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Rübezahl, der Herr des Gebirges – Folge 30

Rübezahl, der Herr des Gebirges
Volkssagen aus dem Riesengebirge
Für Jung und Alt erzählt vom Kräuterklauber
Verlag Carl Gustav Naumann, Leipzig, 1845

30. Wie Rübezahl ein Subjekt heimschickt.

Unfreundlichkeit und Unhöflichkeit konnte Rübezahl einmal nicht leiden, und wer sich diese zu Schulden kommen ließ, der hatte es mit ihm zu tun und ist es sonach heutzutage sehr gut, dass er sich nur selten sehen lässt, sonst würden viele Hälse gebrochen werden.

Kam einmal ein Apotheker, er war ein Subjekt, und sagte: »Ich will ins Gebirge gehen und Kräuter suchen.« Er machte sich also auf ins Gebirge. Als er nun dort auf Wiesen und Berghängen, auf Felsen und in Wäldern, an Bächen und Seen emsig Kräuter klaubte, begegnete ihm allda ein Bauer und fragte ihn nach Art der Bauern, woher und wohin und was er da mache. Der Apotheker antwortete ihm, wiewohl verdrießlich, dass er allerhand Kräuter suche, welche Krankheiten und Gebrechen der Menschen heilen sollten.

»Das ist sehr schön«, versetzte der Mann, welcher Rübezahl war, und wollte sich mit ihm in ein Gespräch einlassen.

Der Apotheker aber war ganz trotzig und gab ihm auch keine Rede und Antwort mehr, so viel auch der Bauer fragte.

Endlich hob dieser wieder an: »Wisst ihr denn aber auch, wem diese Gegend gehört?«

Das wisse er nicht, brauche es auch gerade nicht zu wissen, antwortete der Apotheker und wandte sich hierauf voller Stolz und Geringschätzung von ihm, ohne ihn ferner auf die Frage zu antworten, die Rübezahl an ihn richtete.

Du kommst mir schon, dachte Rübezahl, aber vielleicht besinnt er sich, du willst ihm Zeit lassen.

Nun waren Wandersleute in der Gegend, die hatten dem zugehört, kehrten also zum Apotheker zurück und warnten ihn, den Bergherrn nicht zu erzürnen, denn sie hatten ihn erkannt.

Es dauerte auch gar nicht lange, so erschien Rübezahl abermals vor dem Apotheker und fragte ihn, ob er hier gute Krauter fände, und ob er sich besonnen habe, wem dieser Platz gehöre. Aber es kam aus diesem wie der nichts heraus.

Nachdem ihm nun Rübezahl eine ziemliche Weile zugesetzt hatte, fuhr endlich der Apotheker auf: »Nun, er gehört dem Rübezahl.«

Kaum war aber das Wort heraus, so hatte ihn auch Rübezahl beim Kragen und sprach: »Weil du dich, mein Bursche, so gut gegen mich benommen hast, so will ich zur Richtschnur für dein ganzes Leben dir jetzt ein Andenken geben.«

Er legte ihn also über einen umgestürzten Baumstamm und gab ihm eins auf den Spiegel, wie es die Seeleute nennen. Bei uns nennt man es aber anders.

Rübezahl sagte zum Apotheker: »Nimm damit vorwillen, ein andermal mehr, wenn du nicht klüger geworden bist.«

Mit einem Subjekt ist nicht zu spaßen, wenn es wild wird. Der Apotheker war also auch in bedenklicher Verfassung und wollte ihn packen. Aber Rübezahl kam ihm zuvor. Er ergriff ihn bei der Kehle, bis er schwarz im Gesicht zur Erde stürzte, und ging hierauf von dannen, indem er den Unglücklichen liegen ließ.

Die Wandersleute, so ihn vorher gewarnt und in der Nähe geblieben waren, weil sie nichts Gutes erwarteten, als die von Weitem sahen, wie es ihm erging, eilten hinzu und versuchten ihm zu helfen. Sie brachten ihn wieder zum Leben und schleppten ihn das Gebirge hinunter. Erst als sie dieses verlassen hatten, gewann er die Sprache wieder.

»Nun weiß ich«, sagte er ganz kleinlaut, »wie es ist, wenn man einem den Schnappsack zuschnürt. Einmal im Gebirge nach Kräutern gewesen und nimmer wieder.«

Merke: Man muss gegen alle Menschen freundlich und höflich sein, wenn man sich in der Welt forthelfen will.

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