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Der Arzt auf Java – Zweiter Band – Kapitel 3

Alexander Dumas d. Ä.
Der Arzt auf Java
Ein phantastischer Roman, Brünn 1861
Zweiter Band
Kapitel 3

Noungal, der Malaie

Das System, welches die weit gedehnten Besitzungen der Holländer beherrscht, ist zugleich einfach und geschickt. Die Regierung hat auf den Hauptpunkten der Insel die javanischen Herren, welche die Insel ehedem unter eingeborenen Herrschern regierten, beibehalten oder wieder eingesetzt.

Diese Beamten, welche durch ihre Geburt oder durch ihren Rang seit undenklichen Zeiten einen großen Einfluss auf die Bauern ausüben, haben für ein wenig Gold diesen Einfluss den Europäern zur Verfügung gestellt und sich zu deren bereitwilligen Werkzeugen gemacht.

Gegenwärtig damit beauftragt, die Befehle der Kolonialbehörde mitzuteilen und für deren Befolgung zu sorgen, verteilten sie unter den Ackerbauern die Naturalleistungen, welche Java in einen gewaltigen Pachthof zum Nutzen Hollands verwandelt haben. Das ist eine macchiavellische Berechnung, mit deren Hilfe die drückende Hand sich verbirgt und sich auf solche Weise den Folgen einer unmittelbaren Berührung entzieht.

Die Vorfahren Thsermais waren seit der Eroberung der Insel mit dem Amt des Gouverneurs in der Provinz Bantam betraut. Sein Vater musste durch seine Ergebenheit in der großen Krise von 1811 das ganze Vertrauen der Holländer zu gewinnen, die ihn mit Ehren und Reichtümern überhäuften.

Der tributpflichtige Herr der Dörfer der Provinz Bantam machte die Reise nach Holland und wurde dem König Wilhelm vorgestellt. Er kehrte von dort mit einer lebhaften Bewunderung für die Industrie und die Zivilisation Europas zurück.

Obwohl die Javaner seit dem 14. Jahrhundert Muselmanen sind, teilen sie doch nicht den Fanatismus, welcher die Anhänger des Islam anderwärts charakterisiert. Der Regent von Bentam hatte daher auch keinen Widerwillen zu besiegen, kein Vorurteil zu bekämpfen, um die Erziehung seines einzigen Sohnes einem Christen anzuvertrauen. Dieser war der berühmte Arzt in Batavia, eben der, welchen wir zu Beginn unserer Geschichte eine so wichtige Rolle spielen sahen. Doktor Basilius wurde mit dem unbedingtesten Vertrauen beehrt.

Sei es nun aber, dass der arme Gouverneur von Bentam eine schlechte Wahl getroffen hatte, sei es, dass die Neigung des Zöglings durchaus lasterhaft war, genug, ehe dessen Vater starb, sah dieser, wie sein Sohn alle auf ihn gesetzten Hoffnungen betrog.

Das sichtlichste Resultat der europäischen Erziehung Thsermais war, dass er den Lastern seines Stammes die Laster hinzufügte, welche mit der vorgerückten Zivilisation und der Auflösung der moralischen Ordnung in der alten Gesellschaft verbunden sind.

Er war eifersüchtig, ränkesüchtig, falsch, abergläubisch und leichtgläubig, wie alle Eingeborenen. Außerdem war er ausschweifend, habsüchtig und ehrgeizig, wie die holländischen Kolonisten. Er würde vor einem Verbrechen nicht zurückgewischen sein, hätte dasselbe seinen Leidenschaften dienen können.

Er war kaum seit einigen Monaten aus der Obhut seines Erziehers entlassen worden, als er seinen Vater verlor und demselben in seinem Rang und seiner Würde folgte. Seine erste Sorge war, den zu sich zu berufen, der seine schlechten Neigungen, statt sie zu bekämpfen, begünstigt hatte und ihn mit dem Titel eines Rates in seinen Palast einzuführen.

Thsermai legte sich einen zahlreichen Hofstaat bei, hielt prachtvolle Equipagen, erbaute Paläste. In der ganzen Provinz Bantam und bis nach Buytenzorg war von weiter nicht die Rede, als von einem zahlreichen Ballett, das er unterhielt, und von der Wahl der Bedajas, die es bildeten. Wie ungeheuer auch die Einkünfte des jungen Prinzen waren, konnten sie dennoch den übermäßigen Ausgaben nicht genügen, welche durch dergleichen kostspielige Vergnügungen und stets wechselnde Launen veranlasst wurden. Um seinen Bedürfnissen zu genügen, nahm er seine Zuflucht zu zahllosen Erpressungen. Um seinen Harem zu füllen, entführte er die Töchter seiner Bauern. Zahllose Klagen wurden gegen ihn beim Sitz der Zentralregierung eingereicht, Aber man war, Dank dem Andenken an seinen Vater, so sehr für ihn eingenommen, dass der Kolonialrat ein Auge zudrückte.

Kühn gemacht durch die Straflosigkeit, vorwärts getrieben durch die Ratschläge seines ehemaligen Erziehers, begnügte Thsermai sich nicht mehr damit, die auszuplündern, die sein Vater wie seine Kinder betrachtet hatte, sondern er versuchte es auch, das Vertrauen der Hollländer zu hintergehen, indem er einen Teil der Abgaben, die er für Rechnung des Staatsschatzes einzog, zu seinem Nutzen zu unterschlagen versuchte.

Hier aber zeigte die Regierung sich unerbittlich und eine augenblickliche Absetzung war die Folge dieses neuen Vergehens. Der Ratgeber Thsermais war stark kompromittiert. Er wurde mit gerichtlicher Verfolgung bedroht und entging der Konfiszierung der beträchtlichen Reichtümer, die er sowohl im Dienst des jungen Herrschers von Baal Bantam als auch durch eine Art von Handel mit den Piraten der Insel Borneo unterhielt, zusammengescharrt hatte, nur durch, dass er gerade in dem Augenblick starb, als gegen ihn eingeschritten werden sollte.

In dankbarer Anerkennung der wichtigen Dienste, welche der Vater den Kolonien geleistet hatte, wollte der Generalgouverneur der Insel Java nicht, dass der Sohn, gänzlich verarmt, die erbliche Herrschaft seiner Familie verlassen sollte. Er verordnete daher, dass sein Nachfolger ihm ein beträchtliches Jahresgehalt zahlen musste.

Weder die Nachsicht, mit der man seit so langer Zeit gegen ihn verfahren war, noch dieser letzte Beweis der Freigebigkeit, noch die freundlichen Worte, womit man denselben begleitet, beschwichtigten den Unwillen, der in Thsermai durch die strenge gegen ihn ergriffene Maßregel erweckt worden war. Er glaubte, vom königlichen Stamm der Pandjajaran entsprossen zu sein, deren letzter Soesoenan oder Sultan, welcher über die südlichen und östlichen Teile der Insel Java herrschte, im Jahr 1749 zu Gunsten der Holländer abgedankt hatte.

Er betrachtete die Oberlehensbarkeit der Provinz Bantam, die seiner Familie geblieben war, als einen pflichtschuldigen Ersatz dieser Abdankung, als ein unantastbares und unveräußerliches Recht. Er widmete denen, die ihn desselben beraubt hatten, einen unversöhnlichen Hass.

Längere Zeit ergoss sich dieser Hass nur in Schmähungen und Drohungen. Aber da Thsermai, seitdem er seiner Macht beraubt war und die schönste Quelle seiner Einkünfte vertrocknen sah, sich seinen verderblichen Launen nicht mehr hingeben konnte, versuchte er sich durch schmutzige Ausschweifungen zu betäuben. Da er gewöhnlich in den Tavernen Batavias, in deren Schlamm bei Mynheer Cornelis’ Vertraute seiner Ränke suchte, achtete die Kolonialregierung nicht darauf.

Bei einer seiner fast täglichen Orgien im chinesischen Campong traf er in einem Wirtshaue einen malaiischen Seemann, dessen Hartnäckigkeit, allem seinen Tun zu folgen, ihm sonderbar erschien. Er näherte sich ihm. Der Malaie sagte ihm einige Worte ins Ohr. Zum großen Staunen aller Genossen seiner Ausschweifungen verließ Thsermai das Haus des Chinesen in der Gesellschaft des Seemanns, lange zuvor, ehe der Becher der Trunkenheit bis auf den Boden geleert war.

Von diesem Augenblick an veränderte sich sein Betragen vollständig.

Man hörte den Ex-Oberlehensherrn der Provinz Bantam nicht mehr gegen die Tyrannei der Eroberer eifern und die Rechte der Eingeborenen in Anspruch nehmen. Man sah ihn nicht mehr die zügelloses Sitten der holländischen Kolonisten geißeln, ihre Niedrigkeit bespötteln, ihren Geiz verhöhnen und ganz laut die Hoffnung aussprechen, dass der Tag der Buße für sie erscheinen würde.

So lärmend seine Unzufriedenheit gewesen war, so unwichtig daher seine Worte erschienen, so wusste er, Dank dem Talent der Verstellung, welches ihm sein javanisches Blut verlieh, bei sich selbst sein Gefühl zu verschließen, sich klug in seinen Handlungen, zurückhaltend in seiner Sprache, zu zeigen. Er tat noch mehr. Er brach den Umgang mit den gemeinen Genossen seiner schmachvollen Orgien ab, schien seine Ausführung zu regeln. Obwohl er seine Bedajas und den fürstlichen Aufwand beibehielt, welche seiner Geburt und seinem Rang gebührten, schien er seine törichte Verschwendung einzuschränken und sich in seinen Ausgaben der Ordnung und der Vernunft zu fügen. Sein Betragen wurde so musterhaft, dass der Gouverneur und die Mitglieder des Kolonialrates, welchen Thsermai seine Aufwartung machte, die Strenge bedauerten, mit der sie ihn zu behandeln gezwungen gewesen waren, und ihm die Möglichkeit einer Wiedereinsetzung in sein Amt in Aussicht stellten.

Es ist freilich wahr, dass Thsermai zu der gleichen Zeit, während welcher er einer der eifrigsten Besucher in den Palästen von Weltevrede und der Residenz Buytenzorg geworden war, den Umgang einiger Chinesen suchte, deren Feindseligkeit gegen die Regierung man sehr gut kannte. Es ist wahr, dass er eine vertraute Freundschaft mit Ti-Kai schloss, dem chinesischen Kaufmann, den wir bei Mynheer Cornelis kennen lernten und dessen Vorfahren einer von den Häuptlingen des berüchtigten Aufstandes der Chinesen gewesen war, der im vorhergehenden Jahrhundert die holländische Herrschaft über die Insel Java nahe an den Rand des Verderbens brachte.

Wir müssen auch noch hinzufügen, dass man seit der plötzlichen Bekehrung Thsermais von nächtlichen Versammlungen der Unzufriedenen sprach, die im Gehölz von Tjidaval, in der Provinz Batavia und in den ungeheuren Wäldern von Dayu-Lonchur, stattfinden sollten, welcher im Süden der Provinz Cheribor gegen die Gränze von Preangers liegt, nicht weit vom klassischen Teil der Insel Java, welche am fruchtbarsten von Erinnerungen der ursprünglichen Herrscher dieser Gegend war.

Ungefähr dreißig Meilen von Buytenzorg gegen die ersten Gipfel der auleonischen Bergkette, welche die Insel Batavia durchzieht und welche die Seeleute die blauen Berge nennen, bilden drei Zweige dieser Kette, der Ohagah, der Saxi und der Sadjiva, ein Dreieck, welches vollständig ein Tal einschließt, das an seiner breitesten Linie sechs Meilen haben mag, an der Spitze aber höchstens drei breit ist. Dieses Tal, eine wahre Oase infolge der Frische, welche die Nachbarschaft der Berge, die nicht über dreitausend Klaster hoch sind, während der größten Sommerhitze dort erhält, gehört Tuan Thsermai. Dort finden wir ihn am Tag nach dem Abend, der im Pavillon des Mynheer Cornelis auf so verhängnisvolle Weise schloss.

Der Wohnsitz Thsermais lag im südlichen Teil des prachtvollen Tals, auf dem der Ebene zunächst liegenden Berg Saxi.

Vom Vater des jungen Prinzen gebaut, war es nicht gleich den meisten Palästen der malaiischen Großen in der Nähe der Dörfer und in der Mitte bebauter Felder errichtet worden. Man gelangte zu demselben auf einem Weg, der sich durch den Wald schlängelte, welcher die ersten Absätze des Berges bedeckte.

In diesem Wald fand man alle Gattungen der tropischen Vegetation. Das dicht verschlungene Unterholz derselben diente als unzugängliche Zufluchtsstelle für die Eber, die Hirsche, die Rehe und für wilde Pfauen, während in den höheren Zweigen die tausend verschiedenen Arten der Papageien spielten und ihr widerliches Geschrei ertönen ließen und die Paradiesvögel ihr Purpur- und Goldgefieder zeigten.

Aus einer gewissen Entfernung gesehen, würde der Palast Thsermais mehr einer Stadt als einem fürstlichen Schloss geglichen haben.

Rings um das Hauptgebäude, welches im maurischen Stil aufgeführt war, und dessen alabasterweiße Kuppeln, dessen frei zugespitzte Minarets, dessen buntfarbige Bogengänge, alles zeigten, was die Künste der Araber und Perser Feenhaftes und Elegantes erfunden haben, sah man die Schöpfungen eines chinesischen Architekten, dessen Einbildungskraft allen Eingebungen seiner phantastischen ungeregelten Launen den Zügel hatte schießen lassen. Lusthäuser von Stukaturarbeit, durchbrochen in Spitzen, Porzellanhäuschen, Bambushütten, bald zwanzig Fuß hoch über dem Boden, bald in der Gestalt von Tieren oder Werkzeugen, erschienen als unzusammenhängende Einfälle, waren aber miteinander durch Gewölbe, durch Gänge, durch unterirdische Verbindungen, verknüpft, ebenso originell in der Anordnung und der Gestalt, wie das Gebäude selbst.

Seit seiner Ungnade hatte Thsermai den maurischen Palast und die Gemächer verlassen und lebte mit seinen Frauen und seinen Sklaven in den chinesischen Bauten.

Während der Hitze des Tages pflegte er sich gern in einer Muschelgrotte aufzuhalten, die mit den prachtvollsten Korallen, Seegewächsen und Schnecken der Südsee verkleidet war. Ein Wasserstrahl fiel am oberen Teil dieser Grotte herab, der alles gleich einem undurchdringlichen Schleier gegen die Hitze des Tages sowie gegen die zudringlichen Blicke der Dienerschaft verschloss.

In dieser Grotte finden wir Thsermai wieder. Er lag auf silbergestickten grünen Kissen. Er sog nicht die frischen Dünste des persischen Narguileh oder die indischen Haku ein, nicht den milden Wohlgeruch des orientalischen Tabaks, sondern den scharfen Rauch einer Zigarre, wie ein holländischer Reishändler es in seinem Kontor zu Batavia getan haben würde.

An seiner Seite kauerte der braungekleidete Mensch, den wir bei Mynheer Cornelis an Harruch die narkotische Pfeife reichen sahen, dessen Dunst auf das Hirn des Eusebius van der Beek einen so mächtigen Einfluss übte. Der Mensch trug nun die Kleidung eines malaiischen Seemanns und glich auf eine auffallende Weise dem, welcher Eusebius an dem Tag nach dem Tod des Doktor Basilius auf dem Damm von Tjiliwong anredete.

»Weshalb willst du fort, Noungal«, fragte Thsermai.

»Weil es sein muss«, entgegnete dieser.

»Wohin gehst du?«

»Zu der Vollbringung unserer Pläne.«

»Aber fürchtest du nicht, dass ich strauchle, wenn du dich von mir zurückziehst?«

»Mein Geist wird an deiner Seite bleiben.«

Der Javaner senkte den Kopf und versank in schweigendes Nachdenken.

»Nun«, sagte er endlich, »du hast mir Geheimnisse in das Gedächtnis zurückgerufen, die ich in das Grab versenkt glaubte. Du hast mir erzählt, was Basilius, der seit beinahe einem Jahr die Beute der Würmer ist, allein wissen konnte. Du hast mir die Beweise einer übermenschlichen Macht gegeben, welche meinen Geist fesselte und du beweisest mir zu gleicher Zeit eine Teilnahme, welche dir mein Herz gewann. Aber ehe ich die wichtigen Pläne weiter verfolge, die meinen Kopf in Gefahr bringen können, lass mich noch eine Frage an dich richten und versprich mir darauf zu antworten. Wer bist du?«

»Habe ich es dir nicht gesagt, Thsermai?« antwortete der Malaie mit ironischem Lächeln. Man nennt mich Noungal und ich bin der, welcher über die Tzingaris oder Zigeuner des Meeres herrscht. So ärmlich auch mein Äußeres ist, gebiete ich dennoch über Flotten, um welche die mächtigsten Herrscher dieser Welt mich beneiden würden, und noch über etwas Besseres, als über die elende Zusammenstellung von Brettern und Tauen, über fürchterliche Menschen, die kein anderes Vaterland haben  als die endlose Fläche des Ozeans und die seit der Kindheit daran gewöhnt sind, mit dem Meer zu spielen, nicht einmal das Wort Gefahr kennen. Meinem Willen gleich Sklaven unterworfen, werden sie auf ein Wort von mir aufstehen, um dir Beistand zu leisten. Was ist noch weiter nötig, um aus Thsermai den König von Jana zu machen?«

»Das war es nicht, was ich wissen wollte, Noungal«, entgegnete der Javaner. »Ich kenne die Wildheit und die Tapferkeit der Tzingari durch den Schrecken, den ihr bloßer Name den Bewohnern des indischen Archipels einflößt. Ich weiß, dass vor ihnen selbst die europäischen Soldaten entfliehen würden, wie vor einer Wolke von Heuschrecken. Du versprachst mir ihren Beistand zur Wiedergewinnung nicht etwa des Fetzens von Macht, den ich von der Freigebigkeit unserer Herren besaß und den deren Ungerechtigkeit mir entrissen hat, sondern um den Rang, welchen meine Voreltern in diesem Land einnehmen, in seiner ganzen Ausdehnung wieder zu erlangen. Ich sagte dir dafür meinen Dank und ich wiederhole dir, dass meine Dankbarkeit nicht hinter der Wohltat zurückbleiben soll. Doch das war es nicht, was ich zu wissen wünschte.«

»So sprich denn.«

»Nicht nur die Horden des Meeres hat Noungal seinem Willen unterworfen, sondern er gebietet auch über jene geheimnisvollen Geister, die es zwischen Himmel und Erde gibt, welche die Christen Dämonen nennen und denen wir den Namen der Devas und der Dschiuns beilegen. Wäre es anders, wie könnte dann Noungal wissen, was vor mehreren Jahren zwischen dem alten holländischen Doktor und seinem Zögling gesprochen wurde? Wer konnte ihm das mitteilen, was mit dem Toten, der es hörte, gestorben ist, wenn es nicht der irrende Geist des Basilius war? Diese Geheimnisse sind es, die ich kennen zu lernen wünsche, Noungal!«

»Deine Bitte kommt zu gelegener Zeit, Thsermai, denn ich selbst hatte eine an dich zu richten.«

»Sprich, und wenn es in meiner Macht liegt, dich zu befriedigen, so schwöre ich dir, dass du haben sollst, was du wünschest.«

»Du hast unter deinen Bedajas eine Schönheit, die mir gefällt und ich will, dass du sie mir gibst.«

»Noungal, du wirst meinen Palast entvölkern! Um dich zu befriedigen, habe ich die weiße Tochter Hollands geopfert. Durch die Schlange Harruchs gebissen, verdankt sie die Verlängerung ihres Lebens nur den Gegengiften, mit denen du sie gegen den Biss dieses Tieres versehen hattest. Aber ungeachtet deiner Mittel wird sie erliegen. Willst du denn, dass ich keine Tänze mehr haben soll, um meine Langeweile zu vertreiben und süße Gesänge, um mich einzuschläfern?«

»Das Wort Thsermais ist nicht wie der Flaum, der aus der Frucht der Baumwollenstaude bricht. Ein Hauch genügt, um die weißen Fäden umher zu treiben.«

»Nein, Noungal, ich habe dir mein Versprechen gegeben und ich werde es halten. Wähle daher eine meiner Bedajas, sei sie braun wie die Schale der Granate oder weiß wie die Blume der Gardonia. Du kannst sie nehmen und sie wird dir zu deinem Volk folgen. Ich mache nur eine Ausnahme.«

»Und wenn es nun eben diese eine wäre, die ich will?«

»So bezeichne sie, Noungal, und lass mich meine Worte nicht ferner verlieren.«,

»Die, welche ich begehre, ist nicht braun wie die Schale der Granate, sie ist nicht weiß wie die Blume der Gardonia. Sie ist gelb wie die Lilie, die am Ufer der Bäche wächst, und dennoch von allen Deinen Bedajas die Schönste.«

»Arroa, die Tochter Argalenkas!«, rief Thsermai, dessen braunes Gesicht eine leichenhafte Blässe annahm und in dessen Auge das Blut trat.

»Du hast sie genannt, Thsermai«, erwiderte Noungal mit der größten Gleichgültigkeit. »Aber weshalb wechselst du die Farbe?«

»Noungal, fordere von mir, was du willst!«, rief der Javaner, dessen Ton bebend und abstoßend geworden war. »Verlange von mir alle anderen Bedajas, die den Palast bevölkern. Fordere von mir meinen schwarzen Panther, der meine Sandalen wie ein junger Hund leckt. Begehre Felder und Wälder, um dich reich zu machen. Verlange meinen Palast und ich werde dir das alles nicht verweigern, doch sprich nicht von Arroa; nein, ich kann sie dir nicht abtreten!«

»Wozu bedürfte ich deiner Reichthümer? Was könnte ich mit deinem Palast anfangen? Was ich will, Thsermai, ist das gelbe Mädchen mit den schwarzen Gazellenaugen.«

»Und ich verweigere sie dir, Noungal.«

»Ist es dir gefällig, mir zu sagen, weshalb?«

»Ich weiß es nicht. Es ist mir unmöglich, das zu erklären, was in mir vorgeht. Aber seitdem sie meinen Palast bewohnt, habe ich über sie alle Gefährtinnen vergessen. Die beiden Tage, die ich fern von Arroa zubrachte, erschienen mir als Jahrhunderte. Ich glaube wirklich, dass ich sie liebe.«

»Wenn man dir nun sagte, dass du den Thron, von dem du träumst, nur gewinnen könntest, indem du sie opferst?«

»Zwischen einer ungewissen Zukunft und den süßen Blick, der mich berauscht und den wollüstigen Liebkosungen, die mir das Paradies auf Erden zaubern, würde ich nicht schwanken, Noungal.«

»Kind!«, erwiderte der Malaie mit einem Lächeln, welches zugleich Mitleid und Geringschätzung verriet, »Kind, das den Elementen und den Mächten einer anderen Welt gebieten will, und das seine eigenen Leidenschaften nicht zu beherrschen vermag!«

Der Javaner verstand die Lehre und senkte den Kopf. Indess war die Bitterkeit dieser Vorwürfe nicht ohne die Beimischung einer gewissen Süßigkeit. Es schien ihm, als würde er Arroa bewahren.

»Höre, Thsermai«, fuhr der Malaie fort, »die Augenblicke sind kostbar und wir dürfen keinen verlieren. Ich muss diesen Abend noch die Küste verlassen und morgen auf dem Meer sein. In einem Monat siehst du mich wieder.«

»Was habe ich bis dahin zu tun?«

»Du setzt dein Werk fort, du fachst zwischen den Eingeborenen und ihren Eroberern das Feuer der Zwietracht an, du äußerst dein Mitleid über die Leiden der Unterdrückten, du kommst ihnen im Fall der Not zu Hilfe, du beutest jede Unzufriedenheit, jeden Haß, jedes Bedürfnis der Rache aus. In diesem Land sind das die einzigen Saiten, die wir anzuschlagen brauchen, denn der Glaube an Gott ist bei den Bewohnern mit dem Glauben an Bramah erstorben. Und was die Vaterlandsliebe betrifft, so kennen sie nicht einmal den Namen derselben. Streue daher Gold aus, ohne Sorge und ohne Furcht, und wenn die Ernte reif ist, siehst du mich wieder erscheinen, um dir bei derselben zu helfen.«

»Aber Gold«, sagte Thsermai verlegen. »Du weißt, wie wenig die Kolonisten mir davon gelassen haben!«

»Morgen wird Ti-Kai Dir 600.000 Gulden übergeben, die du zu deinem Werk verwenden kannst.«

»600.000 Gulden? Der Hass Ti-Kais gegen die Europäer wird nie bis zum Opfer einer solchen Summe gehen.«

»Dieses Gold kommt nicht aus dem Beutel des Chinesen.«

»Woher kommt es dann?«

»Du hast mir vor zwei Tagen ein Geschenk mit einer weißen Bedaja gemacht, die ich von dir forderte. Heute gebe ich sie dir zurück, Thsermai.«

»Ach, das arme Mädchen!«, rief der Javaner aus. »Vielleicht noch diesen Abend wird sie Gott ihre Seele zurückgeben.«

»Nein, sie wird erst morgen Abend sterben, zu der Stunde, zu welcher die Sonne hinter dem Gipfel des Berges Sari verschwindet, und am Morgen, zu der dritten Stunde des Tages wird Ti-Kai gekommen sein, ihr die genannte Summe zu überbringen.«

»Aber noch einmal, woher rührt dieses Gold?«

»Es ist der Anteil dieses Mädchens von der Erbschaft ihres ehemaligen Herrn des Doktor Basilius.«

»Dessen Testament …«

»Dessen Testament ein Drittel des Vermögens, das er seiner Nichte hinterließ, derjenigen der drei Frauen, die er bei sich hatte, zuschrieb, der es gelingen würde, ein Wort der Liebe vom Mann dieser Nichte zu erlangen.«

»Was konnte sein Zweck sein, indem er diese sonderbare Anordnung traf?«

»Der Doktor Basilius tat nie etwas ohne Grund. Lass den jungen Spross des Bananenbaumes die alten Blätter ersetzen, welche unter ihrem Gewicht sich beugen und gelb werden. Wenn er sich in der Kenntnis nicht getäuscht hat, die er vom menschlichen Herzen hatte, so kannst du erraten, welches sein Zweck war.«

»Aber«, sagte Thsermai indem er der 600.000 Gulden gedachte, die ihm am Herzen lagen, »darf ich mich denn dessen bemächtigen, was einem Mädchen gehört, das Untertanin des Königs von Holland ist?«

»Thsermai, in Holland und in dem übrigen Europa, so wie in Java, verschwinden die Armen von der Erde, ohne eine größere Spur zu hinterlassen, wie die Vögel, welche die Luft durchfliegen. Deine weiße Bedaja ist in Friesland geboren. Ihre Eltern waren so arm, dass sie ihr Kind verkauften, noch ehe es das Alter der Reife erreichte. Der Doktor Basilius ließ sie nach Java kommen. Der Doktor Basilius ist tot. Wer soll sich also um das Verschwinden eines armen Freudenmädchens kümmern? Nimm das Geld und mache davon den Gebrauch, den ich dir andeutete. Jetzt gib deine Befehle, damit Arroa ihre Vorkehrungen trifft, mich zu begleiten.«

»Arroa! Du hast also nicht auf deinen Plan verzichtet, mir Arroa zu rauben?«

»Nicht nur um den Geistern zu gebieten, muss man die Schläge seines Herzens zu unterdrücken wissen, sondern auch, um die Menschen zu beherrschen. Thsermai, tritt deine Lehrzeit zu deinem Königtum an, indem du deiner törichten Leidenschaft Schweigen gebietest.«

»Was kümmert mich der Thron von Java? Ich trete ihn dir ab, ich überlasse ihn, schenke ihn dir, Noungal, wenn nur Arroa mir bleibt.«

»Unsinniger, sieh dich vor!«, rief der Malaie mit beinahe drohendem Tone.

»Noungal, ich weiß, dass deine Macht ungeheuer ist. Seitdem ich dich kenne, hast du mich durch das Schauspiel deiner Gewalt, durch die Beweise, die du mir von deiner übermenschlichen Wissenschaft gabst, in Schrecken gesetzt, und dennoch bin ich bereit, deiner Macht und Ddeiner Wissenschaft zu trotzen, um dieses Mädchen mir zu erhalten.«

»Du würdest das nicht ungestraft tun, Thsermai. Bedenke das wohl und widerstrebe meinem Willen nicht länger.«

Bei diesen mit gebieterischer Stimme gesprochenen Worten tat Thsermai einen gewaltigen Satz und sein Gesicht nahm den Widerschein aller Leidenschaften an, die ihn bestürmten.

»Deinem Willen!«, schrie er wütend. »Elender Banditenführer, in meinem eigenen Palast wagst du es, von deinem Willen zu sprechen und ihn über den meinen zu stellen?«

Der Malaie machte nicht die geringste Bewegung. Er blieb regungslos stehen.

»Ja«, sagte er, »und nicht zum ersten Mal wirst du dir Glück zu wünschen haben, dass du nicht deinem eigenen Willen folgst.«

»Was willst du damit sagen?«

»Der alte Bapatis, dein Vater, der über deine Ausschweifungen erzürnt war, hatte vom Gouverneur der Kolonie einen Befehl erbeten, dich in eine Festung einzusperren, indem er drohte, einem deiner Vettern die Herrschaft seiner Provinz zu hinterlassen. Plötzlich verfiel der Bapatis von Bantam in eine schwere Krankheit. Der, welcher ihn in den Wissenschaften Europas unterrichtet hatte, der Doktor Basilius, pflegte ihn und trieb seine Anhänglichkeit so weit, dass er alle Nächte bei dem Kranken zubrachte, und diesen verhinderte, von irgendeiner anderen Hand ein Heilmittel zu empfangen.«

»Bei dem heiligen Propheten, Malaie, sprich nicht weiter.«

»Beruhige dich. Bewege deinen Kris nicht in seiner Scheide und höre mich bis zu Ende an. Ungeachtet der Sorgfalt des Doktors verschlimmerte sich der Zustand des Bapatis. Indess nicht hinlänglich, nach dem ungeduldigen Wunsch des Sohnes. Während einer Nacht drang er in das Zimmer, in welchem sein Vater, betäubt durch den Trank, den der europäische Arzt ihm gegeben hatte, in unruhigem Schlaf lag. Thsermai hielt einen Dolch in der Hand, dem ähnlich, den du dort berührst. Er wollte ihn dem Greis in die Brust stoßen. Der Doktor Basilius beschwor ihn, dies nicht zu tun, und gab ihm die Versicherung, die Krankheit bedürfe seiner Beihilfe nicht, sondern würde den Greis am nächsten Tage getötet haben. Der junge Mann widerstrebte, und da er nicht zu dem Bett des Bapatis gelangen und diesen sprechen konnte, verwundete er seinen alten Lehrer, worauf dieser ihm befahl, hinauszugehen, indem er sagte …«

»Genug, Noungal!«, rief Thsermai bleich vor Schrecken, indem er so heftig zitterte, dass seine Zähne aufeinanderschlugen, »genug, ich weiß das Übrige. Die Lichter erloschen plötzlich. Eine übermenschliche Gewalt, welche nicht von den Händen des Basilius kommen konnte, der alt und gebrechlich war, ergriff den Sohn und warf ihn zum Zimmer hinaus.«

»Ja, aber als am nächsten Tag die Prophezeihung des Basilius sich verwirklichte, als der alte Bapatis vor dem Ende des Tages starb, als man nicht nachsah, ob er Gift im Leib hätte, und man keinen Dolch in seinem Herzen fand, erbte der Sohn ohne Widerspruch die Reichtümer und die Herrschaft seines Vaters. Erkennst du jetzt, Thsermai, dass es dir schon früher gelungen ist, einem anderen Willen als dem deinen zu folgen.«

Thsermai war stumm und niedergeschmettert. Er musste sich setzen und fuhr mit der Hand über seine in Schweiß gebadete Stirn, als wollte er einen Blutfleck von derselben wischen.

»Beruhige dich«, fuhr Noungal fort, »und sage mir jetzt, ob ich Arroa haben soll.«

»Nein!«, entgegnete Thsermai mit leiserer Stimme als zuvor.«

»So sei es denn«, sagte der Malaie, »aber dann wird die Gerechtigkeit mir gewähren, was du mir verweigerst.«

»Die Gerechtigkeit!«, rief Thsermai.

»Ohne Zweifel, denn ich werde beweisen, dass das gelbe Mädchen mir gehört. Dieses Mädchen war gleich der weißen Bedaja beim Doktor Basilius, der sie auf deiner Besitzung aus den Händen deines Verwalters gekauft hatte. Argalenka hat uns neulich Abend etwas von dieser Geschichte erzählt. Jedes Mal, wenn du zu der alten Reede kamst, um deinen ehemaligen Lehrer zu besuchen, richtetest du einen Blick des Neides auf die Frau, die er in seiner Wohnung hatte. Der Doktor Basilius starb und du eiltest herbei, um dich dieses Mädchens zu bemächtigen. Aber schon war es mit seinen Gefährtinnen verschwunden. Am nächstens Tag kam ein mit Lumpen bedeckter Mensch zu dir und sagte dir, er sei der Herr des Mädchens mit den schwarzen Samtaugen und dessen Gefährtin mit der weißen Haut. Du botest ihm Gold, wenn er sie dir abtreten wollte. Der Mensch verweigerte deine Bitte, aber er tat mehr, als du verlangtest. Er erbot sich, sie unter deine Tänzerinnen unter der Bedingung eintreten zu lassen, dass du sie dem zurückgeben solltest, der dir die Hälfte eines Ringes, welchen er zerbrach, überreichen würde. Sieh hier die Hälfte des Ringes und jetzt frage ich dich zum dritten Mal: Willst du mir das gelbe Mädchen geben?«

»Ja, wenn du sie nehmen kannst!«, rief Thsermai, indem er gleich einem Panther emporsprang und auf Noungal einen furchtbaren Stoß mit dem Kris führte, den er heimlich aus der Scheide gezogen hatte.

Der Malaie taumelte und Thsermai glaubte ihn getötet zu haben, aber Noungal richtete sich wieder auf, öffnete den Sacong, zeigte seine Brust und ließ ein Panzerhemd von den feinsten Stahlringen blicken. Die Schutzwehr war vom Stahl des Kris nicht durchbohrt worden. Es zeigten sich kaum einige kleine Blutstropfen, welche der fürchterliche Stoß der Brust erpresst hatte.

»Ich hatte mich damit versehen, indem ich meiner Feinde gedachte«, sagte der Malaie mit spöttischem Ton. »Du vergaßest das, Thsermai.«

Thsermai war niedergeschmettert durch die Erfolglosigkeit seines Angriffes und blieb wie erstarrt stehen. Dann wich er einen Schritt zurück, setzte sich in Verteidigungszustand.

Doch Noungal schüttelte den Kopf und sagte mit einem eigentümlichen Lächeln, welches, indem es seine Lippen verzerrte, weiße spitze Zähne zeigte, wie die des Leoparden: »Höre! Wenn es eine einzige Falte deines Herzens gäbe, in die ich nicht eingedrungen bin, so hättest du mir eben jetzt das Maß der Dankbarkeit geliefert, welche man von einer solchen Seele wie die deine erwarten darf.«

»Der Dankbarkeit? Was habe ich denn von dir erhalten, um dir dankbar zu sein? Versprechungen, das ist alles. Hast du je gesehen, dass man für Versprechen zur Dankbarkeit verpflichtet ist?«

»Ich glaubte weiter mit dir zu sein, Thsermai. Als ich dich in Batavia traf, besudeltest du dich durch die niedrigsten Ausschweifungen. Dein Hass und deine Pläne der Rache gingen in Rauch auf, wie der einer Zigarre, die zu deinen Füßen verlöscht. Dem allen gab ich einen Körper. Ich lehrte dich, wie du die Rache befriedigen und den Hass ausüben könntest, indem du zugleich deinem Ehrgeiz dientest. Ich stachelte dich an, bis ich dich entschlossen sah, die Bambusbänke der Schenken, auf denen du lebtest, gegen den Thron Javas zu tauschen, welcher der Diamant der Südsee ist. Ich machte für dich die Elemente des Aufstandes ausfindig, der dich zum König erheben wird. Ich stellte an deine Seite den Kern des Heere der Unzufriedenen, das deinen Ruhm und dein Glück machen kann. Ich deutete dir an, wie du das unterirdische Werk leiten könntest, bis zu dem Tag, an welchem die Holländer den Boden unter ihren Füßen durchwühlt erblicken und vergebens versuchen würden, zu fliehen, und dann unter den Trümmern versinken. Ist denn das alles nichts?«

»Es ist, so lange der Erfolg deine Versprechungen nicht gerechtfertigt hat, nichts als ein Traum.«

»Mag sein, aber diesen Traum werden wir verwirklichen.«

Thsermai machte eine Bewegung.

»Es wundert dich«, fuhr Noungal fort, »dass ich nach deinem versuchten Mordanfall noch geneigt bin, dir zu dienen? Nun wohl! Ich hege für die Menschen eine so tiefe Verachtung, dass ich ihre Gefühle in Beziehung auf mich geringschätze, mögen sie nun gut oder schlecht, freundschaftlich oder feindlich, sein. Es passt für meine Pläne, für den Hass, den ich vielleicht gleich dir in meinem Herzen nähre, die Vernichtung derer herbeizuführen, welche diese Insel besitzen und beherrschen. Rechne daher noch immer auf den Beistand Noungals. Zugleich aber habe ich mein eigenes Werk zu vollbringen und ich schreite demselben mit der Unwandelbarkeit entgegen, welche das Bewusstsein meiner Kraft mir verleiht. Versuche nie, ihm hemmend in den Weg zu treten, Thsermai, denn ungeachtet meines guten Willens für dich würdest du dabei zerschmettert werden, wie dieses Glas.«

Indem Noungal diese Worte sprach, stieß er einen Kristallbecher, der Sorbet enthalten hatte, vom Tisch, dass er am Boden in tausend Stücke zerbrach. »Du darfst mir glauben, Thsermai«, fuhr Noungal fort, »dass ich diese Bedaja nicht unter dem Einfluss einer eitlen Laune von dir verlange. Nein, die Zeit ist für mich verschwunden, wo die Leidenschaft mich zu dergleichen törichten Forderungen hinriss. Ich bin ebenso gleichgültig gegen den Zauber der schönen Augen, die dich wahnsinnig machen, wie gegen den Dunst, der auf dem Gipfel der Berge menschliche Gestalten annimmt und in welchem die Blicke der geblendeten Reisenden die Wesen höherer Art zu erkennen suchen, welche der Mensch in seinem Stolz zu Vermittlern zwischen sich und Gott macht. Nein, die, welche ich von dir erbitte, von dir fordere, von dir verlange, ist eines der Räder zu dem Werk, an welchem ich arbeite. Eher sollten alle Bedajas und alle Ranguns der ganzen Insel untergehen, als dass ich dieses Werk mißlingen sähe! Ich wiederhole dir also, hier ist die Hälfte des Ringes. Arroa gehört mir und ich will sie haben.«

»Nimm sie«, erwiderte Thsermai mit einem Ton, dessen Niedergeschlagenheit und Ergebung auffallend mit den wütenden Worten kontrastierten, durch welche er auf die ersten Forderungen Noungals geantwortet hatte, besonders aber mit der Handlung, die er zu vollbringen versuchte.

»Auf, sei ein Mann!«, nahm der Malaie wieder das Wort, »und weihe diesem Kummer nicht eine Träne, die einen viel höheren Wert hat.«

Als Thsermai über seine Wangen diese Träne rinnen ließ, statt sie zu trocknen, fuhr Noungal fort: »Obwohl dein Schmerz mir eines Mannes unwürdig erscheint, rührt er mich dennoch. Erst in einem Monat wird die Tochter Argalenkas mir zu meinen Plänen nützlich sein. Während dieser Zeit magst du sie in deinem Harem behalten. Erschöpfe, wenn du kannst, deine törichte Leidenschaft für sie. Ist aber dieser Monat verflossen, dann liefere sie aus, ohne eine Bemerkung zu machen, ohne dir den geringsten Widerstand zu erlauben. Übergib sie den Händen dessen, der dir in meinem Namen diesen halben Ring vorzeigen wird.«

»Ich danke dir, Noungal«, erwiderte Thsermai.

»Und du schwörst mir, zu tun, was ich verlange?«

»Ich schwöre es dir.«

»Nun gut, ich habe übrigens einen Bürgen dafür, dass du dein Versprechen halten wirst.«

»Welchen, Noungal?«

»Ich kenne deine Geheimnisse und du kennst die meinen nicht. Versuchst du Widerstand, wie du es heute tatest, so wird der Kolonialrat von dem unterrichtet, was an dem Sterbebett deines Vaters zwischen dem Doktor Basilius und dir vorgefallen ist.«

Thsermai schüttelte den Kopf.

»Glaubt mir, Noungal«, erwiderte er, »mein Wort ist mehr wert als deine eitlen Drohungen. Wie du das Geheimnis erfahren hast, auf welches du anspielst, ist nur dir und der Hölle bekannt, aber es würde dir sicher nicht viel nützen, denn du deine Anklage nicht auf Beweise stützen könntest.«

»Bah!«, sagte höhnisch lachend der Malaie, der Doktor Basilius war ein weiser, verständiger Mensch und ein zu geschickter Rechner, als dass er einen Schatz von diesem Wert hätte verloren gehen lassen. In einem Monat also, und jetzt lebe wohl, Thsermai.«

Indem der Malaie diese Worte sprach, sprang er durch den Wasserstrahl, welcher dem Eingang der Grotte als Vorhang diente. Während einer Sekunde schäumte der Wasserfall um ihn her und bedeckte seine Kleider mit einem feinen Schaum. Dann nahm er seinen gewöhnlichen Lauf wieder an. Durch seinen buntgefärbten Strahl konnte Thsermai sehen, wie Noungal sich durch einen der Gänge des Gartens entfernte. Aber der Javaner schien diese Entfernung nicht zu bemerken. Er war in Gedanken versunken.

»Wie könnte der Doktor Basilius Beweise eines Verbrechens hinterlassen haben, dessen Bestrafung ihn gleich mich getroffen haben würde?«, sagte er endlich zu sich selbst, »und hätte er sie hinterlassen, wie wären sie dann aus den Händen van der Beeks, seines Erben, in die Noungals gekommen? Dieser Malaie ist zu allem fähig«, fuhr er nach kurzem Schweigen fort. »Doch gleich viel, ich muss jedenfalls van der Beek wiedersehen.«

Dann tat er mit der Klinge seines Kris einen Schlag auf einen Gong, der sich in seinem Bereich befand. Auf dieses Zeichen hörte das Wasser wie durch Zaubergewalt zu strömen auf, und einer der Diener Thsermais erschien am Eingang der Grotte.

»Bringe Arroa und meinen schwarzen Panther her«, sagte Thsermai.

Einige Minuten später kam ein prachtvolles Tier mit schwarzem Fell und topasfarbigen Augen, leicht und anmutig in seinen Bewegungen, wie eine junge Katze, doch fürchterlich in seinem Schein der Sanftmut und Schmeichelei, auf seinen Herrn zugesprungen. Arroa, die gelbe Bedaja, erschien, schön und lachend, im Eingang der Grotte, dessen nasser Vorhang hinter ihr niedersank, sobald sie eingetreten war.

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