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Geist-, Wunder-, Hexen- und Zaubergeschichten – Teil 20

Geist-, Wunder-, Hexen- und Zaubergeschichten, vorzüglich neuester Zeit
Erzählt und erklärt von Gottfried Immanuel Wenzel
Prag und Leipzig 1793

Die magischen Strohhalme

Im Haus eines wohlhabenden Mannes ging aus dem Schlafzimmer desselben ein silbernes Waschbecken verloren. Außer dem Herrn und seinem alten Diener kam nur selten jemand in das Kabinett. Der stärkste Verdacht fiel also auf diesen. Bedenklich war es aber immer, den vermeintlichen Dieb anzutasten. Er diente schon mehrere Jahre im Haus, immer treu und redlich, war verheiratet und Vater von mehreren Kindern und stand sowohl bei allen seinen Mitdienenden als auch bei jedem, der ihn kannte, im Ruf eines unbescholtenen Wandels. Auch bemerkte man, seitdem der Diebstahl geschehen war, keine Veränderung im Charakter des Mannes. Er und die seinen blieben nun wie zuvor. Niemand konnte sagen, dass er etwas eingekauft oder besser denn sonst gelebt hätte. Doch der Verdacht schien dem Herrn vom Hause zu gegründet, als dass er sich desselben hätte entschlagen können. Es lag ihm viel daran, den Täter zu erfahren.

Einer seiner Freunde, der um den Vorfall wusste, erbot sich, den Dieb selbst zum Geständnis zu bringen.

»Ich kenne einen Mann«, sagte er, »dem nichts Geheimnis, nichts Heimlichkeit ist, der, ich weiß nicht, durch welche Macht, in das Verborgene sieht und Dinge entdeckt, die über die Jahrhunderte gewälzt sind.«

Der Hausherr lachte über den Enthusiasmus seines Freundes und sah es für Possenwerk an.

Der Freund bestand auf seiner Aussage und überredete jenen, es auf eine Probe ankommen zu lassen. Alles wurde veranstaltet und der folgende Tag zum Versuch festgesetzt.

Des Abends zuvor berief der Herr alle seine Leute. Keiner durfte wegbleiben.

Er sprach sie also an: »Es ist mir vor Kurzem aus meinem Schlafgemach ein Silberstück von nicht geringem Wert entwendet worden. Nach den Umständen muss es einer aus euch schlechterdings genommen haben. Mir ist daran gelegen, den Täter zu wissen. Euch selbst kann es nicht gleichgültig sein, wenn ich diesen oder jenen im Verdacht habe. Um mich nun in dieser Angelegenheit zu beruhigen, bat ich einen Mann auf morgen zu mir, der die seltene Gabe besitzt, Heimlichkeiten zu entdecken, sie seien geartet, wie sie immer wollen. Morgen mit dem Schlag acht versammelt ihr euch alle auf meiner Arbeitsstube und erwartet das Weitere, doch steht es dem Täter frei, der für ihn gefährlichen Probe auszuweichen, wenn er mir bis morgen das Gestohlene aushändigt oder aushändigen lässt. In keinem Fall hat derselbe eine Ahndung oder Kundmachung des Bubenstücks zu befürchten. Ihr wisst meinen Entschluss. Nun handelt, wie es euch am klügsten dünkt.«

Die Leute entfernten sich.

Das Waschbecken war am Morgen noch nicht da, wohl aber waren mit Schlag 8 der Freund und der Magiker beim Hausherrn.

Der Letztere begehrte Stroh und schnitt 10 Stücke oder Halme, deren eines so lang wie der andere war, zog zwei Wachskerzen aus seiner Tasche und begab sich so ausgerüstet auf die Arbeitsstube des Herrn. Dieser und der Freund begleiteten ihn.

Auf der Stube warteten bereits die Hausleute. Auf keines der Gesichter konnte man Spuren der Tat lesen. Der Hausherr verzweifelte schon an dem zugesicherten Ausgang der Operation.

Ein Tisch wurde in die Mitte gesetzt, die Fensterläden zugemacht und die zwei Wachskerzen angezündet. Das Stroh lag auf dem Tisch. Der Magiker stellte sich an den Tisch und begann zu reden.

»Es gibt Kräfte in der Natur, die nicht jedem Sterblichen bekannt sind, und noch wenigeren zu Gebote stehen; Kräfte, die im Wirken das Mark der Gebeine erschüttern und das Haar emporheben dem, auf dem das Los fiel, sie aus der Ferne staunend anblicken zu können. Es ist hier nicht der Ort, euch diese Kräfte zu nennen, auch ist es mein Beruf nicht; aber meine Pflicht ist es, euch zu sagen, dass ich der wenigen einer bin, dem es vergönnt ist, einige dieser Kräfte aufzubieten, dass sie wirken und offenbaren, wo Missetat verborgen liegt. Unter euch, die ihr hier versammelt vor mir stehet, sind vielleicht mehrere, einer ist es gewiss, der vom Weg der Rechtschaffenheit abgewichen ist und sich eines schändlichen Bubenstücks schuldig gemacht hat. Glaube es mir: Schändliche Taten müssen ans Licht kommen, wenn auch der ganze Erdboden darüber gewälzt wäre; so gewiss, wie sicher diese gerade brennende Lichtflamme sich wie der Blitz des Himmels schlängeln muss, wenn es eine höhere Macht gebeut.«

Der Redner hielt inne. Die Flamme des Lichts verlor im Augenblick seines Innehaltens ihre gerade Richtung und schlängelte sich wie der Blitz nach allen Seiten. Die Anwesenden schauderten zurück.

Der Redner fuhr fort: »Ihr habt itzo eine Spur der Gewalt wahrgenommen, die durch mich unwürdigen Diener der Natur wirkt, habt gehört, was euch meine unberedte Zunge verkündete. Wohlan denn, ich schreite zur Sache. Sehr hier 10 unbedeutende Stückchen Stroh, eines dem anderen gleich an Länge. Auch ihr seid zehn an der Zahl. Nehme denn jeder aus meiner Hand einen Halm und bringe ihn, sobald diese Kerzen mit einem Knall verlöschen, in seinen Mund. Der, welcher der Täter ist, dessen Halm wird im Augenblick des Knalls an Länge zunehmen. Erwartet das Zeichen und tut, was ich gesagt habe.«

Hier gab der Magiker den Umstehenden die Halme. Es knallte. Beide Lichter verloschen und in dicker Finsternis stand die ganze Versammlung.

Einige der Hausleute schrien laut auf. Eine Magd fiel sogar ohnmächtig nieder, der Freund des Hausherrn brachte Licht. Der Magiker hatte indessen die Halme eingesammelt und jeden Halm zu Füssen desjenigen gelegt, der ihm denselben gab.

Nun stand er eine Weile still und nannte plötzlich mit lauter Stimme den Dieb. Es war der alte Diener vom Haus. Erschrocken fiel dieser vor seinem Herrn nieder und bekannte das Verbrechen.

Aufschluss:

Die Anrede des Magikers war rhetorischer Kunstgriff, mit dem er Glauben an sich erweckte und Furcht in die Seelen seiner Zuhörer brachte.

Den Blitz bewirkte er durch Likopodium, das aus einer Kapsel, die er im Ärmel hatte, auf die Flamme der Kerze fiel und sich entzündete. Es war ein argumentum ad hominem, dass er ein Wundermann sei.

Den Knall brachte er durch Springgläschen hervor, die schon in den Kerzen steckten. Er redete so lange, bis er sah, dass die Kerzen, die von einer Länge waren, und zugleich angezündet wurden, schon soweit abgebrannt hatten, wo sich der Ort befand, in dem die Gläschen saßen. Dies erhöhte die Würde der Operation, erzeugte zugleich die Finsternis in der Stube, welche der Magiker absichtlich wollte, denn er sah vor, dass der Täter, wenn er wirklich unter den Anwesenden ist, die Gelegenheit benutzen und seinen Halm um ein Stückchen kürzer machen würde, weil er nämlich um ein Stückchen zunehmen sollte. Dieses geschah auch wirklich. Der alte Diener biss ein Stückchen ab. Der Halm wurde also, statt länger zu werden, um so viel kürzer. Geflissentlich hatte der Magiker die Halme vor eines jeden Füße gelegt. Nun sah er den Kürzeren vor den Füßen des Dieners und nannte ihn.

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