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Schinderhannes – Achtes Kapitel

Leben und Taten des berüchtigten Johann Bückler, genannt Schinderhannes
Für Jung und Alt zur Lehre und Warnung aufs Neue geschrieben von W. Fr. Wüst, Reutlingen 1870
Druck und Verlag von Fleischhauer & Spohn

Achtes Kapitel

Was Schinderhannes seit einem Jahr zusammengebracht hatte, das wollte er nun in Sicherheit bringen und ging deshalb mit seiner Frau auf das rechte Rheinufer. Nun war er wieder der Krämer Jakob Ofenloch und fuhr mit eigenem Karren und Pferd auf die Jahrmärkte in Städten und Dörfern. Auch nun wieder hatte er sich vorgenommen, ein ehrlicher Mann zu sein und sich von seinem Handel zu ernähren. Freilich hatte er auch dieses Mal wieder zunächst gestohlene Waren zu verkaufen. Darum hätte auch seine Kasse täglich wachsen können. Dem war aber nicht so; im Gegenteil nahm dieselbe immer mehr ab. Wie konnte es bei seiner Lebensweise auch anders sein?

Nur derjenige, der nach dem göttlichen Ausspruch Im Schweiß deines Angesichts sollst du dein Brot essen lebt, weiß mit seinem Vorrat gehörig hauszuhalten. Er wird Einnahme und Ausgabe in ein richtiges Verhältnis zu bringen suchen und sich bemühen, auch einen Notpfennig zurücklegen zu können. Auf ehrliche, redliche Weise, durch unverdrossene anhaltende Berufsarbeit wird er sich sein Auskommen verschaffen und dadurch zugleich ein nützliches Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft sein.

Das Räuberhandwerk aber ist eine wahre Pest für die Gegenden, die unter demselben zu leiden haben. Die Genossen dieses schändlichen Gewerbes sind Leute, die gut leben wollen, aber eine Scheu vor der Arbeit haben. Sie wollen sammeln, wo sie nicht gestreut haben, und ernten, wo sie nicht gesät haben. Mit einem Wort, sie sind Tagdiebe, die dem lieben Gott den Tag stehlen. Sie denken nur an heute, nicht an morgen, und bringen alles ebenso schnell hinaus, wie es bei ihnen hereingekommen ist. Mit Gewalt ist es gewonnen, mit Gewalt ist es zerronnen.

So war es auch beim Schinderhannes. Den Vorsatz, ein ehrlicher Mann zu werden und zu bleiben, konnte er nicht halten. Der Leichtsinn, die Diebes- und Genusslust hatten allzu tief in seinem Herzen gewurzelt, als dass er diese Übel hätte herausreißen können. Wäre er nach seiner Verhaftung in Bärenbach und Entweichung aus dem Gefängnis in Kirn, statt zu den Gaunern zu gehen, mit reumütigem Herzen zu seinem Vater zurückgekommen und hätte gesprochen, wie der verlorene Sohn im Evangelium: Vater, ich habe gesündigt im Himmel und vor dir. Nimm mich wieder auf! Damals hatte das Böse noch keine so tiefen Wurzeln gefasst, und es wäre ihm da gewiss nicht so schwer geworden, auf den Pfad der Tugend zurückzukehren und darauf zu wandeln.

Aber, wie gesagt, nun saß das Übel zu tief. Ein frohes, lustiges Leben wollte er führen; darum machte er sich auch unter lustige Gesellen hinein. Und wenn sie es noch nicht waren, so sorgte er dafür, dass sie es werden mussten. Er ließ in den Schenken brav auftragen und bezahlte, was es auch kosten mochte. Da tat es dem Herrn Jakob Ofenloch gut, wenn er von den armen Schluckern hoch gepriesen und geehrt wurde. Aber diese Ehre kostete ihn sein schönes Geld und machte seine Kasse leer. Darum kam ihm auch ein Antrag von den Räubern zu einem Einbruch ganz gelegen. Den Winter über war er mit seiner Frau auf einer Mühle bei Idstein im Nassauischen gewesen. Nachdem er nun seine Frau in Sicherheit gebracht hatte, nahm er am Einbruch beim Posthalter in Würges teil und schlug dabei eine goldene Uhr und einiges Geld weg. Doch gefiel es ihm nun nicht mehr diesseits des Rheins. Drüben, meinte er, sei es schöner und gebe mehr Gelegenheit zu Taten und reichem Gewinn.

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