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Schinderhannes – Siebentes Kapitel

Leben und Taten des berüchtigten Johann Bückler, genannt Schinderhannes
Für Jung und Alt zur Lehre und Warnung aufs Neue geschrieben von W. Fr. Wüst, Reutlingen 1870
Druck und Verlag von Fleischhauer & Spohn

Siebentes Kapitel

Jakob Ofenloch wird wieder Schinderhannes.

Plötzlich erschien Schinderhannes wieder auf der linken Seite des Rheins und ging in die Wälder des Hunsrücks. Unter seinen alten Bekannten war Benzel der Erste, den er traf, und der kam ihm gerade zu rechter Zeit. Es war nämlich Markt in Kreuznach, auf dem sich immer noch viele Kaufleute einfanden. Da war ein Fang zu machen. Die Räuber stellten sich auf die Lauer. Richtig ritt ein Kaufmann aus Sobernheim des Weges daher. Dem forderten sie gleich das Geld ab. Er gab etwa 11 Gulden, aber die Räuber gaben sich mit dieser Summe nicht zufrieden. Sie merkten, dass er mehr bei sich habe, hießen ihn vom Pferd steigen und nahmen ihm noch über hundert Gulden ab. Schinderhannes hatte auch Wohlgefallen an dem Ross des Kaufmanns. er bestieg es und ritt davon. Benzel folgte ihm.

Aber auch der Krämer lief nach und schrie: »Räuber! Hilfe!« Benzel hieß ihn schweigen, aber der Mann verdoppelte nur sein Geschrei. Benzel schoss seine Pistole nach ihm ab; vergeblich. Ein zweiter Schuss, der auch nicht traf, war ebenso fruchtlos. Der Krämer schrie immer heftiger und lief seinem Pferd nach.

Nicht fern von dieser Stelle arbeiteten Leute auf dem Feld. Die Räuber stutzten. Schinderhannes sprang vom Pferd, das der Kaufmann sogleich wieder bestieg und eilig davonritt. Nachdem die Beute geteilt war, entfernte sich Benzel, aber Schinderhannes traf gleich danach wieder zwei andere Kameraden. Mit ihnen lauerte er auf Kaufleute, die noch später vom Markt kommen würden. Seine zwei Kameraden mussten den Ausgang des Hohlwegs decken, den die Kaufleute zu gehen hatten. Er selbst übernahm es, ihnen den Rückzug abzuschneiden.

Nun kamen auf einmal 22 Krämer heran. Das war für drei doch eine große Zahl. Aber die Räuber kannten die Feigheit der Männer, sprangen mit gespanntem Hahn aus dem Gebüsch hervor und forderten ihnen ihr Geld ab. Todesstille herrschte auf einen Augenblick, dann aber versicherten die Kaufleute zähneklappernd, dass sie kein Geld hätten. Die genaue Durchsuchung bestätigte ihre Aussage. Sie waren bettelarm und hatten höchstens etliche Batzen, die ihnen die Räuber großmütig ließen.

Um sich aber noch einen Spaß zu machen, rief Schinderhannes laut: »Wem sein Leben lieb ist, der ziehe seine Schuhe aus!« Plötzlich flogen von allen Füßen die Schuhe herunter, die nun von den Räubern auf einen Haufen geworfen wurden.

Auf den Befehl »Die Schuhe angezogen!« fielen alle über die Schuhe her, zankten, schimpften und schlugen sich um ihr Eigentum.

Wenige Tage danach ging Schinderhannes mit denselben Kameraden auf 20 Kaufleute los. Die Beute bestand dieses Mal aus einigen Uhren und etwa 16 Gulden. So verging beinahe kein Tag, an welchem nicht irgendein Diebstahl oder ein Raub ausgeführt wurde, denn Schinderhannes musste stehlen, mochte es auch nur ein Hammel sein, der dann von der Gesellschaft gemeinschaftlich verspeist wurde, während die Räuber die übrige Zeit in bekannten Schenken mit Plaudern und Zechen lustig zubrachten.

Nun nahm sich Schinderhannes auch eine Frau nach Räuberart. Er entführte ein Mädchen, indem er ihr vorspiegelte, er heiße Jakob und sei ein Krämer. Julchen Blasius hatte Zuneigung zu ihm. Er hielt sie auch stets gut, ehrte sie und ließ es ihr an nichts fehlen. Wenn er sie auch oft auf mehrere Wochen verließ, so versah er sie vorher mit allem Nötigen. Freilich merkte sie bald, dass er kein Krämer, sondern ein Räuber sei, doch der Schritt war geschehen und sie konnte und wollte die Sache nicht ändern, besonders da er immer auf ihre Sicherheit bedacht war und sie ihn zu seinen Unternehmungen in der Regel nicht begleiten durfte. Übrigens war sie als Musikantentochter und selbst Musikantin schon an ein solches Wanderleben gewöhnt. Nur einmal soll sie, in Mannskleidern und mit einer Pistole bewaffnet, einen Diebstahl mit begangen haben. Schinderhannes hatte von dem Kaufmann Sender Isaak in Weyerbach zwei Louisdor verlangt. Weil dieser sie nun nicht an den bestimmten Ort brachte, so wollte sie der Räuber selbst mit Zinsen holen und machte dem Mann deshalb seine persönliche Aufwartung, und zwar nur in Begleitung seiner Frau. Sender Isaak musste nun 25 Louisdor bezahlen. Während die Frau des Krämers das Geld in einem der oberen Zimmer holte, hielt das Räuberpaar die gespannten Pistolen auf ihn mit der Drohung, ihn sogleich niederzuschießen, wenn nur der geringste Lärm gemacht würde. Julchen soll nach der Versicherung des Kaufmanns ihre Rolle in der Mannskleidung recht gut gespielt haben.

Die oben erzählten Überfälle sowie noch viele andere Räubereien, die Schinderhannes an dem Kaufleuten verübte, jagten denselben auf einen Umfang von 25 – 30 Stunden so großen Schrecken ein, dass sie scharenweise aus den Dörfern in entferntere Städte auswanderten. Einige von ihnen fanden sich durch bestimmte Summen mit ihm ab, um sicher reisen zu können.

Als er einst seinen Vater besuchte, sagte ihm dieser, ein Krämer aus Hottenbach wünsche mit ihm zu reden. Der Krämer wurde geholt. Er bat den Schinderhannes in den gewähltesten Ausdrücken, er möchte doch ihn und die anderen Hottenbacher Kaufleute in Ruhe lassen und händigte ihm dabei zwei Kronentaler aus. Jener nahm das Geschenk an und schickte später bald zu diesem, bald zu jenem Kaufmann um einen Tribut. Keiner weigerte sich, das Gewünschte zu geben. Nur der Krämer Wolff ließ ihm sagen, er solle selbst kommen und das Verlangte holen. So etwas ließ Schinderhannes sich nicht zweimal sagen. Er traf sogleich die nötigen Anstalten und nach 9 Tagen erhielt Wolff richtig den Besuch. Nachts um 11 Uhr klopfte Hannes an seiner Tür und rief: »Mach auf, der Schinderhannes ist da!«

Halb noch im Schlaf öffnete Wolff die Tür, und Hans mit zwei Kameraden trat ein, während die übrigen Räuber vor dem Haus Wache hielten. Den Kramladen wollte Hans mit seinem Begleiter selbst ausleeren und ließ den anderen zur Bewachung des Hausherrn zurück. Dieser aber stieß auf einmal ein jämmerliches Geschrei aus, denn er und seine Frau wurden von zwei Räubern zu Boden geworfen und misshandelt. Hans eilte herbei und rettete beide von ihren Peinigern. Zu. Dank hierfür begleitete ihn Wolff selbst in den Laden, um ihm da alles vorzuzeigen Da ging aufs Neue ein Jammergeschrei an und Hans kam eben noch zu rechter Zeit, um Wolffs Schwiegervater zu retten, dem ein Räuber schon die Pistole auf die Brust gesetzt hatte. Der Alte gab ihm freiwillig ein namhaftes Geschenk für seine Rettung.

Das Krämerhaus wurde recht gründlich ausgeplündert, die Bewohner des Hauses in den Keller gesperrt und die Bande zog mit einer Beute von wenigstens 2000 Gulden von dannen.

Schinderhannes fuhr fort, da und dort Leute zu brandschatzen, von denen er wusste, dass Geld bei ihnen zu finden sei. Nicht leicht wagte jemand, eine solche befehlende Bitte abzuschlagen, sondern legte das Geld pflichtlich an die bezeichnen Stelle.

Die Räuber stahlen aber nicht bloß Geld, sondern holten sich auch sonst, was sie bedurften. So litten einmal mehrere Mitglieder der Bande großen Mangel an Kleidungsstücken. Alsbald wurde der Anschlag gefasst und ausgeführt, einen Tuchladen zu plündern. Doch kamen sie wieder um einen Teil der Beute, da man den Diebstahl bald entdeckte und den Tätern nachsetzte.

So mied Schinderhannes das Räuberhandwert wieder ein ganzes Jahr lang auf der linken Seite des Rheins. Nun aber nahm er sich vor, wieder auf das rechte Ufer zu wandern.

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