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Der Detektiv – Der weiße Elefant des Singar Chani – 4. Kapitel

Walter Kabel
Der Detektiv
Kriminalerzählungen, Verlag moderner Lektüre GmbH, Berlin, 1920
Der weiße Elefant des Singar Chani
4. Kapitel

Der weise, weiße Elefant

Wir erreichten sehr bald die Straße. Nachdem wir dann noch ein Wäldchen durchquert hatten und uns nun bereits mitten in dem zur Stadt flutenden Pilgerstrom befanden, gingen wir gemächlich weiter. Links von uns lag auf einer bewaldeten Anhöhe der Dschihan-Tempel, einer jener uralten Bauten, an denen Indien so überreich ist, dass man an ihnen sehr bald achtlos vorbeisieht, wenn sie nicht gerade durch etwas ins Auge Fallendes sich irgendwie auszeichnen.

Das Dschihan-Heiligtum konnte jedoch nichts Merkwürdiges aufweisen als lediglich sein Alter. Schon der Steinmauer sah man es von Weitem an, dass sie Jahrhunderte überdauert hatte. Was an Gebäuden über ihre vier Meter Höhe hinwegragte, war plump und massig. Schwerfällige Säulen bildeten vor dem Tempel eine Art Vorhalle. Das Dach war mit Steinplatten gedeckt, die im Laufe der Jahre eine immer dickere Moosschicht erhalten hatten. Nur stellenweise war das Moos weggekratzt. Dort blinkten viereckige Fensterluken. Die Anbauten rechts und links hatten flache Dächer und Verzierungen in Gestalt von Tierfiguren.

Harst zog mich nun in das dichteste Gewühl hinein, das zum Tempel hindrängte und hier auf der Straße als zweiter Menschenstrom, der dem anderen zur Stadt hastenden entgegenkam, sich hinschob.

»Folge mir dicht auf dem Fuß«, raunte er mir zu. »Ganz dicht! Mach dich klein, nimm eine andere Haltung an. Markiere einen Verwachsenen …«

Auch er wurde plötzlich fast zum Zwerg. So gelangten wir, Püffe austeilend und erhaltend, bis an die Bude eines Kaffeehändlers, die von Pilgern dicht umlagert war.

Wir schoben uns dicht bis an die Hinterseite des Zeltes vor, wo die beiden Gehilfen des Händlers auf einem Herd von Lehmziegeln unter einem Bretterdach in zwei Kesseln den wirklich verlockend duftenden braunen Trank herstellten. Hier war es menschenleer.

Ein Fünf-Rupien-Schein sicherte uns die Gunst der beiden Hindu. Sie wiesen uns in das Zelt, wo in der hinteren Abteilung ein paar Tische und Bänke standen. Für weitere fünf Rupien erhielten wir Kaffee, flache, noch warme Brote und kaltes gebratenes Hammelfleisch. Während wir aßen und tranken, beobachtete Harst ununterbrochen durch den halb zurückgeschlagenen Vorhang die beiden Hindu bei ihrer Arbeit, schwieg aber im Übrigen beharrlich. So verging eine halbe Stunde.

»Ich bin jetzt überzeugt«, sagte er dann plötzlich, »dass Warbatty oder seine Helfershelfer, die uns natürlich vor des Tierbändigers Gehöft aufgelauert haben, um sich an unsere Fersen zu heften, uns verloren haben. In der ganzen Zeit, wo wir hier sitzen, habe ich nichts Verdächtiges bemerkt. Trotzdem werden wir vorsichtig sein.« Er erhob sich und untersuchte die Zeltwände auf Risse und Löcher, durch die jemand von außen hätte hineinspähen können.

Dann rief er einen der Kaffeeköche herein, gab ihm einen Zehn-Rupien-Schein und bat den noch jungen Menschen uns aus der Stadt zwei Frauengewänder und Gesichtstücher zu holen.

Der Inder machte große Augen.

»Wir sind von der Polizei«, flüsterte Harst. »Wenn du über diesen Auftrag nicht schweigst, wirst du den Schaden davon haben. Ersinne eine Ausrede deinem Herrn gegenüber. Wir werden dich dort drüben in jenen Büschen erwarten.«

Der Hindu gehorchte bereitwilligst. Als er uns dann das Paket brachte, bezahlte Harst den Preis – 30 Rupien – und legte noch weitere fünf hinzu.

Die Büsche standen so dicht, dass wir ganz unbeobachtet die weiten, mantelartigen Kleider anlegen konnten.

In Indien tragen nur die mohammedanischen Frauen Gesichtstücher. Von den Hindufrauen tun es nur die reicheren und auch nur die aus ganz bestimmten Gegenden. Unter den Pilgern sah man sehr selten eine verschleierte Frau. Trotzdem konnten wir mit unseren Gesichtstüchern, in die für die Augen Löcher geschnitten waren und die sich nach oben zu einer haubenartigen Mütze auftürmten, kaum irgendwie auffallen. Jedenfalls war diese Art Maske die beste, die Harst ersinnen konnte.

Er gab mir dann genaue Verhaltungsmaßregeln. Wir trennten uns. Ich blieb stets ein Stück hinter ihm. Weshalb er nun den Dschihan-Tempel besuchen wollte, wo die größte Tageshitze nahte, war mir unklar. Ich konnte mir nicht recht vorstellen, weshalb er gerade dort Warbatty zu finden hoffte. Mehr hatte er mir nämlich nicht gesagt als nur: »Wenn wir Glück haben erwischen wir Freund Cecil heute noch …«

Gewiss, Warbatty steckte ja mit dem frommen Mahut Dsangpo des weißen Wunderelefanten unter einer Decke. Aber er hatte ihn doch nur dazu benutzt gehabt, uns zum Tempel zu locken. Sollte etwa Harst vermuten, dass Warbatty gegen den Tempel irgendeinen Anschlag plane? Ich musste dies den Umständen nach fast annehmen. Es war jetzt etwa zehn Uhr Vormittag. Die Sonne brannte bereits mit echt indischer Freigebigkeit auf die Menschenmassen herab, die sich dem kleinen Heiligtum zuschoben.

In Berlin hatte ich oft genug auf der Straße im Gedränge gestanden, um dies oder jenes Schauspiel zu genießen, hatte dabei den sogenannten »Menschengeruch« in allen Variationen genossen.

Was ich damals auf dem Weg zum Dschihan-Tempel in dieser Beziehung zu ertragen hatte, war des Guten denn doch zu viel. Außer den Düften der braunen Leiber aber folterte mich auch noch das Frauengewand. Ich schwitzte nicht, nein, ich löste mich förmlich in Schweiß auf. Schweißperlen liefen mir in die Augen. Ich konnte kaum sehen, was um mich her geschah.

Freilich, einen Vorteil hatte die Verkleidung gerade in diesem Gewoge doch: Man nahm Rücksicht auf mich! Man gab mir keine Rippenstöße, man duldete, dass ich mich vordrängte, wie Harst es auch tat.

Ich habe damals während der zehn Minuten, bis wir den Tempelhof erreichten, so und so oft gefürchtet, einen Sonnenstich zu bekommen. Ich war überglücklich, als Harst nun das Tor passierte, als auch ich dann zwei Schritt links von ihm mich in den Schatten der hohen Mauer niederkniete und mich bald ganz lang wie in größter Andacht ausstreckte.

Welche Wohltat! Der Hof war mit Steinfliesen ausgelegt. Und wie kühl waren sie!

Vor uns lagen etwa zweihundert Pilger auf den Knien, rutschten allmählich weiter nach vorn mit wahrer Engelsgeduld, bis auch sie die drei Stufen erreicht hatten, die zu der Estrade vor dem linken Tempelanbau emporführten.

Auf dieser Estrade stand der weiße Elefant, den mächtigen Kopf der Menge zugekehrt. Fast zwischen seinen Vorderbeinen auf einer Art Sessel saß der weißbärtige, offenbar schon sehr gebrechliche Besitzer des Wundertieres in einem sauberen hellgrauen Mantel. Sein runzliges Gesicht war von so hellem Braun, wie man dies bei vielen Brahmanen findet, die als vornehmste Kaste tatsächlich auch äußerlich von den übrigen Hindu sich unterscheiden. (Heiraten zwischen Angehörigen verschiedener Kasten sind verboten).

Halb hinter einer Säule wieder, das Gesicht dem Elefanten zugekehrt, hockte der fromme Mahut, auf den Harst mich durch ein vorsichtig geflüstertes »Dsangpo!« aufmerksam machte.

Die ganze Szenerie ringsum war eigenartig, fantastisch – eben echt indisch! Ich könnte darüber viel schreiben, muss mich aber mit kurzen Andeutungen über das Wichtigste begnügen.

Der Elefant hatte prachtvolle Stoßzähne. Sie waren mit schweren goldenen Ringen verziert, in denen Brillanten glänzten. Um den Hals trug das riesige Tier einen Goldreif mit beweglichen Gliedern, von dem bis auf die Rüsselwurzel hinab eine breite, schildartige Goldplatte herabhing, in der das Bild Brahmas, der Weltseele, in Edelsteinen mosaikartig schillerte.

Die Stufen der Treppe zu der überdachten Estrade waren von großen Tongefäßen flankiert, in die jeder der Pilger, sobald der Wunderelefant die im Flüsterton an ihn gerichtete Frage beantwortet hatte, ein Geschenk hineinwarf.

Harst hatte nun offenbar nur für die Pilger Interesse. Ich ahnte: Er suchte Warbatty!

Nach gut einer Stunde mussten wir dann, wenn wir nicht durch unser Ausharren an derselben Stelle auffallen wollten, uns gleichfalls denen anschließen, die langsam den Stufen näherrutschten.

Harst raunte mir zu: »Um Zwölf Uhr etwa macht der Wunderelefant Mittagspause bis drei Uhr. Wir können uns dann heimlich verdrücken, denn bis wir an die Reihe kommen, würden noch anderthalb Stunden vergehen …«

Die Rutschpartie begann; leider wieder in praller Sonne und umweht von keineswegs lieblichen Düften.

Um mir die Zeit zu vertreiben, spähte auch ich unauffällig nach Warbatty aus. Im Schatten des Vordaches rechts und links vom Wundertier, aber in respektvoller Entfernung, hatten sich Pilger niedergehockt und verzehrten mitgebrachte Esswaren. Jeder dieser braunen Gläubigen konnte Warbatty sein – jeder! Denn einem so glänzenden Verkleidungskünstler wie unserem Cecil gelang jede Maske. Das Suchen war mithin recht zwecklos. Nur Warbattys linke Hand war verräterisch, diese Hand mit dem fehlenden Zeigefinger. Ich achtete deshalb auch lediglich auf die Hände der dort Sitzenden.

Zwischenein schaute ich auch wieder zu, wie der weiße Elefant den mächtigen Kopf schüttelte oder bejahend nickte. Zuweilen hob er auch den Rüssel und stieß einen kreischenden Laut aus. Das sollte dann wohl heißen: »Die Frage ist ungehörig, o Bekenner Brahmas!«

Ich will noch erwähnen, dass ich bereits auf den Gedanken gekommen war, der Mahut Dsangpo würde sehr wahrscheinlich den Elefanten durch heimliche Zeichen zu den Antworten Ja oder Nein oder zu dem ablehnenden Trompetenton veranlassen. Dass dieses Elefantenorakel ein plumper Schwindel war, stand ja außer Zweifel.

Abermals verging eine halbe Stunde.

Da gab es plötzlich eine ganz unvorhergesehene Unterbrechung. Der Brahmane Singar Chani schwankte ein paarmal hin und her und sank dann offenbar bewusstlos vornüber. Der Mahut sprang zu, hob ihn auf. Einige Brahmanen, von Pilgern herbeigerufen, kamen aus dem Haupttempel angelaufen und trugen den Greis durch die breite Tür, vor der der Wunderelefant stand, ins Innere des Anbaues.

Auch der weißgraue Koloss wurde gleich von Dsangpo durch dieselbe Tür in seinen Stall geführt.

Die Pilger warteten geduldig. Nach zehn Minuten erschien Dsangpo wieder und rief der Menge zu, Singar Chani sei plötzlich verstorben. Sie sollten daher morgen früh sich wiedereinfinden.

In die Hunderte kam Leben. Sie standen auf, drängten dem Tor zu. Auch wir schlossen uns an. Aber wieder einzeln, ohne unsere Zusammengehörigkeit zu verraten.

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