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Secret Service Band 1 – Kapitel 2

Francis Worcester Doughty
Secret Service No. 1
Old and Young King Brady Detectives
Black Band
Oder: Die zwei King Bradys gegen eine unnachgiebige Bande
Eine interessante Detektivgeschichte aus dem Jahr 1899, niedergeschrieben von einem New Yorker Detektive

Kapitel 2

Clevere Arbeit

Old King Brady nahm das Tagebuch des Chiefs und begann darin zu lesen.

Aber der Chief sagte: »Ich bitte um Verzeihung! Haben Sie die Black Band gejagt, als Sie Marble Manor besuchten?«

»Ein unbedeutender Hinweis führte uns dorthin«, sagte Old King Brady.

»War es ein guter Hinweis?«

»Nein! Wir fanden nichts im Landhaus, was den Glauben rechtfertigen könnte, dass es das Versteck der berüchtigten Gang war.«

Old King Brady las nun laut die Notizen des Chiefs über das Geheimnis von Marble Manor vor. So lautete diese:

Eine Nachricht aus Tarrytown unterrichtete uns am frühen Morgen des 7. darüber, dass Spuren eines furchtbaren Verbrechens im Marble Manor gefunden wurden. Sofort wurden die Detektives Judkins, Morse und Bent mit den Officer Cody, Clark und Smith, also insgesamt sechs Männer, dorthin geschickt. Im Landhaus angekommen, fanden sie eine Reihe von aufgeregten Dorfbewohnern und den örtlichen Polizisten. Die Untersuchung ergab Fetzen von Kleidung, ein Paket von Briefen und eine große Blutlache am Fuß einer langen Marmortreppe. Auf dem Briefpaket stand der Name von James Whittridge, einem prominenten New Yorker Bankier. Sir Whittridge wird seit zwei Monaten auf mysteriöse Weise vermisst. Auch ein gebrochener Goldring mit seinem Namen wurde entdeckt. Aber es wurde keine Spur von der Leiche gefunden. Auch konnte von den Mördern kein Hinweis in Bezug auf ihre Neigungen gewonnen werden. Keine Spur von ihnen oder ihrer Identität. Alles ist bisher ein völliges Rätsel, Mordgrund unbekannt. Die Identität der Mörder ist nicht bekannt. So war es auch in Marble Manor.

Old King Brady war mit dem Lesen fertig und schwieg.

Young King Brady war ein aufmerksamer Zuhörer gewesen.

Für eine Weile sprach niemand. Dann brach der Chief schließlich das Schweigen.

»Nun, Brady, was halten Sie davon?«

»Der Mann ist nicht tot!«

»Was?

»Es gab keinen Mord.«

Der Chief war erstaunt. »Kein Mord?«, stieß er aus.

»Nein!«

»Sie überraschen mich. Gibt es Beweise dafür?«

»Ich sehe keine Beweise«, antwortete der schlaue alte Detektiv.

Young King Brady nickte zustimmend mit dem Kopf.

»Aber das Blut.«

»Bah!«. sagte Old King Brady kühl. »Blut sagt nicht immer etwas aus. In diesem Fall ist es irreführend. Sie können sicher sein, dass James Whittridge, der Bankier, am Leben ist.«

Der Chief trommelte auf den Tisch.

»Halten Sie sich nicht für einen zurückhaltenden Spitzbuben, Old King Brady«, sagte er ungeduldig. »Warum wollen Sie sich nicht erklären?«

»Junger Mann«, sagte der alte Detektiv und wandte sich an Young King Brady, »Sie und ich gehen nach Tarrytown zurück.«

»Ich bin Ihr Aspirant«, sagte Harry Brady ziemlich ungeschickt.

»Nun«, sprach der ältere Detektiv und wandte sich an den Chief. »Ich werde Ihnen eines sagen: Wäre ein Mord verübt worden, hätte man die Leiche gefunden.«

»Ich kann nicht verstehen, warum.«

»Haben Sie jemals angenommen, dass die Black Band die Körper eines ihrer Opfer wegzaubert? Nochmals, wenn sie beabsichtigt hätten, die Leiche zu verbergen, hätten sie die Spuren des Verbrechens entfernt.«

Die Philosophie dieser Behauptung dämmerte dem Chief Detektive blitzartig.

Er holte tief Luft.

»Brady, Sie sind sehr aufmerksam«, sagte er. »Ich kann Ihren Standpunkt verstehen, und Sie haben recht.«

»Stattdessen«, setzte der alte Detektiv fort, »waren sie sehr vorsichtig, diese Blutspuren nicht zu entfernen, was zeigt, dass sie den Eindruck vermitteln wollten, dass der Mann ermordet wurde.«

Der Chief war fassungslos.

»Deshalb ist der Mann James Whittridge am Leben. Außerdem ist dieses alte Landhaus die Höhle dieser verzwickten Verbrecherbande.«

»Glauben Sie das?«

»Ich weiß es!«

Der Polizeichef schnappte nach Luft.

»Beim großen Hornlöffel, Brady«, rief er, »Sie sind schon weitergekommen als alle anderen Männer. Nehmen Sie diesen Fall in die Hand, Sie werden ihn gewinnen.«

Der Detektive nickte verträumt.

Young King Brady pfiff eine Melodie und begann, sich zu bemühen, Staubkörnchen von seinem Mantel zu entfernen. Das war es, was den alten Detektive aus seiner Träumerei herausgeholt hat.

»Hören Sie auf, sich herauszuputzen, junger Mann«, sagte er scharf. »Bevor wir aus diesem Landhaus wieder herauskommen, werden Sie mehr an den praktischen Sachverstand und weniger an geckenhaftes Benehmen denken.« Er stand auf und ging zur Tür.

»Ach ja!«, rief der Chief aus, »Sie wollen gehen?«

»Sie werden wieder von uns hören – irgendwann«, antwortete der alte Detektiv. »Komm, Harry, wir müssen weitermachen. Guten Tag, Chief.«

»Guten Tag.«

Die Tür schloss sich und die beiden King Bradys waren weg.

Bevor der Polizeichef sie wiedersehen würde, sollten einige überaus spannende Ereignisse passieren.

Für einige Zeit, nachdem die beiden Detektive verschwunden waren, ging der Chef des Secret Service nachdenklich durch den Raum.

Er paffte und kaute abwechselnd an einer Zigarre. Manchmal pfiff er.

»Ich wette, Old King Brady weiß mehr über diesen Fall, als er mir gesagt hat«, murmelte er. »Eines ist sicher. Wenn er scheitert, wird es das erste Mal sein, und die Black Band hat einen Mann gegen sie, den sie nicht leicht besiegen werden.«

Rat, tat, tat.

Ein Klopfen an der Tür.

»Herein,« sagte der Chief.

Die Tür schwang auf.

Auf der Schwelle stand ein großer junger Mann mit einem eher rosigen Gesicht und Backenbart. Er war mit einem auffälligen karierten Anzug bekleidet.

Der Chief sah ihn fragend an. »Nun, Sir?«, sprach er ihn an.

Der Besucher verbeugte sich.

»Sind Sie der Chef des Secret Service?«, fragte er.

»Das bin ich.«

»Mein Name ist Ladd, Anthony Ladd. Ich bin einer der Profis. Meine Karte.«

Der Chief nahm die Karte und las: Anthony Ladd, Scotland Yard Detective.

»Ah!,« rief er aus. »Von der anderen Seite des Ozeans, was? Es freut mich, Sie kennenzulernen, Mr. Ladd. Nehmen Sie Platz.«

Der Besucher sank in einen Stuhl.

»Gern ja, danke«, sagte er mit englischer Affektiertheit. »Ich bin neu in Amerika, wissen Sie, aber ich komme sehr schnell auf Ihre Art und Weise voran.«

»Gut«, sagte der Chief. «Ich nehme an, Sie haben eine Verfolgungsjagd hier drüben. Wir werden Ihnen sehr gern behilflich sein.«

»Nein, danke!«, sprach Ladd. »Sehen Sie, es ist nicht ganz so. Ich hatte genug von Scotland Yard, um die Wahrheit zu sagen, und ich bin hier drüben auf eigener Faust!«

Der Chief starrte vor sich hin. »Ja!«, sagte er leise und versuchte, den Mann vor ihm zu studieren.

»Ich dachte mir, ich gehe einfach hinein und versuche, ob Sie etwas für mich zu tun haben.«

»Nun, es tut mir leid«, antwortete der Chief. »Es gibt derzeit keine freie Stelle bei der Polizei.«

»Das dachte ich mir. Aber ich bin bereit, selbstständig zu ermitteln, wenn Sie mich damit beauftragen. Ein großartiges Gebäude, dieses Marble Manor …«

Erneut ein Knarzen und Quietschen!

Die Tür des Büros schwang auf. Beide Männer drehten sich in ihren Stühlen um. Auf der Schwelle stand ein miserabel aussehender alter Bettler.

Seine gebeugte Form und seine hässlichen Gesichtszüge reichten aus, um die Gemüter zu erschüttern.

Bevor der Chief aufstehen konnte, war er mit ausgestreckter Hand in das Büro eingedrungen.

»Gib mir schlechtes italienisches Brot«, flüsterte er. »Gib mir einen Penny! Hilf mir, die Ärmsten zu retten!«

»Schau her, du unverfälschte Essenz der Galle. Wie bist du von der Insel gekommen?«, begann der Chief. Dann untersuchte er ihn selbst. Der Auftritt des Bettlers war wirklich erbärmlich.

Die Hand des Chiefs fuhr in seine Tasche und holte einen Vierteldollar heraus. Er warf ihn dem Bettler zu, der sich dienstbeflissen vor ihm der Länge nach auf den Fußboden warf.

Dann drehte sich der Chief um, und Ladd tat dasselbe.

Erneut knarzte und quietschte es.

Die Tür schloss sich. Einmal blickte der Chief beiläufig über seine Schulter. Der Bettler war weg.

»Nun, Ladd«, sagte er kurz angebunden, »natürlich ist dies ein freies Land. Sie können den Fall des Anwesens auf eigene Verantwortung weiter verfolgen.«

»Aber können Sie mir nicht dabei helfen? Geben Sie mir einen Anhaltspunkt, an dem ich anknüpfen kann!«

»Ich fürchte, das kann ich nicht.«

»Dann hat noch keiner Ihrer Männer einen Hinweis?

»Nein, soweit ich weiß.«

»Eine Frage …«

»Nun?«

»Ich höre hier drüben viel von zwei klugen Männern. Sie nennen sie, glaube ich, die beiden King Bradys.«

»Ja«, antwortete der Chief. »Das sind auch Spezialisten!«

»Ähm!«, sagte der Mann von Scotland Yard, auf eine seltsame, bedeutsame Weise. »Sind sie in diesem Fall auch so?«

»Ich glaube, das sind sie!«

»Und sie haben keinen Hinweis?«

» Ich kann es nicht sagen!«

» Wo sind sie zurzeit?«

»Es steht mir nicht zu, das zu sagen!«

Ladd verzog den Mund und gab ein leises Pfeifen von sich. Der Chief blickte halb verärgert auf diese kleine Frechheit.

» Gibt es nichts mehr, was ich für Sie tun kann, Mr. Ladd?«, fragte er kurz.          ,

»Ich bin Ihnen sehr verbunden«, antwortete Ladd und erhob sich. »Ich hoffe, ich habe Sie nicht gelangweilt.«

»Oh, nein!«, antwortete der Chief.

»Ich darf wiederkommen?«

»Stets zu Diensten!«

»Übrigens?«

»Ja?«

»Wenn ich einen wichtigen Hinweis bekäme, wären Sie froh, dass ich Ihnen diesen überlasse?«

Der Chief starrte Ladd an.

»Das ist ungewöhnlich«, sagte er. »Er wäre für Sie von größerem Wert.«

»Nun, ich möchte mich für den Gefallen revanchieren, den Sie mir erwiesen haben, indem Sie mir die volle und freie Erlaubnis erteilen, diesen Fall des Landsitzes in eigener Verantwortung zu übernehmen.«

»Sie sind unverschämt!«, sagte der Chief sehr scharf.

Ladd war nun an der Tür.

»Auf Wiedersehen, Sir«, sagte er und war weg.

Wenn der Polizeichef jemals in seinem Leben überrascht war, dann in diesem Augenblick.

»Nun, ich bin am Ende«, stöhnte er, »das ist das coolste Stück Unverfrorenheit, das ich je gesehen habe. Anthony Ladd, von Scotland Yard! Nun, wenn er in meiner Gewalt wäre, würde ich ihn bestrafen lassen.«

Der Chief drehte sich erschrocken um.

Er nahm ein seltsames Geräusch wahr. Es kam von seinem Schreibtisch aus.

Mit einem Schritt war er dort.

Zu seinem Erstaunen sah er eine zerlumpten Gestalt auf dem Teppich liegen. Ein grotesk geschwollenes Gesicht sah zu ihm auf.

Es war der Bettler.

Feuer flammte in den Augen des Chiefs auf.

»Du zänkischer Schlingel!«, schrie er. »Verschwinde von hier, bevor ich dich rausschmeiße! Ich habe dir Geld gegeben. Was machst du hier?«

»Gnade, Americano! Guter Signor, sehr nett zum armen Italiano …«

Der Unschuldige kam auf die Beine. Er drehte dem Chief den Rücken zu und machte einige seltsame Bewegungen mit den Händen über sein Gesicht. Als er sich wieder umdrehte, schrie der Chief verblüfft.

»Old King Brady!«

Es war der berühmte Detektiv.

Wie er kicherte und grinste.

»Sie erkennen mich?«, sagte er.

»Ich erkenne Sie!«, keuchte den Chief. »Trotz aller Verkleidung! Aber was hat Sie zurückgeführt? Machen Sie sich über mich lustig?«

»Es ist kein Witz«, sagte der alte Detektiv.

»Was dann?«

»Kannten Sie den Kerl nicht?«

«Sein Name ist Ladd.«

Der alte Detektiv kicherte. »Er ist der Mann, der mehr über James Whittridges Schicksal weiß, als jeder andere lebende Mensch. Seine Verkleidung war clever, aber nicht clever genug für mich. Er ist Melburne Jayne, der Neffe des vermissten Bankiers. Ich bin besessen von der Idee, dass er mit der Black Band im Bunde steht.«

»Beim Teufel!«, keuchte der Chief. «Das ist ein Tag der Tage! Welchen Grund hat er, seinen Onkel loszuwerden?«

»Er will ihn zwingen, ein Testament zu unterschreiben, das ihm alle seine Millionen gibt. Danach – das Aus für den alten Mann.«

Der Chief war entsetzt. »Aber was hat ihn dazu bewogen, in einer solchen Verkleidung hierher zu kommen? Mit welchem Ziel?«

Der alte Detektiv machte eine Grimasse. »So einfach wie die Nase in Ihrem Gesicht.«

»Das ist für mich ein Rätsel.«

»Ich will ehrlich sein. Es war sein Ziel, Sie herauszufordern und wenn möglich zu erfahren, ob wir überhaupt auch nur die geringste Ahnung vom wahren Schicksal von Whittridge haben. In Gestalt eines Detektivs dachte er, wären Sie vertraulicher zu ihm.«

»Der höllische Schurke!«

»Ja, das ist es, was er ist!«

»Aber warum lassen Sie ihn jetzt entkommen? Warum beschatten Sie ihn nicht? Ich würde nicht die Fährte verlieren.«

Old King Brady nahm gelassen ein wenig Tabak und stopfte sich eine Pfeife.

»Das ist alles arrangiert«, sagte er.

»Wie?«, fragte der Chief.

»Young King Brady wird sich darum kümmern«, sprach der alte Detektiv, als er seine Verkleidung ablegte.

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