Story-Tipps

Des Teufels Sohn

Archive
Folgt uns auch auf

Elbsagen 15

Elbsagen
Die schönsten Sagen von der Elbe und den anliegenden Landschaften und Städten
Für die Jugend ausgewählt von Prof. Dr. Oskar Ebermann
Verlag Hegel & Schade, Leipzig

15. Mutter und Kind

Am Palmsonntag früh zur Messezeit, wo, wie bekannt, die Schätze blühen, ging eine junge Bauerfrau ans Falkendarf mit ihrem kaum einjährigen Kind auf dem Arm der Stadt Tetschen zu. Als sie zum Hainhübel kam, sah die plötzlich ein altes Gemäuer am Bergrand und eine Tür drin, die offen stand. Das verwunderte sie, denn so oft sie auch den Weg gemacht hatte, noch nie war ihr das Mauerwerk aufgefallen. Sie trat näher und wie freudig erschrak sie, als sie, in die Tiefe des Gewölbes blickend, allmählich im Dunkel einen großen Kessel wahrnahm, der bis zum Rand mit funkelnden Goldstücken gefüllt war. Ohne Zögern schritt sie hinab, setzte das Kind nieder und raffte zusammen, soviel sie konnte. Damit eilte sie rasch ins Freie, legte den schweren Pack zur Erde und drehte sich gerade, um ihr Kind und vielleicht noch eine Handvoll Gold aufzuraffen, als sich plötzlich ein gewaltiger Windstoß erhob, der die Tür mit furchtbarem Krachen zuschlug. Zugleich war das Gewölbe verschwunden. Die junge Mutter suchte und rief mit wachsender Angst auf der ganzen Anhöhe nach ihrem Kind, ohne eine Spur von ihm finden zu können. In heller Verzweiflung kam sie endlich daheim an und verbrachte ihre Zeit fortan nur in Kummer und Harm. Was aus dem Gold geworden sein mochte, danach fragte sie nicht.

So ging ein trostloses Jahr ins Land, und wieder war es Palmsonntag. Da wallfahrte die gramsieche Frau zu der Stätte, wo es ihr Liebstes verloren hatte. Wie wunderbar! Da war wieder die Mauer, darin das Tor und dieses offen. Sie stürzte darauf zu und erblickte, von Glück überwältigt, das Kind an derselben Stelle und mit einem Apfel spielend, der ihm aus den Händchen rollte, als es von der Mutter emporgerissen wurde. Was kümmerte diese all das Gold, das wieder dort lag und verführerisch glänzte. Sie hatte den weitaus größeren Schatz gehoben und floh in Angst darum dem Dorf zu. Hinter ihr schlug das Tor dröhnend zu. So liegt der unermessliche Hort bis auf den heutigen Tag in der Tiefe des Berges. Das Kind aber erzählte, dass ihm eine schöne weiße Frau täglich zu essen gebracht und mit ihm gespielt habe.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.