Als sie nur noch drei Schritte von ihm entfernt war, drehte er den Kopf und heftete seine Augen unveränderlich auf die Dame mit dem roten Kissen, welche sich erhoben hatte und, von ihrem Negerknaben und der Kammerfrau gefolgt, herbeikam. Als die Dame mit dem roten Kissen nahe bei Porthos war, zog dieser seine triefende Hand aus dem Weihkessel. Die schöne Andächtige berührte mit ihrer zarten Hand die plumpe von Porthos, machte lächelnd das Zeichen des Kreuzes und verließ die Kirche.

Das war zu viel für die Prokuratorsfrau. Sie zweifelte nicht mehr daran, dass diese Dame und Porthos in einem Liebesverhältnis standen. Wäre sie eine vornehme Dame gewesen, so würde sie in Ohnmacht gefallen sein. Da sie aber nur eine Prokuratorsfrau war, so begnügte sie sich mit gepresster Wut zu Porthos zu sagen: »Ei, Monsieur Porthos, Ihr bietet mir kein Weihwasser?«

Porthos machte beim Klang dieser Stimme eine Bewegung, etwa wie ein Mensch, der nach einem Schlaf von hundert Jahren erwachen würde.

»Ma … Madame!«, rief er, »seid Ihr es wirklich? Wie befindet sich Euer Gemahl, der liebe Monsieur Coquenard? Ist er immer noch ein so großer Filz, wie früher? Wo hatte ich denn die Augen, dass ich Euch während der zwei Stunden, welche die Predigt dauerte, nicht einmal bemerkte?«

»Ich war nur zwei Schritte von Euch entfernt, Monsieur«, antwortete die Prokuratorsfrau, »aber bemerktet mich nicht, weil Ihr nur Augen für die schöne Dame hattet, der Ihr soeben Weihwasser gabt.«

Porthos stellte sich, als geriete er in Verlegenheit. »Ah!« sagte er »Ihr habt wahrgenommen …«

»Man müsste blind sein, um es nicht zu sehen.«

»Ja«, sagte Porthos nachlässig, »es ist eine Herzogin, eine Freundin von mir, mit der ich wegen der Eifersucht ihres Gatten nur unter den größten Schwierigkeiten zusammenkommen kann, und die mich benachrichtigt hatte, sie würde heute, einzig und allein, um mich zu sehen, in dieser baufälligen Kirche, in diesem abgelegenen, öden Quartier erscheinen.«

»Monsieur Porthos«, erwiderte die Prokuratorsfrau, »würdet Ihr wohl die Güte haben, mir den Arm auf fünf Minuten zu bieten? Ich möchte gern mit Euch sprechen.«

»Wie, Madame!«, sagte Porthos sich selbst zublinzelnd, wie ein Spieler, der über den Toren lacht, welchen er zu fangen im Begriff ist.

In diesem Augenblick ging d’Artagnan, Mylady verfolgend, vorüber. Er warf Porthos einen Seitenblick zu und las den Triumph in seinem Auge.

»Ei, ei«, sagte er zu sich selbst, im Geiste der äußerst leichten Moral jener Epoche raisonnierend, »da ist einer, der wohl in der vorgeschriebenen Frist equipiert werden dürfte.«

Dem Druck des Armes seiner Prokuratorsfrau nachgebend, wie eine Barke dem Steuerruder nachgibt, gelangte Porthos in die Nähe des Klosters Saint Magloire, in einen wenig besuchten, an beiden Enden durch drei Kreuze eingeschlossenen Gang. Man sah hier bei Tage nur essende Bettler oder spielende Kinder.

»Ah, Monsieur Porthos«, rief die Prokuratorsfrau, nachdem sie sich versichert hatte, dass sie von niemand, der nicht zu der gewöhnlichen Bevölkerung dieser Örtlichkeit gehörte, gesehen oder gehört werden konnte. »Ah, Monsieur Porthos, Ihr seid, wie es scheint, ein großer Sieger.«

»Ich, Madame?«, fragte Porthos sich spreizend. »Und warum dies?«

»Nun die Zeichen von vorhin und das Weihwasser soeben! Es ist mindestens eine Prinzessin, diese Dame mit ihrem Negerknaben und ihrer Kammerfrau.«

»Ihr täuscht Euch. Mein Gott, nein«, antwortete Porthos; »es ist ganz einfach eine Herzogin.«

»Und der Läufer, der an der Tür wartete, und die Karrosse mit dem Kutscher in großer Livree!«

Porthos hatte weder den Läufer noch die Karrosse gesehen, aber mit dem Blick einer eifersüchtigen Frau hatte Madame Coquenard alles wahrgenommen.

Portos bedauerte, dass er die Dame mit dem roten Kissen nicht auf den ersten Schlag zu einer Prinzessin gemacht hatte.

»Ah, Ihr seid das Lieblingskind der Schönen, Monsieur Porthos«, versetzte die Prokuratorsfrau seufzend.

»Ihr mögt wohl denken«, erwiderte Porthos, »dass es mir bei einem Äußern, wie es mir die Natur vergönnt hat, nicht an Glück fehlen kann.«

»Mein Gott, wie schnell die Männer doch vergessen!«, rief die Prokuratorsfrau, die Augen zum Himmel erhebend.

»Mir scheint es, weniger schnell als die Frauen«, antwortete Porthos, »denn am Ende kann ich wohl sagen, dass ich Euer Opfer war, als ich mich verwundet, sterbend, von den Ärzten verlassen sah. Ich, der Sprößling einer erhabenen Familie, der ich mich Eurer Freundschaft anvertraut hatte, wäre beinahe in einer schlechten Herberge in Chantilly anfangs an meinen Wunden und dann vor Hunger gestorben, und zwar, ohne dass Ihr mich nur einer Antwort auf die dringenden Briefe würdigtet, die ich an Euch schrieb.«

»Aber, Monsieur Porthos …«, murmelte die Prokuratorsfrau, welche gegenüber dem Betragen der vornehmen Damen jener Zeit einsah, dass sie unrecht hatte.

»Ich, der ich für Euch die Gräfin von Penaflor opferte!«

»Ich weiß es wohl.«

»Die Baronin von …«

»Monsieur Porthos, peinigt mich nicht.«

»Die Gräfin von …«

»Monsieur Porthos, seid edelmütig!«

»Ihr habt recht, Madame, ich werde nicht vollenden.«

»Die Schuld liegt an meinem Mann, der nichts von Anlehen hören will.«

»Madame Coquenard«, sprach Porthos, »erinnert Euch des ersten Briefes, den Ihr mir geschrieben habt, und der tief in mein Herz geprägt ist.«

Die Prokuratorsfrau stieß einen Seufzer aus.

»Aber die Summe, die Ihr von mir entlehnen wolltet«, sprach sie, »war auch etwas stark. Ihr sagtet, Ihr braucht tausend Livres.«

»Madame Coquenard, ich gab Euch den Vorzug. Ich dürfte nur an die Herzogin von … schreiben. Ich will ihren Namen nicht sagen, denn ich bin ganz außerstande, eine Frau zu kompromittieren. Ich weiß nur, dass es mich höchstens eine Zeile an sie gekostet hätte, und sie würde mir fünfzehnhundert geschickt haben.«

Die Prokuratorsfrau vergoss eine Träne. »Monsieur Porthos«, sagte sie, »ich schwöre Euch, dass Ihr mich schwer bestraft habt, und dass Ihr Euch, wenn Ihr Euch in Zukunft in einer ähnlichen Verlegenheit befindet, nur an mich wenden dürft.«

»Pfui, Madame«, rief Porthos wie empört, »sprechen wir nicht von Geld, wenn es Euch beliebt, denn das ist demütigend.«

»Also liebt Ihr mich nicht mehr?«, fragte die Prokuratorsfrau langsam und traurig.

Porthos beobachtete ein majestätisches Stillschweigen. »Also auf diese Weise antwortet Ihr mir? Ach! Ich begreife!«

»Denkt an die Beleidigung, die Ihr mir zugefügt habt, Madame! Sie ist hier fest geblieben«, sprach Porthos und presste die Hand an sein Herz.

»Ich werde sie wiedergutmachen, hört wohl, mein lieber Porthos.«

»Überdies, was verlangte ich von Euch?«, versetzte Porthos mit einem gutmütigen Achselzucken. »Ein Anlehen, nichts weiter. Im Ganzen bin ich kein unbilliger Mensch. Ich weiß, dass Ihr nicht reich seid, Madame Coquenard, und dass Euer Mann die armen Prozesskrämer besteuern muss, um ihnen ein paar Taler abzulocken. Oh! Wenn Ihr eine Gräfin, eine Marquise oder eine Herzogin wäret, dann wäre es etwas ganz anderes, und ich wüßte keine Entschuldigung für Euch zu finden.«

Die Prokuratorsfrau war gereizt. »Vernehmt, Porthos«, sprach sie, »dass meine Geldkasse, obwohl nur die Kasse einer Prokuratorsfrau, vielleicht besser gespickt ist, als die aller Eurer zurunde gerichteten Zieraffen.«

»Das ist eine doppelte Beleidigung für mich«, sagte Porthos, seinen Arm von dem der Prokuratorsfrau losmachend, »denn wenn Ihr reich seid, Madame Coquenard, so ist Eure Weigerung völlig unentschuldbar.«

»Wenn ich Euch sage, reich«, erwiderte die Prokuratorsfrau, welche einsah, dass sie sich etwas zu weit hatte fortreißen lassen, »so darf man meine Worte nicht buchstäblich nehmen. Ich bin nicht reich, aber wohlhabend.«

»Gut, Madame«, sagte Porthos. »Sprechen wir nicht mehr hiervon. Ich bitte Euch. Ihr habt mich verkannt. Jede Sympathie ist zwischen uns erloschen.«

»Undankbarer Mensch!«

»Ihr habt wohl ein Recht, Euch zu beklagen«, sagte Porthos.

»Geht also mit Eurer Herzogin! Ich halte Euch nicht zurück.«

»Ah, sie ist doch nicht gar so schlimm, wie ich glaubte.«

»Hört, Monsieur Porthos, ich wiederhole zum letzten Mal, liebt Ihr mich noch?«

»Ach, Madame«, entgegnete Porthos, mit dem schwermütigsten Ton, den er anzunehmen vermochte, »wenn wir in einen Krieg ziehen, in einen Krieg, wo mir meine Ahnungen sagen, dass ich meinen Tod finden werde …«

»Oh! Sprecht nicht solche Dinge«, rief die Prokuratorsfrau und brach in ein Schluchzen aus.

»Irgendetwas sagt mir dies«, fuhr Porthos, immer schwermütiger werdend, fort. »Gesteht vielmehr, dass Ihr eine neue Liebe hegt.«

»Nein, gewiss nicht, ich rede offenherzig mit Euch. Kein neuer Gegenstand rührt mich, und ich fühle, dass sogar hier im Grunde meines Herzens etwas für Euch spricht. Aber in vierzehn Tagen wird, wie Ihr wisst oder vielleicht nicht wisst, dieser unselige Feldzug eröffnet. Ich sehe mich auf eine abscheuliche Weise durch meine Equipierung in Anspruch genommen. Dann muss ich eine Reise zu meiner Familie machen, welche in dem entferntesten Teil der Bretagne wohnt, um die für meinen Auszug erforderlichen Summen zu erhalten.«

Porthos bemerkte einen letzten Kampf zwischen der Liebe und dem Geiz.

»Und da die Güter der Herzogin«, fuhr er fort, »die Ihr soeben in der Kirche gesehen habt, bei den meinen liegen, so machen wir die Reise miteinander. Eine Reise, wie Ihr wisst, erscheint bekanntlich viel kürzer, wenn man sie zu zweit macht.«

»Ihr habt also keine Freunde in Paris, Monsieur Porthos?«, fragte die Prokuratorsfrau.

»Ich glaubte, welche zu haben«, erwiderte Porthos mit seiner schwermütigen Miene, »aber ich habe eingesehen, dass ich mich täuschte.«

»Ihr habt Freunde, Monsieur Porthos, Ihr habt«, versetzte die Prokuratorsfrau mit einer Begeisterung, über die sie selber erstaunte. »Ihr seid der Sohn meiner Tante, folglich mein Vetter. Ihr kommt von Noyen in der Picardie. Ihr habt mehrere Prozesse in Paris und keinen Prokurator. Werdet Ihr wohl all dies behalten?«

»Vollkommen, Madame.«

»Kommt zur Mittagessenszeit.«

»Sehr gut.«

»Und haltet Euch fest bei meinem Mann, der gar verschmitzt ist, trotz seiner sechsundsiebenzig Jahre.«

»Sechsundsiebenzig Jahre! Pest! Was für ein schönes Alter!«, sprach Porthos.

»Ein hohes Alter wollt Ihr sagen, Monsieur Porthos. Der liebe alte Mann kann mich auch jeden Augenblick zur Witwe machen«, fuhr sie mit einem vielsagenden Blick fort. »Glücklicherweise ist nach einem unter uns abgeschlossenen Heiratsvertrag der überlebende Teil Erbe des ganzen Vermögens.«

»Des ganzen?«, sagte Porthos.

»Des ganzen.«

»Ihr seid eine vorsichtige Frau, wie ich sehe, meine liebe Madame Coquenard«, sprach Porthos, der Prokuratorin zärtlich die Hand drückend.

»Wir sind also ausgesöhnt, lieber Monsieur Porthos«, sagte sie, sich zierend.

»Für das ganze Leben«, erwiderte Porthos mit derselben Miene.

»Aus Wiedersehen also, mein Verräter.«

»Auf Wiedersehen, meine Vergessliche.«

»Morgen, mein Engel!«

»Morgen, Flamme meines Lebens!«

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.