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Schinderhannes – Zweites Kapitel

Leben und Taten des berüchtigten Johann Bückler, genannt Schinderhannes
Für Jung und Alt zur Lehre und Warnung aufs Neue geschrieben von W. Fr. Wüst, Reutlingen 1870
Druck und Verlag von Fleischhauer & Spohn

Zweites Kapitel

Schinderhannes geht zu einem Abdecker in den Dienst.

Johann Bückler wandte sich an den Abdecker oder Wasenmeister Nagel in Bärenbach um eine Stelle als Knecht. Der hatte ein Wohlgefallen an dem schmucken Burschen und nahm ihn in den Dienst. Hier erhielt er von seiner Beschäftigung den Namen Schinderhannes. Bald wurde er der Liebling des Herrn und des ganzen Hauses, denn er war fleißig, hatte einen munteren, aufgeweckten Geist, eine hübsche Gestalt und schönen Wuchs. Hier blieb er etwa ein Jahr lang. Sein Vater hörte nun erst wieder etwas von ihm und söhnte sich mit ihm aus, da er nur Löbliches über seine Aufführung vernommen hatte. Auf des Vaters Wunsch verließ er seine Stelle und trat bei seinem Vetter, dem Peter Bückler in Sobernheim, in der gleichen Eigenschaft ein. Hier aber gefiel es ihm nicht. Da wurde er nicht so freundlich behandelt und nicht so gut gehalten wie in Bärenbach. Darum verließ er diese Stelle nach wenigen Wochen wieder und ging zu seinem Vater, der nun im Dorf Iben wohnhaft war. Zu dieser Zeit rückte die französische Armee gegen den Rhein vor. Das Dorf musste Pferde und Fuhrleute für die Proviantwagen stellen. Das Los traf auch den Schinderhannes. Aber anstatt die Wagen zu bewachen, stahlen mehrere Knechte vom Proviant und verkauften Brot und Fleisch an die Einwohner. denn sie sahen es bei den Franzosen selbst nicht anders. Aber diese waren mit Recht übel auf die untreuen Knechte zu sprechen, die sich nun aus Angst im Dorf versteckt hatten. Die Franzosen verlangten ihre Auslieferung, widrigenfalls sie das Dorf in Asche legen würden. Die Gemeinde sah sich genötigt, den Willen der Franzosen zu erfüllen. Schon wurden die Burschen zum französischen Hauptquartier transportiert, um dort ihre Strafe zu empfangen, als das Kommando von kaiserlichen Soldaten angegriffen wurde. Die Gefangenen benutzten das Gefecht zu ihrer Entweichung und kamen glücklich durch. Beim abermaligen Vorrücken der Franzosen begab sich Schinderhannes aufs Neue zu seinem früheren Herrn in Bärenbach, der ihn wieder gern aufnahm. Bald war er auch wieder bei allen im Haus beliebt, denn er zeigte sich stets wohl aufgeräumt und lustig. Einer der Knechte im Haus war ein rechter Trunkenbold und Spieler und brachte jede freie Stunde im Wirtshaus zu. An Geld fehlte es ihm nie, worüber sich Schinderhannes öfters wunderte. Eines Tages saßen diese beiden in einem Wirtshaus zu Kirn, nicht weit von Bärenbach, als sich ein Metzgersknecht zu ihnen gesellte, der ihnen den Vorschlag machte, sie sollen ihm fette Hammel stehlen, er wolle sie ihnen abkaufen, und das komme gewiss nicht heraus. Hans hatte sich ja aber fest vorgenommen, nicht wieder zu stehlen und war daher anfangs ganz und gar abgeneigt, in den Vorschlag einzugehen, und widerstand eine Zeit lang. Das schöne Bibelwort Mein Kind, wenn dich die bösen Buben locken, so folge ihnen nicht! hätte sich Hans ins Gedächtnis rufen sollen, so würde er vor abermaligem Rückfall in seinen alten Fehler bewahrt geblieben sein. Aber die Aussicht auf ein lustiges Leben und der Zuspruch seines Mitknechts verscheuchten bald alle Bedenklichkeiten. Wirklich unternahmen die beiden Knechte nach einigen Tagen einen solchen Diebstahl. Der Metzgersknecht kam und holte die Hammel. Das dafür erhaltene Geld war in kurzer Zeit durchgebracht. So wurde dieses Geschäft eine geraume Zeit fortgesetzt, ohne dass man den Tätern auf die Spur kommen konnte.

Aber der Krug geht so lange zu Wasser, bis er bricht. Die wiederholten bedeutenden Diebstähle fielen in der Gegend sehr auf. Zu gleicher Zeit gewahrte man den großen Aufwand, welchen Hans machte. Ebenso war er verdächtig durch die genaue Verbindung mit dem Metzgersknecht. Alle diese Umstände berechtigten zu seiner Verhaftung, die denn auch unversehens im Haus seines Herrn erfolgte. Er wurde zum Amtsort Kirn in ein schlecht verwahrtes Gefängnis gebracht, aus welchem er in der ersten Nacht wieder entkam und dann seine Kleider im Haus seines Dienstherrn unvermerkt holte. Ja, er war so frech, nochmals nach Kirn zu gehen, von wo er eben erst entflohen war, um beim Metzgersknecht einige Thaler zu holen, die er noch gut hatte. Dann aber machte er sich eiligst davon. Sein Mitknecht kam weniger glücklich durch. Er wurde erst nach Hans’ Flucht verhaftet und zum Geständnis seiner vielen Diebstähle gebracht, die er mit einer langen Gefangenschaft in Eisen büßen musste.

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