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Rübezahl, der Herr des Gebirges – Folge 34

Rübezahl, der Herr des Gebirges
Volkssagen aus dem Riesengebirge
Für Jung und Alt erzählt vom Kräuterklauber
Verlag Carl Gustav Naumann, Leipzig, 1845

34. Wie Rübezahl vier übermütige Musterreiter straft.

Manchmal hatte sich einer wirklich über Rübezahl ärgern können, wenn man sah, wie wenig er mit der Welt bekannt war. So saß er eines Tages oben auf dem Grubenstein, der von ihm Rübezahls Kanzel genannt wird, und sah hinunter auf die Welt und dachte an das und jenes. Da kamen an ihn heran drei Reisende, so sich das Gebirge besehen wollten, berochen sich, wie die Hündlein zu tun pflegen, und kamen endlich miteinander ins Gespräch. Es fand sich, dass alle drei ihres Zeichens Kaufleute wären, so eine Art von Hausierern und man heutzutage Musterreiter nennt.

»Worin reist Ihr?«, fragte der eine nach den ersten Komplimenten.

»In Fischtran«, erwiderte der andere.

»Und ich«, fuhr der Erstere fort, »reise in Wagenschmiere.«

»Ein schöner Artikel«, versetzte der andere. »Und ihr, mein Herr?« wandte er sich an den dritten.

»In Limburger Käse«, war die Antwort.

»Ein beliebter Artikel, verdrängt den Schweizerkäse. In holländischem wird wenig mehr gemacht«, riefen beide wie aus einem Mund.

Indem trat noch ein Fremder hinzu, grüßte, und sogleich erkannten die anderen ihn an seinen Federn.

»Auch ein Reisender?« fragte der eine, indem er mit einer leichten Kopfverbeugung auf ihn zutrat.

»Zu dienen, aus Stettin, Schaarbock & Comp.«

»Wie macht Ihr?

»Ich mache vorzüglich in Tüll und Spitzen, nebenbei aber in Wein und Rosinen«, entgegnete der Fremde.

Rübezahl horchte hoch auf und verstand von all dem kein Wort, denn dass jemand in Fischtran und in Wagenschmiere reisen, in Tüll und Spitzen, in Wein und Rosinen machen könne, war ihm völlig unverständlich und unglaublich. Indessen dachte er, du willst doch hören. Er hörte auch, aber was!

Die Reisenden achteten nicht auf den Mann, der zu schlicht aussah, setzten sich auf dem Felsen nieder, ließen ihre Schnappsäcke mit Wein und Speisen heraufkommen und waren fröhlich und guter Dinge. Je mehr sie tranken, desto lauter wurden sie. Bald erfuhr Rübezahl, wessen Geistes Kinder sie waren. Dass sie wie die Hausierer bei den Leuten herumliefen und ihre Waren anböten, hörte er aus ihren Gesprächen. Wie sie sich einander die verschiedenen Manieren erzählten, mit denen sie bei ihren Kunden aufträten, wie sie meinten, je dicker man das Fell habe, desto mehr gewinne man, und je dünner oder wohl auch je feiner gebildet die Leute wären, desto mehr müsse der Handelsmann auf sie losgehen. Das versetzte ihn in ein unwilliges Erstaunen. Aber er konnte es durchaus nicht begreifen, wie solche Menschen in ihrem Großtun bei den Leuten Glück machen und vor aller Abnehmer Augen eine solche Rolle spielen könnten. Denn, dachte er, wenn die Handelsleute sehen, dass diese Hausierer sich so üppig und verschwenderisch benehmen, so müssen sie sehr dumm sein, wenn sie nicht einsehen, dass das alles auf ihre Kosten geschieht. Wenn sie sich selbst unmittelbar an ein Handelshaus wenden, so können ja folglich Verkäufer und Käufer diesen Aufwand der Musterreiter zu ihrem Vorteil teilen. Er schüttelte hierüber fortwährend den Kopf und mochte endlich gar nicht weiter zuhören und verließ den Felsen.

Nachdem die Leute ihre Lust gebüßt hatten, brachen sie auf und nahmen, da ihre Wege auseinanderführten, jauchzend voneinander Abschied. Der, welcher in Tüll und Spitzen, in Wein und Rosinen machte, ging mit seinem Führer auf dem Felsengrat zwischen beiden Schnee gruben hinunter, während die anderen ihm nachsahen.

Aber auf einmal rollte der Donner, und ein Hagel von Steinen fuhr von der Teufelskanzel herunter und dem Reisenden nach. Die Führer der Zurückgebliebenen veränderten die Farbe, machten bedenkliche Zeichen und flüsterten den Herren heimlich in die Ohren. Nachdem der Steinhagel eine Zeitlang gedauert hatte, wurde es endlich ruhig, und die Reisenden dachten: Gott sei Dank, euch trifft es nicht.

Indessen aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Das erfuhren die lieben Musterreiter. Denn als sie eine Zeitlang am Hochgebirge hingeschritten waren, umzog den Kamm desselben ein starker Nebel, senkte sich tiefer und tiefer. Sie waren noch nicht aus der Knieholzgegend heraus, so wurden sie in einen so dichten Nebel gehüllt, dass sie nicht drei Schritt um sich sehen konnten. Es gibt Nebel, die mitunter, wenn sie nicht zu arg werden, gar nicht unangenehm sind, und die sich von innen heraus verbreiten und nach einem tüchtigen Schlaf in Wohlgefallen oder Katzenjammer auflösen. Aber ein solcher war unser Nebel nicht, sondern sah im Gegenteil aus wie ein gefährlicher. Denn bald hatte der Führer in Sumpf und Fichten, bald in Steinblöcken und Heidekraut den Weg verloren. Da war freilich guter Rat teuer. Es wurde auch immer schlimmer. Denn kaum hatte man sich aus einem Sumpf herausgewürgt, so stand man wieder vor einer Nebelwand und fand beim Untersuchen, dass da ein senkrechter Felsen sich in die Tiefe stürzte.

Endlich kamen die Wanderer an einen Fluss, den zu übersehen der Nebel verhinderte. Ein Mann von abenteuerlichem Aussehen vertrat ihnen hier den Weg, schöpfte mit einem Glas aus dem Fluss, bot ihnen einen Trunk und sagte: »Ihr müsst Bescheid tun, Ihr Herren.«

Der eine setzte das Glas an, roch und sagte: »Das ist ja Fischtran.«

»Nun ja«, versetzte der Mann, »und darum müsst Ihr Bescheid tun, sonst kommt Ihr nicht von der Stelle.«

»Das ist Euer Artikel«, sagte der Reisende und reichte das Glas dem Gefährten.

Der aber mochte nicht, schüttelte sich und sagte, er sei kein Grönländer und auch kein Schuhleder, so etwas trinke er nicht.

»Nun«, erwiderte der Mann, »Ihr reist ja in Fischtran, und wenn Ihr nicht trinkt, so kommt Ihr nicht lebendig von hier weg und es ist Euer Letztes.«

»Kollege, trinkt«, schrie in Verzweiflung der Dritte. Die Angst presste ihm Tränen aus den Augen.

»Herr Bruder, weil Ihr es seid«, sagte seufzend der andere, kniff die Augenlider zusammen, schüttelte sich ein paarmal, nahm mit der Kehle einen Anlauf, schluckte und leer war das Glas.

»Gott sei gelobt!«. rief der Dritte, schlug die Hände über dem Kopf zusammen und schaute hinunter auf den Fluss, der sichtlich zusammenschrumpfte und bald ein völlig trockenes Flussbett zeigte, durch welches die Leidensgefährten sicher hindurchschritten.

Jenseits war ein gar schöner Fußsteig, aber der Führer meinte, den hätte er nie betreten. Schon glaubten die Handelsleute, sie würden bald in der bewohnten Welt sein, denn der Nebel war leichter geworden. Sie konnten schon eine Strecke vor sich sehen. Da senkte sich auf einmal der Weg zwischen Felsen hinunter in eine grause Tiefe. Jenseits starrten wieder senkrechte Wände von Felsen empor. Sie kamen nun unten an einen Fluss, der ganz langsam seine schwarzen Wogen daher wälzte. Dabei hing eine Tafel mit der Inschrift Immer durch.

Der eine Reisende stieg zuerst hinunter, tastete, roch und sagte: »Das ist Wagenschmiere!« Er kehrte wieder um.

»Nun«, versetzte der Dritte, »versucht es nur, Ihr seid der Längste und dem Mutigen hilft Gott.«

»Nein«, meinte der, »wenn es Wasser wäre …«

»… oder«, fiel der Erste ein, »gar Wein.«

»Was?«, brach endlich der Dritte los und sah fast beleidigt aus. »Ihr wollt nicht? Das ist mein Artikel.«

»Nun eben drum«, erwiderte jener, »das ist Euer Artikel und Ihr müsst zuerst hinein.«

Das wollte allerdings dem lieben Mann nicht recht zu Kopf. Er schnitt ein gar jämmerliches Gesicht, sträubte sich und suchte den Rückweg. Aber da, wo sie heruntergekommen waren, sahen sie nichts als lauter unüberwindbare Felsen.

»Ihr wollt nicht?«, schrie nun der Dritte, »nun wohlan, so werfen wir Euch hinein in Euren eignen Artikel und Ihr müsst unsere Brücke werden.«

Damit wollten sie ihn packen. Wie der nun sah, dass er nicht loskomme und der Tod überall drohe, befahl er seine Seele Gott und schritt hinein, die anderen langsam hinterdrein. Sie kamen alle glücklich hinüber und seufzten drüben: »Gottlob!« Da standen sie denn drüben am anderen Ufer und bemerkten kaum einen Mann, der am Felsen lehnte und sie ernst ansah.

Es war derselbe sonderbare Mann, der ihnen den Trunk aus dem Fischtranfluss gereicht hatte. Dieser sagte: »Zieht nun Eure Straße. Indem Ihr jetzt angeschmiert seid, so denkt in Zukunft daran, wie es anderen ist, wenn sie von Euch angeschmiert werden.« Damit ging er in den Wald hinein.

Der Weg wurde immer breiter und ebener. Der Führer sagte, nun sei er auf bekanntem Weg. Schon sahen sie auch durch die durchbrochenen Nebelwolken hindurch die Hütten von Schreiberhau auf sonnigen Matten vor sich liegen. Dorthin hatten sie ihre Wagen bestellt. Bald saßen sie, besonders der Dritte, ihrer Meinung nach allem Unglück entronnen, in den weichen Kissen und fuhren wie neugeboren hinab ins Warmbad.

Es schlug eben auf dem Kloster 8 Uhr. Die Badegäste machten bei den Badern ihren Abendspaziergang, als die drei stattlichen Wagen anrollten und ihre Inhaber da ausstiegen. Sie gingen fröhlich auf einander los und …

»Wie seht Ihr denn hinten aus?«, sagte einer von der Gesellschaft zum Dritten.

»Nun, wie soll ich denn da aussehen?«, entgegnete der, »doch wohl wie andere Leute?«

»Nein, Ihr sehr ja ganz schmierig aus, und pfui, wie duftet Ihr!«

Indessen versammelte sich die ganze schöne Welt um die Gruppe und lachte.

Der Handelsmann stand und besah sich bestürzt immer nach hinten. Es war aber wirklich so, er sah sehr schmierig aus, denn statt der Wagenkissen hatte er in seinem Artikel gesessen, in Limburger Käse, und zwar in recht altem.

Die Kur war für die guten Leute stark, aber notwendig, und der Kräuterklauber meint:

Wenn es nur geholfen hat, so sind am Ende solche Kuren besser und kräftiger als die Wasserkuren.

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