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Oberhessisches Sagenbuch Teil 21

Oberhessisches Sagenbuch
Aus dem Volksmund gesammelt von Theodor Bindewald
Verlag von Heyder und Zimmer, Frankfurt a. M., 1873

Die weiße Frau und das Waisenkind

Vor mehr als sechzig Jahren ging eine Schar Mädchen aus Burkhards in den Schwarzwald, welcher zwischen dem Dorf Streithain und dem Riedern, einem ausgegangenen Ort, links von der stumpfen Kirche liegt. Sie suchten Beeren und fanden ganz besonders viele und schöne unter einem Steingeröll, in dessen Mitte ein sehr großer und oben platter Stein sich zeigt.

Eins der Mädchen, ein armes Waisenkind, stieg da hinauf, um sich umzusehen. Kurz danach geschah ein Knall, als donnerte es unten in der Erde. Mit angstvollem Gesicht, keines Wortes mächtig, stürzte das Mädchen herab, überschlug sich und brach einen Arm. Seine Kameraden sprangen zu ihm und waren ganz außer sich.

Als sie fragten, was denn ihr geschehen ist, antwortete es: »Kaum war ich oben auf dem Stein, so kam aus dem Felsen eine hohe weiße Frau heraus, die verlangte von mir, weil ich ein Waisenkind sei, könne und solle ich sie erlösen. Aber ich habe mich so ungeheuer erschreckt, dass ich blindlings von der Höhe herabgesprungen bin. Ich will lieber auch noch den anderen Arm brechen, als jemals im Leben so etwas wieder zu sehen.«


Weiße Frau in Gedern

Jedes Mal, wenn ein Mitglied des erlauchten Hauses sterben wollte, ließ sich im Schloss zu Gedern eine lange, hagere, weiße Frau sehen, die, wie mit einem dünnen durchsichtigen Schleier bekleidet, über Treppen und Vorplätze des Gebäudes fast unhörbar hinhuschte. Von der letztverstorbenen Gräfin Stolberg erzählt man, dass sie eines Abends im stillen Garten an einem einsamen, ihr sehr lieben Platz saß, ganz ins Lesen vertieft, sodass sie die einbrechende Dämmerung gar nicht gewahr wurde. Auf einmal störte sie ein eigentümliches Geräusch im gegenüberliegenden Gebüsch. Sie schaute auf und die weiße Frau schwebte ganz nah an ihr langsam und feierlich vorüber und schien mit der Hand zu winken. Kurz darauf wurde die Gräfin durch den Tod zu ihren Vätern versammelt.


Weiße Frau zu Burggemünden

Einer armen Bauersfrau zu Burggemünden erschien zur Zeit des letzten französischen Krieges, es war in den Fasten, in ihrem Haus eine weiße Frau und bat sie mit gar beweglichen Worten um ihre Erlösung. Sie sagte ihr, nun, während des Krieges, sei dazu die ersehnte beste Zeit vorhanden. Gehe die ungenutzt vorüber, dann müsse sie noch hundert Jahre weiter ohne Ruhe umgehen. Um ihr von ihrer Verwünschung zu helfen, solle sie sich noch zwei Leute wählen, die aber schweigen könnten, und mit denselben bei einem Haus im Dorf und auf dem Mühlberg an einem Platz, der ihnen gewiesen werden sollte, graben. Da liege ein verborgener und längst vergessener Schatz in einer großen, eisernen Kiste, den könnten sie heben und als Lohn der Erlösung für sich behalten. Auch lehrte sie die weiße Frau ein Lied, das bei solchem Tun müsste gebetet werden. Die dumme Weibsperson aber, die weder lesen noch schreiben konnte, merkte sich zwar die Worte desselben, aber von der wunderlichen Geschichte zu schweigen, das war ihr zu viel zugemutet. Sie plauderte das Geheimnis bei jedermann aus, der es hören wollte, und erfüllte damit die ganze Gegend, hatte aber auch den Schaden alsbald zu erfahren. Die weiße Frau kam nicht wieder und mit dem Schatzfinden war es nichts!


Weiße Frau im Kunzenholz

Nicht weit vom Platz, wo der Pfaffensteg über den Hillersbach führt, ist das Kunzenholz. Es mögen nun ein Jahrer zehn sein, als dort ein Burkhardser Bauernjunge das Vieh hütete und eine gar feine weiße Frau auf sich zukommen sah, welche ihn um der Barmherzigkeit Gottes willen anflehte, sie doch von ihrem Bann zu erledigen. Sie begehrte von ihm, wenn er sich fürchte, so solle er am folgenden Tag gegen Mittag seinen Vater mitbringen, denn dann werde sie in anderer Gestalt, nämlich als Schlange wiederkommen mit einer Krone auf dem Kopf und einem goldenen Schlüssel im Maul. Soweit hörte ihr der Zunge zu, dann rannte er mit seinem Vieh davon und ins Dorf hinein, wo er mit seiner Erzählung alle Leute rebellisch machte. Tags darauf gingen viele mit ihm um die angegebene Zeit ins Kunzenholz, allein weil er das Schweigen gebrochen hatte, mussten sie unverrichteter Sache wieder heimkehren.

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