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Der Alte vom Berge – Kapitel 8

C. F. Fröhlich
Der Alte vom Berge
Oder: Taten und Schicksale des tapferen Templers Hogo von Maltitz und seiner geliebten Mirza
Ein Gemälde aus den Zeiten der Kreuzzüge
Nordhausen, bei Ernst Friedrich Fürst, 1828

VIII.

Die eherne Trompete schmetterte. Hugo von Maltiz schwang sich mit hundert Templern und zweihundert Turkopolen auf die unruhig scharrenden Rosse. Seine Kommandopfeife ertönte. Der Zug setzte sich in Bewegung, an welchen sich noch fünfzig Waffenträger anschlossen.

Der Turkopolier hatte sich wieder auf die Veste Sarazin begeben. Hugo hatte so großmütig gehandelt, dass er dem Großmeister nichts verriet, denn sicher wäre dann sein Feind eingemauert worden, eine Strafe, die schon oft den Übertreter der Gesetze zuerkannt worden war.

Auf dem Weg von hier bis zur Veste Sarazin zerstreute Hugo mit seinen Brüdern einige Abteilungen der Sarazenen, wobei fast 200 Mann gefangen wurden. Der Komtur empfing den Jüngling recht freundschaftlich und erwähnte kein Wort über den Ring.

Die Ritter versahen sich hier mit Lebensmitteln und ließen sämtlich ihre Pferde zurück, weil diese bei der Wohnung des Alten nicht zu gebrauchen waren. Durch die schweren Rüstungen wurde der Marsch sehr verzögert. Erst nach vielen Hindernissen kamen die christlichen Streiter am Fuß des Libanons an. Hugo hielt sowohl eine Rede an seine Brüder als auch an die Turkopolen und ermahnte sie zu siegen oder zu sterben, um einst in das Paradies Jesu zu kommen. Ein allgemeiner freudiger Ausruf war die Antwort.

Obwohl die Sonne schon im Scheiden begriffen war, so wurde dennoch der Marsch zum Berg angefangen, welcher aber durch die Rüstungen der Ritter von ihnen kaum erstiegen werden konnte. Voran eilten also auf Hugos Befehl die jungen mutigen Turkopolen. Kein Feind ließ sich jedoch blicken. Vor Ermattung fast niederstürzend befahl Hugo endlich Halt zu machen und auf den harten Felsen das Lager aufzuschlagen. Die Turkopolen wurden in allen Richtungen als Wachen ausgestellt, weil ein Überfall des Feindes möglich und hier für die Ritter äußerst gefährlich werden konnte. Hugo selbst durchwachte fast die ganze Nacht und kontrollierte die Posten.

Am frühen Morgen setzte der Zug wieder das Klettern fort und erreichte am Mittag die einsame Höhle des Alten. Kein Mensch ließ sich blicken. Hugo selbst schritt mit klopfendem Herzen auf die Höhle zu. Drei Turkopolier folgten ihm.

»Seht«, sprach er zu ihnen, »als ich auf diesen Stein trat, so sank ich in eine schreckliche Tiefe.«

Vom Jugendmut getrieben sprang ein Turkopolier darauf, worauf sogleich der Stein pfeilschnell niedersank.

Man untersuchte die Höhle, wo alles deutlich zeigte, dass sie erst vor wenigen Tagen verlassen worden war. Auch den Eingang fand man bald zu Hugos ehemaligem Gefängnis. Man eilte dahin, um den Turkopolen zu befreien, aber tot lag er am Boden. Beim Fallen hatte er den Kopf an den Felsen gänzlich zerschmettert.

Vergebens war jede Bemühung, ihn ins Leben wieder zurückzurufen. Nach den gebräuchlichen Zeremonien wurde er begraben und ein Felsenstück auf seinen Körper gewälzt.

Der aufgepflanzte Halbmond vor der Höhle wurde weggerissen und an dessen Stelle das heilige Kreuz gesetzt.

Nur mit Schaudern betrachteten die christlichen Streiter diese wilde und schreckliche Gegend, aber unserem Helden Hugo kam es hier recht heimisch vor, weil hier eine Mirza gewohnt hatte. Ihr Bild und die Worte Denke mein! waren mit Flammenschrift in sein Herz gegraben. Gern hätte er hier einige Tage verweilt, wenn die Zeit nicht kostbar gewesen wäre, denn nur auf höchstens drei Tage hatte man noch Lebensmittel. Wasser war hier auf diesen Felsen auch selten, weshalb Hugo mit Zustimmung der ältesten Ritter den Turkopolen den Auftrag gab, nördlich des Berges alle Felsen zu untersuchen, um womöglich den Alten zu finden. Er selbst wollte langsam nachrücken.

Da der Weg kaum unmerklich in die Höhe führte, so wurde der Marsch auch schneller fortgesetzt. Mit Erstaunen erblickte Hugo bald jene Felsen, von welchen er sich durch den Federsack beschützt herabgestürzt hatte. Aus tiefer Brust seufzte er den Namen seiner Retterin und trennte sich nur langsam von dieser Stelle.

Der Abend erschien, ohne dass die Templer einen Feind erblickt hätten. Auf einem felsigen, aber doch ziemlich gleichen Platz wurde eben Halt gemacht, als von allen Seiten Turkopolen mit der Meldung herbeieilten, dass wohl tausend Feinde, mit einem großen hageren Mann an der Spitze, näher rückten. Die ermüdeten christlichen Streiter mussten zu den Waffen greifen. Hier galt es, Sieg oder Tod. Flucht war unmöglich.

Hugo ordnete sogleich die Schar in vier Abteilungen. Der rechte und linke Flügel sowie die Reserve bildeten die Templer und das Zentrum die begeisterten Turkopolen.

Der Abendstern funkelte bereits hell und klar am Firmament, als der Feind erschien und sich ruhig lagerte. Hugo wollte mit seinen erschöpften Streitern den Angriff heute nicht mehr wagen und verschob ihn also auf den nächsten Tag.

Noch zogen finstere Nebel in den Tälern umher, als schon im sarazenischen Lager Gottesdienst gehalten wurde. Mit Erstaunen sahen die Christen, dass der Alte vom Berge außer dreihundert Assassinen noch sechshundert tüchtige Kämpfer hatte, und hielten ihren Untergang für gewiss. Auch sie stärkten sich durch Gebete und schlugen dann freudig an die Schwerter.

Kampflustig und kampffertig standen bereits die Scharen gegeneinander, als ein Assassine mit einer weißen Fahne erschien.

»Der erleuchtete große Mann dieser Berge«, begann er, »lässt Euch durch mich Leben, Freiheit und große Güter anbieten, wenn ihr den Glauben des wahren Propheten annehmen wollt!«

»Sage dem Alten«, entgegnete Hugo, »wir wollten siegen oder sterben!«

Mit dem Geschrei Y Allah Sarrazin stürzten die Feinde auf das kleine christliche Heer.

Der Andrang der Feinde war heftig, Turkopolen und Assassinen fochten miteinander wie Tiger und Löwen. Beide Parteien belebte der Glaube zu den kühnsten Taten. Aber nicht minder furchtbar war der Kampf der Templer mit dem fast vierfachmächtigeren Feinde. Hugo war an den gefährlichsten Stellen und ermunterte durch Wort und Beispiel seine Brüder zum flammendsten Mut.

Das Gefecht dauerte wohl bereits eine Stunde, als Hugo den Alten auf einem nahen Hügel erblickte. Sogleich eilte er mit einem Teil der Reserve dahin. Aber leider konnte er in der schweren Rüstung den steilen Hügel nicht ersteigen. Der Alte lachte herab. Hugo entriss einem Waffenträger die Armbrust, zielte, schoss und traf den Alten so hart auf die Brust, dass er heulend zur Erde stürzte. Assassinen und Sarazenen eilten herbei, trieben Hugo mit seinen Begleitern zurück, erstiegen den Hügel und brachten den Alten herab.

In Abwesenheit Hugos waren seine Brüder zurückgewichen. Sein Kommandoruf ermunterte alle wieder. Die sämtlichen Turkopolen lagen mit einer gleichen Anzahl Assassinen tot auf dem Wahlplatz. Durch die Reserve und Waffenträger bildete er ein neues Zentrum und trieb die Feinde zurück.

Die letzte Kraft rang mit der Verzweiflung. Als aber die Kunde sich verbreitete, der erleuchtete Alte ist tot oder verwundet, da ergriff die Sarazenen ein Grausen. Sie gaben alle Hoffnung zum Sieg auf und flohen. Die wenigen Assassinen, welche noch wie Verzweifelte stritten, rief ein Befehl des Alten zurück.

Unmöglich war es jedoch, den Feind zu verfolgen. Fast alle Ritter waren verwundet und fast die Hälfte tot. Die feurigen Turkopolen deckten mit ihren Körpern den Wahlplatz. Hin und wieder sah man noch einen Turkopolen mit einem Assassinen, die beide eine gewisse Beute des Todes waren, miteinander ringen. Von den 350 christlichen Streitern blieben mit Einschluss der Verwundeten nicht mehr als höchstens 90 Mann übrig.

Bei einem nahen Felsen stand noch ein sarazenischer Krieger auf sein Schwert gestützt, der unverwandt zum Anführer blickte. Hugo gewahrte dies kaum, so schritt er auf den feindlichen Krieger zu, ohne nur das Schwert zu ziehen.

»Entferne dich!«, schrie er ihm in gebietendem Ton zu.

Der Sarazene aber entgegnete mit klagender Stimme: »Warum hast du dies getan?« er zeigte nach dem Hügel, wo Hugo den Alten mit dem Bolzen erschossen hatte. Die Gesichtszüge des Kriegers schienen ihm bekannt, er wollte nähertreten, aber er winkte zurück, zu bleiben und floh.

»Gott, dies war meine Mirza!«, schrie Hugo und starrte der Fliehenden nach.

Die Beute, welche gemacht wurde, war sehr bedeutend, denn die Sarazenen stammten aus den reichsten Familien ab und hatten auf einen gewissen Sieg gerechnet.

So ermattet und so gefahrvoll auch die Lage des kleinen Häufleins der Christen war, so beerdigten sie doch ihre gefallenen Brüder, welches in diesen Felsenmassen kein geringes Unternehmen war.

Aus Vorsicht wählte der erfahrene Hugo einen solchen Lagerplatz, wo ein Angriff des Feindes unmöglich war. Obwohl heute der geringste Kämpfer wie ein Held gestritten hatte, so schallte doch aus jedem Mund Hugos Lob laut, ohne dessen Anführung der Sieg unmöglich schien.

Kein Feind ließ sich jedoch blicken. Ungehindert erreichten die Templer das flache Land. Die Schwerverwundeten wurden von ihren Brüdern getragen, wodurch der Marsch nur langsam fortgesetzt werden konnte. Von einem aufgefangenen Sarazenen erfuhr man, dass der Alte vom Berge zwar schwer verwundet sei, aber doch den Befehl gegeben habe, das Häuflein der Christen zu verfolgen und zu vernichten.

Der Sarazene musste nun als Wegweiser dienen, wofür man ihm seine Freiheit versprach, wenn man in den Besitzungen der Christen angekommen sei. Der Sarazene gelobte sein Möglichstes zu tun und führte die Schaar auf Umwegen glücklich bis in die Nähe Jerusalems, wo er auch seine Freiheit wieder erhielt.

Von hier aus schickte Hugo einige Waffenträger zur Veste Sarazin, welche die Pferde dort abholen mussten.

Traurig und still, denn der Zweck der Sendung war nicht ganz erfüllt, weil der Alte weder gefangen noch getötet war, zog die Schar im Tempelhof wieder ein.

Der Drapier stürzte sogleich herbei indem er schrie: »Habt Ihr den verhassten Alten gefangen oder getötet?«

»Keins von beiden«, entgegnete Hugo, »nur verwundet ist der Alte.«

»Also wirklich verwundet«, jauchzte jener, »schwer oder leicht, und wer tat es?« »Ich, Herr Drapier«, erwiderte Hugo, worauf ihn jener freudig umarmte. Ein dienender Bruder brachte ihm den Befehl, sogleich beim Großmeister zu erscheinen. Mit unfreundlicher Miene fragte ihn der Großmeister bei seinem Eintritt: »Wo sind die übrigen Ritter und Turkopolen?«

»Auf dem Libanon begraben«, entgegnete Hugo gelassen.

»Warum ließet Ihr Euch in ein Treffen ein, wo der Orden so viele tapfere Streiter einbüßen musste?«, fragte er heftig.

»Warum?«, wiederholte Hugo spöttisch. »Eine sonderbare Frage von Euch, Hochwürdigster. Bei uns hieß es, Sieg oder Tod!«

»Und wer blieb Sieger? Wie steht es mit dem Alten?«, fragte er heftig.

»Wir besiegten den dreifach stärkeren Feind und verwundeten den Alten mit einem Bolzen, weshalb er jetzt hart darnieder liegen soll«, entgegnete Hugo.

»Habt ihr Beute gemacht?«, fragte der Examinator weiter.

»Ja«, antwortete der Befragte kurz.

Nachdenkend schritt der Großmeister im Zimmer umher, warf zuweilen einen betrübten Blick in den Tempelhof und schüttelte das ergraute Haupt. Plötzlich wendete er sich zu Hugo. »Geht in Eure Zelle«, befahl er, »und bleibt dort so lange, bis ich Euch rufen lasse. Ich werde die übrigen Brüder fragen, ob der Kampf nicht zu vermeiden war.«

»Undankbarer Orden«, klagte Hugo in der Zelle ankommend, »vielleicht harrt also meiner noch harte Strafe, wenn die Brüder aussagen, der Kampf hätte vermieden werden können! Aber nein! Dies können und werden sie nicht.«

Sein Freund Hunfred erschien mit tränenden Augen über den Verlust so manches Braven und äußerte, dass hier eine allgemeine Trauer herrsche, weil oft in der größten Schlacht der Orden nicht so viele Leute verloren habe. Der Großmeister habe bereits ein scharfes Examen angestellt und sei voller Verzweiflung, doch habe der Anblick der Beute ihn wieder etwas freundlicher gemacht.

»Die Häupter des Ordens versammeln sich eben beim Großmeister«, sagte Hunfred am anderen Tag zu seinem Freunde, »ich mutmaße, dies bedeutet etwas Gutes für dich.«

»Bei Gott, Strafe verdiene ich auch nicht«, entgegnete er feierlich, »denn ich bin am Tod der Brüder nicht schuld!«

Gleich darauf berief ihn ein dienender Bruder zum Großmeister. Da ihn sein Gewissen frei von aller Schuld sprach, so erschien er ruhig in dem Gemach, sich freundlich verneigend.

»Hugo von Maltiz«, begann der Großmeister mit feierlicher Miene, »die Stimmen Eurer Gefährten haben zu Eurem Besten entschieden, denn wegen der schweren Rüstungen konntet ihr nicht entfliehen und der Zweck der Sendung war den Alten aufzusuchen. Ihr habt tapfer gestritten und abermals bewiesen, dass Ihr zum Anführer geboren seid. Mit Zustimmung der hier anwesenden Häupter des Ordens ernenne ich Euch zum Pannerer. Aus Anerkennung so mancher Verdienste nehmt diese silberne Kette von mir.«

»Ihr belohnt mich überschwänglich«, entgegnete er verwirrt, während ihm der Großmeister die Kette umhing.

»Ihr habt diese Kette redlich verdient«, sagte ein alter Komtur und reichte ihm recht vertraulich die Hand.

»Vor einigen Stunden«, fuhr der Großmeister fort, »habe ich ein Schreiben aus Damaskus erhalten, worin mir gemeldet wird, dass einige wichtige Personen nach Kahira reisen würden. Euch und diesem Komtur ernenne ich zu Anführern dieser Expedition. Eilt nach Joppe, dort liegen zwei segelfertige Galeoten im Hafen. Bewacht sorgfältig die Gegend, damit uns jene wichtigen Personen nicht entwischen. 60 Ritter und ebenso viel Waffenträger werden hinreichend sein.«

»Ich werde wachsam und vorsichtig auf jedes Fahrzeug sein«, entgegnete Hugo, »denn Eure Zufriedenheit zu erlangen und dem Orden keine Schande zu machen, sind meine höchsten Wünsche.«

»Und ich will in Stunden der Gefahr«, meinte der Komtur, »den wilden Ungestüm der Jugend zu mildern suchen.«

»Geht mit Gott«, sagte der Großmeister gerührt, »die Wahl der Gefährten überlasse ich Euch.«

Freudig stürzte Hugo seinem Freund Hunfred in die Arme. »Bruder«, jauchzte er, »du musst mich begleiten, es geht in die See!«

»Gern«, meinte jener, »wenn mir der Großmeister die Erlaubnis erteilt.«

»Die erteile ich dir«, entgegnete Hugo mit Würde.

Geschäftig eilten Ritter und Waffenträger im Tempelhof umher, als ein schöner schlanker Jüngling in der gewöhnlichen Kleidung der Waffenträger in Hugos Zelle trat. Hugo war erstaunt über die Schönheit des Jünglings und erinnerte sich recht gut, ihn schon irgendwo gesehen zu haben.

»Verzeiht, tapferer Ritter«, sprach der Eintretende schüchtern, »wenn ich Euch stören sollte. Ich wünschte Waffenträger zu werden, und am liebsten der Eure, denn Eure vielen großherzigen Taten habe auch ich erfahren.«

»Aus welchem Land bist du?«, fragte Hugo.

»In Griechenland erblickte ich das Licht der Welt«, antwortete er sehr schüchtern.

»Kannst Du aber eine schwere Lanze tragen und die Strapazen des Krieges aushalten?«, fragte jener.

»Ich kann es gewiss«, rief der Waffenträger mit Begeisterung, »und werde durch Euch gewiss auch zum Helden!«

Hugo lächelte und befahl ihm zum Großmeister zu gehen, um erst den Schwur der Treue und des Gehorsams abzulegen. Begleitet von der auserwählten Schar eilten Hugo, der Pannerer, und der Komtur der Seestadt Joppe zu.

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