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Oberhessisches Sagenbuch Teil 20

Oberhessisches Sagenbuch
Aus dem Volksmund gesammelt von Theodor Bindewald
Verlag von Heyder und Zimmer, Frankfurt a. M., 1873

Zwei weiße Jungfrauen auf der Altenburg

Es ist etwas daran, man mag sagen, was man will: Oben auf der Altenburg bei Sichenhausen befindet sich ein tiefes Loch. Wer das erblickt und mit dem Fuß auftritt oder das Ohr an den Boden legt, der merkt, dass es hohl da drunten ist, denn es hallt dumpf aus dem Berg herauf.

Von so merkwürdigen Sachen wusste aber der Bettelkaspar nichts, denn er war ein armer Kälberhirt zu Kaulstos und stammte eigentlich aus dem Hessenland. Als Findling hatten sie ihn in Sichenhausen erzogen. Schon manches Jahr war er mit seinem Jungvieh auf die Altenburg gefahren und hatte dort ungefährdet dasselbe gehütet.

Da geschah es denn eines Abends, als er oben auf einem Stein saß und sein trockenes Hirtenbrot verzehrte, dass plötzlich, ohne dass er wusste, woher es gekommen war, ein gar freundliches graues Männchen vor ihm stand. Es war klein, uralt und hatte silberweißes Haar und Bart. Gleich fing es an zu sprechen.

»Du bist der rechte Mann,« sagte es, »denn du weißt nichts von Vater und Mutter und hast keine Heimat. Dich kennt niemand. Du sollst zwei Jungfrauen erlösen, die hier in den Berg gebannt sind. Komme morgen Mittag genau um zwölf Uhr wieder mit deiner Herde herauf. Sag aber beileibe keiner Seele etwas davon. Die Jungfrauen werden sich dann zeigen. Du sollst gar nichts tun, als ihnen nur ihre Bündel tragen und mit ihnen durch die Luft zum Berg Sinai fahren. Dort sind die Schlüssel zur Altenburg aufbewahrt. Die bekommst du zum Lohn. Erlöst sind dann die Jungfrauen und du findest die unterirdische Tür zum Schloss. Die vielen Fässer roten Goldes und edlen Weines sind alle dein eigen. Tust du aber nicht, wie ich dir hier sage, so dauert es wieder volle hundert Jahre, ehe einer geboren wird, der die Jungfrauen erlöst und die großen Reichtümer erhält.«

Das Ganze kam zwar dem Bettelkaspar artlich genug vor, allein er dachte ein gutes Werk zu tun, wenn er die Jungfrauen erlöste. Das Geld war doch auch ein Gegenstand, der bei der Betrachtung sehr in die Waagschale fiel.

Also versprach er hart und fest, alles zu tun, was das Graumännchen wollte. Gar vergnüglich ging das von ihm weg. Zu Hause sagte er seiner Frau nicht das Geringste, auch kein Sterbenswort, doch hieß er sie das Essen früher denn sanft zurichten. Obwohl er über der Geschichte in der Nacht kein Auge zutun konnte, machte er sich doch zur festgesetzten Zeit auf den Weg und kam hinauf mit dem Vieh auf die Altenburg.

Es schlug drunten grade zwölf Uhr, da stand das graue Männchen wieder vor ihm. Die zwei Jungfrauen waren auch da, die Reisebündel lagen vor ihren Füßen und das graue Männchen verneigte sich einmal über das andere Mal vor ihnen. Der Bettelkaspar ging hinzu und betrachtete sie sich genauer. Es waren ihrer zwei, sie waren groß von Gestalt und hübsch, aber blass von Gesicht und weiß gekleidet bis auf die Schuhe, hatten auch weiße Tücher um den Kopf.

Nun sagte das graue Männchen: »Jetzt nimm die Bündel auf den Rücken, denn es wird gleich der Sauzahl kommen, der nimmt Euch alle mit sich. Brauchst dich aber nicht zu fürchten, es geschieht dir kein Leid.«

Der Bettelkaspar wusste nicht recht, was er tun sollte, er regte keinen Finger, denn es fiel ihm in dem Augenblick ein, der große Wind könnte ihn am Ende in das Wasser treiben. Wenn er da hineinfiele, dann wäre es aus mit seinem armen Leben.

Doch blieb ihm leine Zeit, diese Bedenklichkeit auszusprechen, denn in demselben Augenblick schrien die Jungfrauen mit gar schriller ängstlicher Stimme. Was es gewesen war, verstand er nicht. Als er sich umsah, stand hinter ihnen ein großer, schwarz und gruselig anzusehender Mann, dem schlug das gebrannte Feuer aus dem Hals heraus. Als er den sah, konnte er nicht länger an sich halten und schrie aus Leibeskräften um Hilfe.

Alles verschwand im Handumdrehen. Er aber, was gibst du, was hast du, ließ seine Herde, sein Brot und Messer im Stich und lief davon. So kam er nach Burkhards zum alten Pfarrer und erzählte ihm den ganzen Vorgang. Der wusste ihm aber wenig Trost zu geben, was das bedeuten sollte. Später ist der Bettelkaspar nie mehr auf die Altenburg gefahren. Als es übers Jahr der Kuckuck wieder rief, haben sie ihn begraben. Der Schrecken war ihm zu sehr in die Glieder gefahren.

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