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Der Detektiv – Die Jagd auf einen Namen – 4. Kapitel

Walter Kabel
Der Detektiv
Kriminalerzählungen, Verlag moderner Lektüre GmbH, Berlin, 1920
Die Jagd auf einen Namen
4. Kapitel

Wenn ich an den Ausgang unserer damaligen Jagd auf den Namen zurückdenke, überläuft es mich noch heute kalt.

Das arme, bedauernswerte, so schmählich betrogene Geschöpf mit den weit aufgerissenen, entsetzlich halb irren Augen werde ich nie vergessen. Ich schreibe diese Erinnerungen nicht gern nieder. Wenn ich diesem Kapitel trotzdem eine bis ins einzelne gehende Fassung gebe, so geschieht es nur, weil ich mich später bei zwei anderen Problemen Harsts nochmals mit jener Persönlichkeit – ich muss sagen leider – beschäftigen werde, die in den Zeitungen nicht zu unrecht als ein verbrecherisches Genie ersten Ranges bezeichnet worden ist.

Ich hatte bis nachmittags nichts zu tun. Mittags traf ich mich mit Karl wieder im Zoo, dieses Mal am Zwinger der gelehrigen Schimpansin Missy. Karl erzähle mir, dass morgens zwei Leute von der Gasanstalt unser Haus in der Blücherstraße eines angeblich undichten Rohres wegen hätten von oben bis unten untersuchen wollen. Er hätte aber Frau Harst noch rechtzeitig einen Wink gegeben, dass ihm die Kerle wie Spione aussähen. Als Frau Harst ihnen dann erklärt hätte, sie würden auf dem Hauptbüro telefonisch anfragen, ob die Untersuchung wirklich nötig wäre, da verdufteten die beiden schleunigst, Herr Schraut. Ich wollte hinter ihnen her. Aber sie hatten an der Ecke Burlacher Straße ein Auto zu stehen und fuhren davon. Natürlich wollten sie nur nachsehen, ob Herr Harst und Sie daheim wären. Nachher holte Karl den Bericht von Schilling ab und händigte ihn mir aus.

Als ich ihn dann bei der Runke in unserem halbierten Zimmer Harst zu lesen gab, sagte er kopfschüttelnd: »Das hätte ich niemals gedacht. Wissen Sie, Schraut, was der Drewki, der Buckelige, mal gewesen ist? Seiltänzer, und ein recht berühmter! Vor drei Jahren verunglückte Signore Gialdino. Die Zierde des Zirkus Salamonski zog sich eine Rückgratverkrümmung zu und wäre wohl eher im Elend als an ernste Arbeit nicht gewöhnt umgekommen, wenn Mutter Schmidt sich seiner nicht erbarmt hätte. Den Rest dieses Berichts ersparen wir uns für später.«

Nun, ich brauchte mich nur noch fünf Stunden zu gedulden. Davon sagte mir Harst aber nichts.

Der Abend war trübe und regnerisch. Als ich am Haus Kalckreuthstraße Nr. 12 vorüberging, hielt einige zwanzig Schritt weiter ein geschlossenes Auto. Der Chauffeur schien zu schlafen. Da hob er den Kopf, er pfiff ein paar Takte von Ich weiß nicht, was soll es bedeuten …, unser Signal! Es war Harst.

»Einsteigen!« raunte er mir zu.

Ich tat es und sah mich Schilling und dem mir von Ansehen bekannten Kommissar Bechert gegenüber. Sie hockten am Boden. Ich musste mich nun ebenfalls ganz klein machen. Dann hörten wir nach einer geraumen Weile eine Stimme.

»Chauffeur, sind Sie frei?«

»Na ob, Freileinken. Wo soll’s denn hinjehn?«

»Meine Herrschaft will zum Anhalter Bahnhof, zum D-Zug nach München. Fahren Sie doch vor Nr. l2 vor.«

Schilling flüsterte: »Nun hinten raus – und Achtung!«

Wir drei taten, als unterhandelten wir mit dem Chauffeur.

Da kamen schon ein Herr, eine junge Dame und ein Mädchen mit Häubchen aus dem Haus heraus. Der Herr und das Mädchen trugen je einen Koffer, die junge Dame zwei Handtaschen, Schirme und Stöcke im Überzug.

Schilling rief nun: »Verflucht – auch wieder besetzt? Kommt weiter.«

Wir gingen ein paar Schritte. Dann fuhr das Auto langsam an. Als es auf einer Höhe mit uns war, rissen Schilling und Bechert die Türen auf, sprangen hinein. Ich folgte. Und Bechert hielt nun dem Herrn einen Revolver vor die Brust. »Keine Bewegung, Thomas Brixen!«

Für mich war der Name keine Überraschung mehr. Ich hatte Zenta bereits erkannt.

Was dann folgte, war wie die Bilderreihe eines überhastet abrollenden Films.

Brixen, der wie ein Schauspieler aussah und tadellos angezogen war, schlug blitzschnell den Revolver hoch. Der Schuss knallte, die Kugel ging durch das Verdeck. Ein zweiter Schlag traf Schilling mitten zwischen die Augen. Dann war Brixen schon hinaus auf der Straße, schlüpfte in das nächste Haus. Obwohl Bechert für alle Fälle noch vier Beamte in der Nähe gehabt hatte und alles getan wurde, den Flüchtling wieder einzufangen, blieb er Sieger. Man fand ihn nicht, noch nicht. Erst nach Monaten war er der Besiegte, unterlag er Harald Harst.

Harst und ich brachten Zenta Brixen wieder in ihres Vaters Wohnung zurück. Das arme Kind war erst halb ohnmächtig vor Schreck. Harst redete ihr gütig zu.

Als sie sich etwas erholt hatte, sagte er so weich und herzlich, wie ich seine Stimme bis dahin nicht vernommen: »Machen Sie sich auf viel Trauriges gefasst. Ich will Ihnen jetzt nur das eine mitteilen: Bruckner war Ihrer nie wert. Er hat Sie betrogen. Sie waren ihm nur Mittel zum Zweck. Er war ein Lump, ein Erpresser. Er ist tot, ermordet.«

Zenta Brixen fand nachher Aufnahme bei einer Freundin. Wir aber fuhren in unseren Universum-Klub. Dorthin hatte Harst telefonisch seine Wettgegner bestellt.

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