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Abenteuer des Captains Bonneville 09

Washington Irving
Abenteuer des Captains Bonneville
oder: Szenen jenseits der Felsengebirge des fernen Westens
Verlag von J. D. Sauerländer. Frankfurt am Main, 1837

Achtes Kapitel

Pläne für den Winter. Salmon River. Überfluss an Salmen auf der Westseite der Gebirge. Neue Anordnungen. Versteckgruben. Cerrés Absendung. Bewegungen in Fontenells Lager. Abmarsch der Blackfeet. Ihr Schicksal. Windgebirgsströme. Buckeye, der delawarische Jäger, und der grauliche Bär. Gebeine eines ermordeten Reisenden. Besuch in Pierre’s Hole. Spuren eines Gefechts. Nez Percé. Ankunft am Salmon River.

Die Nachrichten, die Captain Bonneville von den freien Trappern erhalten hatte, bestimmte seine ferneren Bewegungen. Er vernahm, dass der Winter im Green River Valley sehr streng wäre, dass der Schnee dort häufig mehrere Fuß hoch fiele und in der Nachbarschaft nicht gut zu überwintern sei. Die oberen Teile des Salmon River wurden ihm als weit vorzüglicher und überdies als eine vortreffliche Bibergegend geschildert. Hierhin beschloss der Captain seinen Lauf zu richten.

Der Salmon River ist einer der oberen Arme des Oregon oder Columbia River und entsteht aus verschiedenen Quellen einer Gebirgsgruppe, nordwestlich der Wind River Range. Er führt seinen Namen von den ungeheuren Zügen von Salmen, die im September und Oktober stromaufwärts steigen. Die Salmen auf der Westseite der Felsgebirge bieten, wie die Büffel der östlichen Ebenen, den Bedürfnissen des Menschen große herumziehende Vorräte zur Aushilfe dar, die mit der Jahreszeit kommen und gehen. Wie die Büffel in zahllosen Herden ihren sicheren Weg zu den zeitweisen Grasplätzen der Prärien längs der grasigen Ufer der Flüsse und jedes Tal und grünende Bergschlucht hinauffinden, so steigen die Salmen durch die Anordnung einer erhabenen und allwissenden Vorsehung in bestimmten Jahreszeiten in vielen Myriaden die großen Ströme hinauf und finden ihren Weg in ihre Hauptarme, wie in die geringsten, sich in dieselben einmündenden Flüsse, sodass sie die größten dürren Ebenen durchziehen und selbst bis zu den unfruchtbarsten Gebirgen dringen. So werden wandernde Völkerstämme in den Wüsteneien der Wildnis gesättigt, wo sich kein Futter für die Jagdtiere findet, und wo es den Menschen ohne diese periodischen Zuflüsse unmöglich sein würde, sich zu erhalten.

Die reißenden Flüsse, die dem Stillen Ozean zuströmen, machen dem Salmen das Aufsteigen äußerst schwierig. Wenn die Fische zu steigen anfangen, sind sie gut und fett. Die Schwierigkeit gegen heftige und reißende Strömungen anzukämpfen, machen sie nach und nach mager und schwach, und man sieht eine Menge derselben auf dem Rücken den Strom hinab schwimmen. So wie die Jahreszeit vorrückt und das Wasser kälter wird, werden sie in großer Menge an das Ufer gespült, wo die Wölfe und Bären sich versammeln, um ihren Schmaus daran zu halten. Oft verfaulen sie in solcher Menge, dass sie die Luf verpesten. Sie sind gewöhnlich zwei bis drei Fuß lang.

Captain Bonneville traf nun seine Vorkehrungen für den Herbst und den Winter. Die Natur des Landes, durch das sie hinfort zu ziehen hatten, machte es unmöglich, mit Wagen fortzukommen. Er hatte mehr Güter und größere Vorräte verschiedener Art, als zu seinen gegenwärtigen Zwecken erforderlich war oder als er bequem auf Packpferden fortbringen konnte. Er machte daher mithilfe einiger vertrauten Männer während der Nacht, dass das ganze Lager sich dem Schlaf überließ, geheime Versteckgruben, worin er die überflüssigen Effekten mit samt den Wagen unterbrachte. Alle Spuren dieser Gruben wurden sorgfältig beseitigt. Sie sind ein gewöhnliches Aushilfsmittel, dessen sich die Pelzhändler und Biberfänger der Gebirge bedienen. Da sie keine beständige Posten und Magazine haben, so legen sie diese Versteckgruben an gewissen Plätzen an, wohin sie sich bisweilen begeben, um neue Vorräte einzulagern. Es ist dies ein Mittel, das sie von den wandernden Indianerstämmen gelernt haben.

Viele ihrer Pferde waren noch immer so schwach und lahm, dass sie unfähig befunden wurden, einen weiten Weg über die Gebirge zu klettern. Diese wurden, in einem Reiterzug, einem erfahrenen Biberfänger Namens Matthieu anvertraut. Er sollte mit einer Brigade von Biberfängern zum Bear River reisen, der westlich des Green River oder Colorado liegt, und wo sich gute Weiden für Pferde befinden. In der Nähe desselben sollte er, wie erwartet wurde, das Dorf oder die Bande der Shoshone, mit denen er wegen Pelzwaren und Mundvorräten zu unterhandeln hatte, auf ihren jährlichen Wanderungen antreffen. Nachdem er seinen Handel mit diesem Volk abgeschlossen, den Biberfang beendet und sich die Pferde wieder erholt hatten, sollte er sich an den Salmon River begeben, um Captain Bonneville dort aufzusuchen, der seine Winterquartiere dort aufzuschlagen gedachte. Während im Lager des Captains Bonneville die Zubereitungen hierzu getroffen wurden, geriet im Lager von Fontenelle alles in Bewegung. Einer der Teilhaber der amerikanischen Pelzhandels-Compagnie war in aller Eile vom Versammlungsort in Pierre’s Hole angekommen, um neue Vorräte zu holen. Der Wettstreit zwischen diesen beiden Compagnien war nun aufs Höchste gestiegen und wurde mit ungewöhnlichem Eifer verfolgt. Die Geschäfte der Rocky Mountain Fur Company jenseits der Gebirge wurden von zwei dort residierenden Teilhabern, Fitzpatrick und Bridger, und jene der American Fur Company von Vanderburgh und Dripps besorgt. Die Letzteren kannten die Gebirgsregionen nicht, hegten aber das Vertrauen, durch Wachsamkeit und Tätigkeit ihren Mangel an Kenntnis des Landes zu ersetzen. Fitzpatrick, ein erfahrener Handelsmann und Biberfänger, wusste, wie schlimm die Mitbewerkung auf demselben Jagdrevier sei, und hatte den Vorschlag gemacht, dass sich die beiden Compagnien das Land teilen sollten, um in verschiedenen Richtungen zu jagen. Da dieser Vorschlag verworfen wurde, so hatte er sich bemüht, zuerst auf dem Fleck zu sein. Seine Anstrengungen hatten sich bereits als wirksam erwiesen.

Die frühzeitige Ankunft Sublettes mit den Vorräten hatte die verschiedenen Brigaden der Rocky Mountain Fur Company in den Stand gesetzt, nach ihren angewiesenen Jagdrevieren abzugehen. Fitzpatrick hatte sich selbst mit seinem Gesellschafter Bridger und einer starken Partie von Biberfängern nach einem der vorzüglichsten nordwestlichen Reviere auf den Weg gemacht.

Dies hatte Vanderburgh in Eifer gesetzt, und er war Fontenelle entgegen geeilt. Da er ihn in seinem Lager im Green River Valley fand, so versah er sich augenblicklich mit Vorräten, stellte sich an die Spitze der freien Trapper und Delawaren und machte sich in aller Eile auf, entschlossen, Fitzpatrick und Bridger auf dem Fuße zu folgen.

Von den Abenteuern dieser Partien in den Gebirgen und den nachteiligen Folgen ihres Wettstreites werden wir Gelegenheit haben, in einem der folgenden Kapitel zu behandeln.

Fontenelle, der nun seine Vorräte abgeliefert und seinen Auftrag erfüllt hatte, brach seine Zelte ab und machte sich auf den Rückweg zum Yellowstone.

Captain Bonneville und seine Gruppe blieben daher allein in dem Green River Valley, und ihre Lage hätte gefährlich werden können, wenn die Schwarzfüße noch in der

Nähe verweilt hätten. Diese Gaudiebe waren jedoch abgeschreckt worden, so viele entschlossene und gut ausgerüstete Partien weißer Männer in dieser Gegend anzutreffen. Sie hatten demnach diesen Teil des Landes verlassen, waren oben über den Green River gegangen und hatten ihre Richtung zum Yellowstone genommen.

Das Unglück verfolgte sie. Ihr Weg ging durch das Land ihrer Todfeinde, der Crow. Im Wind River Valley, das östlich der Gebirge liegt, begegneten sie einer mächtigen Kriegspartie dieses Stammes und wurden völlig aufs Haupt geschlagen. Vierzig der ihren wurden getötet, viele ihrer Frauen und Kinder gefangen genommen, die Flüchtigen gleich wilden Tieren gejagt, bis sie völlig aus dem Land der Crow vertrieben waren.

Am 22. August brach Captain Bonneville sein Lager ab und setzte sich in Marsch zum Salmon River. Seine Gerätschaften hatte er zu Ballen gepackt und deren drei einem Maultier oder Packpferde aufgeladen, sodass sich zwei zu beiden Seiten und einer obenauf befand. Diese drei Packen bildeten eine Ladung von hundertachtzig bis zweihundertzwanzig Pfund.

Dies ist die Art, wie die Trapper ihre Packpferde beladen. Des Captains Leute waren aber im Bepacken so unerfahren, dass die Ballen sich öfters lösten und herabfielen, sodass es nötig wurde, einen Nachtrab zu halten, der wieder aufladen helfen musste. Einige Tage Erfahrung brachte sie jedoch in den gehörigen Gang.

Ihr Marsch ging das Seeds-ke-dee Valley hinauf, das man rechts von den hohen Kuppen der Wind River Range sah. Aus den kleinen Seen und den Quellen, die in diesen Gebirgsschichten entspringen, entstehen die kleinen Flüsse, welche sich in den Seeds-ke-dee einmünden. Einige stürzten sich tiefe Gräben und Waldstromschluchten hinab, andere ergossen sich in kristallhellen Wasserfällen aus unnahbaren Klüften und Felsen, ihren Weg mit rascher und durchsichtiger Strömung durch das Tal windend, um sich in den Hauptfluss zu ergießen. Diese Gewässer waren so durchscheinend, dass man die Forellen, von welchen sie wimmeln, so klar wie in der Luft schwimmen sehen und ihr kiesiges Bett in der Tiefe von mehreren Fuß deutlich erkennen konnte. Diese schöne durchsichtige Eigenschaft der Felsgebirgsströme dauert noch eine geraume Zeit fort, nachdem sie ihr Wasser vermischt haben und zu ansehnlichen Strömen herangewachsen sind. Aus dem oberen Teil des Tales setzte Captain Bonneville seinen Weg in Richtung Ost-Nord-Ost über schroffe und hohe Gebirgsrücken und durch felsige Talschluchten fort, was außerordentlich ermüdend für Mann und Pferd war.

Unter seinen Jägern befand sich ein Delaware, der ihm treu geblieben war und Buckeye hieß. Er hatte sich oft seiner Geschicklichkeit gerühmt, es mit dem Graubären, dem Schrecken der Jäger, aufnehmen zu können. Obwohl er am linken Arme gelähmt war, so erklärte er doch ohne Bedenken auf einen verwundeten Bären losgehen und ihn mit seinem Seitengewehr angreifen zu wollen. Mit einer Büchse versehen, erbot er sich, dem Tier in der Fülle seiner Kraft und seiner Wut Trotz zu bieten. Er hatte im Verlauf dieser Gebirgsreise zweimal Gelegenheit, Beweise seiner Tapferkeit abzulegen, und es gelang ihm in beiden Fällen. Seine Art und Weise war, sich mit gespannter Büchse niederzusetzen und sich auf seinen lahmen Arm zu stützen. So pflegte er die Annäherung des Tieres ganz kaltblütig zu erwarten. Er zog den Drücker nicht eher, als bis es ganz nahe vor ihm stand. Er tötete das Ungeheuer jedes Mal auf der Stelle.

Ein Marsch von drei oder vier Tagen durch wilde einsame Gegenden führte den Captain Bonneville in den verhängnisvollen Engpass der Jackson’s Hole, wo die unglücklichen More und Foy von den Blackfeet überfallen und ermordet worden waren. Die Gefühle des Captains empörten sich, als er die Gebeine dieser unglücklichen jungen Leute in den Felsen bleichen sah. Er ließ sie anständig begraben.

Am 3. September langte er auf dem Gipfel eines Berges an, von dem man das begebenheitsreiche Tal, Pierre’s Hole, völlig überblicken konnte. Von hier aus konnte er die Windungen seiner Ströme durch die grünenden Wiesen und Gehölze von Weiden- und Baumwollholzbäumen verfolgen und genoss zwischen fernen Gebirgen die Aussicht auf die Lava-Ebenen des Snake River, die wie ein schlummernder Ozean vor seinen Augen schwammen.

Nachdem er diesen prachtvollen Anblick genossen hatte, stieg er in das Tal hinab und besuchte die Szene des letzten verzweifelten Gefechtes. Hier sah er die Überreste der rohen Feste im Sumpf, durch die Büchsenschüsse zertrümmert und mit den verstümmelten Gebeinen der Wilden und Pferde besät. Hier befand sich der Ort der letzten belebten und geräuschvollen Versammlung, mit den Spuren der Biberfängerlager und Zelthütten der Indianer. Ihre Feuer waren jedoch erloschen und die bunte Versammlung der Biberfänger und Jäger, weißen Pelzhändler und Indianerkrieger hatte sich in verschiedene Teile der Wildnis hin zerstreut und das Tal seine vorherige Einsamkeit und Stille angenommen.

Diese Nacht lagerte der Captain Bonneville auf dem Schlachtfeld und setzte den nächsten Tag seine mühsamen Wanderungen durch die Gebirge wieder fort. Über zwei Wochen hindurch verfolgte er seinen mühevollen Marsch, während dessen Mann und Ross zu Zeiten außerordentlich durch Hunger und Durst litten. Endlich erreichte er am 19. September die oberen Gewässer des Salmon River.

Das Wetter war kalt und Anzeichen eines sich nahenden Sturmes vorhanden. Die Nacht brach ein, allein Buckeye, der Delaware, wurde vermisst. Er hatte den Zug morgens in der Frühe verlassen, um nach seiner Gewohnheit für sich zu jagen. Man war besorgt, dass er seinen Weg verloren und sich im stürmischen Wetter verirrt haben könne. Diese Furcht vermehrte sich am folgenden Morgen, als ein heftiges Schneegestöber kam, das die Erde bald mehrere Zoll hoch bedeckte.

Captain Bonneville machte sogleich Halt und schickte Späher in jede Richtung aus. Nach einigem Suchen fand man Buckeye in beträchtlicher Entfernung ruhig, weit im Rücken des Zuges, sitzen, um ihn zu erwarten, nicht wissend, dass derselbe bereits vorübergekommen war, indem der Schnee dessen Fährte bedeckt hatte.

Am folgenden Morgen setzten sie sich wieder frühzeitig in Marsch. Sie waren aber noch nicht weit gekommen, als die Jäger, welche dem Zug vorausgeritten waren, mit Signalen zum Haltmachen zurückgesprengt kamen, indem sie »Indianer! Indianer!« schrien.

Captain Bonneville lenkte sogleich in einen Waldsaum ein und machte sich schlagfertig. Man sah nun die Wilden in großer Anzahl über die Hügel kommen.

Einer von ihnen verließ das Hauptkorps und kam einzeln auf sie zu, indem er Signale des Friedens gab. Er kündigte an, dass sie eine Gruppe der Nez Percé1 (oder Durchbohrte-Nasen-Indianer), die mit den Weißen auf freundschaftlichem Fuß leben, seien, worauf sie der Captain einlud, zu kommen und sich zu ihm zu lagern.

Sie machten einen kurzen Halt, um ihre Toilette zu machen. Eine Beschäftigung, die bei dem Indianerkrieger dieselbe Wichtigkeit hat wie bei einer modischen Schöne. Nachdem dieses geschehen war, nahmen sie eine kriegerische Stellung ein. Die Häuptlinge führten den Vortrab und die Krieger folgten in einer langen Reihe, bemalt, geschmückt und mit wogenden Federbüschen auf den Köpfen. Auf diese Weise kamen sie schreiend, singend, ihre Gewehre abfeuernd und auf ihre Schilder schlagend heran. Die beiden Partien lagerten sich dicht nebeneinander. Die Nez Percé waren auf einer Jagdpartie begriffen, allein auf ihrem Marsch beinahe verhungert. Sie hatten keine andere Lebensmittel mehr übrig, als etwas getrockneten Salmen. Da sie aber die Weißen in gleicher Not fanden, so erboten sie sich großmütig ihre dürftigen Portionen zu teilen, und wiederholten dieses Erbieten mit einem Ernst, das keinen Zweifel über ihre Aufrichtigkeit übrig ließ. Ihre Großmut gewann ihnen das Herz des Captains Bonneville, und er zeugte das herzlichste Wohlwollen von Seiten seiner Leute. Während zweier Tage, dass sie in Gesellschaft beieinander blieben, fand der freundschaftlichste Umgang zwischen ihnen statt und sie schieden als die besten Freunde. Captain Bonneville schickte einige Leute unter Herrn Cerré, einem geschickten Führer ab, die Nez Percé auf ihrer Jagdpartie zu begleiten und mit ihnen wegen Fleisch für ihren Winterunterhalt zu unterhandeln. Er zog hierauf den Strom hinab, ungefähr fünf Meilen unter den Gabeln, wo er am 26. September haltmachte, um sein Winterquartier aufzuschlagen.

Show 1 footnote

  1. Wir müssen bemerken, dass dieser Völkerstamm gewöhnlich nach seinem französischen Namen genannt wird, den die Trapper nɛzˈpɜrs aussprechen. Es gibt zwei Hauptzweige dieses Stammes, die oberen und unteren Nez Percé, wie wir nachher zeigen werden.

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