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Die Gespenster – Zweiter Teil – Neununddreißigste Erzählung

Die Gespenster
Kurze Erzählungen aus dem Reich der Wahrheit von Samuel Christoph Wagener
Allen guten Schwärmern, welchen es mit dem Bekämpfen und Ablegen beunruhigender Vorurteile in Absicht des Geisterwesens ernst ist, liebevoll gewidmet von dem Erzähler Friedrich Maurer aus dem Jahr 1798
Zweiter Teil

Neununddreißigste Erzählung

Die Erscheinung eines im Suckowschen Garten vor Heidelberg heimlich Beerdigten

Die Herausgeber des Neuen Hannoverschen Magazins haben sich das unsterbliche Verdienst erworben, nachfolgende höchst wunderbare Geistergeschichte aufgenommen und der Vergessenheit auf immer entrissen zu haben.

Der als Arzt, Naturkundiger und Lehrer so bekannte Hofrat und Professor Herr Suckow zu Heidelberg hatte in einer etwas abgelegenen und romantischen Gegend ein niedliches Gartenhaus, wo er den größten Teil des Sommers zuzubringen pflegte. Hier bemerkte er einen Kandidaten der Gottesgelehrtheit, der tätlich einsam und traurig vor seinem Garten vorbeiging und die umliegende stille Gegend besuchte. Das misanthropische Wesen dieses jungen Mannes, der Kummer und die Schwermut, die auf seinem Gesicht sich zeigten, machten Herrn Suckow auf ihn aufmerksam. In der Hoffnung, die Ursache seines Kummers zu erfahren, um ihn entweder durch Arzneimittel oder durch Einführung in muntere Gesellschaften und Wiederaussöhnung mit dem Menschengeschlecht von seiner düsteren Melancholie zu heilen, ließ er ihn eines Tages zu sich auf einen Kaffee zu seinem Gartenhaus hinausbitten.

Nach langer Weigerung nahm er die Einladung an. Anstatt aber beim Eintritt in den Garten durch den Hauptweg gerade auf das Gartenhaus zuzugehen, wendete er sich hastig und mit einer gewissen Ängstlichkeit zur Linken. Indem er seine unverwandten Blicke auf einen in der Mitte des Gartens stehenden Birnbaum heftete, eilte er zitternd durch einen Nebenweg zu Herrn Suckow. Dieser empfing ihn auf die herzlichste und freundschaftlichste Art, fragte ihn aber endlich, warum er, statt den geraden Weg zu gehen, jenen Umweg genommen habe.

»Ich wüsste«, stotterte er, »keinen anderen Grund anzuführen, als meine Laune, die mich eher jenen, als diesen Weg einschlagen hieß.«

Beim Fortgehen wollte der junge Mann den gewöhnlichen Weg nehmen; aber er bebte plötzlich zurück und eilte mit sichtbarer Angst wiederum auf dem Nebenweg aus dem Garten hinaus.

Den anderen Tag bat Herr Suckow diesen rätselhaften Mann nochmals zu sich. Beim Eintritt in den Garten ereignete sich alles wie zuvor. Herr Hofrat Suckow und einige seiner Freunde, die noch bei demselben waren, drangen nun heftiger auf den jungen Mann ein, um die Ursache dieses sonderbaren Benehmens zu erfahren. Endlich bekannte ihnen der Schwärmer, dass er eine fürchterlich große und schreckliche Gestalt an dem in der Mitten des Gartens stehenden Baum erblicke und dieser schauerhafte Anblick allein ihn hindere, den großen Weg zu halten. Der Hofrat und seine Freunde sahen nichts und hielten demnach die Gestalt für ein bloßes Gebilde einer kranken Einbildungskraft. Mit Gewalt wollten sie nun den Kandidaten zum Baum führen, um ihn vom Nichtdasein jener Gestalt zu überzeugen. Je näher sie ihn aber dem Baum brachten, desto größer wurde sein Schrecken. Er fiel in Ohnmacht und bekam Anwandlungen von der Fallsucht. Man führte ihn nun in das Gartenhaus zurück. Sobald der Kranke sich etwas erholt hatte, versicherte er, je näher man ihn dem Baum gebracht habe, desto schrecklicher hätten der Gestalt die Augen gefunkelt, und desto unerträglicher wäre ihm ihr Anblick geworden.

Um auch nicht den geringsten Umstand außer Acht zu lassen, der ihm etwa über diese sonderbare Erscheinung einen Aufschluss geben könnte, ließ der Hofrat noch in derselben Nacht am Fuß des Birnbaumes heimlich graben. Wie groß war sein Erstaunen, als er in einer Tiefe von 4 Fuß auf ein außerordentliches großes Gerippe, welches schon sehr vermodert war, stieß. Er wollte dasselbe in sein Haus bringen lassen. Hierin widersetzte sich ihm aber seine Mutter. Die zwei Graber, welche das Gerippe auf den Kirchhof hatten tragen sollen, warfen dasselbe aus Angst in den Neckar, sodass man am Morgen keine Spur mehr davon bemerkte. Herr Hofrat Suckow ließ das Loch sorgfältig schließen und lud den Kandidaten zu sich in den Garten ein. Er kam. Anstatt wie das vorherige Mal ängstlich einen Nebenweg einzuschlagen, ging er nun ganz vergnügt und gelassen durch den großen Weg und erzählte seinem Wirt mit frohem Erstaunen, die Gestalt wäre verschwunden. Er erblicke sie nicht mehr.

Da dieser junge Mensch, als er jene fürchterliche Gestalt gesehen zu haben behauptete, weder das Geringste von dem unter dem Birnbaum beerdigten Gerippe wusste noch auch zu der Zeit, wie er sagte, dass die Schreckgestalt verschwunden wäre, erfahren hatte, dass man das Gerippe bereits ausgegraben habe, so scheint diese Geschichte allerdings einer näheren kritischen psychologischen Betrachtung wert zu sein. So weit Herr. v. N. im Hannoverischen Magazin.

Diejenigen meiner Leser, welchen der Reichsanzeiger nicht zu Gesicht kommt, werden hier zum Teil denken: Nun, auch diese höchst wunderbare Erzählung sollte eines Aufschlusses und einer Enträtselung fähig sein, die auch nicht das gerinste Wunderbare mehr übrig ließe? Ja! Gerade derjenige, welcher von dem ganzen Hergang der Sache natürlicherweise am besten unterrichtet sein musste – Herr Hofrat und Professor Suckow zu Heidelberg selbst – klärt uns unter dem 12. Februar 1797 das herrschende Dunkel völlig auf. Er macht nämlich in der 51. Nummer des Reichsanzeigers vom Jahre 1797 der ganzen Welt öffentlich bekannt, dass vorstehende in dem Neuen Hannoverischen Magazin abgedruckte Wundergeschichte von einem offenbar wahnsinnigen Menschen herrühre. Da verschieden Leser jenes Magazins bei ihm angefragt hätten, ob und wie viel Wahres an der abenteuerlichen Erzählung sei, so diene ihnen zur Nachricht, dass weder ihm, dem Herrn Hofrat selbst, noch auch den seinen das Geringste von einem solchen Vorgang bekannt und die ganze mit so vieler Unverschämtheit erdichtete Erzählung nichts mehr und nichts weniger als die Ausgeburt eines irren Verstandes sei.

Aber wie ist es möglich, dass der oder vielmehr die Herausgeber des Neuen Hannoverischen Magazins dem Publikum als denkend und wahrheitsliebend bekannt, ihre nützliche Schrift durch jenes handgreiflich erdichtete und den Aberglauben so offenbar nährende Märchen entehren konnten.

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