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Abenteuer des Captains Bonneville 11

Washington Irving
Abenteuer des Captains Bonneville
oder: Szenen jenseits der Felsengebirge des fernen Westens
Verlag von J. D. Sauerländer. Frankfurt am Main, 1837

Zehntes Kapitel

Blackfeet in der Pferde-Prairie. Aufsuchung der Jäger. Schwierigkeiten und Gefahren. Eine Kartenpartie in der Wildnis. Die unterbrochene Kartenpartie. Old Sledge, ein verderbliches Spiel. Besuch im Lager. Irokesische Jäger. Lappohren-Indianer.

Am 12. Oktober kamen zwei junge Indianer vom Stamm der Nez Percé im Lager des Captains Bonneville an. Sie befanden sich auf ihrem Weg heimwärts, waren aber durch den tiefen Schnee genötigt worden, von ihrem gewöhnlichen Weg durch die Gebirge abzuweichen.

Ihr neuer Weg führte sie durch die Pferde-Prärie. Als sie über dieselbe kamen, zog sie der Rauch eines fernen Lagerfeuers an. Als sie sich in die Nähe schlichen, um die Ursache desselben zu erspähen, entdeckten sie eine Kriegstruppe der Blackfeet. Letztere hatten mehrere Pferde bei sich. Da sie aber auf ihren kriegerischen Ausflügen gewöhnlich zu Fuß marschieren, so hatten die Nez Percé daraus geschlossen, dass sie solche auf ihrem Zug geraubt haben müssten.

Diese Nachricht erregte Besorgnisse beim Captain Bonneville für seine, in jene Gegend abgeschickte Jagdpartie. Die Nez Percé schüttelten, als sie davon unterrichtet wurden, die Köpfe und äußerten ihre Meinung dahin, dass die Pferde, die sie gesehen hatten, eben dieser Partie gestohlen worden wären.

Ängstlich besorgt, hierüber etwas Näheres in Erfahrung zu bringen, schickte Captain Bonneville zwei Jäger ab, um das Land in jener Richtung zu durchstreifen. Sie suchten vergeblich. Es konnte keine Spur von Menschen gefunden werden. Sie waren in eine von Wildbret entblößte Gegend geraten, in der sie beinahe verhungerten. Einmal befanden sie sich drei Tage lang, ohne einen Bissen Nahrung zu sich zu nehmen.

Endlich sahen sie einen Büffel am Fuß eines Berges grasen. Nachdem sie so manövriert hatten, dass sie ihn in Schussweite brachten, feuerten sie ab, schossen ihn aber nur an. Er nahm die Flucht und sie folgten ihm über Tal und Hügel mit der Begierde und der Beharrlichkeit darbender Menschen. Ein glücklicherer Schuss streckte ihn zu Boden. Stanfield sprang auf ihn, stieß ihm sein Messer in die Kehle und stillte seinen wütenden Hunger, indem er das Blut trank.

Es wurde neben dem abgezogenen Ochsen sogleich ein Feuer angezündet, an dem die beiden Jäger kochten, aßen und wieder aßen, bis sie vollkommen gesättigt vor ihrem Jagdfeuer einschliefen.

Am folgenden Morgen standen sie früh auf, nahmen noch eine zweite tüchtige Mahlzeit zu sich und kehrten, nachdem sie sich wohl mit Büffelfleisch versehen hatten, zum Lager zurück, um über die Fruchtlosigkeit ihrer Sendung Bericht abzustatten. Endlich erschienen die Jäger nach einer sechswöchentlichen Abwesenheit und wurden mit einer Freude empfangen, die den ihretwegen gehegten Besorgnissen angemessen war. Sie hatten eine glückliche Jagd auf der Prärie gehalten. Während sie beschäftigt waren, Büffelfleisch zu trocknen, gesellten sich einige von panischem Schrecken ergriffene Flathead zu ihnen, die sie benachrichtigten, dass eine mächtige Gruppe von Blackfeet in der Nähe sei. Die Jäger verließen sogleich ihr gefährliches Jagdrevier und begleiteten die Flathead zu ihrem Dorf. Hier fanden sie Herrn Cerré und die Jägerabteilung, die mit ihm abgeschickt worden war, um die Nez Percé auf ihrem Jagdzug zu begleiten.

Nachdem sie so lange in dem Dorfe geblieben waren, dass sie die Entfernung der Blackfeet aus der Umgegend vermuten konnten, brachen sie mit einigen von Herrn Cerrés Leuten zum Winterquartier am Salmon River auf, wo sie ohne widrigen Zufall ankamen. Sie benachrichtigten den Captain Bonneville jedoch, dass sie nicht weit von seinem Lager einen Reisesack mit frischem Fleisch und einem Seil gefunden hätten, wovon sie vermuteten, dass sie von irgendeinem, auf den Raub ausgegangenen Blackfeet verloren worden seien. Einige Tage danach kam Herr Cerré mit dem Rest seiner Leute ebenfalls im Winterquartier an.

Herr Walker, einer der Unteranführer, der mit einer Gruppe von zwanzig Jägern abgegangen war, um das Land gerade oberhalb der Pferde-Prärie zu durchstreifen, hatte gleichfalls seinen Anteil von Abenteuern mit den überall umherstreifenden Blackfeet bestanden. An einem seiner Lagerplätze war die um das Lager aufgestellte Wache in Erfüllung ihrer Pflicht nachlässig gewesen. Da sie sich auf diesen Prärien zu sicher und zu heimisch fühlten, so begaben sie sich in ein kleines Weidengehölz, um sich mit einem geselligen Kartenspiel zu unterhalten, das Old Sledge genannt wird und unter diesen Wanderern der Prärien so bekannt ist wie Whist oder Ecarté in den gebildeten Gesellschaften der Städte.

Mitten in ihrem Spiel wurden sie plötzlich durch eine Salve von Feuergewehren und gellendes Kriegsgeschrei aufgeschreckt. Indem sie sich plötzlich aufrafften und ihre Büchsen ergriffen, sahen sie zu ihrem Schrecken ihre Pferde und Maultiere bereits im Besitz ihres Feindes, der sich unvermerkt in das Lager geschlichen hatte, während sie der Zauber von Old Sledge gefesselt hielt. Die Indianer schwangen sich auf die ungesattelten Pferde und versuchten sie unter einem Kugelregen wegzuführen, der seine Wirkung tat. Durch das Getümmel jedoch scheu gemacht, wollten die Maultiere ihre Reiter nicht auf sich leiden, schlugen hinten aus und setzten die Hälfte, trotz ihrer Geschicklichkeit im Reiten, ab. Dies brachte die Übrigen in Unordnung, sie bemühten sich, ihre abgeworfenen Kameraden vor dem wütenden Angriff der Weißen zu schützen, allein nach einer sehr tumultvollen Szene wurden Pferde und Maultiere verlassen und die Indianer zogen sich in die Büsche zurück. Hier kratzten sie ungefähr zwei Fuß tiefe Löcher in die Erde, in welche sie sich der Länge nach niederlegten, und, so geschützt vor den Schüssen der weißen Männer, von ihren Bogen, Pfeilen und Flinten einen solchen Gebrauch machten, dass sie die Angreifenden zurücktrieben und ihren Rückzug bewerkstelligen konnten. Dieses Abenteuer brachte das Old-Sledge-Spiel eine Zeitlang in Verruf.

In dem Laufe des Herbstes erschienen im Winterlager, durch den Schnee von ihren Jagdrevieren vertrieben, vier irokesische Jäger. Sie wurden in demselben freundlich aufgenommen und machten sich während ihres Aufenthaltes auf mannigfaltige Weise nützlich, da sie vortreffliche Trapper und jedenfalls sehr vorzügliche Schützen waren. Sie waren der Überrest einer Partie irokesischer Jäger, die im Dienst der Hudson’s Bay Company viele Jahre vorher aus Canada in diese Gebirgsgegend gekommen waren. Sie wurden von einem braven Häuptling, namens Pierre, angeführt, der durch die Hände der Blackfeet in jenem verhängnisvollen Tal fiel, und Pierre’s Hole seinen Namen gab.

Dieser Zweig des irokesischen Stammes ist seit jener Zeit in diesen Gebirgen in tödlicher Feindschaft mit den Blackfeet geblieben. Sie haben viele von ihren vorzüglichen Jägern in ihren Streitigkeiten mit dieser wilden Horde verloren. Einige von ihnen kamen mit General Ashley im Laufe seiner mutigen Ausflüge in die Wildnis zusammen und sind seitdem im Dienst der Compagnie geblieben.

Unter den vielerlei Gästen, die im Winterlager des Captain Bonneville eintrafen, befand sich auch eine Partie Pend dOreille (Lappohren) und ihr Häuptling. Diese Indianer haben eine sehr große Ähnlichkeit in Charakter und Sitten mit den Nez Percé. Sie belaufen sich auf ungefähr dreihundert Zelthütten, sind gut bewaffnet, und besitzen eine große Anzahl Pferde. Während des Frühlings, Sommers und Herbstes jagen sie Büffel, um die Quellen des Missouri, am Henrys Fork, ein Nebenfluss des Snake River, und den nördlichen Armen des Salmon River. Ihre Winterlager befinden sich am Racine Amère, wo sie von Wurzeln und getrocknetem Büffelfleisch leben. An diesem Fluss hat die Hudson’s Bay Company einen Handelsposten angelegt, wohin die Pend dOreille und die Flathead ihre Pelzwaren bringen, um sie gegen Waffen, Kleider und Spielzeug einzutauschen.

Dieser Stamm zeigt, gleich den Nez Percé, einen besonders starken, natürlichen, Hang zur Frömmigkeit. Ihre Religion ist nicht eine bloß abergläubige Furcht wie die der meisten Wilden. Sie zeigen abstrakte Begriffe von Moralität, eine tiefe Verehrung für einen alles regierenden Geist und Achtung für die Rechte ihrer Mitmenschen. In gewisser Hinsicht hat ihre Religion etwas von der friedlichen Lehre der Quäker. Sie halten dafür, dass der große Geist Missfallen an allen Nationen habe, die sich leichtfertig in einen Krieg einlassen. Sie enthalten sich demnach aller feindlichen Angriffe.

Ob sie gleich auf diese Weise sehr friedfertig in ihrer Politik sind, so werden sie doch beständig durch die Umstände aufgefordert, einen Verteidigungskrieg, vorzüglich gegen die Blackfeet, zu führen, mit welchen sie, im Laufe ihrer Jagdzüge, sehr häufig in unangenehme Berührung kommen, und verzweifelte Gefechte zu bestehen haben. Ihr Benehmen als Krieger ist ohne Furcht und Tadel, und sie können nicht dahin gebracht werden, ihre Jagdreviere zu verlassen. Gleich den meisten Wilden glauben sie fest an Träume und an die Macht und Wirksamkeit von Zaubereien und Amuletten oder Medizinen, wie sie sie nennen. Auch glauben sie von einigen ihrer tapferen Krieger, die mehrmals großen Gefahren entgingen, gleich dem Häuptling der Nez Percé im Treffen in Pierre’s Hole, dass ihr Leben durch einen Zauber geschützt, und sie kugelfest seien. Von diesen so begünstigten Wesen werden wunderbare Anekdoten erzählt, welche von ihren wilden Mitbrüdern fest geglaubt werden, und denen bisweilen die weißen Jäger beinahe beipflichten.

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